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Das Leben des Klim Samgin

Maxim Gorki: Das Leben des Klim Samgin - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMaxim Gorki
titleDas Leben des Klim Samgin
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. bis 50. Tausend
editorLyonel Dunin
year1930
translatorRudolf Selke
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071223
modified20161027
projectida2899510
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An der Wand, über der Kommode, war mit zwei Nägeln eine kleine Photographie ohne Rahmen, die mittendurch geknickt war, befestigt. Sie zeigte einen Mann mit glattgekämmtem Haar, dichten Brauen und starkem Schnurrbart und einem pompös geknüpften Schlips. Seine Augen waren ausgestochen.

»Wer ist das?« fragte Klim.

Einige Sekunden betrachtete Margarita forschend, mit zugekniffenen Augen und gleichsam in ihrem Gedächtnis suchend, die Photographie. Hierauf sagte sie:

»Ein Ikonenmaler.«

»Und warum sind ihm die Augen ausgestochen?«

»Weil er erblindet ist, Dummkopf«, entgegnete Rita und seufzte. Sie wünschte nicht mehr auf Klims weitere Fragen zu antworten, sondern schlug vor:

»Nun, ins Bettchen?«

In einem zärtlichen Augenblick wagte er endlich, sie nach Dronow zu fragen. Er mußte es tun, wenn er auch fühlte, daß diese Frage je länger desto mehr an Bedeutung verlor. Was ihn verlegen machte, war das gewisse Unsaubere, das in der Sache lag. Als er die Frage an sie richtete, hob Rita erstaunt die Brauen:

»Wer ist das?«

»Tu nicht so!« Klim wollte es streng sagen, konnte aber nicht, sondern lächelte.

Rita richtete sich in den Kissen auf, setzte sich, zog ihr Hemd über den Körper und sagte, sich damit das Gesicht bedeckend, mitleidig:

»Ach, das ist ja Wanja, der bei euch im Zwischenstock wohnt! Denkst du, mit einem so Garstigen habe ich mich eingelassen? Da denkst du aber schlecht von mir.«

Während sie sich die Strümpfe über ihre weißen, blaugeäderten Beine zog, fuhr sie eilig, aber bestimmt und aus irgendeinem Grunde seufzend fort:

»Er tut mir leid. Ich war doch dabei, als der Pfaffe ihn fortjagte. Ich nähte an dem Tage bei dem Popen. Wanja gab seiner Tochter Stunden und hat irgendwas ausgefressen, das Dienstmädchen gekniffen oder sowas. Er wollte auch mich anfassen. Ich drohte ihm, daß ich mich bei der Popenfrau beschweren würde, da ließ er es. Er ist komisch, obwohl er schlimm ist.«

In verändertem Ton, leiser, beendete sie:

»Man hat ihn vom Gymnasium verjagt? Hätten sie ihm tüchtig die Ohren gezaust, das hätte genügt!«

Klim wünschte, ihr zu glauben und glaubte ihr, und Dronows Schatten, der ihm im Wege gestanden hatte, verschwand.

Der Jüngling hatte längst begriffen, daß das reinliche Bett an der Wand für Margarita ein Altar war, auf dem sie unermüdlich und beinahe ehrfürchtig eine heilige Handlung zelebrierte. Nach jenem Gespräch über Dronow, das ihn beruhigte, erwachte in Klim der Wunsch, Rita Liebes zu tun, soviel er konnte. Doch Rita mochte nur Honigkuchen und Küsse, die ihn zuweilen ermüdeten. Und schon kam ein Tag, an dem ihre anfeuernde Einladung: »Nun, ins Bettchen?« eine plötzliche und dunkle Gereiztheit, eine rätselhafte Verstimmung in ihm hervorrief. Fast wütend fragte er sie, weshalb sie keine Bücher lese, nicht ins Theater gehe und gar nichts Besseres kenne als das »Bettchen«. Rita, die offensichtlich seine Stimmung nicht erriet, sagte gelassen, während sie ihre Zöpfe aufflocht:

»Ja, wohin soll man denn mit dem Leben? Denk einmal nach. Nirgends.«

Dann sagte sie, das Theater besuche sie.

»Wenn heitere Komödien oder Vaudevilles gespielt werden, Dramen mag ich nicht. In die Kirche gehe ich auch – in die Himmelfahrtskirche, der Chor ist dort schöner als in der Kathedrale.«

Zuweilen, wenn Klim müde und mit sich unzufrieden war, grübelte er ängstlich:

»Das also ist Liebe?«

Es war aus irgendeinem Grunde unmöglich, zuzugeben, daß Lida Warawka für diese Liebe geschaffen sei. Es war auch schwer, sich vorzustellen, daß einzig diese Liebe den Romanen und Gedichten, die er gelesen hatte, und den Leiden Makarows zu Grunde lag, der immer trauriger wurde, weniger trank, beharrlicher schwieg und sogar leiser pfiff.

Es folgten für ihn Tage, da er sich nach dem Zusammensein mit Margarita so verwüstet und abgestumpft fühlte, daß es ihn entsetzte. Dann zwang er sich, zum Ursprung aller Weisheit, zu Tomilin, zu wallfahren oder den Flügel aufzusuchen.

Mit Tomilin war etwas vorgegangen. Er kostümierte sich in bunte Phantasiehemden, trug statt eines Schlipses eine Kordel mit Quasten, eine graue Jacke und eine Art sehr weiter grauer Hosen. All das erschien an seinem Körper als etwas Fremdes und unterstrich noch krasser das feurige Rot seiner gestutzten Haare, die horizontal über seinen Ohren herausragten und sich über der weißen Stirn bäumten. Besonders fielen seine Manschettenknöpfe auf: große, schwere Mondsicheln. Tomilin sprach lauter, doch weniger überzeugt, machte häufig Pausen, betrachtete dabei seine Ärmel und drehte an den Manschettenknöpfen. Zugleich mit dem neuen Gewand schien Tomilin sich auch neue Gedanken zugelegt zu haben. Klim witterte, daß diese Gedanken ihn sogar durch ihre Nacktheit, die man entweder als Unerschrockenheit oder als Schamlosigkeit auslegen konnte, ängstigten. Klim stellte sich diese nackten Gedanken als Fetzen beißenden Qualms vor, die in der warmen Luft des engen Zimmers zerflossen und sich als grauer Staub auf Bücher, Wände, Fensterscheiben und auf den Denker selbst legten.

Toimilin wog einen der fünf ungeheuren Bände von Maurice Carrières »Einfluß der Kunst auf die Entwicklung der Kultur« auf der flachen Hand und sagte:

»Ein gewisser Italiener behauptet, Genialität sei eine Art Irrsinn. Möglich. Überhaupt müssen Menschen mit übermäßigen Fähigkeiten als anormal angesehen werden. Nehmen wir zum Beispiel die Gefräßigen, die Wüstlinge und . . . die Denker. Ja, auch die Denker. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß ein abnorm entwickeltes Gehirn eine ebensolche Mißbildung ist wie ein hypertrophierter Magen oder ein unnatürlich großer Phallos. In diesem Fall bemerken wir eine Gemeinsamkeit zwischen Gargantua, Don Juan und dem Philosophen Immanuel Kant.«

Dieser Vergleich gefiel Klim, wie ihm immer vereinfachende Gedanken gefielen. Er fand, daß Tomilin selbst über seine offenbar zufällige Entdeckung erstaunt war. Er schleuderte das schwere Buch auf das Bett, bewegte die Augenbrauen, schlang die Hände um seinen flachen Nacken und blickte zum Fenster hinaus.

»Ja . . .«, machte er blinzelnd. »Ich muß jetzt hinuntergehen. Tee trinken. Hm . . .«

Immer häufiger und merkwürdig düster äußerte Tomilin sich über die Frauen und über das Weibliche. Zuweilen in skandalöser Form. So erklärte der Rothaarige einmal in der Gesellschaft im Flügel, als der Schriftsteller Katin hitzig seine Behauptung verfocht, Schönheit und Wahrheit seien eins, in dem ihm eigenen Ton eines Menschen, der der Wahrheit tief ins Angesicht geschaut hat:

»Nein, Schönheit ist gerade Unwahrheit, von Anfang bis zu Ende vom Menschen erfunden, um ihn zu trösten, genau so wie das Mitleid und vieles andere.«

»Und die Natur? Die Schönheit der Naturformen? Nehmen Sie Häckel!« schrie triumphierend der Schriftsteller, Als Antwort klangen ihm die gleichmütigen Worte entgegen:

»Die Natur ist eine chaotische Anhäufung der verschiedensten Mißgestaltungen und Monstra.«

»Die Blumen!« beharrte Katin.

»In der Natur gibt es nicht die Rosen und Tulpen, die die Menschen in England, Frankreich und Holland gezüchtet haben.«

Der Streit wurde immer gereizter und heftiger, und je mehr die Stimmen seiner Widersacher sich hoben, desto eigensinniger verteidigte Tomilin seine Ansicht. Schließlich sagte er:

»Wir bedürfen der Schönheit am meisten, wenn wir uns dem Weibe nähern wie ein Tier dem andern. Hier ist die Schönheit aus dem Schamgefühl entstanden, aus der Abneigung des Menschen, einem Bock oder einem Rammler zu gleichen.«

Er sagte einige noch derbere Worte, die allgemeine Betretenheit, boshaftes Lächeln und ironisches Flüstern auslösten, und erdrosselte mit ihnen den Meinungsstreit. Onkel Jakow, der kränkelte und halbaufgerichtet auf dem Sofa in einem Berg von Kissen ruhte, fragte halblaut und befremdet:

»Ist er wahnsinnig?«

Der Schriftsteller flüsterte ihm höhnisch lächelnd etwas ins Ohr, aber der Onkel schüttelte sein kahles Haupt und sagte:

»Er ist ein Nachzügler. Die Nihilisten waren gescheiter.«

Der Onkel war augenscheinlich mit etwas zufrieden. Sein sonnenverbranntes Gesicht war heller und knochiger geworden, aber seine Augen blickten milder, und er lächelte gern. Klim wußte, daß er im Begriff stand, für immer nach Saratow überzusiedeln.

Im Flügel fühlte Klim sich immer mehr als ein Fremder. Alles, was dort über das Volk und über die Liebe zum Volk geredet wurde, war ihm von Kindheit an vertraut. Alle Worte tönten leer, ohne in ihm eine Saite anzuklingen. Sie bedrückten durch ihre Langeweile, und Klim machte seine Ohren unempfänglich gegen sie.

Ihn beschäftigten lebhaft die unverhohlen bösen Blicke, die Dronow auf den Lehrer richtete. Auch Dronow hatte sich, ganz unvermittelt, verändert. Trotz seiner Beobachtungsgabe schien es Klim immer, daß die Menschen sich unberechenbar plötzlich veränderten, in Sprüngen, wie der Minutenzeiger der scharfsinnigen Uhr, die Warawka kürzlich gekauft hatte: es gab keine Stetigkeit in der Bewegung ihres Minutenzeigers, er sprang von Strich zu Strich. So auch der Mensch: gestern noch der gleiche wie vor einem halben Jahr, zeigte er heute einen ganz neuen Zug.

Das dunkelblaue Jackett, die schwarze Hose und die stumpfen Stiefel verliehen Dronow eine komische Ehrbarkeit. Doch sein Gesicht war schmal geworden, die Augen starrer, die Pupillen trübe, und durch das Weiße der Augäpfel zogen sich die roten Äderchen eines Menschen, der an Schlaflosigkeit leidet. Er fragte nicht mehr so viel und so gierig wie früher, redete weniger und hörte abwesend zu, wobei er die Ellenbogen in die Seiten preßte, die Finger ineinander verschränkte und die Daumen nach Greisenart umeinander drehte. Er sah gleichsam von der Seite her auf die Dinge, stieß oft und müde den Atem aus und schien gar nicht das zu sagen, woran er dachte.

Nach jedem neuen Zusammensein mit Rita nahm Klim sich vor, Dronow zu entlarven, aber dies tun, hieße, sein Verhältnis mit der Näherin aufdecken, und Klim verstand nur zu gut, daß er keinen Grund hatte, sich seiner ersten Liebe zu rühmen. Überdies ereignete sich etwas, was ihn tief befremdete. Eines Abends kam Dronow ungeniert in sein Zimmer, setzte sich müde und begann mit finsterer Miene:

»Hör mal, Warawka will mich nach Rjasan versetzen, aber das paßt mir nicht, mein Lieber. Wer wird mich dort in Rjasan für die Universität vorbereiten? Und noch dazu umsonst wie Tomilin?

Er nahm den Löscher vom Tisch, einen glänzenden Rhombus, hielt ihn gegen den schrägen Strahl der Sonne und fuhr fort, während er die Regenbogenflecke an der Wand und an der Decke verfolgte:

»Und dann – Margarita. Es ist nicht vorteilhaft für mich, sie zu verlassen, was ich am Leibe habe, ist von ihr. Und ich hänge auch an ihr. Ich verstehe ja, daß ich kein Honig für sie bin.«

Er schnitt eine Grimasse und lenkte den Regenbogenfleck auf das Bild von Klims Mutter, auf ihr Gesicht, was Klim wie eine Beleidigung berührte. Er saß am Tisch, sprang aber schnell und unvorsichtig auf die Füße, als er Ritas Namen hörte.

»Laß diesen Unfug«, sagte er trocken, blinzelnd, als habe der Sonnenstrahl seine Augen getroffen. Dronow ließ den Löscher achtlos auf den Tisch fallen. Klim, der sich bemühte, gelassen zu bleiben, fragte:

»Du lebst also immer noch mit ihr?«

»Warum sollte ich nicht . . .?«

Klim hockte sich auf die Tischkante und musterte Dronow. In dem gleichmütigen Ton, in dem er von Margarita sprach, glaubte Klim etwas Verdächtiges zu hören. So begann er denn sehr freundschaftlich und mit verstellter Naivität Dronow über das Mädchen auszuforschen. Dronow fand seine alte Ruhmredigkeit wieder. Eine Minute später empfand Klim den Wunsch, ihn anzuschreien: »Scher dich hinaus!«

»Sie ist gut«, sagte Dronow.

Klim wandte ihm den Rücken zu. Dronow verfinsterte sich plötzlich und wechselte das Thema:

»Ich bin auf dem besten Wege, Tomilin zu hassen. Schon jetzt habe ich manchmal Lust, ihm eins hinter die Löffel zu geben. Ich brauche Wissen, und er lehrt an nichts glauben, behauptet, die Algebra sei willkürlich, der Teufel soll wissen, was er eigentlich will! Er hämmert einem in den Schädel, der Mensch müsse das Spinngewebe der von der Vernunft gemachten Begriffe zerreißen und irgendwohin, in die Grenzenlosigkeit der Freiheit entspringen. Das ist so, als ob man mir sagte: ›Lauf nackt herum!‹ Was für ein Teufel mag diese Kaffeemühle drehen?«

Klim preßte durch die Zähne:

»Ein sehr kluger Mensch.«

»Klug?« fragte sichtlich befremdet Dronow, blickte wütend auf die Uhr und erhob sich.

»Sprich mal mit Warawka.«

Ohne ihn wurde das Zimmer gleich freundlicher, Klim stand am Fenster, zupfte an den Blättern der Begonien und verzog sein Gesicht, niedergedrückt vom Zorn und von der Demütigung. Als er im Vorzimmer Warawkas Stimme vernahm, lief er sogleich zu ihm hinaus. Warawka bewunderte sich im Spiegel, kämmte seinen fuchsigen Bart und schnitt Fratzen:

»Nach Rjasan, jawohl, nach Rjasan«, antwortete er zornig auf Klims Frage. »Oder nach allen vier Windrichtungen. Laß das Bitten!«

»Ich beabsichtige auch nicht, für ihn zu bitten«, sagte Klim mit Würde.

Warawka faßte ihn um die Taille und führte ihn in sein Kabinett. Inzwischen sagte er:

»Ich bin dieses Burschen überdrüssig. Er arbeitet schlecht, ist zerstreut und frech. Und liebt es allzu sehr, mit meinen Untergebenen zu schwatzen.«

»Ja«, sagte Klim solide, »es zieht ihn zu ihnen. Er weilt so häufig bei den Katins.«

Warawka drückte ihn in den Sessel neben dem gewaltigen Schreibtisch und fuhr fort:

»Ich begreife nicht, was dich zu solchen Typen wie Dronow oder dieser Makarow hinzieht? Du studierst sie wohl, wie?«

Immer spöttisch, oft scharf, wußte Warawka dennoch sowohl einschmeichelnde wie freundschaftlich eindringliche Töne anzuschlagen. Es war nicht das erstemal, daß Klim empfand, wie leicht dieser Mensch ihn bewegen konnte, mehr zu sagen, als gut war, und er versuchte, mit dem Pflegevater ausweichend und vorsichtig zu sprechen. Doch wie stets, verstand Warawka unbemerkt aus ihm herauszulocken, daß Lida und Makarow sich zu oft sahen und ihre Beziehungen große Ähnlichkeit mit einem Liebesverhältnis hatten. Es ergab sich ganz von selbst; sehr einfach: zwei ernste, geistig ebenbürtige Männer tauschten besorgt ihre Ansichten über jugendliche, noch ungefestigte Menschen aus und gaben ihrer Unruhe bezüglich ihrer Zukunft Ausdruck. Es wäre sogar unpassend gewesen, das seltsame Verhältnis zwischen Lida und Makarow zu verschweigen.

Warawka schloß einige Sekunden seine Bärenäuglein, schob die Hand unter den Bart und faltete ihn mit einer raschen Geste fächerartig auseinander. Dann sagte er mit einem Lächeln seiner fleischigen Lippen:

»Romantik! Die Krankheit ihrer Jahre. An dir wird sie vorübergehen, davon bin ich überzeugt. Lida ist in der Krim. Im Winter geht sie an eine Theaterschule.«

»Aber Makarow wird doch im Winter in Moskau studieren?« erinnerte Klim.

Warawka antwortete nicht. Er schnitt sich die Nägel, die Splitter flogen auf den mit Papieren bedeckten Tisch. Dann zog er sein Notizbuch hervor, schrieb mit dem Blei Zeichen hinein und versuchte eine Melodie zu pfeifen, die jedoch nicht richtig herauskam.

»Bist du zuweilen drüben im Seitenflügel?« fragte er und sagte sofort, Klim freundschaftlich aufs Knie klapsend:

»Mein Rat: geh nicht hin. Natürlich, es sind unschuldige, harmlose Menschen, und ihre ganze Beredsamkeit läuft auf den Wunsch hinaus, sich zu häuten. Doch es gibt über sie auch eine andere Meinung. Wenn in einem Staat eine politische Polizei besteht, muß es auch politische Verbrecher geben. Zwar ist heute die Politik aus der Mode – so wie etwa die Reifröcke –, doch gibt es trotzdem so etwas wie zähes Festhalten am alten Glauben. Eine Revolution ist in Rußland nur möglich als Bauernaufstand, das heißt nur als kulturell fruchtlose, zerstörende Erscheinung.«

Darauf verbreitete er sich lange über den Dekabristenaufstand, er nannte ihn eine »originelle tragische Bouffonade«, über die Sache der Petraschewzen, »eine Verschwörung gewerbsmäßiger Schwätzer«, doch ehe er zu den Volkstümlern übergehen konnte, erschien hoheitsvoll die Mutter in einer fliederfarben Robe mit Spitzen und mit einer langen Perlenschnur auf der Brust.

»Es ist Zeit«, sagte sie strenge, »und du bist noch nicht angezogen.«

»Verzeih!« rief Warawka schuldbewußt aus, sprang auf und lief zur Tür, »wir hatten ein so interessantes Gespräch.«

Klim berührte es immer wohltuend, zu sehen, wie seine Mutter diesen Menschen lenkte gleich einem Geschöpf, das tiefer stand als sie, gleich einem Pferd. Sie sah Warawka nach, seufzte, glättete dann mit ihren wohlriechenden Fingern Klims Brauen und forschte:

»Wovon habt ihr denn gesprochen?«

»Ich glaube, ich habe taktlos gehandelt«, gestand Klim, der Dronow meinte, aber von Lida und Makarow zu sprechen schien.

»Wie hättest du anders handeln sollen?« wunderte sich ein wenig die Mutter. »Es war deine Pflicht, ihren Vater zu warnen.«

»Fertig«, sagte Warawka, der in der Tür erschien. Im Gehrock sah er besonders grobschlächtig aus.

Sie gingen. Klim blieb in der Stimmung eines Menschen zurück, der Zweifel hat, ob er eine plötzlich vor ihm aufgetauchte Aufgabe lösen soll oder nicht. Er öffnete ein Fenster. Die ölige Luft des Abends schlug ins Zimmer. Eine schmächtige blaue Wolke umhüllte die Mondsichel. Klim beschloß:

»Ich gehe zu ihr.«

Nachdem er so beschlossen hatte, zögerte er. Dem drängenden Wunsch, Margarita zu besuchen, stand ein Gefühl der Unsicherheit und die Befürchtung entgegen, er würde sich nicht beherrschen können, sie nach Dronow fragen, und plötzlich könne es sich erweisen, daß Dronow die Wahrheit sagte. Diese Wahrheit wünschte er nicht zu hören.

Aus dem Flügel traten, einer hinter dem anderen, dunkle Menschen, die Bündel und Koffer trugen. Der Schriftsteller führte Onkel Jakow am Arm. Klim wollte in den Hof laufen, ihm Lebewohl sagen, aber er blieb an seinem Fenster, da er sich erinnerte, daß sein Onkel ihn unter den Leuten längst nicht mehr bemerkte. Der Schriftsteller setzte den Onkel sorglich in eine Equipage. Der Onkel rief:

»Wo ist das Paket?«

»Bei mir«, antwortete laut der Schriftsteller.

Die Equipage rollte schwerfällig hinaus in den Straßennebel.

Der Onkel zog die Mütze über die Ohren. Er blickte nicht zum Tor zurück, wo die Frau des Schriftstellers, ihre Schwester und noch zwei Fremde Tücher und Hüte schwenkten und freudig riefen:

»Leben Sie wohl!«

Die ganze Szene und der Nebel erinnerten Klim an eine Episode in einem langweiligen Roman, an das Abschiedgeleit für ein junges Mädchen, das den Entschluß gefaßt hat, eine Stellung als Gouvernante anzunehmen, um seine verarmten Angehörigen zu ernähren.

Klim seufzte, hörte zu, wie die Stille das Rollen der Equipage verschluckte und zwang sich, an seinen Onkel zu denken, ihn in den Rahmen sehr bedeutender Worte einzufügen, doch im Kopf summte wie eine Mücke die schmerzliche Frage:

»Wie, wenn Dronow doch die Wahrheit gesagt hätte?«

Diese Frage, die ihn nicht zu Margarita ließ, erlaubte ihm gleichzeitig nicht, an etwas anderes als an sie zu denken. Nachdem er eine öde Stunde im Dunkeln zugebracht hatte, ging er auf sein Zimmer, zündete die Lampe an und betrachtete sich im Spiegel. Er zeigte ihm ein beinahe fremdes Gesicht, es sah beleidigt aus und war zerfurcht von Ratlosigkeit. Er löschte sofort das Licht, entkleidete sich im Finstern, legte sich ins Bett und zog das Laken über die Ohren. Doch nach wenigen Minuten redete er sich ein, er müsse gleich heute, sofort Margarita der Lüge überführen. Ohne Licht zu machen, warf er sich in die Kleider und ging zu ihr, kriegerisch gestimmt und fest auftretend. Wie immer begrüßte Margarita ihn mit dem vertrauten Ausruf:

»Aha, du bist gekommen!«

Schon lange bedrückten ihn diese Worte, nie hörte er in ihnen Freude oder Vergnügen. Und immer beschämender wurden ihre gleichförmigen Liebkosungen, die sie wahrscheinlich fürs ganze Leben eingeübt hatte. Das Bedürfnis nach diesen Zärtlichkeiten quälte Klim zeitweilig bereits ein wenig, es erschütterte sogar seine Selbstachtung.

Doch dieses Mal klangen die bekannten Worte auf eine neue Weise farblos. Margarita kam eben aus dem Bade. Sie saß an der Kommode, vor dem Spiegel und kämmte ihr feuchtes, dunkel gewordenes Haar. Ihr gerötetes Gesicht schien zornig.

Ausholend, ein Grinsen auf den Lippen, doch mit wutzitternder Hand schlug Klim sie leicht auf die heiße, dampfende Schulter. Aber sie sagte abwehrend und ungehalten:

»Das tut weh, was fällt dir ein?«

Und sprach sofort in nüchternem Ton:

»Eine Neuigkeit: ich trete eine gute Stelle an, in einem Kloster, in der Schule, ich werde den Mädchen dort Unterricht im Nähen erteilen. Eine Wohnung erhalte ich auch. In der Schule. Also, leb wohl. Männerbesuch ist dort untersagt.«

Sie ließ ihr Hemd bis zu den Knien herab, trocknete mit dem Handtuch Hals und Brust ab und bat nicht, sondern befahl:

»Reib mir den Rücken ab!«

Als der Jüngling sie nackt sah, fühlte er seinen Vorrat an kriegerischem Geist schwinden. Doch der Befehl des Mädchens befremdete und empörte ihn. Niemals hatte sie sich an ihn mit der Bitte um derartige Dienste gewandt, und er entsann sich nicht eines Falls, wo die Höflichkeit ihn hatte Rita einen solchen Dienst erweisen lassen. Er saß und schwieg. Das Mädchen fragte:

»Bist du faul?«

Da gab er der aufflammenden Wut nach und sagte leise und verächtlich:

»Du hast mich belogen. Dronow ist dein Geliebter.«

Sofort erkannte er, daß er nicht die richtigen Worte gewählt hatte. Margarita, die ihre neuen Stiefel anprobierte, wandte ihm den Rücken zu. Sie antwortete nach einer Weile gelassen:

»Wie gut sich das trifft!«

Und fragte darauf:

»Hat Fenjka es dir gesagt?«

Klim fühlte sich durch diese Frage wie vor die Brust gestoßen. Er trommelte krampfhaft mit den Fingern auf seiner Gürtelschnalle und wartete auf das, was sie noch sagen würde. Doch Margarita, die jetzt mit einem Haken die Stiefel zuknöpfte, sagte weiter nichts.

»Dronow hat es mir selbst erzählt«, sagte Klim grob.

Sie stand auf, schürzte ein wenig den Rock und besah kritisch ihre Füße. Setzte sich dann wieder auf den Stuhl, seufzte erleichtert auf und wiederholte:

»Wie gut sich das trifft! Seit einer Woche denke ich darüber nach, wie ich es dir sagen soll, daß ich nicht mehr mit dir zusammen sein kann.«

Klim fühlte, daß sie ihn um den klaren Verstand brachte. Beinahe zerstreut fragte er:

»Warum hast du gelogen?«

Das Mädchen blickte aus dem Fenster, als sie mit fester Stimme und so, wie wenn ihre Gedanken wo anders weilten, sagte:

»Deine Mama hat mir nicht dazu Geld bezahlt, daß ich dir die Wahrheit sagen sollte, sondern damit du dich nicht mit Straßenmädchen herumtreibst und bei ihnen womöglich ansteckst.«

Klim, der die Empfindung hatte, geröstet zu werden, schrie:

»Du lügst, meine Mutter konnte das nicht tun!«

»Er drückt«, sagte leise Rita, ihren Fuß unter dem Rocksaum vorstreckend, und nachdem sie irgendjemand »Lump« geschimpft hatte, fuhr sie gleichgültig und belehrend fort:

»Der Mama solltest du nicht zürnen, sie sorgt sich um dich. In der ganzen Stadt weiß ich nur drei Mütter, die sich so um ihre Söhne sorgen.«

Klim vernahm ihre unsinnigen Worte durch ein Sausen im Kopf hindurch. Seine Beine zitterten. Hätte Rita nicht so gelassen gesprochen, würde er geglaubt haben, sie mache sich über ihn lustig.

»Also hat Mutter sie gemietet«, überlegte er. »Hat sie bezahlt. Darum war dieses elende Weib auch so selbstlos.«

»Sie ist zwar hochmütig und hat mich beleidigt, aber trotz alledem sage ich, sie ist eine seltene Mutter. Jetzt, nachdem sie mir meine Bitte, Wanja nicht nach Rjasan zu schicken, abgeschlagen hat, brauchst du nicht mehr zu mir kommen. Ich werde auch bei euch nicht mehr nähen.«

Das letztere sprach sie wie eine Drohung aus, als glaube sie, daß ohne ihre Arbeit die Samgins und die Warawkas die unglücklichsten aller Sterblichen würden.

Klim verspürte eine Anwandlung, seinen Gurt abzuschnallen und dem Mädchen damit in das immer noch rote und schwitzende Gesicht zu schlagen. Doch er fühlte sich entkräftet durch diese alberne Szene und war von den Ohren bis zu den Schultern rot vor Scham und Kränkung. Ohne einen Blick, ohne ein Wort für Margarita ging er hinaus. Ihn begleitete ihr vorwurfsvoller Ausruf:

»Pfui, wie häßlich! Früher warst du höflich!«

Lange irrte er durch die Straßen, saß dann grübelnd im Stadtpark. Was tun? Er hatte Lust, Dronow zu prügeln oder ihm ins Gesicht zu sagen, daß man Margarita mietete wie eine Prostituierte, er wollte seiner Mutter etwas sehr Rüdes sagen, das sie in Verwirrung setzte. Doch diese Wünsche glitten nur über die Oberfläche des hartnäckigen, eigensinnigen Gedankens an Margarita. Er war gewohnt, sie herablassend und ironisch zu behandeln und beschäftigte sich nun zum erstenmal mit dem ganzen Ernst, dessen er fähig war, mit dem Mädchen. Margaritas Bild spaltete sich auf unerklärliche Weise. Er gedachte ihrer unzweifelhaft ehrlichen Liebkosungen, ihrer einfachen, oft lächerlichen, doch aufrichtigen Worte, jener dummen, zärtlichen Worte der Liebe, die einen Helden Maupassants bestimmten, sich von seiner Geliebten loszusagen. Mit welchen Liebkosungen mochte sie Dronow belohnen, was für Worte mochte sie ihm zuflüstern? In stumpfer Ratlosigkeit vergegenwärtigte er sich die Sorge des Mädchens für die Wonnen seines Körpers und fragte sich, wie sie es fertigbrachte, so unauffällig und geschickt zu lügen. Als ihm ihre Äußerung über die drei umsichtigen Mütter einfiel, und er sich vorstellte, ihrer Fürsorge könnten vielleicht noch zwei solcher Menschen wie er anvertraut sein, schoß ihm ein seltsamer, bizarrer Gedanke durch den Kopf:

»Prostituierte oder barmherzige Schwester?«

Doch er verwarf diesen Gedanken, sobald er sich erinnerte, daß Rita offenbar nur den Vierten, den häßlichen, abstoßenden Dronow liebte.

Diese Betrachtungen, die ein immer heftigeres Gefühl des Ekels und des Schmerzes auslösten, wurden unerträglich quälend, aber sie abzuweisen, fehlte Klim die Kraft. Er saß auf der eisernen Bank und starrte auf den dunklen, öden Fluß. Seine Wasser schimmerten stumpf wie ein ungeheures Stück Wellblech; sie flossen träge und lautlos und scheinbar in großer Entfernung dahin. Die Nacht war dunkel, mondlos, im Wasser spiegelten sich, gelbe Tropfen Fett, die Sterne. Hinter seinem Rücken hörte Klim Schritte, Gelächter und Stimmen. Ein verschmitzter Tenor sang nach der Melodie »La donna e mobile«:

Hör' deine Stimme ich
Zärtlich verheißend,
Heißt's, für die Stimme hol'
Geld aus dem Beutel!

Vernichtende Gewöhnlichkeit schmetterte sieghaft aus dem Liedchen. Klim mußte plötzlich zusammenfahren. Er sprang auf und eilte nach Hause.

Die Mutter und Warawka fuhren in die Sommerfrische. Alina befand sich ebenfalls auf dem Lande, Lida und Ljuba Somow in der Krim. Klim war in der Stadt geblieben, um die Hausreparatur zu überwachen und mit Rziga Latein zu lernen. Allein mit sich selbst, war Klim der Notwendigkeit, seine gewohnte Rolle zu spielen, enthoben, und er erholte sich langsam vor dem Schlag, der ihn getroffen hatte. Seine Gedanken weilten immer bei Margarita, doch diese Gedanken verloren allmählich ihre Schärfe und wurden, wenn sie auch noch schmerzten, verschwommener. Sie ließen ihn das Mädchen in einem neuen Licht sehen. Klim war schon nicht mehr geneigt, anzunehmen, Margaritas Verstand sei dumpf. Die Erinnerung weckte ihre ermahnenden Reden auf und ließ ihn denken, am häufigsten seien sie von Erbitterung gegen die Frauen gefärbt gewesen. So hatte Margarita einmal, während sie aus dem Bett sprang und ihren schweißnassen Körper mit einem Schwamm abrieb, beifällig gesagt:

»Es ist sehr gut für dich, daß du nicht heiß bist. Unsereins liebt es, die Heißen zum Glühen zu bringen und sie dann zu einem Haufen Asche zu verbrennen. Durch uns gehen viele zugrunde.«

Ein anderes Mal beteuerte sie zärtlich:

»Glaub nicht an Weiberliebe. Denk daran, daß das Weib nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Körper liebt. Die Weiber sind schlau, hu! und böse. Sie lieben nicht einmal einander, sieh' einmal zu, wie erbost sie auf der Straße sich anblicken! Das macht alles die Gier: jede ist wütend, daß außer ihr noch andere auf der Welt sind.«

Sie machte sogar Anstalten, ihm eine Liebesgeschichte von sich zu erzählen, doch er nickte ein, und von dem ganzen Roman erhielten sich in seinem Gedächtnis nur die wenigen Worte:

»Und was wollte sie? Ihn mir abspenstig machen, weiter nichts. Denn sie sah, daß ich es besser verstand.«

Nun, da ihre Ermahnungen vor ihm auftauchten, wunderte er sich darüber, daß sie so zahlreich gewesen waren und einander so glichen, und war bereit zu glauben, ihr Gewissen habe sie so reden lassen, um ihn vor ihrem Betrug zu warnen.

»Will ich sie denn entschuldigen?« fragte er sich. Doch zugleich erschien Dronows plattes Gesicht, sein beständiges, prahlerisches Lächeln, seine schamlosen Erzählungen über Margarita.

»Wenn ich und sie zusammen ins Wasser fielen, würde sie mich ertränken wie Wera Somow Boris«, dachte er erbittert.

Aber mochte er auch voll Erbitterung an Margarita denken, er fühlte doch in sich den Wunsch wachsen, sie zu sehen, und das empörte ihn noch mehr. Ein Ventil für seine Wut fand er in den Arbeitern.

Schräg gegenüber dem Samginschen Haus rissen Bauarbeiter ein zweistöckiges kasernenartiges Gebäude mit kleinen trübseligen Fenstern nieder, das einmal gelb gestrichen gewesen war. Warawka hatte dieses Haus für den Kaufmannsklub erworben. Es arbeiteten ungefähr zwanzig staubige Menschen, doch unter ihnen ragten besonders zwei hervor: ein kraushaariger wulstlippiger Bursche mit runden Augen im zottigen, vom Staub graugefärbten Gesicht und ein altes Männchen in einer blauen Bluse und einem gewaltigen Schurz. Die gußeisernen Hände des Jüngeren zertrümmerten mit einer Brechstange die fest zusammengeballten Ziegel der alten Mauer. Die Kraft des Burschen war groß, er spielte und prahlte mit ihr, während das alte Männchen ihn quiekend anstachelte:

»Feste, Motja! Schlag alles kaputt, Mottja – bald ist Feierabend!«

Der Vorarbeiter, ein fuchsbärtiger, stämmiger Bauer, mahnte:

»Laß den Unsinn, Nikolaitsch! Wozu den Ziegel zerschlagen?«

Der Alte witzelte:

»Bin ich's denn? Das ist doch Motja! Ach, Motja, daß du einen Ast ins Ohr kriegst! Eine Kraft bist du aber auch!« Und bemühte sich dabei selbst, mit dem Brecheisen nicht zwischen die Ziegel, auf den Mörtel, zu treffen, der sie zusammenhielt, sondern auf die heilen Steine. Der Vorarbeiter rief von neuem gewohnheitsmäßig, aber gleichgültig, alter Ziegel sei noch zu gebrauchen, er sei größer und stärker als neuer, und das alte Männchen quiekte beifällig:

»Recht so! Unsere Väter machten bessere Arbeit als wir! Ach, Motja!«

Alle Arbeiter brachen mit Wonne die Mauer nieder, doch der Alte hatte offenbar alle Grenzen überschritten, und seine Raserei war widerwärtig. Motja hingegen arbeitete blind, wie eine Maschine, drauf los, und wenn es ihm geglückt war, mehrere Backsteine auf einmal loszuhauen, ächzte er betäubend, die Arbeiter lachten, pfiffen, und das Männchen kreischte wütig und schauerlich:

»Feste!«

»Idioten!« dachte Klim. Ihm fielen die stummen Tränen seiner Großmutter angesichts der Trümmer ihres Hauses ein, Straßenszenen, Schlägereien der Handwerker, Ausschreitungen betrunkener Bauern vor den Türen der Marktschenken auf dem städtischen Platz gegenüber dem Gymnasium und Warawkas höhnische Glossen über das betrunkene, schlaue und faule Volk. Nach der Geschichte mit Margarita hatte er den lebhaften Eindruck, daß alle Menschen schlechter geworden waren, sowohl der gottesfürchtige tugendsame alte Hausmeister Stepan wie die schweigsame dicke Fenja, die unersättlich alles Süße, das sie zwischen die Finger bekam, verschlang.

»Das Volk!« dachte er amüsiert, während er sich jene hitzigen Reden über die Liebe zum Volk und über die Notwendigkeit, für seine Aufklärung zu wirken, zurückrief.

Klim begab sich zu Tomilin, um mit ihm über das Volk zu plaudern, in der heimlichen Erwartung, seine Abneigung werde gerechtfertigt werden. Doch Tomilin schüttelte sein kupferrotes Haupt und sagte:

»Ein aufrichtiges Interesse für das Volk mögen Industrielle, Ehrgeizige und Sozialisten hegen. Das Volk ist kein Thema, das mich angeht.«

Tomilin wurde augenscheinlich wohlhabend. Er kleidete sich nicht nur reinlicher, auch die Wände seines Zimmers bedeckten sich rasch mit neuen Büchern in deutscher, französischer und englischer Sprache.

»Es gibt nichts Russisches zum Lesen«, erläuterte er. »Auf russisch wird zwar interessant empfunden, aber unscharf, unselbständig und unoriginell gedacht. Das russische Denken ist tief gefühlsmäßig, daher roh. Denken ist nur dann fruchtbar, wenn es vom Zweifel bewegt wird. Dem russischen Verstand ist aber Skepsis ebenso fremd, wie dem Geist der Hindu oder der Chinesen. Bei uns strebt alles zum Glauben, gleichgültig woran, sei es an die erlösende Kraft des Unglaubens oder an Christus, an die Chemie oder an das Volk. Wir haben keine Menschen, die sich zur Ruhelosigkeit eigenen Denkens verdammt haben.«

Nicht alle diese Urteile behagten Klim. Viele von ihnen konnte er seiner ganzen Natur nach nicht anerkennen. Aber er versuchte redlich, alles aufzubewahren, was Tomilin im Takt seiner schlurrenden Filzpantoffeln oder bloßen Füße von sich gab.

»Es gibt bei uns niemand, der der Wahrheit um ihrer selbst willen, um der Seligkeit, die sie gewährt, bedürfte. Ich wiederhole: der Mensch begehrt die Wahrheit, weil er nach Frieden dürstet. Dieses Bedürfnis wird vollauf befriedigt durch die sogenannten wissenschaftlichen Wahrheiten, deren praktische Bedeutung ich nicht leugne.«

Als er eines Tages wieder einmal den Lehrer aufsuchte, wurde er von der Witwe des Hauswirts – der Koch war an Lungenentzündung gestorben – angehalten. Sie saß auf dem Söller und scheuchte mit einem Akazienzweig die Fliegen aus ihrem ölig gleißenden Gesicht. Sie zählte bereits vierzig Jahre, massig, mit dem Busen einer Amme, vertrat sie Klim den Weg, deckte die Tür mit ihrem breiten Rücken und sagte mit einem Lächeln ihrer Schafsaugen:

»Entschuldigen Sie, er schreibt gerade und hat befohlen, niemand vorzulassen. Selbst Vater Innokenti hat er abgewiesen. Zu ihm kommen nämlich jetzt die Priester. Aus dem Seminar und aus der Himmelfahrtskirche.«

Sie sprach mit gedämpfter Stimme, verschluckte die Worte, und ihre Schafsaugen leuchteten vor Freude. Klim sah, daß sie sich anschickte, lange über Tomilin zu sprechen. Aus Anstand hörte er sie drei Minuten an und verabschiedete sich, als sie seufzend sagte:

»Anfangs hatte ich Mitleid mit ihm, jetzt fürchte ich ihn.«

Häufig und stets zur unrechten Stunde stellte sich Makarow ein, staubig, in einer von einem breiten Riemen umgürteten Segeltuchbluse, sein zweifarbiges Haar war verwildert und hing in dichten Strähnen herab, was ihm das Aussehen eines Klosterbruders gab. Sein verwittertes Gesicht war von der Sonne verbrannt, von Ohren und Nase schälte sich, gleich Fischschuppen, die Haut, und in den Augen staute sich Trauer. Doch von Zeit zu Zeit flammten sie in einer Weise auf, die Klim fremdartig berührte und ihn mit einer unbestimmten Vorahnung erfüllte. Er begegnete Makarow zurückhaltend und verheimlichte seinen Verdruß über die strolchmäßige Liederlichkeit seines Anzugs und seinen mitleidigen Spott über seine langweilig gewordenen Reden. Makarow pilgerte durch Dörfer und Klöster und erzählte davon wie von Reisen in fernen Ländern, doch was immer er erzählen mochte, Klim hörte immer das Weib und die Liebe hindurch.

»Du studierst wohl das Volk?«

»Mich selbst natürlich. Mich selbst, nach dem Gebot der alten Weisen«, entgegnete Makarow. »Was heißt das: das Volk studieren? Lieder aufzeichnen? Die Bauerndirnen plärren den schimpflichsten Blödsinn. Die Greise singen Totenmessen. Nein, mein Lieber, auch ohne Lieder ist es traurig genug auf der Welt«, schloß er und strich mit den Fingern die zerknüllte Zigarette, die mit Staub gestopft zu sein schien, glatt. Dann sagte er noch:

»Manchmal dünkt mich, die Tolstoianer haben recht: das Klügste, was man tun kann, ist, wie Warawka das ausdrückt, wieder dumm werden. Vielleicht ist wahre Weisheit hundemäßig einfältig, und wir verrennen uns ganz vergebens in unendliche Fernen?«

Klim konnte auf diese Fragen nur mit Tomilins Worten entgegnen, die Makarow ohnehin bekannt waren. Er schwieg und dachte, wenn Makarow es über sich brächte, mit einem Mädchen wie Rita zu verkehren, würden alle seine Ängste im Nu verschwinden. Noch besser wäre es, wenn dieser wildhaarige Adonis Dronow die Näherin fortnahm und aufhörte, bei Lida zu scharwenzeln. Makarow erkundigte sich nie nach ihr, aber Klim bemerkte, daß er manchmal, während er erzählte, seinen Kopf horchend gegen die Zimmerdecke richtete.

»Er denkt, sie ist zurück«, erriet Klim amüsiert, wenn auch mit leichtem Verdruß. Makarow murmelte gedankenvoll:

»Manchmal scheint einem, Verstehen sei etwas Dummes. Ich habe wiederholt auf freiem Feld übernachtet. Man liegt schlaflos auf dem Rücken, starrt in die Sterne, denkt an Bücher und plötzlich, verstehst du, durchzuckt es einen wie ein elektrischer Schlag: wie wenn die Erhabenheit und Grenzenlosigkeit des Weltenraums nur Dummheit wäre, irgend jemandes Unfähigkeit, die Welt vernünftiger, einfacher einzurichten.

»Das hast du, scheint's, von Tomilin«, erinnerte Klim.

Makarow dachte nach und stieß Rauchwolken aus seiner Zigarette:

»Ganz gleich, woher. Jedenfalls läuft es darauf hinaus, daß der Mensch seinem eigenen Verstand unzugänglich bleibt.«

Makarows Mißvergnügen über die Welt reizte Klim, erschien ihm als abgeschmackter Versuch, den Philosophen herauszukehren, Tomilin nachzuäffen. Er sagte unwillig, ohne seinen Freund anzusehen:

»Noch ein, zwei Jahre, und wir denken überhaupt nicht mehr an diese . . .«

Er wollte sagen »Albernheiten« oder »Bagatellen«, beherrschte sich aber und ergänzte:

»So naiv.«

Makarow drückte die Zigarette an seiner Sandale aus und fragte:

»Werden Trottel, wie?«

Darauf lieh er sich von Klim drei Rubel und verschwand. Klim, der von seinem Fenster aus sah, wie leichtfüßig und beschwingt er über den Hof eilte, verspürte eine Anwandlung, ihm die Faust zu zeigen.

Am Sonnabend fuhr Klim in die Sommerfrische hinaus. Schon von fern sah er auf der Veranda in einem Schaukelstuhl am Säulchen die Mutter und Lida in einem weißen Kleid, einen himbeerroten Schal um die Schultern. Unwillkürlich schrak er zusammen, reckte sich und sagte, obwohl der Gaul ganz bedächtig trabte:

»Nicht so laut.«

Er empfand sogar etwas wie Schüchternheit, als Lida ihm ohne ein Lächeln die Hand drückte und einen schnellen, unfreundlichen Blick in sein Gesicht warf. Seit den letzten zwei Monaten hatte sie sich auffallend verändert. Ihr braunes Gesicht war noch dunkler geworden, ihre hohe, ein wenig spröde Stimme klang voller.

»Das Meer ist ganz anders, als ich dachte«, sagte sie der Mutter. »Einfach eine große, flüssige Langeweile, Die Berge sind eine steinerne Langeweile, vom Himmel begrenzt. Nachts denkt man, die Berge kriechen auf die Häuser und drängen sie ins Wasser und die See ist schon auf dem Sprunge, sie zu fassen.«

Wera Petrowna warf einen Blick auf den Waldsaum, aus dem die Straße herauskam, und gab zu bedenken:

»Nachts denkt man nicht, sondern schläft.«

»Dort schläft es sich schlecht, die Brandung stört, die Steine knirschen wie Zähne. Das Meer schmatzt wie eine Million Schweine.«

»Du bist noch immer so . . . nervös«, sagte Wera Petrowna. Am Stocken erriet Klim, daß sie etwas anderes sagen wollte. Er bemerkte, daß Lida ein ganz erwachsenes Mädchen geworden war, ihr Blick war starr, man mußte denken, daß sie angestrengt auf etwas warte. Sie sprach in einer ihr sonst nicht eigenen hastigen Art, als wünsche sie sich alles recht schnell von der Seele zu reden.

»Ich verstehe nicht, weshalb man übereingekommen ist, die Krim schön zu finden.«

Ihr Eigensinn ärgerte offensichtlich die Mutter. Klim beobachtete, daß sie die Lippen zusammenpreßte und daß ihre rot gewordene Nasenspitze zitterte.

»Die meisten Menschen suchen die Schönheit, ganz wenige schaffen sie«, begann er, »Möglich, daß der Natur die Schönheit so vollständig abgeht wie dem Leben die Wahrheit. Es ist der Mensch, der sich Wahrheit und Schönheit schafft.«

Lida fiel ihm ins Wort:

»Du bist alt geworden, ich meine – reif . . .«

Wera Petrowna stand auf und ging ins Haus. Auf dem Wege sagte sie unnötig laut:

»Es war eine sehr treffende Bemerkung von dir, das über die Schönheit, Klim.«

Allein mit Lida, fühlte er zu seinem Erstaunen, daß er ihr nichts zu sagen wußte. Das Mädchen wandelte auf der Veranda auf und ab. Nach dem Walde blickend, sagte sie:

»Vater ist auf die Jagd gegangen?«

»Ja.«

»Allein?«

»Mit einem Bauern. Einem von den sieben Bauern, die der Gouverneur im Frühjahr hat auspeitschen lassen.«

»So?« machte Lida. »Dort haben auch irgendwo die Bauern rebelliert. Man hat sogar auf sie geschossen. Na, ich werde jetzt gehen, ich bin müde.«

Sie schritt die Verandastufen hinab, auf das kleine Gehölz aus schlanken Birken zu, und sagte, ohne sich umzuwenden:

»Ljuba hat die Stellung einer Gesellschafterin bei einem schwindsüchtigen Mädchen angenommen.«

Sie verschwand im Birkenwäldchen und ließ Klim empört über ihre Kälte allein. Er saß im Schaukelstuhl seiner Mutter, schlug sich mit einem gelben französischen Buch, Maupassants Roman »Stark wie der Tod«, auf die Knie und tauchte in einem Strom wirrer Gedanken unter. Natürlich war sie kein Mädchen für eine Liebe wie die Ritas. Es war unmöglich, sich ihren gebrechlichen, feinen Körper im Sturm wollüstiger Zuckungen vorzustellen. Dann erinnerte er sich der rotgewordenen Nase seiner Mutter und der Reden, die sie bei seinem letzten Besuch in der Sommerfrische hier auf der Veranda mit Warawka getauscht hatte. Klim hielt sich in seinem Zimmer auf und hörte, wie die Mutter gleichsam mit Genugtuung sagte:

»Gott, du bekommst ja eine Glatze!«

Warawka erwiderte:

»Und ich, siehst du, bemerke die grauen Haare an deinen Schläfen nicht. Meine Augen sind höflicher.«

»Bist du verstimmt?«

»Nein, aber es gibt Worte, die man aus dem Munde einer Frau nicht gern hört. Noch dazu einer Frau, die so erfahren in den Regeln französischer Galanterie ist.«

»Weshalb sagtest du nicht – der geliebten Frau?«

»Und der geliebten«, ergänzte Warawka.

Klim fiel Margaritas Ausspruch über seine Mutter ein. Er ließ das Buch fallen und blickte zum Wäldchen hin. Lidas weiße, zierliche Figur war zwischen den Birken verschwunden.

»Ich bin neugierig, wie sie wohl Makarow begrüßen wird. Ob sie wohl erraten wird, daß ich das Geheimnis zwischen Mann und Weib schon erforscht habe? Und wenn sie es errät, ob mich dies in ihren Augen heben wird? Dronow will wissen, daß Mädchen und Frauen an gewissen Kennzeichen untrüglich erraten, ob ein Jüngling die Unschuld verloren hat. Die Mutter sagt von Makarow, man sehe es ihm an den Augen an, daß er ein ausschweifender Mensch sei. Die Mutter beginnt immer häufiger ihre nüchternen Bemerkungen mit der Anrufung Gottes, obgleich sie nur an Gott glaubt, weil es sich gehört . . .«

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