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Das Leben auf der Walze

Wolfgang Kirchbach: Das Leben auf der Walze - Kapitel 9
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authorWolfgang Kirchbach
titleDas Leben auf der Walze
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Achtes Kapitel

Auch Doktor Hans Landmann, genannt Hans Finke, brachte diese Nacht im Freien zu. Vor Neustadt waren hübsche öffentliche Anlagen, ein kleiner Bürgerpark mit dem Denkmale eines verdienten Bürgermeisters von Neustadt, um welches Ruhebänke standen und Gartenanlagen sich befanden. Todmüde war Hans mit Einbruch der Nacht auf eine dieser Bänke gesunken und mit einem Ausdrucke tiefen Entsagens und ergebener Fügsamkeit in das Unabänderliche eingeschlummert. Wer hier bei Nacht vorüberkam, mußte wohl glauben, einen obdachlosen Stromer liegen zu sehen; einzelne späte Spaziergänger, die ihn bemerkten, gingen in weitem Bogen um die Bank herum, wo er lag, um dem verdächtigen, schlummernden Menschen nicht zu nahe zu kommen. Ein Glück war, daß kein Polizeibeamter zu so später Stunde mehr den kleinen Park abschritt, sonst hätte man dem Hilflosen wohl ein weniger willkommenes Obdach bereitet.

Als Hans, erschreckt über den Verlust seiner Papiere, in der Landpenne bei Dommelsdorf angekommen war, um hier zu suchen, hatte er selbstverständlich nicht das geringste gefunden. Er vertraute dem Penneboos, daß ihm seine Papiere abhanden gekommen seien, auch werde er, da er augenblicklich nicht bei Gelde sei, diese Nacht vielleicht seinen Kredit in Anspruch nehmen müssen, falls er seine Papiere nicht finden sollte. Der Herbergsvater hatte ihn von oben bis unten angesehen; darauf hatte er ihn an die Schublade seines Schanktisches geführt, sie ihm aufgeschlossen und darin einen Haufen von schmierigen, zerflederten, nach allen Richtungen bestempelten Wanderbüchern, Heimatsscheinen, Militärpässen und sonstigen Ausweisen gezeigt.

»Siehste, Katzenkopp,« sagte er, »det sind allens die Papiere von meinen Hausgästen, die du hier siehst. Wer bei mir auf der Penne schlafen will, muß mir zuerst seine Papiere liefern. Wenn du aber schwarz gehst, Keine Legitimation hast. denn kann ick dir auch nicht Unterkunft geben, sonst kriegt man's mit der Teckelei Polizei. zu thun. Is nich!« beschloß er sehr bestimmt seine Rede mit einer Gebärde, welche keinen Zweifel ließ, daß er unerbittlich sein würde. Also nicht einmal auf der Herberge wurde man aufgenommen, wenn man keine Papiere besaß. Schon jetzt bemächtigte sich des Privatdozenten eine gelinde Verzweiflung, die durch einen starken Hunger noch gesteigert wurde.

Geld mußte er auf alle Fälle haben. Er machte sich daher nach Neustadt auf, um auf dem Postamte auch ohne Papiere sein Glück zu versuchen und zu sehen, wie er Mittel und Wege fände, dort zu seinem Gelde zu kommen. Unterwegs ging er in den Gasthof, in dem er mit Wangenheim zuletzt gesessen hatte, vielleicht hatte er da seine Papiere liegen lassen. Natürlich war auch hier nichts.

Ziemlich hoffnungslos kam er endlich auf dem Postamte in Neustadt an, klopfte am Schalter und bat den Beamten, ihm die auf den Namen Hans Finke postlagernde Geldsendung auszuhändigen.

Der Beamte musterte das äußerlich ziemlich verlotterte Ansehen des ärmlichen Menschen und sagte mit einem Blicke voll Mißtrauen: »Diese Geldsendung ist bereits vor einigen Stunden ausgezahlt worden, nachdem der rechtmäßige Empfänger sich durch beglaubigte Papiere legitimiert hat.«

Jetzt erst wurde Hans der Gedanke zur Gewißheit, daß man ihm die Papiere entwendet hatte. Er suchte dem Postbeamten begreiflich zu machen, daß er der eigentliche, der wahre Besitzer der Papiere sei, daß hier augenscheinlich ein Hochstapler gewesen sei, und daß man nach Münsterheim und Sachsenstadt telegraphieren müsse, um den Kerl festnehmen zu lassen, wenn er etwa dort die postlagernden Gelder abheben sollte.

Der Beamte war etwas weniger mißtrauisch geworden und reichte dem Manne zwei Telegrammformulare heraus, damit er telegraphieren sollte. Hans schrieb rasch Telegramme nach Münsterheim und Sachsenstadt und legte sie dem Beamten an den Schalter. Der Beamte zählte die Silben und nannte den Preis. Hans mußte gestehen, daß er nicht in der Lage sei, die Telegramme zu bezahlen, da er keinen Pfennig in der Tasche habe.

Mit einer entrüsteten Bemerkung ließ der Beamte das Schalterfenster niederfallen, keinen Augenblick im Zweifel, daß dieses verdächtige Individuum lediglich eine Schwindelei vorhabe. Beinahe hätte er dem Nationalökonomen die Finger gequetscht; Hans fuhr noch rechtzeitig mit der Hand vom Fenster zurück.

Hier war also vorderhand nichts zu machen. Der Beamte nahm keine Vernunft an. Hätte Hans anständige Kleider getragen und weniger stromerhaft ausgesehen, so würde man wohl der Sache näher getreten sein; aber ein Kerl, der nicht einen Pfennig in der Tasche hatte, durfte auch keinen Anspruch machen, ernst genommen zu werden. Ziemlich verstimmt und eingeschüchtert durch das Benehmen des Beamten verließ der obdachlose Gelehrte das Postamt.

Gegenüber am Markte war die Polizeistelle, und Hans beschloß, zur Verfolgung des Schwindlers, der ihm seine Papiere genommen haben mußte, sogleich die nötigen Schritte zu thun. Er ging in das Polizeibureau und stellte sich dem wachthabenden Beamten als der Doktor Hans Landmann aus Berlin vor, Privatdozent, der unter falschem Namen auf der Fußwanderung sich befinde, um das Pennenleben kennen zu lernen. Er verheimlichte hier sorgfältig, daß er ohne jede Barschaft war, denn er wußte, daß man einen Mann in seiner Kleidung ohne weiteres schon als polizeilich verdächtig ansah, dessen Barschaft weniger als eine Mark betrug. Er setzte dem Beamten seinen Fall auseinander, meinte, es sei notwendig, daß die Polizei in Sachsenstadt und Münsterheim sofort zur Verfolgung des Diebes seiner Papiere aufgefordert würde, und zwar telegraphisch. Denn wenn der Kerl mit dem richtigen Eisenbahnzuge gefahren war, so konnte er jetzt schon in Sachsenstadt sein, und wenn er sich beeilte und von dort mit dem letzten Nachtzuge abfuhr, so wäre es ihm möglich, am nächsten Morgen auch in Münsterheim die dort hinterlegte Geldsendung einzukassieren.

Der Polizeibeamte sah sich den Mann in den verschossenen und fadenscheinigen Kleidern mit dem Berliner auf dem Rücken bedenklich an.

»Ja, wenn Sie ohne Papiere sind, so müßten wir Sie eigentlich gleich hier an Ort und Stelle verhaften.«

Er war zunächst der Meinung, daß er einen Stromer vor sich habe, der sich freiwillig zur Haft melden wollte, um im Gefängnisse oder Arbeitshause bei regelmäßiger Kost und guter Verpflegung sich von den Strapazen des Wanderlebens zu erholen. Das erlebte der Beamte jeden Monat ein paarmal. Hier machte sich augenscheinlich einer eine lange Geschichte zurecht, um auf Grund des Mangels an Papieren in Haft behalten zu werden.

»Erlauben Sie,« meinte Hans ziemlich entrüstet, »es fällt doch keinem Menschen in ganz Deutschland bei unseren Freizügigkeitsgesetzen ein, einen anständigen Menschen in Haft zu nehmen, weil er zufällig keine Visitenkarte bei sich hat. Jeder Deutsche hat das Recht freier Bewegung auch ohne Paß und dergleichen.«

Der Beamte betrachtete sich den Mann noch mißtrauischer und meinte, er wisse wohl, daß Leute, die durch ihr Äußeres den Verdacht der Mittellosigkeit und mithin des Landstreichertums erregten, allerdings einer besonderen Legitimation bedürfen. Wenn er aber glauben sollte, man würde ihm den Gefallen thun, ihn so ohne weiteres in Haft zu nehmen, so irre er sich. Man habe hier am Orte gerade genug Kostgänger des Amtsgerichtes, Stromer, welche sich auf Staatskosten herausfüttern ließen, solche Leute kämen alle Tage und zunächst müsse man wissen, ob es überhaupt wahr sei, daß er keine Papiere bei sich habe. Der Mann winkte zwei Polizisten, das verdächtige Individuum zu untersuchen. Hans wurde ins Nebenzimmer beordert und mußte es sich gefallen lassen, daß man ihm alle Taschen durchsuchte und ihn zur Hälfte entkleidete, um keinen Winkel seiner Kleidung unerforscht zu lassen.

Erst als dem Beamten gemeldet worden war, daß der Fremdling in der That ohne Papiere sei, fing er an, den Worten desselben mehr Glauben zu schenken. Er winkte gnädiger, daß Hans sich setzen solle, und nahm zunächst einmal ein ganzes Protokoll des Falles auf. Äußerst schwer wurde es dem Gelehrten, sich wegen des vollständigen Mangels aller Unterhaltsmittel zu verantworten. Die untersuchenden Polizisten hatten nämlich entdeckt, daß in den Kleidern des Fremdlings nicht ein einziger Groschen aufzufinden war, und den Umstand pflichtschuldigst gemeldet. Hans, darüber befragt, geriet in große Verlegenheit. Man irre sich, er habe noch einiges Geld in seinem Gasthofe, nur zufällig nichts bei sich. Er mochte seine völlige Mittellosigkeit an dieser Stelle nicht gestehen, um seinen ohnehin verwickelten Fall im Gehirne dieser Polizeileute nicht noch mehr zu verwirren.

Als das Protokoll aller Angaben des Doktors aufgenommen war, entließ der Beamte den Gelehrten und sagte: »Kommen Sie übermorgen zwischen elf und zwölf wieder, Herr Doktor Landmann, denn ich nehme vorläufig an, daß Sie uns nicht ›verkohlen‹ wollen; bis dahin werden wir die nötigen Nachforschungen angestellt und Nachricht aus Berlin haben, ob Ihre Angaben richtig sind.«

Und damit hatte man ihm deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er gehen könne. Das Polizeiamt sendete zunächst eine briefliche Anfrage nach Berlin an das Hauptpolizeiamt, ob überhaupt einem Doktor Landmann, alias Finke, Papiere der angegebenen Art ausgestellt worden seien. Gleichzeitig wurde aber Auftrag gegeben, den stromerhaften Menschen hier in Neustadt zu überwachen, falls er etwa beim Fechten betroffen würde. Denn der Polizeivorstand zweifelte keinen Augenblick, daß in Wirklichkeit doch nur ein schwindelhafter Himmelsfechter sich aus irgend einem Grunde ausliefern wollte. Infolgedessen legte man seinen Angaben wegen der postlagernden Gelder auch einen weiteren Wert nicht bei und beschloß, erst die Nachricht aus Berlin zu erwarten, ehe weitere Schritte unternommen würden.

Als Hans auf die Straße trat, knirschte er vor innerer Entrüstung. Er sah ein, daß unter solchen Umständen der unbekannte Flebbendieb mit größter Behaglichkeit seine Gelder einkassieren mußte, und alles bloß, weil er keinen Heller Geld und einen verschossenen, schlechten Rock anhatte.

Was thun?! Er mußte doch wenigstens leben. Es blieb nichts übrig, als sich in einen Gasthof zu begeben, dort ein Zimmer zu nehmen, in dem Gasthofe eine unbezahlte Rechnung anwachsen zu lassen und zu warten, bis er sich aus Berlin Geld verschrieben hatte. Das einfachste war unter solchen Umständen, an seine Braut zu schreiben, die ja die Verwahrung seines Geldes übernommen hatte, daß sie ihm schleunigst einen Geldbrief sendete. Das wollte er sogleich thun.

Er schritt mit leichterem Herzen auf den »Goldenen Schwan« los und ersuchte unten im Hausflur den Oberkellner um ein Zimmer und gleichzeitig um Briefpapier und Tinte. Der Oberkellner musterte seinen Anzug und seinen »Berliner«. Er war sehr mißtrauisch geworden, denn schon am Vormittage war ein ähnlicher schäbiger Kerl dagewesen, der ein Zimmer im dritten Stocke gemietet, dann aber, ohne eine Spur zu hinterlassen, wieder fortgelaufen war.

Der Oberkellner meinte: »Dieser Gasthof ist ein Hotel, keine Herberge. Wenn Sie Unterkunft wünschen, müssen Sie in die Herberge gehen.«

Landmann versuchte nun, diesem Manne seinen höchst verwickelten Fall auseinanderzusetzen. Der Oberkellner aber schien nicht viel Zeit zu haben, Hans sagte, er müsse darauf bestehen, hier ein Zimmer zu erhalten, wenn man ihn nicht zur Verzweiflung treiben wollte. Er stellte dem Oberkellner, der den Wirt rief, so eindringlich vor, daß er doch nicht auf der Straße liegen bleiben könne, er, ein wissenschaftlich gebildeter Mann, daß der Kellner einlenkte und sagte, er wolle ihm ein Zimmer geben, aber er müsse es vorher bezahlen, in Anbetracht seines wenig Zutrauen erweckenden Äußeren.

»Das kann ich ja aber nicht,« jammerte der unglückliche Gelehrte. »Ich muß ja erst nach Hause schreiben um Geld –«

Er kam nicht zu Ende. Der Wirt hatte bereits den Hausknecht herangewinkt, der seine Arme reckte, um den hartnäckigen Zechpreller – denn als solcher hatte sich Hans in den Augen der Leute entpuppt – schleunigst auf die Straße zu befördern. Er mußte es vorziehen, beschämt und eingeschüchtert zugleich den »Goldenen Schwan« zu verlassen. –

Wohin aber sollte er nun? In die Herberge! In die Herberge konnte er ja aber auch nicht, denn dort war das erste, daß man ihm seine Papiere abforderte, und die hatte er nicht. Auch dort nahm man ihn nicht auf.

Also obdachlos! Obdachlos in des Wortes vollem, bitterernstem, unwiderruflichem Sinne! Mitten im Getriebe der Kultur, mitten in einer Stadt, voll von Wohnungen und Menschen, voll von Zimmern mit den schönsten Betten und Sophas darin, mitten im geordneten, mit Wohlthätigkeitsanstalten und öffentlicher Armenpflege reichlich ausgestatteten Staate obdachlos. Nicht einmal in einer Polizeihaft, im Gefängnisse mochten sie ihn haben; er hatte ganz deutlich gemerkt, daß die Polizei ihn los sein wollte, in Anbetracht der Überfüllung ihrer Haftzellen und vielleicht sogar ein Auge zudrücken würde, wenn er etwa weiter herumstromerte. Auch das Gefängnis mußte er sich mindestens erst verdienen, da er aber ein gebildeter Mann, Lehrer der Volkswirtschaft und Nationalökonomie war, so konnte er weder stehlen noch betrügen, auch sonst keine Übelthat begehen, die ihm eine augenblickliche Unterkunft verschaffte.

Hilfloser als die Hilflosen war er wenigstens für zwei Tage, das sah er voraus, vollständiger Obdachlosigkeit verfallen. Er konnte nicht einmal den Brief an seine Braut bezahlen, denn er hatte nicht die zehn Pfennige dazu. Er mußte ihn unfrankiert senden, aber er wagte das nicht aus einem Anstandsgefühl, das vorderhand noch mächtiger war als seine Verlegenheit. – Seine Aussichten wurden immer schlimmer. Ja, Himmel, wovon sollte er denn leben? Wenn auch übermorgen die Polizei seine Angaben als richtig befand, war damit erstens seine Identität mit ihm selbst festgestellt, und hatte er deshalb Geld? Es konnte drei, vier Tage dauern, ehe er zu Gelde kam. In dieser Zeit konnte man aber buchstäblich verhungern. Dem Gelehrten war es, als würde er lebendig begraben.

Der Abend war hereingebrochen. Ratlos war Hans in den Park vor der Stadt hinausgewankt und hatte sich müde, abgetrieben und zerschlagen an allen Gliedern auf eine Ruhebank gesetzt. Daß man also allen Ernstes und buchstäblich als ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der alle Fragen der Gesellschaftsordnung und Volkswirtschaft emsig durchdacht und auch schon über Obdachlosigkeit geschrieben hatte, selber vollständig vogelfrei wie ein Tier der Wildnis werden konnte, war das peinliche, wissenschaftliche Ergebnis dieses Tages, in dessen Gedenken Hans zuletzt mit einer gelinden Verzweiflung auf der Bank im kühlen, nächtlichen Parke einschlief. –

Die Sterne zogen am Himmel herauf und funkelten blitzend zwischen den Blätterlücken der Baumwipfel durch, der Springbrunnen vor der Büste des Bürgermeisters plätscherte, vom Nebelrauch der Nacht umdunstet, in das Marmorbecken, während der Schlummernde davon träumte, daß die Sterne am Himmel nichts als goldene Zwanzigmarkstücke seien, die aus einem Füllhorn über ihn ausgeschüttet würden, aber alle neben ihm ins Wasser fielen und versanken, ohne daß er ein einziges aufzufischen vermochte. Allmählich sank der Leib des Schlummernden seitwärts an der Lehne der Bank herab; der Mond stieg, zwischen leichten weißen Wölkchen ziehend, hinter den schwarzen Massen der Bäume herauf und warf einen scharfen Schlagschatten vor das Denkmal des Bürgermeisters hin von der unförmlich zusammengesunkenen Gestalt eines Menschen, der mit einem Geiste voll tiefer Einsichten in die Gesetze der menschlichen Kulturbewegung auf den äußersten Naturzustand zurückgeworfen war, aber in seinem Schlummer weder von Mond und Sternen, von Natur und Kultur etwas wußte. Der Mond ging wieder unter, der Morgen dämmerte herauf. Tau fiel auf die Gräser und Blumen der Wiesen und auf die Kleider des Schlafenden, welche sich leicht feuchteten. Die Morgenröte hauchte am Himmelsgewölbe empor, in den Wipfeln begann es zu regen und zu hüpfen, die ersten Vögel zwitscherten noch halb aus dem Traume ihre Lieder heraus, bis sie mit dem Heraufsteigen der Sonne lauter und fröhlicher schwatzten. Morgenduft wehte zwischen dem Laube der Bäume durch, ein erfrischender Wohlgeruch und Blütenduft dunstete in die klaren Sonnenstrahlen hinein, und das Bild der Bäume, des Springbrunnens, des Denkmals, der Häuser der Stadt mit dem altertümlichen Turme im Hintergrunde auferstand wieder aus nächtlicher Unsichtbarkeit in die tageshelle Gestalt der sonnigen Sichtbarkeit aufgebaut. Auch der schlafende Obdachlose wurde wieder in voller Wirklichkeit sichtbar, aber er lag jetzt unter der Bank, und seine Glieder waren in gestaltloser Unordnung unter seinen Leib gedrückt, sodaß es mehr das Durcheinander von einem Menschen erschien, als ein wohlgegliedertes Gebilde der Natur.

Spatzen kamen auf dem Kieswege vor der Bank herangehüpft, flatterten auf die Bank, besprachen neugierig und in einer unverständlichen Kunden- und Gaunersprache den Fall und versammelten sich in größerer Anzahl vor diesen Trümmern eines Gebieters der Schöpfung. Sie wälzten sich mit ihren verschossenen, grauen Federkleidern badend im Sande, erzählten sich, wo in der Nähe für »arme Reisende« in abgetragenen Bettelkleidern, wie Spatzen nun einmal sind, die besten Ortsgeschenke einzuheimsen seien, besprachen, wo man die Brosamen vom Tische des Lebens am reichlichsten vor Küchenfenstern und Hausthüren fände, und fingen zuletzt an, mit lauter Stimme zu schimpfen und zu schelten, höchst unerhörte Ausdrücke ihrer Bettelmannssprache brauchend, daß es gerade so aussah, als wäre man auf einer Vogelpenne und Herberge.

Plötzlich flatterte aber die ganze Gesellschaft mit schwirrenden Flügeln auf und suchte erschrocken das Weite wie fahrende Kunden, hinter denen ein Polizeiwachtmeister herkommt, um den einen oder andern in Haft zu nehmen. Hans war nämlich erwacht, hatte mit dem linken Arm um sich geschlagen und sprang plötzlich erstaunt auf, um sich abermals mit Verwunderung zu besinnen, wie er in diese Lage gekommen war.

Kein Zweifel, er war noch immer der Privatdozent Dr. Hans Landmann, der augenblicklich in ernster Geldverlegenheit war und mit einem ganz rebellischen Hunger die junge, strahlende Morgensonne begrüßte, nachdem er sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte.

Es war in der That Zeit, daß man frühstückte. Aber lieber Himmel, wie denn? Man konnte doch nicht hier im Parke die Blätter von den Bäumen pflücken und sie statt der Früchte genießen, die im Sommer an den Obstbäumen und Spalieren hängen sollten. Heidelbeeren waren kaum erst im Anfang der Blüte, Erdbeeren waren noch nicht reif, die Ungunst der Jahreszeit war groß für jedes Bedürfnis, Nahrung im paradiesischen Zustande im Walde und auf der Heide zu suchen. In dem Wasserbecken des Springbrunnens schwammen zwar einzelne Goldfische, und aus dem Parkteich, an dem Hans Landmann sinnend wandelte, schnappten wohlschmeckende Karpfen mit ihren gierigen Fischguschen heraus – aber um Karpfen im Naturzustände zu frühstücken, mußte man sie mindestens erst haben.

Hans sann lange, wie er es möglich machen sollte, sich durch Fischzucht aus diesem Teiche zu ernähren, er mußte sich aber gestehen, daß er mit den bloßen Fingern nicht angeln konnte. Er konnte alle fünf Finger einen ganzen Tag lang in den Teich hängen, so würde doch kein einziger Karpfen anbeißen, das wußte er genau. Ein Hase saß drüben am Rande der Wiese und machte ein Männchen. Hans kam einen Augenblick der Gedanke, ob er den Hasen nicht umgehen könnte, dann auf ihn losstürzen, ihn bei den Ohren packen und mit seinem Taschenmesser ihm den Hals abschneiden. Er sagte sich, daß diese Umgehungstaktik auch nicht zum Ziele führen würde, und daß es ihm infolgedessen für heute versagt bleiben mußte, frischen Hasen zu speisen. Außerdem gehörte der Hase selbstverständlich dem Pächter des Jagdreviers, so daß eine solche Hasenjagd nichts anderes als Wilddieberei gewesen wäre. Die Karpfen im Teiche, die Forellen im Bache, alles, was Eßbares flog und kroch in Lüften wie auf der Erde, war eigentlich schon in festen Händen, so daß der Gedanke, auf diese Weise zu einem Frühstück zu kommen, schon deshalb aussichtslos war. Das mochte in Afrika oder in den Urwäldern Brasiliens eine natürliche Art, Nahrung zu beschaffen, sein; in kultivierten Gegenden wie bei Neustadt war es anders.

Hans empfand mit dem vollen Bewußtsein eines Mannes, der Volkswirtschaft studiert hat, welch ein eigentümlicher Zustand der menschlichen Kultur es doch sei, daß thatsächlich der Besitzlose sich nicht einmal die natürliche Nahrung der freien Natur innerhalb der menschlichen Gesellschaft verschaffen konnte, da überall auf alles einigermaßen Genießbare von Staat, Gesellschaft, Pächtern und Privatbesitz Beschlag gelegt war. Und indem er eine knurrende Leere in seinem Magen fühlte, wollte ihm dieser Zustand ganz schauderhaft erscheinen. Ratten und Mäuse, die durfte er allenfalls fangen, und wenn Sommer gewesen wäre, hätte er Heidelbeeren pflücken dürfen. Aber die Ratten waren schon durch ihre Trichinen gefährlich, und die Heidelbeeren nährten natürlich auch nicht. Hans konnte sich nicht enthalten, diese Erfahrung, die er machte, sich besonders einzuprägen; sie schien ihm in diesem Augenblick von ungeheurer Bedeutung für seine Wissenschaft. War diese ganze Art der Volkswirtschaft, in welcher die europäische Menschheit lebte, nicht eine ungeheuer verkünstelte Maschine?! War im Grunde die natürliche Selbsthilfe des einzelnen nicht ausgeschlossen? Ja, erlebte man nicht, daß diese überkünstelte Maschine mitten in großen Millionenstädten höchst gebildete Menschen leibhaftig verhungern ließ? War nicht erst vor einiger Zeit in Berlin ein Schriftsteller leibhaftig verhungert, und hungerten nicht zur selben Zeit, während er hier mit heimlichem Neide in den Karpfenteich blickte, in Rußland Millionen von Menschen? Liefen sie dort auch nicht herum in Wald und Heide und nährten sich von Wurzeln, um doch zu verhungern, und hatten sie nicht Pferde, Kühe, Hab und Gut verkaufen müssen zu Tausenden, um nur einen elenden Bissen Brot zu erlangen, bis der letzte Rubel ausgegeben war, und nun der Mensch zum »nackten Ding an sich« geworden war, wie Hasenklau sich genannt hatte? War dort nicht auch die verkünstelte Maschine ins Stocken geraten infolge der Mißernten und der Mißwirtschaft sogenannter Nationalökonomen, die mit ihren verkehrten Theorien verkehrte Staatswirtschaft in die Köpfe der Minister gebracht und so Millionen einer Nation in wenig Monaten zu Landstreichern und Walzbrüdern heruntergebracht hatten, die Nahrung heischend die weiten Gebiete des Zarenreiches durchirrten?

Hans verging während dieser Gedanken aller Humor. Ein leises Grausen erfaßte ihn; seine eigne Lage erschien ihm noch viel schlimmer als vorher; er sah die Möglichkeit ein, daß er binnen vier Tagen zu einer Art von Skelett abmagern müsse, wenn ein unvorhergesehener Zufall ihn nicht aus dieser Lage befreite, in die ihn im Grunde nur sein gutes Herz versetzt hatte. Aber im Gedanken an die Leiden, die so viele litten, bereute er es doch nicht, sein ganzes Geld an die Speisung und Kleidung der armen, verkommenen Menschen verschwendet zu haben, die er auf der Penne kennen gelernt hatte. –

Diese Gedanken beschäftigten ihn eine Weile, bis ihn sein knurrender Magen wiederum daran mahnte, daß er eben hier im Parke nicht von Baumrinden leben konnte. Er machte sich also nach der Stadt auf, vielleicht, daß ihm dort ein Einfall käme, wie er, ohne zu stehlen, zu einem Frühstück gelangen sollte.

Er hatte kaum das steinerne Pflaster einer der innern Straßen des Städtchens betreten, als sein Blick unwillkürlich durch die Fensterscheibe eines Fleischerladens gefesselt wurde, an dem er vorbei kam. Er blieb stehn und schaute in die Auslage hinein. Da hingen appetitliche Würste, Leberwurst, Schlackwurst, in sauberen, weißen Därmen, höchst einladend zugerichtet. Saftige Schöpskeulen, Ochsenlenden waren verführerisch aufgelegt; ein großer gekochter Schinken winkte in der feinsten malerischen Farbenmischung, und zum Überfluß hatte die Fleischerin die Bratenstücke für den Aufschnitt noch zierlich mit Blumen und Grün umkränzt. Hans blickte mit selbstvergessener Sehnsucht auf diese eßbaren Dinge herab. Er stellte sich lebhaft vor, welch ein zufriedenstellendes Gefühl es sein mußte, wenn er jetzt mit einem Viertelpfund Schinken in der Hand und einem Weißbrot sich hätte in einen Hausflur stellen und solche verzehren können. Er fand, daß die Würste, mochte man sie oben oder unten, von rechts oder von links ansehen, nur das tiefste Vertrauen erwecken konnten. Die junge Fleischersfrau, die drinnen hinter dem Laden stand, hackte eben ein paar geräucherte Schweinsrippchen für eine kaufende Köchin zurecht. Solche Schweinsrippchen aß der Privatdozent für sein Leben gern, besonders mit Kraut, und als die Köchin wieder herauskam und den Laden verließ, schaute er ihr bis ans Ende der Straße nach und betrachtete mit scharfen Blicken den Handkorb, in welchen sie die Rippchen hineingelegt hatte. Die Köchin verschwand um die Straßenecke und mit ihr auch der inhaltsvolle Korb. Hans schluckte unwillkürlich hinten am Gaumen.

Schon wollte er von einem tiefen Drange erfaßt in den Laden hineingehen, um der Fleischerin seine näheren Verhältnisse auseinanderzusetzen, ihr zu erzählen, wer er sei und warum er augenblicklich so große Zuneigung zu ihren Schinken und Würsten hege, als er an der umgelegten Thüre des Holzladens ein Schild erblickte mit dem Aufdruck: »Mitglied des Vereins gegen Armennot und Bettelei.«

Er wußte selbst nicht recht, warum er mit einem betrübten Ausdruck im Antlitz bei diesem Anblick umkehrte und den Fleischerladen verließ. Es quälte ihn augenscheinlich, länger die verlockenden Speisen anzusehen, die ihm doch so unerreichbar waren wie die Sterne am Himmel. Er sagte sich im Geiste den Goetheschen Spruch vor: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht.«

Plötzlich kam ihm zum Bewußtsein, daß er, ohne es recht zu wissen, soeben wie ein wirklicher, unzweifelhafter Fechter vor dem Warnungsschilde des Fleischers zurückgewichen und weitergegangen war. Ja, war er denn schon zum leibhaftigen Walzbruder geworden?! – Wie ein leuchtender Blitz wurde ihm der Gedanke klar, der einzige Weg, um heute zu einem Frühstück zu kommen und sich überhaupt während der nächsten Tage wohlbeleibt und ohne Magerkeit zu erhalten, sei der, daß er in allem Ernste zu fechten begänne. Und warum sollte er das nicht thun? War er nicht ausgezogen, um das Fechterleben an der Quelle zu studieren? Wollte er nicht ein Buch darüber schreiben? Und mußte er, um das zu thun, nicht vor allem auch selber sich einmal im Betteln versuchen, um zu sehen, wie es einem dabei zu Mute wäre?!

Die Sache wäre sogar sehr erheiternd gewesen, wenn ihn erstens nicht eine Art Magendrücken befallen hätte, und zweitens das Verwünschte bei der Sache gewesen wäre, daß es gar nicht seine freie Wahl war, ob er betteln wollte oder nicht. Wenn er noch eine hübsche Barschaft in der Tasche gehabt, die ihm ein Gefühl der bürgerlichen Sicherheit gegeben hätte, ei, dann wäre es ja ein außerordentlicher Spaß gewesen, einmal verschiedene vorübergehende Mitmenschen um eine milde Gabe zu ersuchen. Darin lag nichts Beschämendes und Demütigendes. Aber jetzt in allem Ernste, weil nichts anderes übrig blieb, um ein paar Pfennige fechten zu müssen, das war denn doch eine äußerst peinliche Sache, um so peinlicher, als er selber Wirtschaftspolitiker war, alle möglichen Grundsätze der Güterbewegung in seinen Kollegien gelesen hatte und somit eine gesteigerte Empfindsamkeit gegenüber seinem verwünschten Schicksal besaß. Auf der andern Seite pries er es dagegen, daß es dem wissenschaftlichen Ernst seiner Sache nur nützen konnte, wenn er einmal die Lage eines fechtenden Mannes vollständig kennen lernte, und er beschloß daher sogleich zu handeln.

Warum soll ich nicht auch einmal die Brosamen von der Tafel des Lebens essen? meinte er mit erneutem Humor bei sich. Warum soll ein deutscher Denker nicht auch einmal walzen? Der Mensch muß alles durchmachen! Hans Sachs hat auch gefochten und ist doch unsterblich geworden! Also los!

Er reckte sich auf und rüttelte sich energischer zusammen, stemmte den Knotenstock fester vor sich auf das Pflaster und faßte den Riemen seines Reisebündels mit zuversichtlicher Hand an, um ohne Zögern die nächsten Leute, die er treffen würde, anzusprechen. Als er nun aber gegen den Marktplatz vorkam, standen dort so viele Leute um die Gemüsehändlerinnen und Marktfrauen herum, daß er ein inneres Verzagen fühlte und zunächst überhaupt niemanden anzureden wagte. Er ging also in eine engere Seitengasse, und, als ihm hier ein Herr, der augenscheinlich ins Geschäft ging, entgegenkam, beschloß er, diesen anzureden. Merkwürdigerweise aber fand er, daß er den Mann noch nicht angesprochen hatte, als jener an ihm vorübergeschritten war und einen bedauernd-verächtlichen Blick auf ihn geworfen hatte. O, dieser Blick! Dieser Blick konnte zum Verzweifeln bringen, er hatte ihm die Zunge gelähmt. Hans hatte eine Empfindung, als würde er es in seinem ganzen Leben nicht fertig bringen, irgend einen Menschen anzusprechen. Aber fast war es, als erfasse ihn ein tiefer, ein unergründlicher Haß im selben Augenblicke, als könnte er zum Räuber, Mörder und ärgsten Verbrecher werden, nur um dieses Blickes willen. Wenn er diesen Blick des Menschen, in dem der Mensch seinesgleichen nicht als seinesgleichen ansah, noch mehr ertragen mußte, dann wollte er lieber in eine Wüste fliehen, wo er kein Menschenangesicht mehr sehen würde, um dort einsam zu verhungern.

Er sah ein, er mußte aus der Stadt heraus. Solange er das harte Pflaster trat, und die Enge der Gassen und die Nähe anderer Menschen ihn drückte, würde er nicht den Mut finden zu reden; die Worte würden ihm immer auf der Zunge stocken. Ach, wie schwer mußte es so manchem geworden sein von den Tausenden, die einst bessere Tage gesehen und dauernd zu Schmarotzern der Gesellschaft geworden waren, das erste Bettelwort zu sprechen, mit dem der Mensch die Selbstachtung in der Mißachtung anderer preisgab!

Hans wanderte, nachdem er sein Herz mit solchen Betrachtungen erleichtert hatte, wieder nach dem Stadtgarten hinaus. Als er die ersten Kieswege betrat, sah er vor sich ein Pärchen wandern, nach der Art, wie sich das junge Frauenzimmer an den Arm des Mannes drückte, augenscheinlich ein Liebespaar. Eine sehnsuchtsvolle Erinnerung an seine eigne Braut, die jetzt wohl ahnungslos in Berlin saß, und der er nicht einmal einen freigemachten Liebesbrief schreiben konnte in Ermangelung des nötigen Neugroschens dazu, erfaßte sein Herz. Er hatte ein unendliches Zutrauen zu dem jungen Frauenzimmer dort vor sich und glaubte, ihr gegenüber würde er doch den Mut zu seiner Bitte finden. Er beobachtete also, welchen Weg das Pärchen nahm, um ihm von einer andern Seite entgegenzugehen, und nach einigen Manövern geschah es auch, daß sie inmitten eines schattigen Baumganges, in welchen warme Strahlen der Sonne hineinfielen, ihm entgegenkamen.

Da faßte er endlich ein Herz, trat dem Manne, einem jüngeren Herrn, entgegen, nahm seinen Hut ab und versuchte eine möglichst demütige Haltung anzunehmen. Es war ihm aber, als spräche gar nicht er selbst, sondern als rede ein anderer, fremder Mensch aus ihm heraus, als er stotternd die Worte vorbrachte:

»Ein hilfloser armer Reisender, mein Herr.«

Der junge Herr, augenscheinlich unangenehm gestört in den beseligenden Empfindungen zu seiner Geliebten oder Verlobten, warf einen Blick von oben herab auf den Stromer und sagte: »Müssen weiter geh'n. Gebe nichts.«

Hans hatte wieder diesen Blick gesehen, der all seinen Mannesstolz empörte, und hatte Mühe sich zu beherrschen. Mit zitternder Stimme, mit einem tiefernsten Tone entgegnete er stehen bleibend: »Ich bin in wirklicher Not, mein Herr.«

Die Dame schenkte ihm dagegen einen holden Blick des Mitleids und der ungekünstelten Menschenliebe und sagte leise bittend zu ihrem Begleiter: »Gib ihm doch etwas.« Der Herr zog unwillkürlich sein Geldtäschchen hervor.

Hans hatte den Blick der reinen Menschengüte in diesem Mädchenauge gesehen und ihm war, als jubelte es leise in seinem Herzen über die schönste Eigenschaft des weiblichen Gemütes. Ja, er wußte es, gütig und mitleidig waren sie alle, die holden Töchter und Frauen der Menschen, eine stille Begeisterung nach all den Qualen des Tages erfaßte ihn, und seine Rolle ziemlich vergessend, sagte er zu der jungen Dame:

»Dank, schöne Fürbitterin. Was ist das schönste an der Liebe? Daß sie nicht nur die Liebe zu dem Geliebten ist, sondern auch das Herz milde stimmt für Leid und Glück anderer. Möge der Himmel Ihren Bund segnen.«

Er empfand, daß er ein wenig zu gebildet gesprochen hatte, und, um diesen Eindruck zu verwischen, wendete er sich rasch mit den Worten an den jungen Mann: »Mein Herr, ich bitte nicht um Geld, wenn Sie vielleicht auch nur ein altes Hemd oder ein paar abgetragene Hosen hätten –«

»Was? Sind Sie verrückt?!« sagte der andere und steckte beleidigt sein Geld wieder ein.

»Aber, mein Herr, ich könnte sie ja versetzen –!« stotterte Hans.

»Versetzen?! – Nicht einmal selber tragen?! – Komm, Marie, dieser Mensch denkt, ich trage die alten Hosen gleich mit mir auf der Straße herum.« – Sprach's, nahm den Arm der jungen Dame und ging achselzuckend mit ihr weg, um rasch weiter zu kommen. –

Verdutzt und betroffen schaute Hans dem Paare nach. In der That, er hatte eine unglaubliche Dummheit begangen. Wie war ihm das aber auch nur so herausgefahren! Jetzt hätte er nun, wäre er nur einigermaßen geschickt gewesen, wenigstens fünf Pfennige bekommen, die Hälfte von dem, was er brauchte, um einen Brief an seine Braut, mit dem Ersuchen, Geld zu schicken, abzusenden. Man muß wahrhaftig auch das Fechten erst lernen! meinte Hans bei sich. Es ist eine psychologische Kunst, keine Frage.

Wie verwundert war der Privatdozent, als er in diesem Augenblicke die Jette Fremder, ein Körbchen voll Vergißmeinnichtsträußen in der Hand, aus einem Seitenweg auf ihn zutreten sah. Mit einem zufriedenen Blicke schaute das Mädchen den Schlossergesellen an, den sie gestern Abend überall gesucht und nicht gefunden hatte. Der Penneboos hatte ihr gesagt, der Schlossergeselle müsse nach Neustadt sein. Da war sie frühmorgens beizeiten von ihrer Herberge aufgebrochen, hatte an einem Weiher die Blumen gepflückt und Sträußchen gewunden, um sich in der Stadt sehen lassen zu können als Blumenverkäuferin, und hatte auch, als sie hereinkam, den Gesuchten gleich auf dem Markte stehen sehen. Sie war ihm bis hierher gefolgt, trat nun auf ihn zu und sagte mit niedergeschlagenen Augen:

»Guten Tag auch, Herr Finke.«

»Guten Tag auch, Jette« entgegnete Hans, froh, ein menschliches Wesen zu finden, mit dem er einmal ein Wort sprechen konnte.

»Hast de denn auch gut geschlafen die Nacht, Katzenkopp?!« frug die Jette teilnahmsvoll. Und in der Erinnerung, wie sie am vergangenen Tage im Grase ihn hatte schlummern sehen, der nun in erwachter Lebendigkeit so zum Verlieben vor ihr stand, sagte sie mit etwas verschämtem Ausdrucke: »Ick habe Sie ja schlafen gesehen.«

Hans, gerührt und erheitert zugleich über die Miene des Mädchens, meinte mit dem Ausdrucke herzlicher Gutmütigkeit: »Danke, Jette; es ist mir lieb, daß du mich im Schlafe geseh'n hast,« und er konnte auch in der That ein gewisses Gefühl der Beruhigung in sich spüren, daß dem so war.

Da war nun wieder die Jette hochbeglückt und sagte vergnügt: »Ach, is et wahr?! Du hast'n bisken schlecht gelegen, und denn hab ick dir deinen Kopf 'n bisken zurecht gelegt. Hier mit den Trittchen, – sie wies ihren Schuh unter dem Rocke vor, worin strumpflos ihr Fuß steckte – mit den Trittchen habe ick dir den Kopf gestützt, die hast du als Kopfkissen gehabt, weil du mir sie ja erst geschenkt hast. Hast du nischt gemerkt?!« Sie nahm ein Vergißmeinnichtsträußchen aus ihrem Korbe, blickte vor sich nieder, indem sie purpurrot im Gesicht wurde, und frug: »Magst du wohl een paar Blümeken in dein Knopfloch haben?«

Hans sah innerlich beglückt das Erröten dieses verkommenen, armen, ausgestoßenen Kindes, das in seinem zerschlissenen roten Rocke, in den ausgetretenen, allzu weiten Damenschuhen, im Ärmel ein Loch, wo der nackte Ellenbogen durchschimmerte, doch wie ein Wesen aus einer besseren Welt vor ihm stand. Er sagte mit einem Blick auf das Sträußchen: »Jawohl, Jette, Blumen aus der Hand eines guten Mädchens sind der schönste Schmuck, besser als Juwelen und Smaragden.«

»Na, denn will ick sie dir ein bischen anstecken« meinte die Jette, indem sie ihm das Sträußchen ins Knopfloch schob. Sie blickte den heimlich Geliebten eine Weile bewundernd an, brach aber dann plötzlich in heftige Thränen aus, schluchzte in den aufgehobenen Rockzipfel, mit dem sie sich die Augen wischte, und rief bekümmert aus: »O Jotte doch, wie gut er aussieht.«

»Was weinst du denn, gute Jette?« frug Hans mitleidig.

»Mir hat niemals ein anständiger Mann Blumen ins Knopfloch gesteckt!« sagte das Mädchen von neuem schluchzend.

Hans griff in ihr Körbchen, das sie vor Weh beinahe ausgeschüttet hätte, nahm ein anderes Sträußchen und sagte: »Na, das können wir wohl haben, Jette. Es ist aber freilich dein eigener Strauß, den du gepflückt hast.«

»Ach, das macht nichts« sprach die Jette etwas ruhiger.

»Na, da halte mal still, Jette,« meinte der Privatdozent, indem er ihr ein Sträußchen auf dem Busen festmachte und einige andere Blumen ihr ins Haar befestigte. Er streichelte ihr die Wange und sagte, selbst nicht ohne Stolz über seine Künste: »Na, da siehst du ja gerade aus wie eine Braut, Jette!«

Strahlend vor Glückseligkeit griff Jette nach ihren Haaren, sah dem Manne verliebt ins Gesicht und sprach ungläubig: »Ach, is et wahr? Wie eine Braut?! – Wenn ick nur einen Spiegel hätte!«

Hans mochte ihr das Vergnügen nicht versagen. Er setzte sich auf eine Ruhebank, schnürte seinen Berliner auf, Jette setzte sich neben ihn, und er zog aus dem Bündel seinen kleinen Handspiegel hervor, den er nach Handwerksburschenweise bei sich führte. »Da, Jette« meinte er herzlich, indem er ihr den Spiegel gab.

Jette blickte hinein, sah drinnen ihr Gesichtchen mit den Blumen bekränzt und putzte sich zurecht. Sie sah auch das hübsche, nur etwas verwahrloste Gesicht des Schlossers im Spiegel über ihre Achsel weggucken, denn Hans blickte mit ihr auch herein, und über den beiden Gesichtern fiel ein Bild des grünen Baumwipfels mit hernieder, der über ihnen rauschte. Da stieß die Jette leise mit ihrer Schulter an Hans an und sagte mit verschämter Hoffnung: »Ach Gott, wenn ick nur ein einziges Mal in meinem Leben eine richtige Braut wäre! – Willst du denn nicht eine Werkstatt errichten, mein Schlosser, wenn du von der Walze wieder heimkehrst? – Da muß doch auch eine Frau Meisterin sein!«

Hans verstand die Anspielung, die darin liegen sollte, nicht. Er dachte an seine Braut, die ja wohl auch einst seine liebe Meisterin sein sollte, und meinte, unangenehm an seine augenblickliche Lage erinnert:

»Ach, Jette, das weiß ich selber nicht. Ich weiß ja nicht einmal, was aus mir werden soll. Ich bin so heruntergekommen, daß ich keinen Pfennig in der Tasche habe und nicht weiß, wie ich nachher zu Mittag essen soll.« Er vertraute ihr an, daß er seine Papiere verloren habe und damit völlig obdachlos sei. Daß man sie ihm gestohlen habe, wollte er nicht gestehn, da ihn vor dem Mädchen ein gewisses Gefühl der Beschämung davon zurückhielt.

»Was? Und erst hast du mir die Schuhe gekauft?!« meinte die Jette, als sie hörte, daß er in Not sei. »Ach, für dich, für dich, mein Schlosser, bettelte ich ja die Kaiserin von China selber an.«

»Ja, ja, Jette, wir sind wohl beide arme Leute,« meinte Hans, gerührt über ihre Bereitwilligkeit, aber wenn's sein muß, so will ich schon selber fechten, denn selber ist der Mann.«

»Thu's nicht; thu's nicht, Schlossergesell,« bat die Jette jetzt dringender, indem sie sich erhob. »Mein guter Handwerksbursch, ick sehe ja schon, daß du noch nicht schmal gemacht hast, ick hab's ja gemerkt, wie du vorhin det Liebespaar angesprochen hast. Du bist ja wohl zum erstenmal auf der Walze, kennst det Geschäft nicht, und wenn du'n ordentlicher Mensch werden willst, denn is et heutzutage besser, wenn du selber gar nicht in die Fechterei gehst. Es wäre ja auch wegen deiner Frau Meesterin, setzte sie stockend hinzu, besser, wenn du mal sagen kannst, daß du det Fechten nicht nötig gehabt hast. Deine Papiere wirst du schon wieder ersetzt kriegen, und denn gehst du nur zu den Schlossermeistern und Innungsvorständen auf deiner Wanderschaft und laßt dir das Innungsgeschenk geben, suchst hier Arbeit bei einem Schlosser, bis du so viel verdient hast, daß du weiterwandern kannst. So machen's die anständigen Handwerksburschen, die noch keene Zitronenschleifer sind, weil sie ihr Handwerk verlernt haben. Aber wie so'n richtiger mieser Kunde zu fechten, det is nischt für dich.«

Hans konnte sie nicht in seine verzwickte Lage einweihen, die ihm all diese guten Vorschläge unmöglich machte, da er sein Inkognito unter den gegenwärtigen Umständen erst recht nicht aufgeben durfte. Er sagte nur: »Ja, was soll ich denn aber so lange machen, bis ich wieder Papiere habe. Ich kann doch nicht verhungern.«

Jette sah ihn gütig an. »Na, weeßt du was, det is doch ganz einfach. So lange will ick als deine Tippelschickse jehn. Denn das ist eben so'n Mädchen oder eine Frau, die mit einem geht und für ihn bettelt. Du brauchst selber jar nischt zu thun. Ick könnte ja sagen, daß du mein Mann wärst und todkrank zu Hause lägst, und daß wir ein Kind zusammen erwarten, und wovon soll det arme Wurm nun leben?! Ick thue so, als wär' ick deine Frau; und du kannst dir bei Erdmannsdorf in den Wald legen bei dem See, da wo die Landstraße um den See biegt. Dort komme ick heute Abend hin, von den Sträußchen verdiene ick so schon ein paar Groschen, die bringe ich dir mit und Pickus ooch, denn wenn ick in den Dörfern, wo se mir nicht kennen, erzähle, daß ick een Kind erwarte, da kriege ich ja soviel gute Sachen, daß wir's allein gar nicht essen können. – Also ick zittere jetzt los, und gegen Abend findest du mich am Erdmannsdorfer Seeteich, und du kannst dich derweil in den Wald legen. Das gilt.« Sie machte sich auf, ordnete ihre Sträuße im Korbe und wollte nach der Stadt, um für den Geliebten zu fechten. Sie hatte den Instinkt und den Hintergedanken dabei, daß, wenn der Geselle sie für einige Tage zum Scheine als seine Begleiterin annähme, der sich von ihr füttern und erhalten läßt, er gewiß auch sich dann enger an sie anschließen würde, um sie eines Tages zu seinem richtigen Bräutchen und zu seiner Frau Meisterin zu machen.

Sie erschrak aufs tiefste, als Hans auf ihren Vorschlag mit großer Bestimmtheit sagte: »Nein, Jette, von jeder anderen würde ich das vielleicht annehmen, aber nicht von dir.«

»Was? Von jeder anderen und mir nicht?« erwiderte die Jette gekränkt. Sie sah ihn schmollend an und drehte ihm dann rasch den Rücken, indem sie ein Stück fortging, als habe sie die Absicht ihn zu verlassen. »Na, denn mag ich aber ooch jar nischt mehr von dir wissen!« rief sie ihm naserümpfend zu, indem sie stehn blieb. Sie wartete, weil sie hoffte, der Kunde würde ihren Liebesdienst vielleicht doch noch annehmen.

Hans hatte die Empfindung, daß es sich weder mit seiner Manneswürde noch mit seiner Selbstachtung vereinigen ließ, wenn er sich von einem Bettelmädchen erhalten ließ und wäre es auch nur auf einige Tage, ja, Stunden gewesen. Ehrenhafter und würdiger erschien es ihm dann wenigstens, auf eigene Faust weiter zu fechten. Dieses gute Mädchen wollte ihn durch seine Hilfe vor einem moralischen Herabkommen bewahren und ahnte nicht, daß er in Wirklichkeit am meisten in ein herabgekommenes Verhältnis gelangt wäre, wenn er von ihrem Anerbieten Gebrauch machte. Nein, soweit wollte er sich nicht herabbegeben, daß er zum »Scheeks,« zum Schmarotzer eines landfahrenden Mädchens wurde, mochte die Jette auch noch so gut und innerlich keusch sein inmitten der Verderbnis, in welcher sie auf der Frauenherberge lebte.

»Na, wie steht's?« frug die Jette nochmals.

Hans schüttelte stumm den Kopf. Da machte sie ein Gesicht, als wollte sie weinen, kehrte sich aber dann trotzig um und sagte: »Na, warte, du wirst's schon noch bereuen, daß du ein armes Bettelmädel verachtest; du wirst schon noch selber zu mir kommen, das sag' ich dir voraus, und denn wirst du mir am See bei Erdmannsdorf finden, das gilt!« – Sie sagte das so bestimmt und bog mit ihrem Körbchen in einen Seitenweg ein, um ihrem Blumenhandel nachzugehen.

»Was da!« dachte Hans. Fechten ist keine Schande und verhungern kann ich nicht. Ich habe nur noch nicht die richtige Manier; wenn ich's geschickter anfange, werde ich so gut wie jeder andere auch etwas erhalten. Er schlenderte nun wieder zur Stadt zurück, und die Stimmung, die über ihn kam, wurde geradezu weinerlich. Seit vorgestern Abend hatte er nichts Festes im Magen, und jetzt kam nun schon wieder der Mittag heran, wo alle anderen Leute drinnen in der Stadt bei dampfenden Schüsseln und Fleischtöpfen saßen, ihre Tellertücher um den Hals steckten und mit Messer und Gabel einhauten.

Vor einiger Zeit war eines Tages bei ihm in Berlin ein armer Reisender erschienen, der sich mit einer Visitenkarte als Leutnant a. D. eingeführt hatte. Der Mann hatte ein höchst erbarmenwürdiges Ansehen gehabt. Er kam an einem Stocke langsam ins Zimmer gewankt, zitterte heftig mit den Beinen, und seine Hände hatten förmlich vom Nervenzittern hin- und hergeschlagen. Er brachte ein Leutnantspatent zum Vorschein zu seiner Beglaubigung, sagte, er sei Journalist, Redakteur eines volkswirtschaftlichen Blattes und an den Herrn Privatdozenten empfohlen, den er schon aus seinen Aufsätzen kenne. Er habe einen Nervenschlag bekommen, seine Stelle sei ihm gekündigt, und er möchte sich nun an seine Güte wenden, ob er ihm das Reisegeld nach München-Brunnthal, wohin er zum Kurgebrauch müsse, nicht geben könnte. Hans hatte ihn reichlich unterstützt und ihm Visitenkarten an einige befreundete Professoren gegeben, die, entsetzt über den jämmerlichen Anblick des Mannes, ihm zwanzig Mark und mehr schenkten. Endlich aber hatte einer, der dem Abgezogenen durchs Fenster auf die Straße nachschaute, gesehen, daß der Mann ganz lustig und mit leichten Schritten um die Ecke ging. Man hatte die Polizei zu seiner Verfolgung aufgeboten, denn er hatte überall Geld erhalten, er war aber spurlos verschwunden.

Seit Hans bei Wesel die Legitimationsfälscherei kennen gelernt hatte, war er nicht im Zweifel, wie der Gauner zu seinem Leutnantspatent gekommen sein mochte. Da er aber aus Erfahrung wußte, wieviel der Mann eingeheimst hatte, so meinte er jetzt in seinem Hunger und seiner Verlegenheit, er könnte ein ähnliches Stückchen auch einmal versuchen. Er probierte, ob er im Stande wäre, mit den Händen nervös zu zittern und die Kniee auf und niederfliegen zu lassen, und fand, daß das über Erwarten leicht war.

Von der Stadt her kam eben ein dicker Herr gegangen, der mit Gewichtigkeit einherschritt, die Hände auf dem Rücken, den Spazierstock unter dem Arm. Schnell gefaßt trat Hans ihm entgegen, indem er halb gekrümmt heftig mit Händen und Knieen zitterte und mit kränklicher Stimme sprach:

»O mein gütiger Herr, sehen Sie mein himmelschreiendes Elend an! Nervenapoplexie, Rückgratsverkrümmung infolge schlechter Ernährung, ein armer Steingutdreher aus Thüringen, vollständig arbeitslos, beste Zeugnisse, mein Herr, hatte ausgezeichneten Verdienst, plötzlich zog sich bei mir alles krumm am Rücken und seitdem dieses Zittern, das mich vollständig unfähig macht. –«

Der dicke Herr sah ihn mit einem Blicke, gemischt aus Wohlwollen und Mißtrauen, an und sagte: »Schon wieder so einer! Gestern haben sie erst auf dem Amtsgericht einen sogenannten invaliden Maschinenarbeiter eingebracht, der aber sich mit Senfpflaster verunstaltet hatte.«

Hans zitterte heftiger, seine Hände pendelten wie leere Handschuhe an seinen Knöcheln, und er meinte jämmerlich, nicht ohne im stillen über seine Verstellungskunst zu staunen:

»O, mein Herr, es giebt ja viele Schwindler – aber ich, o glauben Sie mir, Sie helfen einem, der wirklich in großer Verlegenheit ist und buchstäblich seit vorgestern nichts gegessen hat.«

Der dicke Herr meinte, noch immer mißtrauisch: »Ja, wenn Sie Arbeiter sind, mein Guter, so müssen Sie doch in einer Unfallversicherungskasse sein, in einer Krankenkasse. Wissen Sie nicht, daß in ganz Deutschland die große Wohlthat der staatlichen Arbeiterunterstützungskasse ist; ich zahle für meine Arbeiter und Bedienung allein jährlich 100 Mark. Diese Kassen bringen alles zweifelhafte Elend dieser Art aus der Welt.«

»Was?! Unfallversicherungskasse?!« meinte Hans heftig und zugleich angeregt, da hier unmittelbar seine wissenschaftliche Meinung betroffen wurde. Er besann sich, daß er zittern mußte, und sagte demütiger: »Diese nationalökonomische Ansicht halte ich nun für ganz verfehlt, mein Herr. Ihre Kassen sind eine sehr wohlthätige Einrichtung – alle Achtung! Aber solche unverschuldete Verhältnisse, wie Sie hier vor sich sehen, mein Herr, werden deshalb doch immer wieder entstehen, und sie verdienen Mitleid! Ich war ein selbständiger Steingutdreher, kein Arbeitnehmer, für mich gab es keine Kasse, und wenn Sie Ihre Arbeiter glauben sicher zu stellen, nun, so werden Sie erleben, daß Ihre Gelehrten, Ihr Mittelstand eines Tages in die Stromerei getrieben wird mit diesen nationalökonomischen Pfuschereien!«

»Na, der ist wenigstens originell,« dachte der dicke Herr und griff in seine Tasche, um ein paar Pfennige herauszuholen. Wohlwollend sagte er: »Na, dann zeigen Sie einmal Ihre Papiere. Ich will sehn, was ich thun kann.«

Hans vergaß vor Verlegenheit schier mit den Beinen zu beben; es zitterten nur noch seine Hände. »Papiere? Meine Papiere – stammelte er – leider gestohlen, mein Herr.«

»Was?!« frug der Fabrikherr gedehnt. Ein Blick fiel auf den Privatdozenten nieder, der die ganze abstoßende Empfindung ausdrückte, welche der Herr hegte.

O dieser Blick! Wieder dieser empörende Blick! Auf einmal richtete sich Hans in die Höhe, vergaß seine Not, sein Zittern, seine Rolle und rief dem Manne entrüstet zu:

»Herr, muß denn selbst das Elend sich Ihnen gegenüber legitimieren? Bedarf das Elend der Beglaubigung. Ist derjenige, der bitten muß, nicht an sich schon in der Lage, daß man ihm giebt? Und möge er einen Vorwand nehmen, welchen er wolle, um Ihr Mitleid zu erregen, ist er nicht eben unter allen Umständen ein Bedürftiger? Glauben Sie, ich gebe zum Spaße mein Selbstgefühl preis, daß ich Sie hier anbettele?! Lieber einem Unwürdigen etwas geben, als den wirklich Hilfsbedürftigen von der Thür weisen, das ist meine Ansicht, mein Herr, denn, das Mitleid adelt vor allem den Geber selbst!«

Er hatte das zuletzt im Tone einer entrüsteten Strafpredigt gesprochen und sich in seiner ganzen, gesunden Naturgestalt aufgerichtet.

»Was?! Und jetzt zittern Sie auf einmal gar nicht mehr?!« fuhr ihn nun seinerseits der Herr entrüstet an. »Jetzt ist ja die Rückgratsverkrümmung sehr schnell gehoben?! – Na, warte, es giebt ja wohl noch eine Polizei! – Pfui, schämen Sie sich, Sie Hochstapler, Sie arbeitsscheues Individuum, pfui!«

Der Herr ging entrüstet weiter und auf kurzem Umwege zur Stadt zurück. Er begab sich sofort auf das Polizeibureau, gab eine genaue Personalbeschreibung eines zudringlichen Schwindlers, der ihn angebettelt hatte, und veranlaßte die polizeiliche Verfolgung desselben. Der Polizeiwachtmeister fand die Beschreibung zutreffend auf den Mann, der gestern bei ihm gewesen war, und hieß einen berittenen Gendarmen ausrücken, um nun doch das gefährliche Individuum in Haft nehmen zu lassen, wo man es fände.

»Arbeitsscheues Individuum!« dachte Hans, als der Herr ihn verlassen hatte. »Ich, der ich schon auf der Schule im deutschen Aufsatz stets die Ia hatte!« Sein Unglück, sein Mißgeschick war haarsträubend. Er hatte noch immer nichts zu essen.

Im Zustande einer gewissen heimlichen Angst, die auch durch verschiedene Versuche, sich mit Humor über seine Lage wegzubringen, nicht schwinden wollte, kam er wieder in die Stadt zurück an die Kirche hin. Dort saß eine einzelne Obsthändlerin unter einem aufgespannten Schirme und hatte ihre Körbe mit Äpfeln, Apfelsinen, ihre Honigwaben und sonstigen Waaren um sich aufgestellt! Sie schien ein wenig eingenickt zu sein, denn sie saß mit gefalteten Händen im Schoß und hatte den Kopf vorn auf die Brust herabsinken lassen. Der Platz war ganz einsam, wie Hans mit einem raschen Blicke bemerkte. Unwillkürlich blieb er vor den Obstkörben stehen.

Der Privatdozent betrachtete mit inniger Zuneigung die aufgestapelten Äpfel. Lieber Gott, wäre es denn ein so großes Verbrechen gewesen, wenn er sich jetzt hier einen angeeignet hätte, um nur den äußersten Hunger zu stillen? War es ein Diebstahl zu nennen, wenn er einen harmlosen, runden, sättigenden Apfel in die Hand nahm und ihn achtlos in seine Tasche gleiten ließ? Die Alte schlief so fest, und ein Apfel mehr oder weniger machte sie weder ärmer noch reicher.

Hans griff unwillkürlich in die Äpfel und wog einen besonders schönen in der Hand. Schon war er im Begriff, ihn verstohlen in seine Tasche zu stecken, als ihm einfiel, daß man ihn ja aus den Fenstern um den kleinen Kirchenplatz in den Häusern beobachten konnte, und, wenn man ihn anzeigte, wenn man ihn festnahm – seine ganze Zukunft, seine ganze fernere Laufbahn stand auf dem Spiel. Nein, er durfte doch nicht. Er legte den Apfel wieder hin und lief, wie von Furien gejagt, weg. Die Alte aber schlief ruhig weiter.

Ein tiefer Schrecken über die Schwäche und Hilflosigkeit der menschlichen Natur hatte sich des Doktors bemächtigt. Wieviel hatte gefehlt, so war er, ein Mann von Bildung und Gewissen, zum Diebe herabgesunken, und alles nur, weil er ein ärmliches Kleid trug und jämmerlichen Hunger hatte. Er machte sich Gewissensbisse gerade, als hätte er wirklich fremdes Eigentum sich angeeignet; er kam in eine selbstquälerische Stimmung hinein, in der er sich selbst mißachtete und die Empfindung hatte, er sei nun wirklich rettungslos zu einem richtigen Kunden herabgesunken; eine förmliche Verstörung bemächtigte sich seines sonst so heiteren Gemütes. Nur eine Bewegung und die Aneignung fremden Eigentums war geschehen und damit die innere Grundlage seines ganzen bürgerlichen Daseins zerstört. Nur eine Bewegung und Achtung vor sich selbst, ruhiges, sicheres Selbstgefühl war an ihm verloren.

Es mochte wohl auch der lange Nahrungsmangel daran schuld sein, daß sich des Doktors ein förmlicher Trübsinn bemächtigte. Er verbrachte die Mittagsstunden vor der Stadt, wo er sich am Rande eines Straßengrabens hinsetzte hinter einem Schlehdornbusch und mit heimlichem Grauen die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur überdachte, die nur auf kurze Zeit vom Notwendigen entblößt zu sein brauchte, um jeder schlimmen Versuchung ausgesetzt zu sein.

Als die Nachmittagssonne schon wärmere und weichere Strahlen herabsendete, wurde Hans aus seinem trüben Hinbrüten geweckt durch eine Schar von jungen Damen, die in hellen, duftigen Frühjahrskleidern auf der Straße herankamen. Einige hatten rosa lichte Kleider an; andere gingen in blaßblauen und weißen Stoffen, hatten bunte Sonnenschirme aufgespannt, und die lieblichen Gesichter der hübschen Mädchen waren vom Wiederschein der Sonnenschirme in einen warmen, bunten Farbenschimmer getaucht. Einzelne junge Fräulein wandelten Arm in Arm und hatten Blumensträußchen gepflückt, andere sprangen vom Wege ab in den Straßengraben und suchten da Blumen. Eine ältere Dame die ihnen folgte, war augenscheinlich die Pensionsvorsteherin, welche die Mädchen zu einem Spaziergange ins Freie führte.

Hans fühlte ein erneutes Hoffen und Zutrauen zu den lieblichen Kindern und beschloß diese doch noch einmal anzusprechen. Männer anzureden hatte er bereits verschworen; es war ein hartes und hochmütiges Geschlecht, und die christliche Liebe und Milde war für sie von jenem göttlichen Religionsstifter wohl umsonst gepredigt. Aber die Frauen hatten ein weicheres Herz, und diese Mädchen würden gewiß die Prüfung ihrer Gemüter besser bestehen als jene. Hans trat den Mädchen entgegen, nahm seinen Hut ab und sagte zu den zwei ersten, die herankamen: »Ach, meine lieblichen jungen Damen, gestatten Sie, daß ein armer Blindgeborener seine Hand aufthut, um Ihre milden Gaben zu empfangen.«

»Ein Blindgeborener?!« frug verwundert der reizende Backfisch im weißen Kleide, dem ein kluges Stumpfnäschen im Antlitz saß, indem er einen Blick auf die klaren, sehenden Augen des Bettelnden warf.

»Jawohl, mein Fräulein,« sagte Hans, der in einer unsäglichen Stimmung seines Herzens sich über die Trübsal seines Gemütes hinwegzureden suchte. »Jawohl, mein Fräulein. Erst seit vorgestern habe ich mein Augenlicht wieder erhalten, seit vorgestern erst sehe ich dieses schöne Sonnenlicht, den blauen, hohen Himmel, die Blumen und die Menschen, und wie sie alle so schön, so gut und so edel sind.«

»Ach, der arme Mann!« meinte das kleine Fräulein mitleidig. Sie rief ihre Freundinnen heran und sagte rasch: »Ach, Lieschen, Röschen, Emmchen, kommen Sie doch einmal hierher. Denken Sie, ein armer Blindgeborener, der erst seit vorgestern wieder sieht!«

Die Mädchen versammelten sich neugierig um den Mann, um ihn sich genau zu betrachten und die Merkwürdigkeit anzustaunen. Hans wurde mutiger und sagte, selbst ein wenig gerührt über seinen Einfall:

»Zum erstenmale sehe ich solch einen Flor junger, holdseliger Mädchen vor mir. Ach, es kommt mir vor, nachdem ich so lange Nacht um meine Augen hatte, als wären Sie alle schöne, vom Himmel herabgestiegene Engel, denen man nur die Flügel abgeschnitten hat. Geben Sie mir eine kleine Gabe, die Welt ist ja so ganz anders, als ich sie mir dachte.«

»Ach, der unglückliche Mann!« meinte das Backfischchen, indem es wehmütig die Hände in seinen Sommerhandschuhen zusammenschlug. Röschen, Mariechen, Gretchen – hört, da müssen wir alle etwas geben.«

Die Mädchen begannen eifrig in ihre Kleidertaschen zu greifen und ihre zierlichen kleinen Geldtäschchen hervorzuziehen. Die Hübscheste veranstaltete stillschweigend eine Sammlung. Neugierig wendete sich aber das zuerst angesprochene Fräulein an Hans und frug mit wissenschaftlichem Vorwitz: »Ach, sagen Sie einmal, wie haben Sie sich denn die Welt vorgestellt, ehe Sie sehen konnten? Wohl viel schöner?!«

»O nein, mein holdes Fräulein« entgegnete Hans demütig. »Ich hielt sie in meiner Blindheit für ein Jammerthal, weil man mir immer sagte, daß sie ein solches sei. Ich glaubte, alle Menschen hätten traurige vergrämte Gesichter, Kummerfalten auf der Stirn von der Sorge ums tägliche Brod und wandelten in einem dunklen, schattigen Thale, wo kein Sonnenschein hereindringt. Ach, und nun sehe ich, daß statt dessen die Mädchen in rosigen Kleidern gehn wie Blumen und Schmetterlinge und so lieblich aussehen, daß der Gedanke, sie zu küssen, der schönste Dank sein muß, den wir dem Schöpfer dafür schulden, daß er uns in eine solche lichthelle Welt des Glückes versetzt hat.«

Alle Mädchen blickten verschämt vor sich nieder und sahen sich gegenseitig heimlich an. Mit empörtem Gesicht aber trat die Vorsteherin, die unterdessen herangekommen war, mitten in den Kreis und sagte:

»Meine Damen, wie können Sie es mit der Schicklichkeit vereinigen, derartige unpassende Bemerkungen anzuhören! Sie werden diesem Menschen nichts geben! – Gehen Sie weiter, mes dames!

»Ach, der arme Mann! Nun sollen wir ihm nicht einmal etwas geben!« rief das Fräulein aus, welches die Sammlung veranstaltet hatte.

»Machen Sie, daß Sie weiter kommen, meine Damen –!« sagte die Vorsteherin mit gesteigerter Energie. Hans sah mit Bedauern, wie das Fräulein, welches die Sammlung veranstaltet hatte, langsam die Hand sinken ließ, die es schon erhoben hatte, um dem armen Blindgeborenen die milde Gabe zukommen zu lassen. Die Mädchen schmollten und beklagten sich; die Vorsteherin aber drang darauf, daß das gesammelte Geld an die Eigentümerinnen zurückgegeben werden mußte.

Während des Aufenthaltes, der hierbei entstand, waren von verschiedenen Seiten andere Leute sichtbar geworden. Sorger, der Kellner, war mit der Liese landwärts die Straße herangekommen, um seinen Plan wegen der Jette auszuführen, nachdem sie ausgekundschaftet hatten, wo sich eben der Schlossergeselle umhertrieb. Von der entgegengesetzten Seite, aus der Stadt her, aber sah man, majestätisch auf einem hohen Rosse reitend, einen Polizisten herankommen. Seine Helmzier blitzte; man sah den Säbel an der Flanke des Pferdes schwanken, während der Reiter mit scharfen Augen die bunte Gruppe, in welcher Hans stand, schon von ferne beobachtete.

Sorger wollte eben seinen Handel mit Hans einleiten und rief ihm in den Kreis der jungen Damen hinein zu: »Na, Katzenkopp, wo hast de denn die Jette gelassen? Du wirst sie mir doch nicht versteckt haben? Die Jette ist meine Frau, daß du's nur weißt, und wenn du mit ihr gehn willst, dann lasse ich sie dir nicht unter fünf Thalern ab.« – » Horreur! Welche Verhältnisse! Was stehen Sie hier, meine Damen! Das schickt sich nicht!« rief die Pensionatsleiterin aus, indem sie ihre Schar weiterzubringen suchte. Die jungen Mädchen aber, von der größten Neugierde erfaßt über die unglaublichen Dinge, die sie hörten, zögerten und suchten unter allerhand Vorwänden stehen zu bleiben. Hans blickte mit einem Ausdrucke um sich, als wollte er die jungen Damen gewissermaßen um Entschuldigung bitten, daß sie hier in so schlechte Gesellschaft geraten seien. Mit heimlicher Beklemmung aber sah er gleichzeitig den berittenen Polizisten näher kommen, den er nun auch bemerkt hatte, und ungewiß, ob diese Annäherung ihm oder dem sauberen Paare gelten sollte, das sich eben hinzugesellt hatte, drückte er sich hinter einer Gruppe von vier der jungen Mädchen herum, die mit staunenden Gesichtern und wie gebannt auf die Dinge warteten, die da kommen sollten.

»Der Blankhut! Der Klempners Karl!« flüsterte die Liese dem Kellner ängstlich zu. Gott sei Dank, sie hatte nicht gebettelt, die jungen Damen konnten das bezeugen. Sie sah daher, nachdem sie sich gefaßt hatte, den Polizisten mit einem gewissen mütterlichen Wohlwollen an, als seien sie recht gute, alte Bekannte, die sich freuen, sich auch einmal wiederzusehen.

Der Reiter war jetzt bis an die Gruppe herangekommen und blickte sich scharf nach allen Richtungen um. Hans hegte schon eine dunkle Vorahnung, daß möglicher Weise der Ritt ihm galt; er fühlte eine heillose Beängstigung wegen seines Versuches, den Apfel sich anzueignen. Aber nein, er hatte das ja gar nicht gethan; es war ja nur eine Versuchung gewesen, die tief in seinem Herzen verschlossen blieb; eine lächerliche Versuchung sogar. Und doch hatte er im Anblick des Berittenen eine jähe Gewissensangst.

Sorger nahm höchst diensteifrig und geflissentlich seinen Hut vor dem Gestrengen ab, drängte sich einschmeichlerisch an das Pferd heran und zog aus der Rocktasche seine zerflederte Flebbe, indem er mit sehr gewählten Ausdrücken um sich warf: »Ah, Se. Excellenz, der Herr Wachtmeister! Befinden angenehm?! Meine Legitimationen gefällig? O – wir sind immer legitimiert. Bitte, sich zu überzeugen, Herr Wachtmeister. Erfreue mich jetzt sehr wohlgeordneter Verhältnisse, habe eine kleine Stellung als Musterreisender für Dämmstoffe, wohlassortiert in Jeder Hinsicht – betteln?! Betteln, das giebt's bei mir nicht mehr, Herr Wachtmeister, darüber sind wir hinaus!«

Er versicherte das mit einem gewissen hohlen Stolze noch mehrmals und reichte dem Manne seine Papiere. Der Beamte warf einen Blick hinein und reichte sie ihm zurück mit den Worten: »Alles in Ordnung, Sorger, können passieren.« Er wendete sich mit gestrenger Miene an die Liese, indem er sein Pferd an sie herantrieb, und kanzelte sie eine Weile ab, ob sie denn die Landstreicherei noch immer nicht lassen könne; wenn sie ein einziges Mal beim Betteln betroffen würde, werde man sie einfach aus dem Bezirke abschieben in ihren Heimatsort und der dortigen Armensorge übergeben, wenn sie nicht etwa gar ins Arbeitshaus müßte. Die Liese hatte das kaum gehört, als sie in ein Jammern und Weinen ausbrach, augenscheinlich mit Rücksicht auf die jungen Damen, die aus Neugier und Mitgefühl noch immer umherstanden. Sie klagte über ihr Los als dreifache Witwe und wie der Himmel sie von jeher gänzlich verlassen habe.

Dem Berittenen war dieses Jammern unangenehm; er hatte während dessen schon immer den Privatdozenten beobachtet, der sich befangen hinten herumdrückte. Er glaubte jetzt seiner Sache sicher zu sein, daß er den rechten Mann vor sich hatte, den der Fabrikherr am Mittage angezeigt, und rief dem vermeintlichen Stromer zu:

»Na, Sie dahinten, was treiben denn Sie da – ich ersuche Sie einmal um Ihre Papiere – es soll sich hier ein legitimationsloser Himmelsfechter herumtreiben, der wegen schwindelhaften Bettelns angezeigt ist – dann kommen Sie mal her!«

Die Aufforderung, seine Papiere zu zeigen, gab dem Privatdozenten einen neuen Stich ins Herz. Nein, das war unmöglich, daß er, ein wissenschaftlich gebildeter Mann, hier, in Gegenwart dieser Damen, festgenommen werden sollte wegen Mangels an Papieren – heillos! Nein, das durfte nicht geschehen.

Er suchte mechanisch mit den Händen in seinen Taschen herum, obwohl er doch wußte, daß er gar keine Papiere besaß, und drückte sich, indem er immer die Schar der jungen Mädchen zwischen sich und dem Pferde des Wachtmeisters zu halten suchte, nach dem Straßengraben zu. Unwillkürlich überblickte er mit einem jähen Augenaufschlage die Terrainverhältnisse. Auf beiden Seiten der Straße Äcker; drüben, etwa eine Minute weit, ein Busch, der in ein waldiges Thal hinabzuweisen schien.

»Aha!« dachte der Polizist, der ihn genau beobachtete. Seiner Sache ganz sicher, rief er ihn nochmals an: »Sie da, Kunde! Zeigen Sie einmal Ihre Papiere! – Sie da! Bleiben Sie einmal stehen.«

Der Privatdozent blickte sich verdutzt um. Sollte er sich in das Unvermeidliche finden? Sollte er sich mitnehmen lassen, um in der Haft die Lösung des Knotens in seinem Schicksale abzuwarten? Vielleicht war es das Vernünftigste. Er kam wie im Traume ein Stückchen auf den Reiter zugegangen, als wolle er sich ausliefern.

Plötzlich aber – erfaßt von einer ganz unglaublichen jähen Angst, indem er sowohl an seine Versuchung mit dem Apfel, wie die unbeabsichtigte Legitimationsfälschung bei Wesel dachte und höchste Ungewißheit fühlte, ob man ihm juristisch dabei etwas anhaben konnte oder nicht – plötzlich von einer unsinnigen Vorstellung erfaßt, machte er kehrt und rannte, mit einem Satze über den Graben springend, querfeldein auf den Busch los. Er stolperte im Acker, fiel aber nicht, sondern schoß nur noch schneller, wie ein gehetzter Hase, über die Ackerfurchen dahin.

Ein aufgeregtes Geschrei der erschrockenen Mädchen schallte hinter ihm her. Der Polizist rief vom Pferde herab: »Halt auf! Halt auf! Der ist es.« Er setzte seinem Gaule wiederholt die Sporen in die Weichen, aber das scheu gewordene Pferd bockte und tänzelte knirschend auf einem Flecke herum. In ihrem Schrecken hatten die Mädchen Taschentücher gezogen, winkten damit und kreischten: »Halt auf! Halt auf!« Eine spannte im plötzlichen Entsetzen ihren Sonnenschirm gerade unter den Augen des Pferdes auf; der Gaul, vollständig verschüchtert, war nicht vom Flecke zu bringen, und der Wachtmeister fluchte ingrimmig, während er den Kunden über den Acker wegfliehen sah.

Plötzlich kam das Pferd in Gang. An allen Gliedern zitternd sprang es mit einem Satze los, aber statt hinter dem Kunden dreinzufolgen, jagte es mit gestreckter Carriere in entgegengesetzter Richtung samt seinem Reiter die Landstraße hinab nach der Stadt zu, sodaß die beiden Parteien atemlos in entgegengesetzter Richtung auseinander flohen. Die jungen Mädchen aber liefen aufgeregt durcheinander, sahen bald dem entflohenen Stromer, bald dem Berittenen nach und haben noch viele Tage sich nachmals über das Abenteuer unterhalten.

Als Hans am Busche angelangt war, blickte er sich rasch um. Der Reiter war verschwunden und mochte unterdessen schon mitten in die Stadt auf den Marktplatz hereingesprengt sein, zum Ergötzen aller in seinen Auftrag Eingeweihten. Hans fühlte sich sicherer und schlug sich in das grüne Laubthal hinunter, wo er sich eine versteckte Stelle hinter einer dunklen Tannengruppe aussuchte, um einige Augenblicke zu verschnaufen.

Es war ihm doch lieber so, daß er sich durch eine Flucht all den Unannehmlichkeiten entzogen hatte, die bei seiner Festnahme unvermeidlich gewesen wären. Ja, er fühlte sich sogar neu erheitert, wenn er sich vergegenwärtigte, wie er auf diese Weise alle Abenteuer, die ein richtiger Kunde zu erleben pflegte, auch selber durchmachte, und wie denn auch hierin das Ergebnis seiner Fahrt ein geradezu glänzendes war. Jetzt wurde die Sache erst interessant. Kein Zweifel, die Polizei würde nun wohl sogar eine größere Razzia veranstalten, um seiner habhaft zu werden, und das Abenteuer verlangte daher nun erst recht den Aufwand aller Geistesgegenwart.

Insofern war das Abenteuer indessen höchst unangenehm, als der Flüchtige allmählich eine innere Schwäche und ein Ermatten spürte, die ihm zum Bewußtsein brachten, daß er noch immer nichts zu essen gefunden hatte. Erneute Angst bemächtigte sich des Ärmsten; es war ein zu klägliches Gefühl, daß all seine Bettelversuche bisher vergeblich waren, und, während andere reichlich Beute auf die Herbergen einbrachten, ihm bisher nicht einmal gelungen war einen Wurstzipfel einzuheimsen. Das war wahrlich zum ehrlichen Verzweifeln!

Er machte sich auf, um auf einem Umwege die Landstraße wiederzugewinnen und vielleicht in einem Bauernhause etwas zu essen zu erhalten. Eine halbe Stunde mochte er auf der Straße in ziemlicher Trübsal gewandert sein, als er vor sich drei junge Handwerksburschen erblickte, die langsam mit ihrem Bündel auf dem Rücken einherwanderten, indem sie ihre Stiefeln in der Hand trugen und barfuß gingen.

Er beeilte sich, ihnen nachzukommen, und dachte, er könnte vielleicht hier zu etwas kommen. Einer der Burschen hatte gemerkt, daß der Mann so eilig sie einzuholen suche, und diese Beobachtung, einigermaßen ängstlich, den anderen mitgeteilt. Als Hans daher herankam, wurde er schon etwas mißtrauisch angesehen, obwohl er sich mit einem »Kenn' Kunde« höflich einführte, das auch gleichermaßen erwidert wurde.

Er wollte ein Gespräch anfangen und frug daher die Handwerksburschen, was ihre »Religion« wäre. Die Handwerker waren drei ordentliche Leute, die über Land wanderten, um im Norden bei verschiedenen Meistern ihres Gewerbes in Arbeit zu treten und walzten, weil sie dabei immer noch billiger kamen, als mit der Eisenbahn. Sie glaubten, einen alten, erfahrenen Kunden, augenscheinlich einen Eingeweihten und gefährlichen Kerl vor sich zu haben, und antworteten in der Kundensprache, um sich dadurch gewissermaßen als alte Kundige zu erweisen, denen man nicht so leicht etwas vormachte.

»Ich bin ein Lehmer,« Bäcker. sagte der erste.

»Und ich ein Rumtreiber,« Böttcher. der zweite.

Der dritte sagte: »Ich bin ein Elementenfärber.« Brauer.

Hans wußte nicht, was sie damit meinten, da ihm diese Handwerksbezeichnungen noch nicht vorgekommen waren. Aber er dachte sich, daß es Namen für die Handwerke der einzelnen wären und, um auch etwas zu sagen, hielt er es für richtig, sich als einen Schuster auszugeben, weil er zufällig den Namen für das Gewerke kannte und meinte: »Ich bin ein Pechhengst.«

Die Gesellen sahen ihn mißtrauisch an. Er begann endlich, nachdem man ein paar gleichgültige Worte gewechselt hatte, anzudeuten, daß er nicht recht bei Barschaft sei und daß, wenn der eine oder der andere etwas zu essen bei sich habe oder ihm ein paar Pfennige schenken könnte, ihm das sehr lieb wäre.

Die Handwerker sahen sich einander ängstlich an. Das mußte ein sehr herabgekommener Kerl sein, der sogar wandernde Handwerker anbettelte. Sie wechselten kein Wort miteinander, sondern begannen etwas schneller zu gehen, sodaß auch Hans eiliger nebenher laufen mußte. Er wunderte sich über die Erbarmungslosigkeit, die auch hier zu herrschen schien, und, verzweifelt wie er war, versuchte er es mit einem verzweifelten Mittel, indem er glaubte, wenn er die Handwerksburschen einschüchterte, würden sie eher etwas herausgeben.

»Geben Sie mir etwas, und wenn's auch nur ein paar Pfennige sind, ich habe seit vorgestern nichts gegessen, denn ich bin auf der Flucht vor den Schuckern, weil mir vorgestern ein Raubanfall mißglückt ist. Ich bin nämlich der schwarze Heinrich, von dem ihr wohl schon gehört habt, und das ist kein Flatterfahrer, sondern ein großer Mann in seinem Geschäfte!«

Er phantasierte das in seiner Herzensnot und in seinem Hunger so heraus, in der Hoffnung, die Burschen würden Respekt bekommen und ihm, wenigstens um eine so unheimliche Begleitung los zu sein, etwas geben. Er hatte aber kaum das Wort »Raubanfall« ausgesprochen, als die drei Handwerksburschen, wie auf gemeinsamen Befehl, ohne ein Wort zu reden und ohne sich auch nur umzuschauen, in einen Trab verfielen, der in ein ängstliches Rennen überging, bis sie hinter der Höhe der Straße ihm aus den Augen gekommen waren.

Hans hatte erst ein Stück mitlaufen wollen, hielt aber inne vor Erschöpfung und sah den Fliehenden mit stiller Wehmut nach. »Merkwürdig,« dachte er bei sich, »ich muß etwas Abstoßendes an mir haben. Das macht das gebildete Äußere des Schriftstellers als Erzieher seiner Nation!«

Was nun beginnen?! Er sah ein, er würde sein Lebtag keinen Erfolg im Fechten haben, er, der schon nach einem Tage des Hungers in die Versuchung eines Diebstahls geraten war. O, er wollte niemals mehr mit den Unglücklichen ins Gericht gehen, welche den Unterschied von Mein und Dein vergessen hatten; der gebildetste Mann war in dieser Sache nicht mehr gefeit, wie der blödeste. Wie viele der gebildetsten Männer, Kassenbeamte, Börsenleute, Amtsrichter, Vormünder, die Mündelgelder veruntreuten, bevölkerten jährlich die deutschen Gefängnisse, weil auch sie das Mein und das Dein nicht in einem willensstarken Geiste unterschieden hatten. Hans ging im Geiste die Statistik derartiger Verbrechen durch, die ihm durch seine Forschungen so wohl bekannt war, und es wurde ihm zu Mute, als habe er diese Verbrechen alle selbst begangen, zumal er nicht ohne Sorge daran dachte, daß man auch ihm mindestens wegen Landstreichens und Bettelns polizeilich nachstellte.

Was nun beginnen, wo keine Menschenseele sich seiner schauderhaften Lage erbarmte?!

Doch, eine Seele hatte sich erbarmt. Warum fühlte er jetzt, wo man sogar vor ihm wie vor einem reißenden Tiere, einem hungrigen Wolfe, geflüchtet war, auf einmal zu der guten Jette eine unermeßliche Sehnsucht? War es Hunger, war es Liebe? Er wußte es nicht, aber eine unbezwingliche Sehnsucht malte ihm das Bild des armen Mädchens vor, das diesen Tag über für ihn bettelte und mit ihm theilen wollte, was es empfangen würde. Ja, hatte er denn überhaupt ein Recht gehabt, das Anerbieten des Mädchens auszuschlagen? Wie kam er dazu, sich etwas Höheres zu dünken, er, den sie eben wie jeden anderen Stromer polizeilich verfolgten, der wie jeder andere Stromer das Hasenpanier ergriffen hatte, er, der sogar den Apfel einer schlafenden Obsthändlerin an sich genommen und wenn er ihn auch wieder hingelegt hatte, so doch die lebhafteste Versuchung verspürt hatte ihn zu behalten? In alledem war er nicht nur mit der Jette eines Standes, nein, diese stand sogar noch eine Stufe höher, denn sie hatte gewiß noch keine Versuchung derart gespürt, wenn sie auch ein armes, heimatloses Findelkind war.

Da fühlte er, wie eine unendliche, eine himmlische Liebe zu der Armut des Mädchens in sein Herz zog, und es war nicht nur der Hunger, es war etwas von jener höchsten Liebe, die da gepredigt hatte: »Selig sind, die da geistig arm sind, denn solcher ist das Himmelreich,« die ihn aus seinen eigenen Nöten und aus allen nationalökonomischen Nöten seiner Zeit mit Macht zu dem Mädchen zog, das gewißlich seiner wartete am See, wo sich die blauen Wellen kräuseln.

Er machte sich auf und suchte den Weg nach Erdmannsdorf. Er lief, in Schweiß gebadet, aber von Freude auf den nahenden Abend erfüllt, wo er das Mädchen zu finden hoffte, rastlos vorwärts, und als die Sonne schon goldene Strahlen in den Teich warf, kam er auch hin und blickte über die weite Wasserfläche, welche von einem grünen Schilfkranze eingerahmt war, hinter dem schlanke Buchen und Eichen mit gezackten Ästen einen schattigen, dunklen Grund bildeten. Da, wo die Landstraße um den See herumbog, sollte er die Jette finden.

Als er an die Stelle kam, saß wirklich das Mädchen da und blickte, den Rücken ihm zugekehrt, sehnsüchtig auf den See hinaus. Neben ihr stand ein Korb im Grase, und in dem Korbe lagen gestrichene Butterbrote, ein Stück Schinken, Käse, Wurst und andere Speisen. Hans warf nur einen Blick darauf, aber dieser Blick genügte, um ihn aufs tiefste zu beglücken und eine gesteigerte Zuneigung zu der Besitzerin dieser guten Gaben zu erwecken.

Er schlich sich leise von hinten an das Mädchen heran, knieete sachte hinter ihr nieder und hielt ihr die Hände vor die Augen. Die Jette ergriff seine Hände und schien nicht im mindesten erschrocken zu sein. Sie sagte: »Bist du's, mein Hans? Ick sehe zwar nischt, aber durch deine Finger sehe ich durch wie in eine rosenrote Welt hinein, weil nämlich die Sonne durch deine Finger scheint, und nu denk' ich mir, det wär' schon der liebe Himmel, in den wir zwei beide eingegangen sind. Du brauchst de Finger nicht wegzunehmen, ick denke mir, es müßte immer so sein, daß wir so im rosenroten Himmel sind und gar nischt mehr von dieser traurigen Welt wüßten.«

»Siehst du, Jette, ich bin doch noch gekommen, das hast du wohl nicht gedacht?« frug Hans milde.

Die Jette nahm ihre und seine Hände vom Gesicht weg, wendete sich überrücks zu dem hinter ihr Knienden und lächelte ihn nur leise an. Konnte Hans dem widerstehen? Er lächelte sie auch mit einem Blick voll Güte und Zutrauen an.

Im See vor ihnen lag ein morscher Kahn, der wohl einem Bauern gehören mochte. Die Jette erhob sich vom Boden, nahm ihren Korb auf und sagte:

»Weeßt de was, mein Hans? Wir setzen uns jetzt zusammen in den Kahn; es kommt doch niemand hier vorüber, und da essen wir zusammen, was ich hier im Korbe habe. Die Bauersfrauen waren heute recht gut zu mir; es muß das schöne Wetter machen; ich habe überall was gekriegt und habe ordentlich geweent, was es doch für gute Menschen überall in der Welt giebt, die een armes Findelkind nicht verderben lassen.«

Hans fand ihren Vorschlag gut und folgte der Jette in den Kahn. Dort setzten sie sich nebeneinander auf die hintere Bank, Jette stellte den Korb in ihren Schoß und frug, wie es ihm denn heute ergangen sei. Hans erzählte ihr mit kurzen Worten, was er erlebt, wie er nirgends Glück gehabt habe, wie er sogar in polizeilicher Verfolgung war. Jette gestand ihm, daß man auch ihr nachstellen werde, nachdem sie gestern dem Forstgehilfen entwischt sei. »Aber sei nur ruhig,« meinte sie, »hier sucht uns keiner, und die Nacht werde ick dir auf der Frauenherberge auf dem Boden verstecken, dort sucht dich auch keiner. Da bist du für ein paar Tage ganz sicher, mein Handwerksbursch, wenn's nicht anders sein kann.«

Sie griff in den Korb und reichte ihm eine große Brotschnitte, die sie mit Schinken belegte. Er lohnte ihr mit einem füllen Blicke der Dankbarkeit, und die Befriedigung seines Hungers verwandelte sich in das Gefühl des süßesten Wehes, das er noch in seinem Leben gefühlt. Niemals hatte ihm ein Gericht so geschmeckt wie das erbettelte Brod aus der Hand des guten Mädchens, das für ihn gefochten, gesammelt hatte und von Haus zu Haus bei den Bauern gegangen war.

»Na, schmeckt's denn?« frug die Jette, indem sie ihn mit stiller Genugthuung ansah.

»Ach, mir ist, als äße ich Manna oder Himmelsbrot,« meinte Hans, »obwohl es nur die Brosamen sind, die von der reichen Herren Tische fielen für den armen Lazarus.« Er hätte am liebsten der Jette die Hand geküßt, die ihm die Leckerbissen weiter zureichte, wenn sie nur eine solche große Dame gewesen wäre, die die Bedeutung eines Handkusses zu schätzen wußte. Aber er streichelte leise dafür diese Hand und fühlte jene schöne Menschenliebe, die aus Dank und eigener Güte für andere gemischt ist. Denn auch er hatte an sich erlebt, daß sein Herz zum Wohlthun und zur Milde neigte. Und nun ward ihm wohl, daß man ihm wohlthat, wie er anderen wohlgethan.

Die Sonne sank schon tiefer gegen den See und vergoldete die Schilfhalme wie blinkende Lanzenspitzen; es neigte sich leise das Schilf im leichten Lufthauche, der den See aufträufelte, indem buntere Farben aus der Tiefe aufzutauchen begannen vom Wiederscheine des Himmels. Drüben stieß ein Reiher auf die Seefläche nieder, um dann wieder über die Waldwipfel zu verschwinden; träumerisch scholl der Kuckucksruf aus dem laubigen Haine. Der Kahn aber, in dem die Speisenden saßen, wiegte sich leise in den Wellen, die sachte, in längeren Absätzen, einmal an die Wandung anplätscherten.

»Mein Hans!« sagte die Jette, eingeschläfert und eingelullt von der Schönheit des Abends. Sie neigte ihr Haupt gegen seine Schulter und lehnte sich innig an ihn an. Im Geiste aber malte sie sich aus, wie schön es nun werden würde, wenn der Schlosser sie einst aus diesem Leben herausziehen und zu seiner ehrlichen, geachteten Frau Meisterin machen würde.

Wie Hans nun das Mädchen so an sich gelehnt fühlte, schlang auch er seinen Arm um ihre Schulter, und wie ein Bruder eine Schwester umfaßt, die mit ihm schweres Leid ertragen hat, so fühlte er innig für das Mädchen und war innerlich zufrieden in solcher Gestalt der tiefsten Armuth verschwistert zu sein. Er träumte von jenem Leben in einer anderen Welt, wo es nicht mehr Arme und Reiche geben sollte, wo man nicht mehr säete und erntete, wo man nicht mehr freite und irdisch liebte. Im Geiste aber sah er auf den Wassern des Sees die weiße Gestalt eines Mannes wandeln, der da gepredigt hatte, daß den Armen das Himmelreich gehöre.

Er bemerkte nicht, daß, während sie so saßen, ein zweispänniger Wagen langsam auf der Straße heranfuhr, der nun hielt, während eine junge Dame sich halb im Schoße des Wagens erhob und von fern mit staunenden Augen das zärtliche Paar im Kahne sitzen sah.

»Er ist es wirklich, Wangenheim; er ist es wirklich,« sagte Emma von Arnim ganz starr zu ihrem Begleiter.

»Sie scherzen, liebes Fräulein! Es ist eine Fata Morgana, eine Halluzination,« entgegnete Wangenheim, der im Stillen triumphierte, daß man den lange Gesuchten in einer so wundersamen Situation sah. Dann aber sagte er spöttisch: »Wollen Sie vielleicht aussteigen, um ihn in seinem traulichen tête à tête zu überraschen?!«

»O nein – das werde ich nicht thun,« sagte Emma, nachdem sie noch eine Weile ganz fassungslos das wunderliche Paar aus der Ferne betrachtet und mit einem Operngucker gemustert hatte. Wenn es soweit mit ihm gekommen ist, dann ist auch unsere ganze Fahrt umsonst. Kutscher, kehren Sie um, und fahren Sie sofort nach Neustadt zurück.«

Sie warf sich leidenschaftlich bewegt in ihren Sitz zurück, zuckte verächtlich mit den Achseln und wünschte so schnell als möglich hier weg zu sein. Der Kutscher hatte den Wagen schon umgelenkt; die Pferde zogen rasch an, und in einer Wolke Staubes fuhr der Wagen rollend von dannen. Wangenheim aber, heimlich beglückt, daß das Schicksal ihm so willig entgegenkam, dachte mit Vergnügen an die bisherigen Fahrten mit Emma zurück und hoffte unter solchen Umständen sehr bald das Herz des Mädchens sein nennen zu können, wenn die erste Erregung über das Geschehene vorüber sein würde.

Hans und Jette sahen den Wagen in seiner Staubwolke drüben am Seerande hinrollen und dachten darüber nach, was das wohl für Leute sein möchten, die sie wegen der Entfernung nicht erkennen konnten, und die wohl doch ein Paar auf der Hochzeitsreise oder dergleichen sein mochten. Die Sonne versank hinter dem Walde und das schönste Abendrot, in welches sehnsüchtige Amseln hinausflöteten, beschloß auch diesen warmen Spätfrühlingstag.

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