Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wolfgang Kirchbach >

Das Leben auf der Walze

Wolfgang Kirchbach: Das Leben auf der Walze - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/kirchbac/lebwalze/lebwalze.xml
typeautobio
authorWolfgang Kirchbach
titleDas Leben auf der Walze
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
created20100914
projectid4f964c90
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

Im tieferen Walde, wo alte Buchenstämme mit hohen Fichten ihre grünenden Zweige vermischen, wo in endlosen Scharen die kleinen Heidelbeersträucher auf dem Boden hinwuchern und ihre weißen und blaßroten Blütenglöckchen hängen lassen, hockte die Jette zusammengeduckt zwischen hohen Farnkräutern. Sie lauschte mit scharfen Augen nach dem Wipfel einer alten Buche hinauf. Droben, ängstlich an den Stamm angeklammert, saß ein Eichhörnchen mit gesenktem Schwanze und blickte mit übergeneigtem Köpfchen auf den Waldboden herunter. Am Fuße der Buche hatte die Jette ein paar Nüsse als Lockspeise hingestreut, und jetzt saß sie schon seit einer Viertelstunde und regte sich nicht, atemlos gespannt, daß das Eichhörnchen herunterklettern werde. Sie hoffte es dann mit der bloßen Hand zu fangen, denn sie pflegte sich mit katzenartiger Schnelligkeit auf das Tierchen zu stürzen, wenn es mit aufgestelltem Schwanze auf dem Boden saß und die Nüsse knackte. Geduld und Zeit gehörten freilich dazu, aber die Jette Fremder hatte beides; kein Mensch frug nach ihr, wo sie den ganzen Tag über gesteckt und was sie getrieben habe. Der Wald war ihr liebster Aufenthalt; da lag sie oft stundenlang im Grase und zählte, wie oft der Kuckuck aus der Ferne seinen Lockruf erschallen ließ; sie legte sich ins Gras, flocht ihre Zöpfe auf, bis die Haare freihingen, und begann dann von neuem die Zöpfe zusammenzudrehen. Im Frühling suchte sie Primeln, Vergißmeinnicht und Schneeglöckchen; band sie zu Sträußen zusammen und verkaufte sie in der Stadt, in den Häusern hausierend. Kam der Sommer, so suchte sie vorübergehende Arbeit als Beerenpflückerin; sie wußte, wo die besten Stellen für Heidelbeeren, Himbeeren und Preiselbeeren in den weiten Revieren lagen, und sie verdiente da mit dem Pflücken von Beeren, die sie an die Marktfrauen oder an Unternehmer verkaufte, einige Thaler. Sie arbeitete aber nur, wenn es ihr gefiel; dann kamen lange Zeiten, wo sie gar nichts that, sondern nur in den Dörfern bettelte und nachts in der Frauenherberge schlief. Fortwährend in Gefahr, von Polizisten, Förstern und Wachtmeistern als Landstreicherin eingefangen und ins Frauenarbeitshaus befördert zu werden, hatte sie sich bisher doch noch niemals aufgreifen lassen. Solange sie etwas that und durch Blumenpflücken oder Beerensammeln scheinbar ihren Unterhalt verdiente, konnte man ihr nichts anhaben; zeitweilig war sie aus der Gegend ganz verschwunden. Das geschah, wenn zu Zeiten in kleinen Städten und Marktflecken Jahrmärkte abgehalten wurden; da trat sie nämlich als Zigeunerin auf in einem Kostüme, welches sie als ihre einzige Habe im verborgensten Winkel auf dem Boden der Schicksenpenne verwahrte. Mit dem Ende des Jahrmarktes, wenn sie durch Wahrsagen den Bauermädchen und hübschen Kleinstädterinnen einige Thaler abverdient hatte, war sie dann wieder verschwunden, strich in Wäldern umher, faullenzte und genoß die Annehmlichkeiten einer thatlosen, vollständigen Freiheit. In diesen Zeiten hatte sie sich bisher so gut vor den Polizisten zu verstecken gewußt, daß sie niemals da gefunden wurde, wo man sie suchen mochte.

Seit die Jette aber den neu zugereisten Schlossergesellen kennen gelernt hatte, war mehr und mehr der Drang erwacht, aus diesem Lotterleben herauszukommen. Sie glaubte, sie müsse ungefähr achtzehn Jahre alt sein, und seit sie »aus der Schule« war, hatte sie auch dieses Landstreicherleben geführt. Wer ihre Eltern waren, wußte sie nicht; man hatte sie als Säugling ausgesetzt auf der Schwelle eines Bauernhauses gefunden; sie war dann als Dorfarme aufgezogen worden und, weil niemand sich ihrer annehmen mochte, war sie vogelfrei im Walde und auf den Feldern groß gewachsen. Man hatte ihr zwar mehrfach Stellen verschafft; als Kind schon hatte sie Kühe gehütet, und als sie im fünfzehnten Jahre stand, hatte eine Bäuerin sie als Kuhmagd gedungen. Aber das hatte sie nicht lange ausgehalten; der junge Bauerssohn hatte ihr nachgestellt, und da war sie eines Tages davongelaufen. Durch die Liese war sie auf die Frauenherberge gebracht worden, und seit der Zeit war sie auch nicht mehr aus dem Betteln, Wanderleben und Umherstreichen herausgekommen.

Das Eichhörnchen war sachte an seinem Baume auf der Rückseite herabgeklettert und lauschte unten am Fuße desselben, ob es wagen könne, vorzuhüpfen. Allmählich kam es auf den Moosgrund vorgelaufen, setzte sich aufrecht und knackte die Nüsse. Die Jette hatte ganz vergessen, warum sie hier kauerte und starrte noch immer in den Baumwipfel hinauf, als säße dort das Eichhörnchen.

Sie dachte nur an den schmucken Schlosser, der ein so gutes Herz hatte. Sie dachte an all das Schlimme, Abscheuliche und Traurige, was sie bisher auf der Frauenherberge gesehen, wie da Burschen und Mädchen verdarben, und wie sie vor dem gleichen Lose nur durch ihre scheue Natur behütet geblieben, die gleich dem Eichhorn auch selbst immer auf der Flucht war. Wer weiß, was aus ihr werden mußte, wenn sie einmal der Polizei in die Hände fiel! Und nun war der Schlossergeselle gekommen, und sie hatte gesehen, wie manche Bettelfrau und Landstreicherin mit einem ging und sozusagen mit ihm verheiratet war. Der Schlossergeselle wurde gewiß einmal ein Meister, wenn er jetzt auch auf der Walze war; der war von Haus aus gut gestellt, das sah man ihm an. Ach, wenn man doch auch eine Frau Meisterin werden könnte! Immer mehr setzte sich in Jettes Innerem der Gedanke fest, wenn sie sich an den Gesellen anschlösse und es mit ihm hielte, so würde er sie gewiß noch heiraten und zu seiner Frau Meisterin machen. Denn als Meisterin da brauchte sie sich nichts von anderen sagen zu lassen, da war sie freie Herrin und konnte auch in den Wald spazieren gehen, ohne Furcht, daß man sie ins Arbeitshaus brächte; da konnte sie dem guten Hans alles zuliebe thun, was er nur wollte, und wie schön malte sie es sich aus, wie sie für ihn die Haushaltung lernen würde.

Die Haushaltung! Der Gedanke fiel ihr schrecklich aufs Herz. Sie wußte, daß sie weder stricken noch nähen, weder ordentlich kochen noch waschen konnte; nichts hatte sie gelernt; gar nichts. Und wie sie sich vorstellte, wie verwickelt z. B. das Stricken war, so bekam sie eine höllische Angst davor, daß sie das wohl niemals mehr lernen wollte. Nein, eigentlich müßte sie eine große Dame sein, die in feinen Kleidern, in zweispännigem Wagen fuhr und gar nichts zu thun brauchte. Und der Hans konnte ja auch eine große Fabrikschlosserei gründen, wo sie nicht nur eine einfache Meisterin, sondern eine reiche Dame ward. Wenn der Hans sie nur mitnahm! Sie wollte mit ihm weiterwandern und walzen, bis er wieder nach Hause käme, und da mußte er dann doch einmal ein Einsehen haben und sie, nach all der Treue, die sie ihm beweisen wollte, zu seiner Frau machen. Schöne Kleider wollte sie dann tragen, und, wenn ein armes Mädel an ihrer Thüre klingelte, um zu betteln, so würde sie ihr alles, was sie nicht mehr tragen mochte, noch wie neu schenken.

Die Jette hatte unter diesen Träumen nicht bemerkt, daß auf dem Waldwege hinter ihr ein Forstgehilfe herangekommen war, der sie mit Verwunderung im Moose kauern sah. Er mochte die gute Gelegenheit, die Landstreicherin einmal auf frischer That abzufassen, willkommen heißen, denn er blieb hinter einer Baumgruppe stehen und beobachtete das Mädchen. Wenn ihn aber auch dieses nicht bemerkte, so spitzte doch das Eichhorn plötzlich seine Ohren, stellte den Schwanz steifer und hielt die Nuß, die es eben in seinen zwei Vorderhändchen zusammenklemmte, leise zitternd abwärts geneigt. Plötzlich hatte es den Lauscher erkannt und sprang mit einigen Sätzen, im Bogen auf und abhüpfend, auf den nächsten Baumstamm los. Die Jette, aus ihren Träumen aufgeschreckt, stürzte sich dem Tierchen nach, das sich in die Rinde des Baumes einhing und abwärts mit gedrehtem Köpfchen blickte; sie haschte darnach, und im Augenblicke war das Tierchen in den höchsten Wipfel geeilt, um dort von Ast zu Ast sich zu schwingen, den nächsten Baum zu erreichen und spurlos im dichten Blättergrün zu verschwinden. Die Jette sah wohl, daß sie das Tierchen für immer verscheucht habe und nicht mehr daran denken konnte, es zu fangen. Sie blickte verdrossen in den Wipfel hinauf.

Aber sie hatte den Trieb heute, wo sie so eifrig an den guten Schlosser gedacht, wenigstens etwas zu thun, was ihm Freude machen konnte. Sie wollte nicht umkehren, um den Schlafenden am Waldrande, wo sie ihn verlassen, aufzusuchen, ohne ihm irgend etwas mitzubringen. Aus den Baumwipfeln hörte sie unterschiedliches Vogelgezwitscher; eine Meise zirpte ihr spärliches Liedchen, Finken schlugen mit ritterlicher Kühnheit ihre hellen Triller auf und antworteten einander, und von einem der nächsten Buchenbäume sang eine Spottdrossel ihre verwunderten musikalischen Fragen und die ironisch klingenden Erwiderungen, die sie sich selbst darauf gab. Da meinte die Jette, wenn sie dem Hans ein paar Eier mitbrächte, so würde er die gern am Abend roh oder gekocht von der Herbergswirtin essen, und weil sie wegen der Schuhe, die er ihr gekauft, sich so wie so schon in seiner Schuld fühlte, so dachte sie, wenn sie einem Vogel das Nest ausnähme, so wäre das der einfachste Weg, zu guten Eiern zu kommen. Sie besah sich den Baum, in welchem ein brütender Vogel saß, wie sie gemerkt hatte, und bemerkte, daß er in Manneshöhe einen Ast zur Seite herausstreckte, an welchem sie sich aufschwingen konnte. Mit raschem Entschlusse ging sie an den Baum, nahm ihre Röcke zwischen die Beine, faßte aufspringend mit beiden Händen den Ast, stemmte sich mit ihren nackten Zehen gegen den Buchenstamm und schob sich so allmählich mit der Brust auf den Ast hinauf. Während sie dahing und dann auf dem Zweige zum Stehen kam, merkte sie nicht, daß der Forstgehilfe, seines guten Fanges sicher, schnell ihr nachgeschlichen war und in nächster Nähe verborgen stand, um zu sehen, was sie unternehmen werde. Die Jette stieg jetzt, aufrecht stehend, da die Äste näher aneinander aus der Blutbuche herauswuchsen, im Baume in die Höhe, der Vogel flog erschreckt auf und, um bequemer zu steigen, raffte das Mädchen die Röcke bis über die Kniee hinauf. Dicht über sich sah sie jetzt auch das Nest, griff, auf die Zehen sich hebend, mit der Hand hinein und langte ein Ei nach dem anderen heraus, um es in ihren Busen und in das Korsett zu schieben. Sie ging dabei sehr vorsichtig zu Werke, ohne sich im mindesten um das ängstliche Gekreisch des Vogelweibchens und -männchens zu kümmern, die heranfahrend über dem Neste flatterten.

Langsam wollte sie wieder von dem Baume herabklettern, als sie sich auf einmal von unten angerufen hörte und jäh erschreckt zusammenfuhr, indem sie sich in einer Astecke zusammenkauerte, ihre Röcke rasch herunterschlug und am ganzen Leibe zitterte. Sie hatte den Forstgehilfen erkannt, sah, daß es kein Leugnen und keinen Ausweg mehr gab, und hockte lautlos da. Der Forstgehilfe rief ihr zu, sie solle sofort die Eier wieder in das Nest legen, herunterkommen und ihm folgen. Mit wildem Weh dachte sie an den Schlosser, der jetzt nichts von den Eiern haben sollte, und an die Aussicht, im Gefängnisse wegen Waldfrevels und Landstreichens sitzen zu müssen, während der heimlich Geliebte vielleicht weiter zog, sodaß sie ihn nie mehr sehen sollte. Angst, Wut und Tücke mischten sich in ihrem Herzen. Sie nahm die Eier wieder aus dem Busen heraus, stellte sich aufrecht, als wolle sie dieselben wieder in das Nest legen und, indem sie den Arm erhob, ließ sie mit Absicht die Eier gleichzeitig ihrer Hand entgleiten, sodaß sie aus der Baumhöhe durch die Äste herabfielen und unten auf dem Boden zerschlugen. Darüber faßte den Gehilfen gesteigerte Entrüstung. Sie mordete die ungeborenen Vögelein, die Landstreicherin, und wenn er einen Augenblick Mitleid gefühlt hatte, so meinte er, jetzt müsse sie doch mitgehen und ihre Strafe absitzen.

»Komm herab, du leichtsinnige Dirne, oder ich schieße dich wie eine Krähe herunter,« rief er drohend.

Eine Weile saß die Jette da und dachte, er würde wohl nicht Ernst machen. Sie verlor kein Wort, kauerte sich wieder zusammen und wollte es darauf ankommen lassen, einfach im Baume sitzen zu bleiben, bis er weitergehen würde, und wenn die Nacht darüber einbräche. Aber der Forstgehilfe wartete nicht lange, machte Anstalt, sein Gewehr von der Schulter zu nehmen und wiederholte seine Drohung.

Da kam sie endlich langsam mit wilden Haaren, da ihr die Zöpfe im Blätterwerke hängen geblieben, blaß vor Angst und mit scheu umherschielenden Augen vom Baume mehr heruntergekrochen, als gestiegen. Unten blieb sie angelehnt am Stamme stehen und suchte einen Augenblick, wo sie entwischen könnte; der Forstgehilfe aber sprang schnell auf sie los, packte sie am Handknöchel, schlang einen kurzen Strick mit einer Schlinge um den Knöchel, schlug sie dann mit geballter Faust auf den Rücken und befahl marsch!, indem er ihr sagte, daß er sie unbarmherzig niederschießen würde, wenn sie nicht gutwillig folgen werde, um in der Stadt auf dem Polizeiamte zur Haft abgeliefert zu werden.

Sie sagte noch immer kein Wort und dachte sich nur, der Vogel würde in seinem Leben noch viele Eier legen können, und außerdem gäbe es im Walde noch mehr Reiher und andere Vögel mit eßbaren Eiern. Was brauchte man da wegen ein paar zerbrochener Eier soviel Lärm zu schlagen. Daß man sie hier auf den Rücken schlug, das war doch weit schlimmer und am schlimmsten, was der Hans von ihr denken müßte, wenn sie jetzt spurlos verschwand. Vor dem Gefängnisse oder dem Arbeitshause hatte sie eine entsetzliche Angst, und so ging sie mit halbgelähmten Knieen, mehr gezogen als freiwillig, eine Weile neben dem Gehilfen einher, der sie am kurzen Stricke vorwärts führte.

Schon hatte sie jede Hoffnung des Entkommens verloren, als ihr einfiel, daß sie mit List vielleicht doch etwas ausrichten könnte. Sie hatte besondere Angst vor dem Schießen und sann, wie sie vor allem das verhindern könnte. Nun bemerkte sie, daß der Gehilfe das Gewehr an der Seite hängen hatte, an welcher sie selbst ging. Und das konnte ihr vielleicht zur Flucht verhelfen.

Sie waren an eine Waldblöße gelangt, welche die Höhe eines Steinbruches bezeichnete. Auf Tod und Leben in den Steinbruch hinunterzuspringen, wenn sie sich losgerissen hatte, das schien ihr der einzig mögliche Weg der Rettung. Aber wie loskommen?!

Plötzlich sank sie in die Kniee, indem sie laut zu jammern begann, wie weh ihr der Strick um den Handknöchel thäte. Der Gehilfe neigte sich etwas zu ihr herab, selbst von einem leichten Mitleid erfüllt, denn er hatte mit Absicht den Strick scharf angezogen. In diesem Augenblick fuhr Jette mit beiden Händen auf das Gewehr los, als wollte sie sich daran anklammern, und blitzschnell hatte sie dabei den Hahn gespannt und abgedrückt. Der Schuß ging krachend los und fuhr senkrecht in die Luft, der Gehilfe, erschrocken, ließ Jettes Hand fahren und im Nu war sie aufgesprungen und rannte wie eine Rasende auf den Rand des Steinbruchs los. Der Gehilfe nach, will sein Gewehr anlegen, um einen zweiten Schuß abzugeben, da verschwindet sie plötzlich vor seinen Blicken, denn, als hätte sie die Erde verschluckt, ist sie hinunter in den Bruch gesprungen.

Jette hatte mit der Geistesgegenwart der Gefahr sich besonnen, daß der Bruch mehrere Absätze hatte; der erste Sprung war nur zwei Mann hoch; und nun nahm sie die Röcke fest und ließ sich an der Wand hinabgleiten. Als der Gehilfe oben am Rande erschien, konnte sie unten bereits über den Waldweg wegspringen, um im Waldesdickicht zu verschwinden. Rasch blickte sie sich um und lachte in sich hineinkichernd, als sie den Gehilfen oben am Rande stehen und sich umblicken sah, wo er herunterkommen könnte. Jetzt hatte sie Vorsprung genug. Sie merkte nicht, wie ihr auf den Füßen und an den Beinen die Haut aufgeschürft war; sie lief weiter in den Wald hinein, bald rechts, bald links, um von ihrer Spur abzuleiten, bis sie sich nach einer Viertelstunde in Sicherheit glaubte. Da warf sie sich atemlos der Länge lang auf den Leib hin, drückte das Gesicht ins Moos und blieb lange so liegen, als fürchte sie sich umzuschauen und zu sehen, wie man sie rücklings einholte. – Es kam niemand. Lange lag sie so. Der Gehilfe hatte richtig ihre Spur verfehlt, war dann umgekehrt und hatte es für richtiger gehalten, die polizeiliche Anzeige gegen das Mädchen zu machen, damit sie bei der nächsten Razzia, welche die Polizeimannschaft gegen die überhandnehmenden Landstreicher in der Umgegend machen sollte, mit eingefangen würde.

Allmählich wagte das wilde Mädchen den Kopf wieder zu erheben und sich umzuschauen. Sie starrte in die Waldestiefen hinein und sagte sich, daß sie von jetzt an wie ein gehetztes Wild leben werde, denn sicher werde sie nun, wie andere, eifrig verfolgt werden, wenn man auch für den Augenblick ihre Spur verloren hatte. Ach, dieses Leben! Elternlos in die Welt ausgesetzt, und nun verfolgt wie die Hirsche beim Treibjagen, bis sie zuletzt doch in das Arbeitshaus mußte!

Nicht lange verweilte sie bei diesen Empfindungen. Sie dachte an ihren Schatz, an den Schlossergesellen, und fühlte, wie schrecklich es sein müßte, wenn dieser etwa, wie sie selbst, eingefangen würde wegen Landstreichens und Bettelns, und plötzlich wurde sie von so großer Sorge um ihn erfaßt, daß sie sich aufmachte, um, durch dick und dünn streifend, den Ort wieder zu finden, wo sie den Schlafenden verlassen hatte. Auch fiel ihr ein, daß sie ja die Trittchen, welche der Geselle ihr geschenkt, unter seinem Kopf hatte liegen lassen, und diese Schuhe mußte sie um jeden Preis wieder haben, denn wie der Henning gesagt hatte, war ja eine Frau Ministerin darin gelaufen. Sie glaubte, man würde sie nicht so leicht als Landstreicherin verhaften, wenn sie wenigstens diese Schuhe über den Füßen habe. Der Forstgehilfe war gewiß nur so unliebenswürdig gewesen, weil er sie barfuß erwischt hatte. Sie kannte jeden Weg und Steg im Walde und eilte, durch die Heidelbeerkräuter mit ihren nackten Füßen schlürfend, zwischen den unabsehbaren Fichtenhallen durch, watete durch den forellenklaren Waldbach, stieg die Waldhügel hinan und kroch durch enge Waldschluchten, wo die Hügel dicht aneinander rückten, um auf heimlichen Schleichwegen, wo niemand so leicht sich hinverirrte, wieder nach der Landstraße vorzukommen.

Schon sah sie von weitem die Lichtung und den weißen Streifen der Straße sich hinziehen, als sie erschrocken stehen blieb, denn eben brachten sie dort einen Mann am kurzen Stricke vorüber, gerade so, wie sie eben erst vom Forstgehilfen geführt worden war. Es waren aber zwei, die ihn begleiteten, zwei Landpolizisten mit Helm, Seitengewehr und mit der Flinte im Arme. Der Mann, der zwischen ihnen schritt, schimpfte und klagte unwillig. Sie empfand das ganze Unglück mit dem Ärmsten, das darin lag, wie ein wildes Tier gefesselt einhergeführt zu werden, wo man doch mehr Freiheitsbedürfnis hatte als die wohlhabenden Menschen, die unfrei in ihren Zimmern hocken und nur auf den Wegen gehen, die man geebnet hat. Aber die Furcht, selbst noch eingefangen zu werden, wie der Mann dort, ließ sie atemlos stehen bleiben, bis die Männer vorüber waren ohne sie gesehen zu haben.

Der Mann, den die zwei Landgendarmen führten, war Weber, der Bergarbeiter. Er fluchte und schimpfte und beklagte sich, daß man ihn beim Fechten abgefaßt habe, trotz seiner guten Papiere, und trotzdem er vergeblich Arbeit gesucht habe.

»Was soll man denn machen?! Ist das nicht eine ganz vorsündflutliche Wirtschaft, daß unsereins hier von euch Polizeikerlen einfach seiner natürlichen Freiheit beraubt wird? Arbeit kann man nicht finden; stehlen mag ein anständiger Mensch auch nicht, und wenn man dann sich an das gute Herz seiner Nebenmenschen wendet, um auf offener Straße wenigstens einen Pfennig für den ärgsten Hunger zu haben, dann heißt es, man bettele und wird eingesteckt. Ist denn das eine vernünftige Gesellschaftsordnung, wo einer, der nischt hat, bestraft wird, weil er nischt hat? Wo ist denn euer Christentum hin? Herrje, da möchte man aber doch gleich katholisch werden.«

Der Polizist, welcher den Widerspenstigen am Arme führte, gebot ihm Ruhe, sonst werde er auch noch wegen Beamtenbeleidigung und Widerstands abgestraft werden. Er sei beim Betteln oben an der Landstraße betroffen worden, ob er lange oder erst kurze Zeit aus der Arbeit sei, das werde sich ja bei genauerer Prüfung seiner Papiere herausstellen. Einen Tag Haft werde es setzen, und dann könne er ja weiter nach Arbeit suchen, wenn es ihm Ernst damit sei.

»Ach, ein Räuberkerl, ein Räuberkerl könnte man ja werden,« jammerte der Unglückliche, »wenn man sich das bedenkt. Zu Hause sitzen Weib und Kinder, man läuft über Land, um die hartherzige Welt um Arbeit, um bloße Arbeit anzuflehen, man würde ja so gern arbeiten. Und wenn sie einem Arbeit geben, dann thun sie, als machten sie einem auch noch ein Geschenk, und wenn sie keine geben, dann zucken sie bloß die Achseln, als wär' man ein Stück von einer Maschine, aber kein lebendiger Mensch. Und da kommt nun der ordentlichste Kerl dazu, auf offener Straße um ein Stück Brod zu bitten, und da sperrt ihr ihn ein, als wär' das ein Verbrechen, wo doch geschrieben steht, bittet, so wird euch gegeben. Na, Ihnen, meine Herren, will ich weiter keinen Vorwurf machen, Sie sind eben die ausführenden Organe einer verkehrten Weltanschauung und blinde Werkzeuge. Aber das sage ich Ihnen, an Ihrer Stelle würde ich mir schämen, weiter nischt, als ein blindes Werkzeug in der Hand der Gerechtigkeit zu sein!«

Er fuhr fort, den Beamten vorzuhalten, was sie doch eigentlich für arme, bedauernswerte Kreaturen seien, daß sie ihn, einen freien Arbeiter, im Auftrag höherer Gewalten am Stricke einherführen müßten, und seine Reden waren förmliche parlamentarische Abhandlungen, wie er sie in den Arbeiterversammlungen der Kohlenwerke zu entwickeln pflegte. Die Beamten ließen ihn reden, und bald waren sie auf der Landstraße außer den Gesichtskreis der Jette gekommen.

Als sie die Straße frei sah, kam sie endlich vor und schlich am Waldesrand, vorsichtig umherlugend, ob kein Forstgehilfe sich zeige, die Straße entlang, bis sie an die Stelle kam, wo sie Hans verlassen hatte. Mit Bangen sah sie, daß der Platz, wo er gelegen, leer war. Das Gras und die Blumen waren noch niedergedrückt an der Stelle seines Lagers, und seitwärts hinter dem Gebüsch lagen auch ihre Schuhe verstreut. Da setzte sie sich eine Weile, um auszuruhen, auf die niedergedrückten Grashalme und dachte sich, sie säße in seinem Schoße, weil er doch hier seine Spur hinterlassen hatte, der fremde Schlossergesell. Sie zog die Schuhe an und war zufrieden, daß wenigstens etwas von ihm immer bei ihr war.

Sie hatte eine Weile so gesessen, als Wesel wieder aus dem Walde herausgeschlichen kam. Als er nämlich von weitem den verhafteten Kohlenarbeiter mit den Polizisten die Höhe der Straße herabkommen sah, hatte er sich sachte von seiner Arbeit weggemacht und war in den Wald gegangen, um den Vorübergehenden aus dem Wege zu sein. »Na,« meinte er bei sich, »da wird der Mann nun ja noch viel mehr einbringen, wenn sie ihn schon so schnell einstecken. Ist er wieder aus der Haft, wird er, wie viele andere vollends in die Walzerei geraten und erst recht nicht mehr arbeiten wollen; na, und von dem, was er dann einnimmt, fallen ja auch meine Prozentchen ab.«

Als Jette durch den Steinhauer erfuhr, daß der fremde Schlossergeselle schon lange aufgebrochen war, um irgend etwas zu suchen, und wahrscheinlich nach der Penne gegangen sei, machte sie sich auf, um Hans Finke dort zu begegnen. Sie hatte ja doch nichts anderes zu thun, als ihrer heimlichen Liebe nachzugehen, und sie ließ sich willenlos von diesem neuen, bisher unbekannten Gefühle treiben, um ihrer Einbildung nachzuirren.

Während dieser Ereignisse war Leberecht, der Studiosus, der vormittags nach Neustadt hinübergeschlendert war, mit großen Plänen für seine Zukunft beschäftigt. Die Bekanntschaft mit Hans Finke, dem »Landtagsabgeordneten«, vom vergangenen Tage hatte ihn daran erinnert, daß er noch vor einem Jahre ein gebildetes Mitglied der menschlichen Gesellschaft gewesen war, und das ganze Elend seiner verkommenen Lage war ihm wieder zum Bewußtsein gekommen. Plötzlich hatte er den Entschluß gefaßt sich aufzuraffen und sich wieder herauszuarbeiten. Auf dem Wege nach der Stadt erwog er mehrere Pläne.

Er wollte einen Bücherkolportagehandel begründen; wollte in die Buchhandlungen gehen und sich als Bücherausträger anwerben lassen, um in den Gastwirtschaften neue Bücher, Zeitungen, Flugschriften und dergleichen auszubieten. Vielleicht konnte er sich dabei soviel ersparen, um damit selber einmal eine kleine Buchhandlung zu begründen. Dann wieder meinte er, er könne Sprachunterricht und Nachhilfestunden an die Gymnasiasten erteilen in der Stadt. Er nahm sich vor, im Amtsblatt eine Zeitungsanzeige aufzugeben, wonach ein wissenschaftlich gebildeter Mann Unterricht zu erteilen wünsche. Auf alle Fälle wollte er sich aus dem Pennenleben losreißen und sich in einem Gasthof in der Stadt einmieten. Er überzählte seine Barschaft und sah, daß er noch ungefähr eine Mark besaß, darunter ein ganzes Zehnpfennigstück; das andere waren gegen sechzig einzelne Pfennige und Zweipfennigstücke, seine Einnahmen von den letzten Dorfwanderungen und Straßenbetteleien.

In Neustadt angekommen, ging er auch schnurstracks am Markte in den »goldenen Schwan«, einen bürgerlichen Gasthof, ließ sich ein Zimmer geben und erklärte auf die etwas mißtrauischen Blicke des Oberkellners, er sei Student, auf einer Fußwanderung begriffen, daher in seinem Äußeren etwas vernachlässigt; aber seine Koffer würden bald nachkommen, und da werde er sich wieder in Ordnung bringen. Er bediente sich einer sehr gebildeten Sprache und erreichte es, daß man ihm ein hübsches Schlafzimmer im dritten Stock anbot. Er frug nach dem Preis. Als er hörte, das Zimmer koste eine Mark fünfzig Pfennige für eine Nacht, trat ihm leichter Schweiß auf die Stirn in Anbetracht seiner geringen Barschaft.

Als er allein in dem Zimmer saß, fragte er sich, wie er zu den übrigen fünfzig Pfennigen kommen sollte. Nach längerem Sinnen fand er, das einfachste wäre, er machte sich auf und bettelte sich das Geld zusammen. »Es ist zwar schon ein Rückfall!« dachte er bekümmert, aber der einzig mögliche Weg zu Gelde zu kommen, ohne zu stehlen. Jedenfalls durfte er nicht mehr in der Penne schlafen, wenn er sich herausreißen wollte. Man mußte jetzt tüchtig in der Stadt herumfechten, bis man auf diese Weise eine gute Wohnung im Hotel bezahlen konnte. Dadurch hatte man Kredit, man konnte zu einem Schneider gehen und sich einen besseren Anzug leihweise verschaffen. Und dann konnte man auftreten.

Als er aber die Sache näher überlegte, fiel ihm auf die Dauer die Unausführbarkeit dieser Pläne ein. Nein, lieber gleich wieder weg hier. Er schlich sich behutsam auf der Gasthoftreppe herab und verließ das Haus, um nie wieder zurückzukehren.

Er begann sich in die besseren Stadtviertel zu begeben, die Treppen hinaufzusteigen in den Häusern und zwar dabei im obersten Stockwerk zuerst zu klingeln. Drei Stockwerk hoch klingelte er schüchtern und sagte nur: »Entschuldigen Sie, ein armer Reisender«, als sich die Thüre öffnete. Die Thüre schloß sich wieder, und nach einer Weile wurde sie ein wenig aufgethan, eine Hand fuhr heraus und legte ihm einen Pfennig in die Hand.

»Ach,« dachte er, »wie viele Pfennige brauche ich noch, um mich wieder auf eigene Füße stellen zu können.«

Im ersten Stockwerk wohnte ein Gymnasialprofessor. Leberecht hatte das auf der Penne erfahren. Der Mann galt als ein sehr gütiger und mitleidiger Herr bei allen Kunden; das Haus überhaupt als eine dufte Winde.

Er klingelte und frug die öffnende Küchenfee: »Ist der Herr Professor zu sprechen. Bitte, mich zu melden. Studiosus Philologiae Max Leber in einer wissenschaftlichen Angelegenheit.«

Er wurde in ein kleines Empfangszimmer geführt, mußte ein Weilchen warten, und als der Professor, ein würdiger alter Herr erschien, stellte er sich vor.

»Ich komme in einer wissenschaftlichen Angelegenheit, Herr Professor. Ich möchte mir zunächst die Frage gestatten, ob Sie mir nicht talentvolle, zurückgebliebene Schüler für Nachhilfeunterricht zuweisen könnten. Ich muß Ihnen das Geständnis machen, daß ich durch mißliche Lebensverhältnisse in die Notwendigkeit versetzt bin, Unterricht zu geben; ich hege die Absicht, mich hier niederzulassen, und wohne einstweilen im »goldenen Schwan«.

Der Professor betrachtete sich unter der Brille mit seitwärts geneigtem Haupt den seltsamen Studiosen. Die Hiebschmarren im Gesicht ließen keinen Zweifel daran, daß man es mit einem wirklichen Musensohn zu thun hatte, der augenscheinlich in sehr betrübenden Verhältnissen lebte.

»Leider«, meinte der Professor, »ist zur Zeit gar keine Aussicht. In unserem Städtchen ist der ganze Nachhilfeunterricht schon in festen Händen. Vielleicht wäre es besser, Sie begeben sich in eine größere Stadt.«

»Verzeihen, Herr Professor«, entgegnete Leberecht, »Sie glauben nicht, was für eine Überfüllung auch in Berlin, Leipzig und Dresden mit Privatstundengebern herrscht. Man giebt dort Stunden zu fünfzig Pfennigen das Stück. Und außerdem, ich muß es zu meiner Beschämung gestehen, hätte ich nicht einmal das Reisegeld, um nach Berlin zu kommen. Ich kann mit Scheffel sagen: ›Pfarrherr, du kühler, öffne dein Thor. Fahrende Schüler stehen davor.‹«

Der Professor war ein großer Freund Scheffels, und das Citat stimmte ihn zutraulich. Er sagte: »Ja, womit könnte ich Ihnen dienen, mein Lieber.« Leberecht sah die guten Augen das gute Herz des Mannes aussprechen und meinte: »Herr Professor, wenn Sie mir versichern, daß ich hier wirklich keinen Privatunterricht finde – ich könnte sowohl Griechisch wie Lateinisch, auch in sozialwissenschaftlichem Unterricht Nachhilfe erteilen – so würden sie mich verpflichten, wenn Sie mir in spem melioris fortunae die Reisemittel nach Berlin vorschießen könnten. Ich wage diese Bitte nur zu stellen in Anbetracht der gemeinsamen klassischen Bildung, welche ja auf allen Erdteilen die gelehrten Geister bindet.«

Der Professor dachte daran, wie man einst auch ihm auf der Universität in spem melioris fortunae die Kollegiengelder gestundet, Stipendien gewährt und ihm weiter geholfen hatte. Es drängte ihn, dem jungen Manne zu nützen, der, man sah es ihm ja an, entschieden bedürftig war.

Er ging ins Nebenzimmer an seinen Schreibtisch und nahm mit einem Gefühle, in dem sich Rührung über eine gute That mischte mit stillem Schmerze, sich von seinem sauer ersparten Gelde trennen zu müssen, ein Zehnmarkstück aus seiner Kasse. Fast schüchtern und beschämt brachte er es dem Studiosus herein und sagte:

»Wenn ich Ihnen vielleicht mit zehn Mark dienen könnte, so würde es für die Fahrt nach Berlin reichen? Meinen Sie nicht, Herr Kandidat?!«

»O sicher, sicher,« meinte Leberecht, selber stark gerührt über die Güte des hilfreichen Mannes. Als er ihm dankend die Hand drückte und Gottes Segen auf alle wissenschaftlichen Arbeiten des Professors herabwünschte, gelobte er sich im stillen, nun aber auch ohne Rückfall sich aus der Fechterei herauszumachen, sofort nach Berlin zu fahren und zu versuchen, ob er dort etwas anfangen könnte mit Unterricht oder litterarischer Arbeit.

»Vielleicht könnten der Herr Professor mir einige Empfehlungen geben an Kollegen und Freunde in Berlin?!«

»Gewiß, gewiß, mit Vergnügen,« meinte der Mann. Er schrieb einige Visitenkarten zur Empfehlung und lud zuguterletzt, da er gerade speisen wollte, den Studiosus zum Mittagessen ein.

Leberecht blickte verschämt auf seinen Rock, seinen Anzug herab. Unwillkürlich verfiel er in die Kundensprache und meinte: »Herr Professor, ich kann kaum wagen, in Anbetracht der Kluft, die ich anhabe –.« Er merkte, daß der Gelehrte ihn nicht verstand. »Mein Rock, wenn ich mich so ausdrücken darf – ich wage kaum vor der Frau Gemahlin zu erscheinen, auch würde ich so mich kaum in Berlin vorstellen können –.«

Der Professor betrachtete sinnend und bedenklich das Haupt schüttelnd den Rock. »Es ist wahr,« meinte er. »Hören Sie, mein verehrter Freund, da fällt mir ein, daß ich noch einen ganz hübschen Rock habe, aber ich wage kaum –«

»O bitte, bitte, – ich müßte es mir ja zur größten Ehre schätzen, ein Kleid zu tragen, das Sie, Herr Professor – ich bin das –« er wollte sagen »gewöhnt«, unterdrückte aber glücklich das Wort und sagte statt dessen: »Schon Diomedes tauschte ja wohl mit Glaukos die Rüstung, wie Homer berichtet, warum sollten daher nicht auch Gastfreunde in unseren Tagen nehmen, was der andere getragen?!«

Als er den Professor hierüber gelehrt lächeln sah, wurde er kühner und citierte auf griechisch die berühmte Homerstelle:

»Doch den Glaukos erregete Zeus, daß er ohne Besinnung
Gegen den Held Diomedes die Rüstungen, goldne mit ehrnen
Wechselte, hundert Farren sie wert, neun Farren die andre.«

Damit hatte er sich gänzlich das Herz des Professors gewonnen. Dieser rief das Dienstmädchen, der Rock wurde gebracht, angezogen, und wenn er auch etwas engbrüstig saß, so konnte man doch mit Anstand im Speisezimmer erscheinen. Das Dienstmädchen nahm den alten Rock Leberechts, um ihn in den Korridor zu hängen, und machte dabei eine schreckliche Entdeckung, von der sie aber respektvoll schwieg, da der Herr Kandidat ja mit zu Tische speiste. Der Rock wimmelte geradezu von einer Art von zoologischen Wesen, deren Dasein sich an dem Studiosus auch dadurch verriet, daß er sich, bei Tische sitzend, sehr oft in den Haaren kratzte.

Der Professor hielt das für eine gelehrte Angewohnheit, während Leberecht schwere Sorgen hegte, daß etwa eine der Ursachen dieser Handlungsweise über das weiße Tischtuch laufen könnte.

Man unterhielt sich übrigens ausgezeichnet, und nachdem man gespeist hatte, empfahl sich Leberecht mit den besten Vorsätzen, machte seinen Kratzfuß vor der Frau Professorin und ging in den Korridor. Rasch und verstohlen zog er hier seinen alten Rock über den neuen, um nicht genötigt zu sein, den Rock über den Arm zu nehmen. Er hatte erst den alten Rock hängen lassen wollen, aber ein unsagbar vornehmer Blick des Dienstmädchens veranlaßte ihn, das Ding doch mitzunehmen, welches die sämtlichen Kleider des Professors anstecken konnte. Mit einer herablassenden Gebärde drückte er dem Mädchen fünfzig Pfennige, lauter einzelne Kupferstücke, in die Hand beim Fortgehen, denn er besann sich, daß die ordentlichen Menschen das zu thun pflegen, wo sie zu Gaste gewesen sind.

Als er unten auf die Straße trat, bare zehn Mark und außerdem die empfehlenden Visitenkarten des Professors in der Tasche, kämpfte er einen schweren Kampf. Er sagte sich, daß er, wenn er schlau war, jetzt sofort nach Berlin fahren konnte, um dort die Freunde des Professors aufzusuchen und auf Grund der Visitenkarten nicht nur zehn Mark, sondern wohl auch größere Summen zu leihen, mit denen er dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden konnte, um vielleicht einmal in Süddeutschland zu walzen und dort das Herbergenleben kennen zu lernen. Aber er besann sich, daß er ein ordentlicher Mensch werden wollte, und verwünschte daher seinen Einfall. Lieber wollte er einen seiner Röcke zu Gelde machen, um dadurch noch mehr Barschaft zu erringen. Nach Berlin zu reisen, um Unterricht zu geben, schien doch zu aussichtslos. Fünfzig Pfennige, höchstens eine Mark für die Stunde! Nein, das war zu anstrengend. Außerdem mußten die Schüler es ja riechen, wenn er Schnaps getrunken hatte. Nein, ihm kam eine andere Idee. Eine Antiquariatshandlung wollte er beginnen und zwar als Amerikaner, als self made man, ein selbstgemachter Mann. Im kleinen wollte er anfangen, um als ein Vanderbilt an Reichtum zu enden.

Er ging in die nächste Straße zu einem alten Kleidertrödler und bot seinen Rock zum Verkauf. Der Alte hatte ihn kaum angesehen, so warf er ihn vor die Thüre. Leberecht wußte warum. »Na, denn koofen Se den andren,« sagte er etwas grob. »Der ist noch ohne Bienen, in dem ich hier eingepuppt bin.« Er zog den Rock des Professors aus; der Alte musterte ihn vorsichtig, und man wurde um vier Mark handelseinig. Leberecht zog den alten Rock, den er von der Thürschwelle aufhob, wieder an und ging weiter, um den Anfang für die Begründung seines Kolportageantiquariats zu machen.

Einige Straßen weiter wohnte ein Antiquariatsbuchhändler, ein alter weißhaariger Mann, der in einem niedrigen Laden große Massen gebrauchter Bücher aufgestapelt hatte, zwischen denen er wie in einer Höhle saß, während er aus einem Topfe sein Mittagessen und seinen Kaffee zu genießen pflegte.

Den wollte Leberecht zunächst einmal auskaufen. Hier konnte er billige Bücher haben, und er malte sich aus, wie er dieselben auf dem Lande hausierend zu höheren Preisen verkaufen wollte. Es war auf alle Fälle ein Geschäft, welches seinem Bildungsstande entsprach, und mußte, wenn er nur die rechte Waare brachte, ein gutes werden. An Dienstmädchen konnte er Romane verkaufen, an Bauern alte Kalender, ja, er konnte sogar aus eigener Kraft für die Verbreitung guter Schriften sorgen. Diese Idee erfaßte ihn besonders. Massenverbreitung guter Schriften im Volke! Den Ungebildeten eine edlere geistige Kost zuführen und sich so sozialpolitisch nützlich zu machen. Große Idee! Ein Projekt, das sich unendlich ausbauen ließ! Geistig müßten die Bauern, die Dienstmädchen und Hausknechte geläutert werden durch antiquarischen Kolportagehandel.

Er trat in die Handlung ein und kaufte zunächst ein paar billige Räuberromane und Kolportagegeschichten, Kalender und dergleichen, die ihn nur einige Neugroschen kosteten. Er berechnete, daß er sie auf der Penne oder an reisende Handwerksburschen mit 100% Gewinn verkaufen konnte. Kundenreiselektüre! Das sollte die große neue Entdeckung werden, die ihn zum reichen Manne machte.

Indem er weiter in den Büchern kramte, fielen ihm bessere Schriften in die Hände; viele alte Reklambändchen, u. a. Kants »Kritik der reinen Vernunft«, »Die Frau« von John Stuart Mill, Stirners »Der Einzige und sein Eigentum«. Er begann zu blättern, und da er so lange jede strengere geistige Beschäftigung vermißt hatte, setzte er sich in einen Stuhl und machte sich daran, mit einem wahren Heißhunger draufloszulesen. Alle die alten philosophischen Begriffe wurden wieder lebendig; er nahm die »Kritik der reinen Vernunft« und las sich zur Erholung tief in die transzendentale Ästhetik hinein.

Er hatte ein paar Kapitel gelesen, als er sich besann, daß er eigentlich zum Kaufen hier war, und kramte weiter. Da fesselte ihn auf einmal ein altes Exemplar von Spinozas »Ethik«; er fing auch da an zu lesen und wollte es sich schon wieder bequem machen, als der Alte ihn darauf aufmerksam machte, sein Antiquariat sei kein Lesezimmer, und wenn er ihm hier die Bücher einfach vor der Nase weglesen wollte, so würde er ja lebendig verhungern können. Leberecht griff großartig in die Tasche, legte sein Zehnmarkstück auf den Tisch und kaufte für vierzig Pfennige die »Kritik der reinen Vernunft« und Spinozas »Ethik« für eine Mark, nicht ohne darüber nachzudenken, daß es den Gedanken großer Männer im Grunde doch auch nicht besser gehe als den Kleidern, die sie auf dem Leibe tragen; je älter sie würden, zu desto billigeren Preisen schlage man sie los. Da der Alte seiner Lesewut keine Nahrung mehr geben wollte, indem er die Bücher ungelesen kaufen sollte, so begann er von neuem in den Bücherstößen zu kramen, sich die ledernen und papierenen Rücken zu beschauen und auszuwählen, was ihn besonders interessierte. Er kaufte Sudermanns »Ehre«, ein paar alte zerflederte Bände von Zola und Ibsen, dazu Tolstois »Kreuzersonate« und einige neuere soziale Schriften: Bellamys »Rückblick aus dem Jahre 2000«, Hertzkas »Freiland«, Bebels »Die Frau«, alles Schriften, worin seine besser situierten Zeitgenossen ihre Unzufriedenheit mit bestehenden Verhältnissen und ihre Träume und Hoffnungen von einem neuen Zukunftsstaat auseinandersetzten, einem Staat, von dem auch er gern träumte, wenn er auf der Penne von den Wurstzipfeln und Brodschnitten lebte, die er bei Schlächtern und Bäckern zusammengebettelt hatte. Er freute sich ungeheuer darauf, alle diese Bücher zu lesen, und weil er noch einiges Geld übrig hatte, so kaufte er auch noch die »Philosophie des Schönen« von Eduard v. Hartman«, welche in vielen, zerlesenen einzelnen Heften dalag und in welcher er seinem Schönheitsbedürfnis in stillen Stunden neue Nahrung zuzuführen hoffte.

Nachdem er bezahlt hatte, setzte er sich wieder hin, um zu schmökern, denn jetzt konnte der Alte doch nichts dawider haben. Er las Sudermanns »Ehre« in einem Atem durch und merkte nicht, wie der Spätnachmittag darüber herankam. Das Buch gefiel ihm außerordentlich. Endlich ein vernünftiger Schriftsteller, der einem einmal klar machte, daß mit der sogenannten »Ehre« der ordentlichen Menschen nicht viel los sei. Er war ganz aufgeregt über das Buch, denn eigentlich hatte der Verfasser doch nur ausgesprochen, was er und Hasenklau so oft auf der Penne beim Schnaps erörtert hatten. Er meinte, er sei ein Glückskind, daß ihm gerade dieses Buch in die Hand gefallen sei, denn er würde es sicher mit gutem Gewinn bei anderen Fechtbrüdern losschlagen können. Schade, daß der Alte nicht mehr Exemplare hatte.

Leberecht besann sich aber zugleich, daß er selbst jetzt Buchhändler war und überlegte, was zu thun sei. Er wollte gegen Abend in die Gasthöfe der Stadt gehen und seine Bücher feilbieten. Um Anpreisungen wollte er nicht verlegen sein; er rechnete einen Gewinn von mindestens zwanzig Mark heraus, denn er wollte die Bierphilister nicht schlecht verkohlen. Was er nicht sogleich verkaufte, könnte er unterdessen selber lesen und der Ersparnis halber konnte er ja zunächst diese Nacht in der »Herberge zur Heimat« hier in der Stadt schlafen, wo es anständiger zuging, als draußen auf der Landpenne. Um die Bücher besser zu tragen, die zu einem hübschen Stoße angewachsen waren, ließ er sich von dem Antiquar einen alten Leinensack schenken. Mit dem belud er sich, nachdem die Bücher hineingestopft waren und marschierte drauf los, um also das neue Leben zu beginnen.

Er war erst um die zweite Straßenecke gebogen, als er aus einem Hausflur einen heftigen, mit unterdrückten Stimmen geführten Streit vernahm. Er blickte hinein in den Flur und sah dort Bill Will, den Kunstreiter, und Sorger, den Kellner, beide mit einem Charlottenburger auf dem Rücken, stehen, mit einer Umhängetasche. Er hörte bloß das Wort Sorgers: »Det jeht nich, die Straße hier ist mein Revier, und wenn de mir noch länger die Fahrt verderben willst, denn werde ick dir einfach den Schucker auf den Hals hetzen!«

»Aha!« dachte Leberecht und freute sich, daß er einem Leben entronnen war, in welchem solche Konkurrenzkämpfe um das liebe tägliche Brot stattfanden. Er beschleunigte seine Schritte, um hier fortzukommen und nichts von armen Reisenden und Walzern mehr zu sehen. Im nächsten Gasthofe wollte er seine Schriften ausbieten. Was Sudermanns »Ehre« anlangt, so hoffte er die bei guter Gelegenheit an Hasenklau loszuschlagen mit fünfzig Prozent Gewinn, denn Hasenklau würde das Buch besonders gefallen. – Sorger und Bill Will stritten unterdessen im Hausflur heftig weiter.

»Ich werde doch wohl das öffentliche Mitleid in Anspruch nehmen können, wo mir's beliebt«, meinte Bill Will im breiten sächsischen Tone singend; die Luft ist für alle Menschen da und die anständige Gesellschaft ooch. Denkst du denn, der Fleischerladen da drüben ist für dich alleene da? Keen Mensch kann mir wehren, wo ich will, daß man sich über mich erbarmt.«

»Aber ick werde dir det Jeschäft verderben,« erwiderte Sorger erbost, »das ist 'ne ganz niederträchtige Konkurrenz, die du mir machst. Ich trete hier ganz ahnungslos in diese dufte Winde herin, und da kommst du hier die Treppe herunter gestiegen, als wäre das nur so. Mir ist ein Licht ufjegangen. Die ganze Strehle Straße. haben mir se nischt gegeben, weil eben erst einer dajewesen ist, und ich habe doch heute ein Kohldampfschieben Hunger. wie nie, weil ich jar keene Miete eingenommen habe. Nu ist alles klar. Du hast mir eben mein Revier abgeklopft und verdienst, dat ich dir sofort wegen Landbettelei an den nächsten Blitzableiter Polizist. verpfeife!« verrate.

Bill Will wollte durchaus nicht einsehen, daß er nicht betteln durfte, wo er wollte; er sagte: »Und außerdem, woher soll ich denn wissen, daß das dein Revier ist?«

»Nu, det sieht doch jedes Kind, daß das mein Revier ist. Da oben, da steht ja die alte Schmeichelwinde, Kirche. und gegenüber im Haus, da wohnt der Gallach, Pfarrer. und det merkst de dir ein für allemal: Wo der Gallach und der Schallers Karl Lehrer. wohnen, det ist allemal mein Revier, mag's nun 'n Kaff Dorf. oder ein Mochum Stadt. sind. Die Häuser da herum bis auf eine viertel Stunde det ist allemal mein Gebiet; da steige ich los, und wer mir dazwischen kommt, der ist mein Feind.«

»Und ich werde mich den Deifel drum kimmern, ob du dir allemal die fettesten Gegenden aussuchst, wo der Pfarrer und die guten Leute wohnen. Das Revier hier ist meine; ich bin zuerst dagewesen und habe zuerst Besitz davon ergriffen, und wenn's ganz Ostafrika mit Angra Pequeña und Kamerun wäre, wer zuerst kommt, mahlt zuerst.« Bill Will rief das lauter und heftig erbost aus. Sorger hatte nicht übel Lust, ihm mit seinem Knotenstock einen Hieb über den Kopf zu geben, mäßigte sich aber und versuchte mit vernünftigen Gründen dem zähen Sachsen beizukommen, indem er sagte:

»Na, siehste das denn nicht ein, Sachse, daß det einfach nicht jeht in der menschlichen Gesellschaft, daß einer dem anderen sein Geschäft stört. Wenn du etwa meinst, det Fechten, det wär 'ne vogelfreie Sache, denn irrst du dir. Det Fechten ist ein menschlicher Berufszweig wie andere Berufszweige, bloß daß viel mehr Verstand, Geistesgegenwart, moralischer Mut und Überredungsgabe als auch dichterische Einbildungskraft dazu gehört, als wenn eener etwa weiter nischt thut, als Coupons schneiden und was sonst die Leute thun, die in Winden wohnen. Det Fechten ist eine ganz geregelte Sache, denn wo der eene ficht, da kann der andre nicht auch fechten, denn jeder Mensch kriegt det Schenken satt, wenn gleich zu viele hintereinander kommen. Darum muß unter anständigen Fechtern, die noch auf ihre Ehre halten, eine ordentliche Organisation sein, und wer die anerkennt, na, dem sagt man wohl auch, wo gute Winden in einer andren Gegend sind und schickt einander hin, wo man früher gut aufgenommen worden ist, und Sachse, wenn de Ehre hast, denn gehst de mir hier aus dem Wege und gehst in das Stadtviertel um den Markt, wo auch noch gute Gegend ist. Wenn du Ehre hast!«

Er betonte diese Worte besonders. Bill Will aber sah das alles nicht ein; er war ja noch nicht »armer Reisender« von Beruf wie Sorger, er war nur ein armer Kunstreiter in schwerer augenblicklicher Not und konnte sich daher auch nicht zur Anerkennung einer Organisation bekennen, die ihm keineswegs ehrenhaft erschien. Aus Not zu betteln, wie er selbst that, war natürlich; aber wie Sorger einen menschlichen Berufszweig daraus zu machen, schien ihm noch nicht als eine achtbare Thätigkeit.

»Und ich bleiwe einfach, wo ich bleiwe« sagte er mit eigensinnig gekränkter Stimme »und nu laß mich in Frieden, denn ich will jetzt gegenüber in Nr. 36.«

Sorger überschüttete ihn nunmehr mit einer Flut von Schimpfworten, da er aber sah, daß es bei dem zähen Sachsen nichts half, ging er endlich aus dem Flur hinaus und warf dem Kunstreiter die Thüre dröhnend vor der Nase zu. Er war so geärgert über die unerlaubte Geschäftsstörung, daß er heute überhaupt nicht mehr fechten mochte. Er machte sich aus der Stadt heraus, um in der Nähe von Erdmannsdorf die Liese aufzusuchen, mit der er sich verabredet hatte, um wegen der Jette etwas zu besprechen. Die Liese würde ihn ja wohl auch wieder herausfüttern, denn er hatte großen Hunger, da er heute fast gar nichts eingenommen hatte. –

Die Liese hatte heute Mittag recht gut gegessen. Sie war früh morgens von der Schicksenpenne ausgerückt und hatte sich nördlich gegen Erdmannsdorf zugewendet, wo die Bauern vereinzelt auf den Feldern arbeiteten, mit angespannten Gäulen lange Furchen in den Acker zogen, säeten und eggten. Sie wollte diese Gegend kennen lernen und die hinter Erdmannsdorf liegenden Dörfer auskundschaften auf ihre Erträglichkeit, denn sie hatte es dringend nötig eine andere Gegend zu suchen, da sie in Dommelsdorf, Ztietschewig und Umgebung schon zu sehr bekannt war. Zwei Stunden war sie des Morgens mit ihren Kindern, die Handkarre nachziehend, gefahren und sah noch nicht ab, wie sie heute zu Mittag essen sollten. Als sie aber in eine einsamere Gegend kam, wo weniger Bauern zu sehen waren, brachte sie ein Stückchen zur Ausführung, das ihr auch anderweit schon gelungen war.

Sie sah nämlich hinter einem Hügel einen Bauern zeitweilig mit Roß und Pflug heraufkommen und am Horizont hinschreiten, um dann wieder zu verschwinden jenseits des Hügels. Da weit und breit kein Dorf, außer Erdmannsdorf, zu sehen war, so beschloß sie den Verbindungsweg zwischen dem Dorfe und dem fernen Hügel zu belagern und richtete sich mit berechnender Kriegskunst ein. Wo der Weg in den Busch ging, fuhr sie mit ihrem Wagen hin, lagerte sich im Busch unweit der Straße, hieß ihre Kinder, den Fritz und die Grete, mäuschenstille sein und wiegte ihren Jüngsten, das Wickelkind, ein, bis er entschlafen war.

Gegen ein halb zwölf Uhr sah sie, ihrer Erwartung gemäß, ein Kind mit einem Korbe daherkommen. Sie schloß, daß es das Bauerntöchterchen sein mochte, das über Land ging, um dem Vater hinter dem Hügel das Mittagessen zu bringen. Sogleich band die Liese ihr Kopftuch fester um den Hals, ließ den Zipfel tief in die Stirn hereinhängen und ging dem Kinde entgegen.

»Wie heißt du denn?!« frug sie das Kind barsch und herrisch. »Und wo willst du denn hin?!«

Das Mädchen hielt verschüchtert inne, schaute mit ängstlichen Augen die fremde Frau an, nannte seinen Namen und sagte, es ginge zum Vater, um ihm sein Essen zu bringen.

»Was habt ihr denn heute?!« frug die Liese, indem sie den Korbdeckel hob und hineinblickte. Da war frisches, gekochtes Rindfleisch mit Gräupchen zu sehen. Liese war von dem Anblick befriedigt. Dann nahm sie plötzlich eine gestrenge Miene an, hob den Topf mit dem Essen heraus und sagte:

»Ei, du meschantes, schlechtes Kind, was hast du denn mit dem Essen gemacht? Du hast ja Schmutz hineingestreut, das kann ja dein Vater gar nicht mehr essen! Und Haare schwimmen auch darin, pfui Teufel, was wird deine Mutter sagen!«

Das Kind erschrak und erhob sich auf den Zehen, um in den Topf hineinzublicken, aber die Liese hielt ihn zu hoch, sodaß die Kleine nichts sehen konnte.

»Pfui Kuckuck,« fuhr die Liese fort, »da hast du ja auch Unrat hineingethan, gewiß hast du den Topf auf der Straße fallen lassen und dann wieder hineingelöffelt und allen Straßenschmutz mit hineingeschüttet?«

Das Kind weinte und versicherte, daß es den Topf nicht verschüttet habe, die Liese holte aber unter ihrer Schürze einen eigenen Topf vor, goß das ganze Essen aus in ihren Topf, gab dem Kinde einen Schlag und sagte, indem sie den geleerten Topf wieder in den Korb setzte:

»Gleich gehst du nach Hause, du unartiges Kind, und sagst deiner Mutter, was du gemacht hast. Wie kannst du denn deinem Vater solches schlechtes Essen bringen. Es ist nur schade um das liebe Gut; sei froh, daß ich's wenigstens noch nehme in meiner Not. Marsch! Nach Hause.«

Sie schlug das Kind nochmals und stieg zu ihrer Brut in den Wald zurück. Die Kleine stand lange weinend auf der Straße und kehrte dann heim, um zu Hause der Bäuerin eine verworrene Geschichte von einer wilden Frau zu erzählen, die ihr das Essen abgenommen habe, weil es zu schlecht für den Vater gewesen sei. Der Bauer aber wartete heute vergeblich auf sein Mittagessen.

Unterdessen hat die Liese sich seitwärts tiefer in den Busch verzogen und mit ihren drei Kindern den ganzen Topf mit Gräupchen und Rindfleisch ausgelöffelt. Und dabei hat sie vor ihren Kindern fortwährend über das unartige Kind gezankt, das gewiß noch einmal in die Hölle kommen werde, weil es das Essen im Dorfe gestohlen habe. Darum habe man es ihm wegnehmen müssen.

Gegen Abend trafen Sorger und Liese in der verlassenen Scheune eines einsamen Bauerngutes zusammen, um die Angelegenheit wegen der Jette Fremder zu besprechen. Sorger hatte großen Hunger, die Liese konnte ihm aber nur ein paar Stücke Brod geben, da sie vielmehr darauf gerechnet hatte, sie würde ihm etwas »Fettigkeit« um billige Pfennige abkaufen können. Während Sorger im Heu der Scheune lag und das Brod kaute, Fritzel draußen Wache hielt, daß man sie nicht überraschte und die Liese ihr Wickelkind, hinter einem Heuballen hockend, wiegte, begann Sorger:

»Hast du es denn schon jemerkt, Liese, daß die Jette es auf den Katzenkopp, den Finke, abjesehen hat. Kies hat er genug, das muß wahr sein, ick habe zu meiner Kellnerzeit nicht einmal so viel baares Geld zusammen gehabt und natürlich, denn ist es keen Wunder, wenn er mir die Jette abspenstig gemacht hat.«

»Den Finke will sie! Gieb acht, sie kriegt ihn noch herum! Ick hab's ja gleich gesagt,« ergänzte die Liese, indem sie ihr Kind heftiger wippte.

»Also doch, im Ernst!« meinte Sorger geärgert. »Und ick hatte mir doch so auf das Mädel versteift, daß sie für mich auf die Fahrt steigen sollte und mit mir einen geordneten Hausstand begründen. Ohne Frau, die für eenen sorgt, ist man ja doch nur'n halber Mensch. Meine Wäsche ist janz herunter, ick habe nicht mal 'n anständiges Vorhemdchen mehr, und wenn du mir früher gesehn hättest, Liese, wie ick noch bedient habe, nobel, immer frisch gesteift, weiße Kravatte, keen Unthätchen dran! – Na, denn sag' ick aber, wenn ich sie nicht haben soll, denn soll er sie mir wenigstens abkoofen. Koofen muß er sie, und dazu brauche ick Ihre Unterstützung, ehrwürdige Mutter dreier unmündiger Kinder.«

»So? Ick?!« frug die Liese, neugierig, wie er das meine.

»Na ja, ick will sie um 'n paar Dhaler losschlagen, die Jette. Ick wollte ja überhaupt bloß ein paar Monate mit ihr gehen; denn im August da kommt ja die dicke Anna wieder aus ihrer Schenigelswinde. Arbeitshaus. Na, und weil ick früher mit ihr gegangen bin, wird sie mich ja wohl wieder zu ihrem Scheeks haben wollen, also die Jette hätte ich nur so lange gemocht. Aber nun machen wir es so. Wir sagen zu dem Finke, die Jette sei meine Frau jewesen, sie hätte sich mit mir verlobt.«

»Nee, wie denn?!« meinte die Liese.

»Nu, gestern Nachmittag, ick habe doch um ihr angehalten – das sagen wir so zu Finke, und da muß er mir drei Dhaler für sie geben, daß ich meine Anrechte an ihn abtrete – umsonst ist nur der Tod –, und du bist Zeuge.«

»Na, warte, det verdient sie auch mit ihrer Halsstarrigkeit!« meinte die Liese, welcher dieser Plan ausnehmend gefiel. »Natur! Es ist die reene Natur! Er muß dir deine Anrechte abkaufen – das soll ja auch unter den reichen Leuten vorkommen, wenn eener dem andern seine Frau will, denn lassen sie sich scheiden und man giebt dem ehemaligen eine Abfindungssumme. Sorger, et wird gemacht!«

»Topp! Und du kriegst auch einen Dhaler davon!« versprach der Kellner.

Man beredete den sauberen Plan des weiteren, wie man dergestalt falsches Zeugnis wider die Jette ersinnen könnte, um aus ihrer offenbaren Liebe zu dem fremden Schlossergesellen noch Geld zu schlagen. Darauf suchten Sorger und die Liese ihre einzelnen Pfennige zusammen, Grete erhielt Sorgers leere Schnapsflasche und wurde in das Dorf geschickt, um dort in einer Schnapshandlung die Flasche füllen zu lassen. Als das Kind zurückkam, machte es sich Sorger auf dem oberen Heuboden gemütlich und trank dort seine Flasche langsam aus, worauf er einschlief. Auf der anderen Seite der Scheune legte sich die Liese, in Ermangelung anderer Thätigkeit, mit ihren Kindern gleichfalls ins Heu und trank heimlich ihren Schlummerschnaps, um bald einzuschlummern, denn sie mußte früh morgens aufstehen, um sich zeitig, unbemerkt von den Bauersleuten, wieder aus der Scheune wegzumachen.

Die Sonne sank hinter den Waldhügeln nieder, die man durch das offene Scheunenthor schwarz mit ihren Tannenwipfeln gegen den Purpurschimmer des Abendrotes abgezeichnet sah. Draußen zogen vereinzelte Bauern, arbeitsmüde, aber zufrieden, von den Feldern heim; eine Amsel flötete ihr wehmütig weiches Lied von einem nahen Pappelwipfel weit in das stille Land hinaus; goldig durchleuchtet zittert das junge Frühlingsgras auf den frischen Wiesen draußen im sonnigen Strahle des sinkenden Tagesgestirns. Weit drüben über den Äckern traten einzelne Rehe aus dem Walde heraus, ihre Köpfe hebend und hin und wieder drehend. Die Sonne sank, Schatten schienen allmählich aus den Ackerfurchen herauszuwachsen, und die junge, aufgeblühte Saat wurde älter und schien vor der Zeit zur dunkleren Farbe zu reifen. Im Heu der Scheune raschelte es, und ein Marder huschte pfeilgeschwind über den Scheunenboden weg und durch eine Bretterluke hinaus. Die Hühner und der Hahn waren schon still geworden; Frieden und nächtliche Ruhe breitete sich aus, als die Sonne hinter den Tannenhügeln versunken war und einzelne Sterne aus dem nachdämmernden Himmelsgrunde herausstiegen. Zuletzt war auch die Amsel stille geworden, um hoch droben im Pappelwipfel über ihren hilflosen Jungen im Nest zu entschlummern. –

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.