Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wolfgang Kirchbach >

Das Leben auf der Walze

Wolfgang Kirchbach: Das Leben auf der Walze - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/kirchbac/lebwalze/lebwalze.xml
typeautobio
authorWolfgang Kirchbach
titleDas Leben auf der Walze
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
created20100914
projectid4f964c90
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Ein warmer Frühlingstag bestrahlte die offene Landstraße, welche mit hohen, eben ergrünenden Pappeln bestanden, sich in einer starken Biegung thalwärts hinabzog. Weißgetünchte Prellsteine bezeichneten den Lauf der Straße, die nach einem Eisenbahndamme zuführte, welcher sie mit steinernen Tunnelbogen überbrückte. Auf den Telegraphendrähten saßen geschwätzige Spatzen. Sie blähten ihre Gefieder auf und schüttelten sie, um dann weiter nach dem hohen Landstädtchen zuzufliegen, das man mit seinem durchbrochenen gothischen Turme und seinem Rathausgiebel hinter dem Eisenbahndamme am Eingange in das niedere Hügelthal glänzen sah. Hinter dem Damme begannen auch die weiten Ackerfluren sich auszubreiten, über deren Furchenwellen man zwischen Obstbäumen rechts und links die Dächergruppen einzelner Dörfer in der Ferne erblickte. Diesseits des Dammes aber war stundenlanger Wald, wo sich Buchengrün mit altem Fichten- und Kiefernholze, sowie jungen Kulturbeständen mischte. Dicht unten, wo die Straße in den Tunnel hineinführt, sah man hinter einem Busche die Stiefel eines schlafenden Mannes hervorliegen, eines Menschen, der dort regungslos wie ein Toter lagern mußte, obwohl man weiter nichts von ihm sah, denn die Stiefel befanden sich schon stundenlang da, ohne daß sie sich rührten.

Weiter oben auf der Landstraße, wo eine längere Reihe von Steinhaufen aufgeschüttet war, saß der Steinhauer Wesel auf einem Steinhaufen und klopfte, eine grüne Drahtbrille über den Augen, seine alte Soldatenmütze schief auf dem Kopfe tragend, mit seinem Steinhammer die Steine entzwei. Gegenüber am Rande des Waldes hockte Weber, der Bergarbeiter, ängstlich um sich spähend, ob kein Diener der heiligen Hermandad die Straße herkomme, und jeden Augenblick bereit, sich vor solcher Gefahr in den Wald zu verziehen. Er hatte neben sich einen Topf stehen mit einem gelbbräunlichen Brei darinnen, den er auf einen Leinwandlappen strich. Er entblößte seinen rechten Arm von einem Pflaster, das bereits auf demselben lag, nahm es mit einem schmerzverzogenen Gesicht herab und legte das frische Pflaster auf den stark geröteten Arm. Wesel hieb mit gleichem Unmut auf einen Stein los und sagte:

»Na, willst du denn gar nicht auseinander, du Mordsschädel von einem Stein?! Der muß auch an innerer Verhärtung erkrankt sein! – Ach, was ist der Mensch für ein nichtiger Punkt im Weltjanzen, wenn er Steene kloppen muß!«

»Au, au, au!« seufzte Weber, indem er das neue Pflaster auflegte, denn der Senf biß ihn wütend in die Haut. »Ich wollte, ich könnte selber Steine klopfen. Ich denke, du bist von Adel und deine Familie schickt dir jeden Monat Geld? Offizier warst du auch?! – Au Je! Au, weh!«

»Was meine Familie mir schickt, das reicht ja kaum für die Toilettenkünste von acht Tagen für mich. Na, denn muß man eben die andere Zeit Steine zermalmen und auf der Penne schlafen und euer schlechtes Deutsch mitreden, statt Sect mit Austern zu genießen.« Er zog eine Schnapsflasche aus der Tasche, setzte sie an und trank einen tiefen Schluck daraus, wobei er über die Flasche auf den Arm des Bergwerkers hinüberschielte und frug: »Zieht's schon Blasen? Brennt's?«

»Ach, jemine, jemine, der Senf von det Senfpflaster muß auch mit einer Reichstagsrede von Eugen Richter angemacht sein, denn der zieht fürchterlich. – Und am Ende hilft's doch nischt. Aber was soll ich machen? Wie sie mich in meinem Kohlenwerk entlassen haben, bin ich über Land nach neuer Arbeit, aber die stecken alle unter einer Decke; sowie sie meine Papiere sahen, hieß es: ›ach so, Sie sind der – der beim letzten Ausstand in die Zeitungen gekommen ist – thut uns leid, können Sie nicht brauchen.‹ Na, und was hat man denn gethan? Ein paar Fenster eingeschmissen und bessern Lohn und den Achtstundentag verlangt. Und nun lassen sie einen bei lebendigem Leibe verhungern. Und zuletzt hilft mir der Senf auch nichts, ich seh's schon kommen; ich habe nicht einmal zum Walzen Glück!«

»Na, stillgestanden, Rekrut!« rief der andere mit schnarrender Stimme. Das hilft allemal! Wenn der Senf rechte Blasen gezogen hat, dann stichst du sie auf und legst wieder Senf, bis der ganze Arm durchlöchert ist. Und dann stellst du dir weiter unten an der Landstraße auf, wo die Philister aus der Stadt ihre Spaziergänge machen, zeigst deinen Arm und sagst, du wärst damit in die Maschine gekommen und die hätte dir den Arm zerfleischt und da bräche die Wunde immer wieder auf. Damit kommst du aus aller Not, die Leute geben dir alle etwas, denn hier herum sind sie noch unverdorben; im Bergwerk brauchst du auch nicht mehr Kohlen zu graben und dich von den schlagenden Wettern begraben zu lassen; du kannst den Tag bis auf zwei Mark kommen, und ick nehme höchstens 25 % von dir für den guten Rat. – Die Rechtsanwälte lassen sich ja auch bezahlen.« –

Wesel hatte allen Ernstes mit Weber ausgemacht, er wolle ihm ein gutes Mittel sagen, das beim Fechten viel einbringe, wenn er ihm einen näher zu bestimmenden Anteil an dem Bettelgelde verspreche, das er einnehmen würde. Wesel hielt sich im Ganzen für zu vornehm, um selbst zu betteln; er klopfte sogar aus einem Rest von Ehrgefühl der Form halber Steine, brachte aber nie viel fertig. Sein eigentliches Geschäft war, angehenden Kunden in allen Lebenslagen gute Ratschläge zu erteilen, ihnen Mittel anzugeben, wie sie ihre Walzerei am geschicktesten ausführten, ihnen die Gegenden zu nennen, wo keine Suppenstationen, sogenannte Verpflegungsstationen waren, denn in solchen Gegenden sind bei den Bürgern schlechte Einnahmen; ihnen Arbeitsbemühungsscheine zu verschaffen, welche als Vorwand dienten, daß man Arbeit gesucht, aber keine gefunden hatte und derart einen Anwalt aller Kundenschliche zu machen. Ja, er besaß ein förmliches Organisationstalent, indem er seine Ratschläge so zu geben wußte, daß die einzelnen Fechtbrüder sich nicht gegenseitig die »Fahrt verdarben«, d. h. sich im Betteln Concurrenz machten. Für diese guten Ratschläge pflegte er aus dem Erlös der Bettelei, bald in der Form von Geld, bald in Naturalien, wie Brod, Wurst und Schnaps von seinen Klienten sich prozentweise bezahlen zu lassen. Als er am vergangenen Abend Webers Not kennen gelernt hatte, versprach er ihm das bewußte Mittel, hatte ihn auf die Landstraße bestellt und ihm da den eingemachten Senftopf selber zurecht gemacht.

»Ach, so herunter zu kommen! Ein ehrlicher Arbeiter!« seufzte Weber, der es selbst gar nicht begreifen konnte, wie ihn die Arbeitslosigkeit so sehr herunterbrachte.

»Ja, das kommt von den Ausständen, da muß man eben auch was ausstehen!« meinte Wesel philosophisch, indem er sich den Schnurrbart strich. Das Leben ist ein Kreuz und wenn man's nicht mehr tragen will, muß man sich ein Feuer daraus machen, woran man sich den Leib wärmen kann.« Er setzte seine Schnapsflasche abermals an und fügte mit hohler Stimme hinzu: »Der wärmt ooch!«

Weber hatte unterdessen einen Blick die Straße hinabgeworfen und die verlassenen Stiefel gesehen, die bei dem Tunnel hinter dem Busche vorblickten. Er wies vorsichtig mit dem Finger hin und meinte: »Du – da hinten – hast du schon jesehen – da liegen ein paar Stiebeln und ein Kerl steckt ooch drin, der schläft.«

Der Steinhauer zuckte die Achseln und versetzte geringschätzig: »Der neue Silberfasan von jestern, der sich Hans Finke nennt. Kann noch nichts vertragen, ist noch nicht auf det Wasser hier geaicht.« Er wies dabei bedeutungsvoll auf seine Schnapspulle. »Jetzt reißt er 'ne Platte. Ich hab ihn schon den ganzen Vormittag dort bei Mutter Jrün gesehen; er ist aber nicht tot, sondern schläft nur seine Beschmortheit aus. Ich glaube, das Schicksel, die Jette, hat ihn gestern Nacht dahin gelegt, weil er doch keen Schlummerpech mehr hatte, um in der Penne sich in einen Sänftling zu legen unter die warmen Federn; na, und denn hat es mal platt machen müssen, det jrüne Mutterkind.«

»Du, sage mal, was ist denn das für einer?« frug Weber geheimnisvoll. – »Ja, wenn man das herauskriegen könnte.«

»Vielleicht von der innern Mission einer, weil er die Verhältnisse gar nicht kennt.«

»Nee,« sagte Wesel, »da hätte er sich doch nicht so beschaskert. Der hat sicher 'n Zweck und thut nur so. Der reist in irgend einem Artikel, für den er unter Kunden Stimmung machen will. Vielleicht Papierkragen. Oder sonst ein Häringsbändiger.«

»Na, höre mal, wo der sein Geld herhaben mochte! Und ›Finke‹ das kann auch allerhand bedeuten!«

Wesel stemmte seinen Hammer in die Seite, blickte tiefsinnig vor sich auf seine Steine und sagte mit der Miene eines großen Philosophen: »Ja, det ist eben det Jroßartige an der Menschennatur, daß man einem Menschen niemals ansehen kann, was er gethan hat!«

»Wenn er aber dort liegen bleibt,« bemerkte Weber, »dann fahren sie ihm noch mit den Lastwagen die Beene ab, daß er nachher nicht weiß, wo er sie hingelegt hat. Denn wollen wir ihn doch weiter hinauf in den Wald legen.« Er fühlte Mitleid mit dem armen Kunden, der ihm am vergangenen Abend so großmütig aus der ärgsten Not geholfen hatte. – Wesel fand den Vorschlag richtig. »Jawohl, das wollen wir,« sagte er, indem er sich langsam von seinem Sitze erhob: »Daß man ooch 'mal wat anderes zu thun hat, als hier det ewige Steinekloppen!«

Sie gingen langsam die Straße hinunter nach der Stelle, wo Hans hinter einem grünen Busche lag, in dem ein Rotkehlchen munter vor sich hin zwitscherte. Sie erstaunten aber nicht wenig, statt eines Schläfers deren zwei zu finden. Neben Hans, der auf der Erde im Grase lang hingestreckt lag, das Gesicht mit seinem Hute zugedeckt, saß die Jette aufrecht da und halb in den Busch zurückgelehnt. Sie hatte augenscheinlich bei dem Kunden gewacht, um ihn vor Polizisten und anderen Gefahren zu schützen, und war darüber selber eingeschlafen. Ihr Kopf schwankte und nickte leise auf ihren notdürftig verhüllten Busen herab; ein Zopf war ihr aufgegangen, und die offenen Haare fielen kraus und verworren auf ihre Schultern nieder.

Die beiden Männer blickten sich verwundert über das trauliche Bild dieses schlummernden Paares an, beide gerührt über die Jette, die sich des unerfahrenen Schlossergesellen so hilfreich angenommen hatte. Sie packten Hans leise und behutsam auf, Weber unter den Armen, Wesel an den Beinen, und trugen ihn, während seine Arme herabfielen und schlaff vom Körper hingen, weiter hinauf nach der Stelle, wo Wesel arbeitete. Dort legten sie ihn unter eine Tanne, die ihre Zweige schützend überbreitete, in besserer Sicherheit nieder, deckten sein Gesicht von neuem mit dem Hute zu, und Weber meinte, während sie ihn hinbetteten: »Na, denn wollen wir einmal die Fuhre hier abladen.«

»Eine recht schwer geladene Fuhre,« ergänzte Wesel im Hinblick auf den starken Rausch, den dieser Fechtbruder ausschlafen mochte, da er selbst durch diese Übersiedelung nicht aufgewacht war.

Sie hatten das aber kaum geäußert, als Jette atemlos und mit fliegendem Haar hinter ihnen herkam. Sie war erwacht, hatte ihren Schützling vermißt und rief schon von Weitem:

»Na, wat laßt ihr denn den guten Kunden nicht ruhig hinter dem Damme schlafen. Ihr tragt ihn ja herum, als hättet ihr ihn dem lieben Gott gestohlen.«

Sie war besorgt herangekommen. Weber blinzelte sie bedeutsam mit den Augen an: »Seh einer die Jette. Ich glaube, die zahlt uns noch Finderlohn.« – Und mit einer Gebärde auf Hans fügte er hinzu: »He, Jette, es ist ein Mensch verloren gegangen, wir haben ihn gefunden – was zahlst du?!« Alle drei stellten sich jetzt nachdenklich um den Schlafenden und betrachteten ihn. Jette faltete die Hände über ihrem Schoß, indem sie die Arme lang herabhängen ließ, und, gänzlich in den Anblick des Schlummernden versunken, dem der Hut wieder vom Kopf geglitten war, sagte sie traurig und zuneigungsvoll zugleich: »Ach, nee, wie schön er schläft! So ein hübsches Mannsbild! So eine hübsche, anständige Nase hat er. Noch gar nicht rot. Und schnarchen thut er auch fast gar nicht.« Sie versenkte sich von neuem schweigend in diesen Anblick.

Wesel stützte sich auf den Stiel seines Hammers, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte, das Menschenleben im allgemeinen und besonderen überdenkend: »Ach, ja, wenn man so den Menschen betrachtet, wie er in seiner Hilflosigkeit im sanften Schlummer ausgestreckt liegt und nischt von sich selber weiß, wer er ist und wo er gerade liegt. Und man weeß ooch nicht, wo er her ist, und wo er hingeht.«

»Ach, ja, und man sieht ihm doch an, daß er guter Leute Kind ist,« ergänzte die Jette voll Mitleid. »Warum er nur so in dieses Leben herin jekommen ist!«

Wesel that einen tiefen Seufzer, trank einen gerührten Schluck aus seiner Flasche, strich seinen Schnauzbart zurecht und sagte tief bekümmert: »Ja, ja – guter Leute Kind sind wir wohl alle von Haus aus, denn wir sind alle von einem Schöpfer und wir wissen auch nicht, warum wir so in diese Welt herinjekommen sind und in det menschliche Lungerleben.« Er betrachtete Hans mit Ausdruck und neigte das Haupt mit den Worten: »Wenn man ihn so ansieht, so möchte man über die Unschuld des menschlichen Herzens in seiner Reinheit geradezu weinen. Ick war ja ooch guter Leute Kind« – er wischte sich eine Thräne aus den Augen, was aber auch eine Rauschthräne sein konnte – »und habe doch so viele junge Leute auf dem Jewissen, die ich im Leuteärgern und Zinsenholen einjeweiht und verdorben habe. Und wer weiß, was der hier trotzdem für ein räudiger Wolf im Schafspelze ist –!«

Dieses letztere sagte er mehr, um sich zu trösten. Die Jette aber nahm's ihm gehörig übel und erwiderte empört: »Stille bist du, der Mensch soll kein falsch Zeugnis reden –!«

»I wo!« fiel Weber ein, »ein Turmspitzenvergolder, ein Masemattenmacher ist er –!«

»Und das laß' ich nicht auf ihn kommen« fuhr die Jette fuchswild heraus mit unterdrückter Stimme. »Schämst du dich nicht, solche Reden über ihn hinzusagen, wo er schläft und nischt hören kann! O jeh! jetzt ist ihm der Kopf auf die Seite gerutscht.« Sie kniete sorgenvoll nieder, hob das Haupt des Schlummernden in die Höhe und sah sich um, wie sie es stützen könnte. Sie fand aber nichts, als ihre eigenen Schuhe, die sie auszog und ihm als Kopfkissen unterlegte. Dabei redete sie leise weiter: »Wenn der Mensch nicht einmal im Schlafe sicher ist vor bösen Reden, was soll denn werden, wenn er tot ist?!« Sie blickte verliebt auf das Gesicht von Hans herab: »Ach, und er sieht gerade aus, wie tot! Ach, wenn ich ihn nur ein einziges mal so im Sarge sehen könnte, ich kaufte ihm, weiß Gott, einen Kranz von weißen Rosen und schnitte mir ein paar Haare zum Andenken ab. Jetzt geht aber weiter, daß ihr ihn nicht aufweckt, denn er hat mir die Trittchen gekooft, wo ich doch schon seit zwei Jahren keen ordentliches Paar Schuhwerk mehr gehabt habe, und darum soll er nicht auf dieser Welt verderben.«

Weber machte sich mit seinem verbundenen Arm auf, um nochmals in der Umgegend nach Arbeit zu suchen und vielleicht als Erdarbeiter Unterkunft zu finden. Wenn er aber keine Arbeit erlangen würde, so wollte er noch heute zurückkehren und die Häuser der Bauern als verunglückter Maschinist abbetteln. Dann wäre ihm alles einerlei, Jette ging in den Wald, um, wie sie sagte, bis der Kunde aufwache, sich auf die Eierjagd zu machen. Es sei jetzt die beste Zeit; sie wisse, wo im Walde viele Vogelnester wären, und da klettere sie in die Bäume hinauf, nehme die Nester aus und wenn sie da nichts finde, so wollte sie Eichhörnchen fangen, die sie manchmal mit Gewinn an die Bauerjungen verkaufte. Beide gingen nach verschiedenen Seiten fort, Wesel aber setzte sich wieder vor seinen Steinhaufen, schüttelte, vom Rausch unklaren Geistes geworden, den Kopf, erinnerte sich dunkel, daß er auch einmal etwas besseres gewesen war, aber sogar die Sprache der guten Gesellschaft verlernt hatte in diesem Leben, und murmelte halblaut vor sich, während er Steine klopfte: »Ja, wenn man so det menschliche Leben mit einem Pflastersteine vergleicht, wo man auch nicht weiß, warum er gerade Pflasterstein heißt, denn gegen Zahnreißen oder Ohrenschmerzen hilft er doch nicht – aber das ist eben der Unsinn von det janze menschliche Leben!«

Während dieser Vorgänge lag in nächster Nähe hinter einer Gruppe von jungen Fichten und Tannen, unbemerkt von den anderen, Fritz Hasenklau im Grase und freute sich seines Daseins und süßen Nichtsthuns. Er ließ sich die Sonne in's Gesicht scheinen, machte die Augen zu und beobachtete die rotgoldne Glanzfläche, die in seinem geschlossenen Auge erschien; er blinzelte durch die vorgehaltene Handfläche und schaute die rotdurchscheinenden Ränder seiner langen Finger an; er legte sich bald auf den Rücken, bald auf den Leib, ließ einen Maikäfer auf sich herumspazieren, pflückte ein Blümchen neben sich ab und zerblätterte es und genoß in vollen Zügen die Wonne eines faulen Daseins im Schoße der Mutter Natur. Er dachte an seine frühere Laufbahn als Schmierenschauspieler zurück, wo er fortwährend neue Rollen lernen und sich von der Frau Theaterdirektorin die unwürdigsten Beschäftigungen, wie Stubenkehren und Kinderwarten, hatte auferlegen lassen müssen, trotzdem er den König Lear und Macbeth gespielt; er dachte daran, wie selten er sein Monatsgehalt richtig erhalten und wie oft er zum Lohne von Studenten und anderen Leuten ausgepfiffen und mit Äpfelschalen beworfen worden war. Wie glücklich und zufrieden fühlte er sich jetzt, wo er gar nichts mehr that, dagegen sein Brod reichlich und schmackhaft an den Thüren mitleidiger Bäuerinnen und Bürgersfrauen erhielt. Wo er gelegentlich durch eine bescheidene Hochstapelei, bei welcher er die Grenzen des polizeilich Faßbaren geschickt umging, sich in den Besitz nützlicher Güter versetzte! Merkwürdig, daß ihm der neue Walzbruder von gestern Abend gar nicht aus dem Kopfe kam!

Ob man an dem nicht noch ein gutes Geschäft machen konnte? Hasenklau lag mit verklärtem Lächeln im Grase und sann, wie er sich von neuem an diesen Bruder heranmachen könnte.

Durch die Tannenzweige lugend, hatte er gesehen, wie man Hans in seiner nächsten Nähe niederlegte. Als er bemerkte, wie fest der Kunde schlief, hielt er den Augenblick für günstig, sich zunächst einmal die Papiere des Mannes anzusehen, um zu wissen, mit wem er es zu thun habe. Er kroch also behutsam durch das Tannengebüsch auf allen Vieren näher an den Schlafenden heran; erhob sich dann, setzte sich unbefangen neben ihn hin und begann seine Brusttasche zu untersuchen. War es aber das Sonnenlicht, das er so lange sich hatte in die Nase scheinen lassen oder ein heranziehender Schnupfen, er mußte plötzlich heftig niesen, so daß Wesel von der Straße her aufmerksam wurde und ihm in den Wald zurief: »Na, zum Deubel, was fingerst du denn dort dem Kunden an der Brust herum, edler Orbassany?!« »Ick thu ihm nur ein bischen auskultieren – er muß ein bischen lungenschwach sein, er hat so geröchelt wie ich kam – denn es freue sich, wer da atmet im rosigen Licht!« Hasenklau sagte das mit hohlunterdrückter Stimme und begleitete es mit Gebärden, die seine gänzliche Harmlosigkeit und sein hülfreiches Samaritertum ausdrückten.

»I wo, lungenschwach! Zu viel Soroff hat er geschwächt!« murmelte Wesel in sich hinein und klopfte weiter.

Hasenklau fuhr fort, den Schlafenden vorsichtig weiter zu untersuchen, gleichzeitig nach Wesel ausspähend, daß dieser nichts merkte. »Na, wo hat er sie nur, seine Flebbe, der dufte Kunde?!« meinte er bei sich. Endlich fiel ihm ein, daß Hans, wie ein erfahrener Walzbruder, die Papiere in den Stiefeln stecken haben konnte. Er fuhr behutsam in die Schäfte mit seinen langen Fingern hinein, ängstlich in das Gesicht des Schläfers blickend. Und richtig, im rechten Stiefelschafte steckten Legitimationspapiere. Das hatte Jette gethan. Sie hatte, um eine Beraubung des Schlafenden zu verhindern, dessen Papiere in seinen Stiefel verborgen. Lesen konnte sie nicht mehr; es war ihr zu schwer gewesen, zu sehen, was da gedruckt und geschrieben stand. Hasenklau aber meinte bei sich, der Mann müsse doch ein erfahrener Walzbruder sein und schlug die Papiere auseinander. Als er aber in diesem Augenblicke Wesel den Hals recken und zu ihm herüberschauen sah, rief er diesem höhnisch zu: »Na, die Steine wollen wohl gar nicht auseinander? Warte nur, morgen giebt's Tauwetter, da weichen sie gleich von selber auf.«

»Laß dir sie doch als Pfannkuchen backen, wenn du sie aufgeweicht hast!« gab der Angeredete zurück. »Was hast de denn da in der Hand? Du wirst mir doch nicht den Leichenfledderer an dem Kunden machen?!« Mit tiefer sittlicher Entrüstung entgegnete jener: »Ick? Ein Leichenfledderer?! Oho! Ick lerne eine neue Rolle für mein neues Engagement auswendig, das ich schon übermorgen antreten muß.« Er blickte in die Papiere und deklamierte: »Den Mantel gieb, setz' mir die Krone auf!«, worauf er still für sich weiter las: »Legitimation für Dr. Hans Landmann, Privatdozent aus Berlin, geboren und heimatsberechtigt etc. etc.« Er sah Hans verwundert an: »Also Finke heißt er nicht der Vogel?!« und war höchst erstaunt zu lesen: »Reiset Studien halber incognito unter dem Namen Hans Finke. Zweck: Verkehr mit der Kundenwelt für ein wissenschaftliches Werk. Es ist ihm hierin nichts weiter in den Weg zu legen, wird allen Polizeibehörden zur gefälligen Förderung und zum Schutze empfohlen.« Was? dachte Hasenklau. Dann muß er ja auch Geld haben! Und laut deklamierte er, damit Wesel es recht deutlich hören sollte, in die Papiere schauend, Hamlets Worte: »Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage!«

»Ach wo! das ist gar keene Frage!« knurrte der Steinklopfer. »Was er bei sich hat, det gehört ihm auch – du weckst ja nur den Kunden auf mit deinem Studieren!«

»Na, denn will ick leiser studieren!« meinte Hasenklau. Er untersuchte die Papiere weiter und fand ein Notizbuch, worin ihm sofort die Notiz in die Augen fiel: »Meine Gelder. 200 Mark zu erheben postlagernd Neustadt i. O. auf meinen Namen gegen Vorzeigung der Legitimation. 300 dito Münsterheim. 300 dito Sachsenstadt.« »Lauter kleine Nester« dachte Hasenklau. »Das kann ich ja alles per Eisenbahn in einem bis zwei Tagen abgrasen.« Der Gedanke wurde lebendig, diese Papiere einfach an sich zu nehmen, auf eigene Faust die Gelder des Herrn Privatdozenten abzuheben und dann eine andere Gegend zu suchen, wo man in Muße den Raub verzehren konnte. Wenn er sich dem Schlafenden etwas ähnlich machte, und als ehemaliger Schauspieler war er in allerhand Masken erfahren, so konnte er mit Hilfe dieser Papiere sogar noch weitere Unternehmungen vollführen.

In diesem Augenblicke lachte Hans im Schlafe. Er schien etwas sehr Freundliches oder Komisches zu träumen. Hasenklau erschrak heftig und sprang auf, beruhigte sich aber, als er sah, daß der Mann nur träumte und meinte mit Hamlet: »Ruh, ruh, verstörter Geist!«, womit er gleichzeitig sich selbst zu beruhigen suchte. Er stieg den Straßendamm herab und ging auf Wesel zu, indem er aus der Legitimation weiter zu studieren schien: »Doch nicht ihr Blut vergieß ich, noch ritz ich diese Haut, so weiß wie Schnee.« Vor Wesel blieb er jetzt stehn; steckte unbefangen die Papiere des Beraubten in seine Tasche und sprach mit Kopfschütteln theatralisch: »Freund, ich bedaure dich! Ein Anblick zum Steinerweichen. Sollte mir jemals ein besonders schwerer Stein vom Herzen fallen, so werde ich ihn dir zur Verkleinerung übergeben, damit du auch ein Verdienst hast. Doch erst reiche mir deine Finne! Gieb mir Mandragora zu trinken!« Er streckte die Hand aus und nahm die Schnapsflasche, welche Wesel ihm reichte, trank und gab sie zurück. »Wenn meine edlen Brüder in Apollo nach mir fragen, so sage ihnen, ich wäre wieder in Engagement auf einen Monat, weil ich das Lumpenleben auf die Dauer nicht vertragen kann.«

Er schlenderte gemächlich auf der Landstraße weiter und war bald den Augen des Nachschauenden entschwunden. Dann aber beeilte er sich, schleunigst nach Neustadt zu kommen, das er in einer Stunde erreichen konnte, um dort mit Hilft der Papiere die postlagernden Gelder des ahnungslosen Privatdozenten für sich zu erheben. – –

Hans Landmann erwachte. Die Untersuchung durch Hasenklau hatte seine Lebensgeister allmählich doch aufgestachelt; ein leichter heitrer Traum erhellte seinen Schlaf; er glaubte im Schlummer, er hätte seinen Namen verloren und jemand hätte unterwegs diesen Namen gefunden und ihn für drei Pfennige an einen armen Walzbruder versetzt. Das kam ihm so komisch vor, daß er im Traum wiederholt lachte, bis er plötzlich erwachte und über sich in den blauen Himmel und die Waldeskronen sah, während ein Vogel über ihn hinzufallen schien, der von einem Baume zum anderen flatterte.

Er fuhr erschrocken empor, setzte sich aufrecht und überlegte sich, was mit ihm geschehen sei, daß er hier im Freien, im Walde lag wie Adam, als Eva aus seiner Rippe geschnitten worden war, gänzlich einsam, ja, wie einer, der vom Himmel gefallen ist. Allmählich, indem er sich dehnte und reckte und noch einen leisen, dumpfen Druck im Kopfe verspürte, wurde ihm seine Lage klarer. Er entsann sich der Vorgänge vom vergangenen Abend, erinnerte sich, daß die Jette ihn ins Freie geführt hatte, und erschrak ein wenig, daß ihm, einem gebildeten Manne, so etwas hatte zustoßen können. Er sprang auf, schaute sich in der Gegend um und, als er jetzt den Steinklopfer auf der Straße arbeiten sah, schwankte er, noch etwas verschlafen, zu diesem hin und redete ihn an:

»Hören Sie einmal, ich muß wohl hier lange geschlafen haben, Herr Kollege?!«

»Jawohl, edler Chausseegrabentapezierer,« meinte der Angeredete. »Seit gestern Abend hast du plattgemacht.«

»Was? Und da hat mich niemand in ein ordentliches Bett getragen?!« meinte der Privatdozent etwas verstimmt.

»Es war alles besetzt, und was so Ballertbrüder anlangt, die keen Jeld mehr in der Tasche haben und die keener hier herum kennt, die müssen eben bei Mutter Grün schlafen. Die Jette hat dir noch gestern Nacht auf eine Schiebkarre geladen, weil niemand dir kannte und dich hierher gefahren und abgesetzt. 'N nobles Mädchen, die du glücklich machen mußt, wenn du 'mal aus dem Walzen heraus bist.«

»Eine schöne Situation!« dachte Hans. »Auf einem Schubkarren!« Es kam ihm zum Bewußtsein, daß man ihm am vergangenen Abend recht übel mitgespielt haben mochte; er betrachtete seinen Anzug, in dem Erde, Waldblätter und Tannennadeln klebten, und hatte eine Empfindung, als sei er eigentlich schon gar kein Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft mehr, sondern ein ganz unverfälschter Ballertbruder. »Na, warten Sie, meine Herren Pennbrüder,« dachte er bei sich; »bis jetzt haben Sie mich ausgebeutelt. Aber ich will nicht immer den Dummen spielen. Ich werde mich auch einmal entwickeln, und da wollen wir sehen, wer heller ist.« Es setzte sich in seinem Innern der Gedanke fest, daß er, nachdem er bisher nur der leidende Teil gewesen war, auch einmal beweisen müsse, daß er an Klugheit, Durchtriebenheit und Schlauheit seinen Mann zu stellen wisse, wenn sich die erste Gelegenheit bieten sollte.

Während er seinen Rock auszog, ausschüttelte und reinigte, seine Hosen aufkrempelte, seinen »Berliner« öffnete, den Kamm heraus nahm, sich kämmte und wieder ein einigermaßen menschliches Äußere zu geben suchte, fiel ihm ein, daß er ja eigentlich den Zweck hatte, volkswirtschaftliche Studien zu treiben. Er mußte lächeln, wenn er über den eigentümlichen Umsatz der wirtschaftlichen Kräfte, den Stoffwechsel der wirtschaftlichen Werte nachdachte, in dem er sich befand. Das Studium all dieses Elends, das er gestern gesehen und in das er schier selber hineingeraten war, sollte doch nur dazu dienen, ihn durch schriftstellerische Verwertung zum reichen Manne zu machen. Wie diese Stromer aus ihren erbettelten Röcken noch Kapital schlugen, das wirtschaftlich Entwertete in neue Werte umsetzten, so wollte er nun wieder aus ihnen und ihrem Studium Kapital schlagen. »Ja, wahrlich, das ist der Stoffwechsel der produktiven Kraft!« dachte er, und eine ganze Reihe von neuen volkswirtschaftlichen Theorien schien ihm in diesem Gedanken zu keimen, in dem er eine epochemachende neue Lehre sah, die zahlreiche Zuhörer um ihn versammeln würde. Es giebt ja gar keine Armut in diesem Sinne, sagte er sich. Alles ist Reichtum, alles ist Umsatz der Werte, so oder so!

Seine Gedanken wurden so lebendig, daß sie auch nach einem Ausdruck suchten, und da er den Steinhauer ihn neugierig betrachten sah, setzte er sich zu diesem auf den Steinhaufen hin und sagte zu ihm mit der belehrenden Miene des Kolleg lesenden Dozenten:

»Ja, ja, alter Kollege, man könnte geradezu sagen, daß man auf euren Pennen und Herbergen das menschliche Leben von der Rückseite betrachtet. Wenn du einen Tischteppich oder eine Wirkerei von der schönen Vorderseite ansiehst, da nimmt sie sich freilich blumig und bunt aus und alles ordnet sich zu schönen Figuren. Auf der Rückseite siehst du dagegen die eigentliche Wirkerei, da erscheint alles recht ärmlich und unscheinbar und die Fäden laufen wild durcheinander. Aber diese Rückseite des menschlichen Lebens ist eigentlich noch viel interessanter, als die Vorderseite. Man steht hier erst so recht, was Staat und Gesellschaft wert sind.«

»Jawohl,« sagte Wesel. »Nischt sind sie wert. Placken und schinden muß sich der Mensch, das ist die ganze soziale Frage, placken und schinden, wo man eigentlich zu viel was höherem bestimmt ist. Nischt sind sie wert.«

Hans hatte viel über die Lösung der sozialen Frage nachgedacht, die alle seine Zeitgenossen lebhaft beschäftigte. In seinen Kollegien, die er darüber las, hatte er stets betont, daß weder staatliche Einrichtungen, noch äußere wirtschaftliche Mittel diese Lösung enthielten. Die moralische Auffassung der Arbeit, die ideelle Verklärung allein, die unter der Arbeiterschaft verbreitet werden müsse, könne die tiefen Gegensätze der Zeit, die Unzufriedenheit der arbeitenden Armut ausgleichen. Dieser Steinhauer kam ihm gerade recht, um einmal seine Grundsätze praktisch zu verwerten. Er sagte:

»Im Gegenteil, hier in diesem Lumpen- und Lungerleben, in dem wir uns befinden, was uns beiden ja auch nicht an der Wiege gesungen wurde, sieht man erst den hohen Sinn des Lebens ein. Du klagst freilich über deine Schinderei. Aber nimm einmal einen Mann wie den Weber, den Kohlenbergwerker an. Bergmann ist er. Was gräbt er aus? Kohlen. Sind die Kohlen nun nur rußig, schwarz, und thun sie nichts anderes, als schmutzige Hände machen? Nein. Was sind sie denn eigentlich? Unterirdische, verschüttete, halbverbrannte Palmenwälder der Vorzeit sind das. Du kannst in der Kohle noch die versteinerte Holzfaser erkennen. Diese Urwälder der geologischen Vorzeit lichtet der Bergmann; im versteinerten Walde holzt er, wie der Holzknecht oben auf der Erde Buchen holzt; leibhaftig steigt er im Paradiese herum. Wenn er sich das ordentlich vorstellt, so muß er sich doch sagen, daß seine Arbeit die schönste, menschenwürdigste, ja, geradezu poetischste Beschäftigung ist, die einer treiben kann.«

»Na, freilich,« meinte Wesel spöttisch, »darum ist ja auch der Weber so außer sich, daß er keene Arbeit findet, weil sie ihn aus seinen unterirdischen Palmenwäldern vertrieben haben.«

Hans geriet über seinen Gedanken in Eifer und faßte es als seine Mission auf, diesen verkommenen Saufbruder wenigstens moralisch etwas über seine Lage emporzuheben. Er fuhr fort:

»Der Schneeschipper! Nehmen wir einmal einen Schneeschipper! Das ist nun vollends eine ganz ideale, eine geradezu großartige Beschäftigung. Was ist denn eigentlich der Schnee? Wolken sind's, leibhaftige, vom Himmel gefallene Wolken, und die kann der Schneeschipper auf Wagen laden, er kehrt die Wolken zusammen, watet darin herum wie ein Engel. Muß der Mann sich nicht sagen, daß er etwas höchst vornehmes thut? Na, und vollends du. Du bist Steinklopfer. Überlege dir doch mal, daß das eine höchst großartige Thätigkeit ist. Diese Steine hier sind das Erzeugnis uralter Erdrevolutionen, und indem du sie bearbeitest, greifst du dem jahrtausendlangen Verwitterungsprozeß der Natur vor als der wahre Beherrscher der Natur. So mußt du die Sache ansehen, um dir zu sagen, daß du eines der würdigsten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft bist.« Wesel sah sich den phantastischen Kunden mit einem Blicke tiefen Mißtrauens von der Seite an. Dann reichte er ihm seinen Hammer hin und sagte: »Na, denn verwittre man los, wenn's gar so großartig ist.« Hans wog den Hammer humoristisch in der Hand. Die Idee, zum Beweise seiner Ansicht gleich selbst den Steinklopfer zu machen, schien ihm sehr gut. Er setzte sich fest zurecht, legte, wie er es von dem andern gesehen hatte, einen tüchtigen Pflasterstein zwischen seine Füße, die mit den Stiefelrändern den Stein hielten, und hieb, den Hammer wuchtig schwingend, auf den Stein los. »Wenn jeder Mensch sein Thun so betrachtete, da wäre gleich die soziale Frage gelöst«, sagte er im Klopfen mit heiterem Ernst. Der Stein war aber noch nicht zersprungen; er schlug nochmals heftig los, um mit einem Schmerzensschrei seinen Fuß zurückzuziehen, denn er hatte sich mit aller Gewalt auf seine rechte Fußzehe gehauen.

»Na, macht nichts!« sagte er, nachdem ihm der wilde Schmerz etwas vergangen war. »Und siehst du«, fuhr er fort, »so ist ein Fechtbruder wie ich und Hasenklau eigentlich das vornehmste auf der ganzen Welt.« – »Na, da bin ich neugierig«, meinte Wesel.

Hans hieb von neuem auf den Pflasterstein los und sagte: »Nun, ein Mann wie Hasenklau ist eigentlich die Blume der Menschheit, die aus dem allgemeinen Wein ausgeschieden wird. Wir sind sozusagen der eigentliche Extrakt der Menschheit, und wenn Hasenklau sich vorstellen wollte, daß eigentlich der tiefste Sinn in allem steckt, was er thut, selbst wenn er einen alten Rock versetzt und dadurch alle Werte umwertet, so würde er ganz zufrieden mit seinem Loose sein. Auch er darf sich sagen, daß er ein bedeutsames Mitglied der menschlichen Gesellschaft ist, indem er auf die Fahrt steigt.«

Hans wollte zur Bekräftigung seiner Ansicht endlich den widerspenstigen Pflasterstein zerspellen mit einem starken Hieb. Statt dessen flog ihm nur ein losspringender Splitter an die Nase, so daß er zurücktaumelte und den Hammer in der Bestürzung fallen ließ.

Er blutete heftig, und da das Blut nicht zu stillen war, so sagte Wesel, er sollte ihm in seine Hütte folgen, wo er ihm ein Heftpflaster aufkleben wollte. Hans fühlte sich einigermaßen betroffen und in sich selbst geschreckt über die heftige Verwundung, die er sich zugezogen hatte; er hielt sein blutiges Taschentuch auf die Nase gepreßt und folgte dem Steinklopfer.

Sie gingen ein Stückchen in den Wald hinein, um nach der Hütte zu gelangen, wo Wesel seine Arbeitsgeräte aufzubewahren pflegte. Dieser zerbrach sich den Kopf, was für einer der sonderbare Walzbruder sein könnte. Die Anschauungen, die er ausgesprochen hatte, konnten auch bloß eine Komödie sein, womit er sein wahres Wesen verschleiern wollte. Wesel beschloß den Fremdling auf die Probe zu stellen. Entweder war es ein durchtriebener Hochstapler oder wirklich ein Neuling, vielleicht ein heruntergekommener Theologe, den man wegen schlimmer Sachen vom Amte suspendiert hatte, und der nun über Land bettelte. Solche Leute waren Wesel nicht unbekannt. Jedenfalls konnte der Mann seinen guten Rat brauchen, wenn er noch ein Neuling war.

»Pulle gefällig?« meinte Wesel im Gehen, indem er sich den Mann von der Seite ansah und seine Schnapsflasche hinhielt.

»Nein, danke, ich darf nicht so viel schwächen«, meinte Hans, der allmählich auch anfing, die Kundensprache zu reden und einzelne aufgefaßte Brocken derselben in seine Worte einfließen zu lassen.

»Aha! Wohl auf Geschäftsreisen?! Ja, da muß man freilich vorsichtig sein,« meinte Wesel. Daß der Kunde nicht trinken wollte, war auch wieder verdächtig. Wesel ging also geheimnisvoll an Hans heran, legte ihm Arm in Arm und frug auf einmal schlau flüsternd, um den Kunden zu prüfen:

»Na, wo hast du denn deine Sohre?! Höre mal, ich weiß dir einen guten Schärfer hier in der Nahe, wenn du etwa –«

Hans erschrak ganz leise. Er wußte, daß das Ausdrücke aus dem Verbrecherleben waren; man traute ihm zu, daß er eine Diebesbeute irgendwo verberge, und man bot ihm einen Hehler dafür an. Er frug, als habe er nur halb gehört: »Was?!«

»Na, thu man nicht so« sagte Wesel, indem er ihn sachte weiter in den Wald führte, »ich werde doch wissen, wie man Schlösser aufbricht und mit dem Schränkzeug hantiert – also, wenn du eine gute Sohre hast, da kann ich dir schon behilflich sein.«

»Was? Schränkzeug?!« dachte Hans. »Der hält mich für einen professionierten Einbrecher. – Gut. Jetzt entwickele ich mich. Man soll mich kennen lernen.« Er glaubte hier hinter neue und interessante Dinge zu kommen, nahm eine Miene an, als ginge er auf Wesels Andeutungen ein und frug gleichfalls geheimnisvoll: »So, so. Wie heißt denn der Schärfer –?!«

»Beste Geschäftsverbindungen, du kriegst gleich Geld, und alles Gold und alle Schmucksachen werden spurlos eingeschmolzen,« sagte Wesel eifriger, den Kunden scharf beobachtend, um zunächst einmal zu sehen, ob er darauf zusammenzucken oder sich sonst wie verraten würde.

Da komme ich ja hinter saubere Dinge, dachte der Privatdozent. Er wollte den edlen Beschäftigungen Wesels auf den Grund gehen und sagte, als wäre er einem kleinen Handel nicht abgeneigt: »Wenn man Näheres erfahren könnte –«

Wesel blieb stehen. »Ja, das hat aber einen Haken. Man weiß doch auch nicht, wen man vor sich hat. Es gibt so Achtgroschenjungen –«

Er betonte das letzte Wort besonders. Hans stutzte, wußte nicht, was es heißen sollte, und frug, lernbegierig, wie er war: »Was ist denn das?!« – »Na, Polizeispitzl! Ja, und da möchte man doch seine Leute kennen,« entgegnete Wesel, der wieder unsicher geworden war. Daß der Kunde nicht einmal wußte, was ein »Achtgroschenjunge« sei, machte es doch sehr zweifelhaft, ob er überhaupt ein richtiger Einbrecher war. Am Ende ist's doch ein abgesetzter Pastor, dachte Wesel, der Beichtkinder verführt hat, oder so etwas.

Sie waren an die Holzhütte gelangt, die mit Baumrinde gedeckt war. Die Thüre neigte sich windschief; im Innern lagen verschiedene Schaufeln, Hacken, Beil und Hämmer; ein paar alte Kittel hingen an der Wand, ein morscher Tisch stand in einer Ecke, und wunderlicher Weise befand sich darauf ein großes Tintenfaß und Federhalter lagen daneben. Wesel nahm zunächst aus dem Tischkasten das Heftpflaster, hieß Hans sich auf einem Schemel niedersetzen, der vor dem Tische stand, und klebte ihm das Pflaster auf die Nase. Der Privatdozent ward dadurch nicht gerade verschönert; er sah recht wenig Vertrauen erweckend aus. Dann begann Wesel, als geschehe es unabsichtlich, in einem alten verschlossenen Kasten zu kramen, worin allerhand abgeschnittene Polizeistempel, Ortsgeschenkstempel, Unterschriften verschiedener Landbehörden, Holzauktionsanzeigen, standesamtliche Stempel auf unterschiedlichen Papieren lagen. Auch einige Briefbogen mit dem Firmaaufdruck mehrerer Handelshäuser waren darunter. Hans wunderte sich, wie Wesel in diesen Schnitzeln kramte.

Wesel sagte auf einmal ganz harmlos: »Herrje, da finde ich ja noch 'n paar Ortsgeschenkstempel und ein paar alte Bettelzinken drunter. Um die ist es doch auch schade. Da könnte man 'mal noch ein Paar hübsche linke Flebben daraus machen, wenn einer wäre, der sie nötig hätte.« »Wie steht's denn mit deinen Papieren, Kunde?!« frug Wesel.

Hans fühlte sich im gesicherten Besitze guter Legitimationen, da er aber sah, daß hier irgend etwas neues zu lernen und zu erfahren war, so meinte er: »Schlecht, schlecht. Ich habe meine Legitimationen verloren.«

»Ei«, sagte Wesel, »dann ist es höchste Zeit, daß du dir neue anschaffst, sonst wirst du in Polizeihaft genommen, wenn dich einer ohne Flebbe arretiert. Mit den Spitzköppen ist nicht zu spaßen. Und wie willst du denn gute Einnahmen beim Fechten haben, wenn du den Leuten nicht Papiere zeigen kannst, die ihr Vertrauen erwecken sollen?!«

»Das ist wahr«, meinte Hans. »Überhaupt, wenn du mir einige gute Ratschläge geben willst für die Walzerei, dann bin ich dankbar.« Die Sache wurde abermals sehr interessant, und Hans hatte dabei den Hintergedanken, daß er den Mann vielleicht bei irgend etwas auf frischer That ertappen könnte, um ihn einmal seinerseits hinein zu legen, nachdem man bisher nur ihn ausgebeutelt hatte.

Wesel meinte: »Na, recht so, denn wollen wir dir vor allem 'mal 'ne ordentliche Legitimation verschaffen. Er brachte aus seinem Tischkasten einen Bogen altes, zerknittertes Papier hervor; wischte es auf dem Tische hin und her, um es schmutzig zu machen, und legte es vor Hans dann zum Schreiben auf den Tisch, indem er meinte, er schriebe eine so schlechte Handschrift, könne auch die Rechtschreibung nicht mehr recht, ob er wohl nicht selber schreiben wollte?

Hans dachte: Warum nicht? Wollen doch sehen, was daraus wird.

»Na, da schreib 'mal«, sagte Wesel und sagte ihm in die Feder, während Hans schrieb: »Inhaber, August v. Waldfuchs, Steuerbeamter, geboren 1857, hat vergeblich, trotz aller Arbeitsbemühungsbeweise, nach Stellung gesucht. Wird dem Wohlwollen der pp. Behörden und Ortskassen empfohlen.« »Oder willst du lieber als Kaufmann und Geschäftsreisender gehen?!« frug Wesel.

Hans hatte nachgeschrieben, ohne recht vorauszusehen, wohin das führen sollte. Ein solches Papier hatte ja nicht den geringsten Wert. Wesel aber zerschnitt zunächst das beschriebene Papier in Stücken und klebte die einzelnen beschriebenen Bruchstücke sorgfältig auf ein untergelegtes stärkeres Papier. Hierauf nahm er einen der Stempelabdrücke aus seinem Kasten, reichte ihn dem Privatdozenten und sagte:

»Ich habe so ungeschickte, dicke Finger, kleb du 'mal den Stempel da hier drunter.« Hans fand, daß er das allerdings mit geschickteren Fingern fertig bringen werde, und klebte den Stempelabdruck unter die Ecke. Wesel blinzelte ihn dabei schlau von der Seite an und nahm hierauf das ganze Kunstwerk in die Hand, faltete es zunächst zusammen, daß es möglichst viele Brüche bekam, scheuerte es dann eine Weile auf dem Tische herum, bis das wieder Aufgefaltete so aussah, als hätte man es schon jahrelang in der Tasche getragen, als wäre es infolgedessen zerrissen und zerfledert gewesen und als hätte man das zerflederte Legitimationspapier dann der besseren Haltbarkeit wegen auf eine dickere Unterlage geklebt. Zuletzt nahm Wesel aus seiner Westentasche einen in Schiefer gravierten Stempel, holte aus einer Ecke der Hütte einen Topf mit Wagenschmiere, tupfte den Stempel in die Schmiere und reichte ihn Hans mit den Worten:

»Na, und nun drücke 'mal mit dem Ding da links unten ein bischen hin, damit es mehr Symmetrie kriegt.«

Hans wunderte sich über den Kunstgeschmack, der sogar in diesem Falle auf Symmetrie hielt, und besorgte den Abdruck. Es kam ein Stempel der Neustädter Armenkasse zum Vorschein.

Jetzt war Wesel zufrieden, während Hans ihn verwundert anschaute und frug, was nun eigentlich die ganze Geschichte zu bedeuten habe, und was man mit diesem wertlosen Wisch anfangen solle.

»Wertlos?!« frug Wesel mit hochgezogenen Augenbrauen. »Erlaube 'mal, oller Thürklinkenputzer, denn bist du nicht ergraut in diesem menschlichen Berufszweige. Na, ick sehe schon, daß du noch nicht lange von Muttern fortbist, und denn will ick dir aus Freundschaft 'mal was sagen. Das Papier da, das ist eine linke Flebbe, die du mit Leichtigkeit überall als eine dufte Flebbe benutzen kannst. Triffst du mitleidige Leute, so erzählst du ihnen irgend eine Mordgeschichte, warum du so verarmt bist, und zeigst ihnen dieses Papier als deine Legitimation. Sehen sie erst die Stempel drunter, denn glooben sie dir alles; sie sehen, daß du ordentlich bist. Hält dir auf der Straße oder in der Penne 'mal so'n Polizeimann, so'n Spitzkopp an, denn zeigst du großartig das Papier, und er merkt jar nischt; denn weil alle reisenden Handwerker rissige Papiere haben und sie bald auf ein Stück Papier oder Kattun kleben müssen, kann der Polizeimann ja gar nicht unterscheiden, was nun an der Geschichte echt ist. Der Polizeistempel ist echt; der ist nicht falsch und was du da von dem Waldfuchs geschrieben hast, das ist ja bloß det Gefälschte. Und wenn du schlau bist, denn thust du hier in der Gegend mal zunächst auf die Dörfer gehn, holst dir auf den Gemeindeämtern die Ortsgeschenke und läßt dir auf jedem Dorf noch einen Stempel der Ortsgeschenkkasse draufdrücken. Na, wat willst de mehr? Je mehr echte Stempel du drauf hast, daß alles über und über bedruckt ist, desto besser bist du legitimiert, kannst in der Stadt in alle duften Winden gehn, wo nämlich mitleidige Hausbewohner sind, und bist'n jemachter Mann.«

Damit reichte Wesel seinem Schüler das zusammengefaltete Papier und schloß mit heiserer Stimme redend: »Na, und weil ick dir diesen fachmännischen Rat jegeben habe, verlange ich bloß vierzig Prozent von deinen Einnahmen, solange du hier herum bist. Steuern müssen nun mal im Staate sind, ohne Steuern kann kein jeordneter Staat bestehn und der Bettelstaat ooch nicht. Also vierzig Prozent bist du mir schuldig, und die bringst du mir jeden Abend uf de Penne, verstanden, denn bei mir wird jede Steuerhinterziehung streng geahndet.«

Hans saß eine Weile sprachlos da. Dieser Kerl, dieser erwerbsmäßige Legitimationsfälscher hatte nicht nur die Frechheit in seiner Gegenwart Urkundenfälschungen vorzunehmen, ihn selbst zum Betrug zu verleiten, sondern auch noch Gewinnanteil zu verlangen! Er beschloß, ihm einen gehörigen Schreckschuß einzujagen und sagte ziemlich heftig aufbrausend:

»Das wäre noch schöner! Ich werde mir vielmehr die Freiheit nehmen, Sie dem ersten besten Polizisten wegen gewerbsmäßiger Fälschungen anzuzeigen! Da hört ja doch alles auf.«

Wesel pfiff leise durch die Zähne und lächelte höhnisch. »Mach mir mal keene Fiesematenten, oller Linkmichel, oller Schlangengreifer, wie kannst du dir unterstehen, mir so eine Beleidigung meiner Person zu sagen? Wer hat denn gefälscht? Habe ich etwa den falschen Text geschrieben, du Läppchen? Habe ich etwa die Stempel drunter gesetzt, du Schneeschipper im Sommer?! Ich bin bloß'n Freund von der Wappenkunde und habe hier 'ne kleene Sammlung von Stempeln, Marken und Wappen, weil ick sie so gern habe. Der Urkundenfälscher bist man du, und ick habe dir vollständig in meiner Hand. Zeugen haben wir nicht; ich zeige dich also dem nächsten Polizisten an, denn ick kann darauf einen Eid schwören, daß du hier diese Fälschung selber vorgenommen hast mit deiner eigenen Hand. Meine Hände sind in Unschuld gebadet! – Und weil du so bist, weil du meine Hilfe ooch noch in den Wind schlägst, du Kirschenpflücker im Winter, so werde ick dir mal meine Gewalt über dir beweisen. Ich schlage mit den Preisen auf und nehme fünfzig Prozent aus reiner Rache und wenn du mir die nicht pünktlich ablieferst, so wirst du vermammst; verraten. ick zeige dir an. Und wenn du denkst, du könntest mir durchgehen, das ist nischt; ich habe dein Signalement; ich hetze dir die Polizei nach, und wenn du dir auf Flügeln der Morgenröte setzest, du wirst doch eingesponnen wegen Urkundenfälschung. So was!«

»Fälschung! Ich verbitte mir das –!« wollte Hans ausrufen. Aber seine Stimme war kleinlaut; die Sache war richtig; in der Absicht einem anderen eine Falle zu stellen, war er selbst in eine höchst bedenkliche Lage geraten. Für den Augenblick wenigstens war er vollständig in der Hand dieses Kerls. Doch da fiel ihm ein, daß er, ja seine eigenen, echten, guten Legitimationspapiere habe, und daß er daraufhin immer den wahren Sachverhalt angeben konnte, daß er Studien halber sich zu dem kleinen Spaße hatte verleiten lassen. Auf diese Weise hatte er doch den Mann ganz in seiner Hand. Eine natürliche Ideenverbindung ließ ihn in seine Brusttasche greifen, um zu fühlen, ob er noch seine Papiere bei sich habe.

Hans erbleichte ganz langsam, und ein sonderbares Frieren ging über seine Kopfhaut, sein Herz stockte leise, als er fühlte, daß in seiner Brusttasche alles leer war. Er griff schnell in die Rückentaschen, fuhr mit den Händen in die Hosentaschen und stellte mit heimlichem Schreck die Thatsache fest, daß er ohne Papiere sei. Wenn dieser Kerl ihn jetzt wirklich wegen Fälschung anzeigte und er ohne Papiere betroffen wurde, wo niemand seine Identität feststellen konnte, so lag allerdings der Fall vor, daß jeder Polizeimann ihn ohne weiteres in Haft nehmen durfte. Es hieß daher für den Augenblick gute Miene zum bösen Spiele machen, mindestens sich in keiner Weise verraten. Und wie auf einen Blitzschlag schnell ein zweiter folgt, so fuhr ein neuer Schreck dem Gelehrten in die Glieder und lähmte leise seine Beine, als ihm einfiel, daß er ohne seine Papiere vor allem auch auf dem Postamt kein Geld erhalten werde. Wie sollte er sich ausweisen? Er stellte mit einem Griff in seine Tasche fest, daß er gestern Abend bei der großen Versteigerung der Bettelbeute alles bis auf den letzten Pfennig ausgegeben hatte; ja, es war ihm, als habe er zuletzt im Rausch sein Geld geradezu unter die Leute geworfen. Er mußte also eiligst nach Neustadt, um das dort postlagernde Geld abzuholen. Ein Gefühl von grenzenloser Angst und Hilflosigkeit wollte ihn erfassen, als er sich sagte, er werde ohne Papiere einfach abgewiesen werden. Und dazu in der Hand dieses tückischen Kerls, der unter Umständen einem die Schnur um den Hals zuziehen konnte!

Hans blickte so verstört um sich, daß Wesel, der glaubte, es geschehe aus Furcht, angezeigt zu werden, ihn großmütig beruhigte und sagte: »Na, sei nur stille; ick vermammse dir nicht; du mußt erst richtig in das neue Leben hineinkommen, Schlossergesell; ick will bloß 45 Prozent nehmen, wenn du wieder anständig bist. –«

»Aber ich hatte doch – ich muß doch –« sagte Hans verstört vor sich hin; er wagte es dem anderen nicht zu gestehen, daß er seine Papiere vermisse; ich weiß gar nicht –«

Es fiel ihm ein, daß er sie unterwegs konnte verloren haben, oder daß sie ihm beim Schlafen aus der Tasche geglitten seien. Ein Hoffnungsstrahl! Sie lagen gewiß noch an der Stelle, wo er geschlafen. Er drängte hinaus, um den Weg abzusuchen.

»Na, wie wird's, bleibt's bei den 45 Prozent? Denn wie gesagt, du bist mein Schlachtopfer« frug Wesel, indem er den Schnauzbart mit drohender Miene drehte.

»Nun ja doch!« entgegnete Hans, um für den Augenblick Zeit zu gewinnen. Wenn er nur erst sein Geld hatte, hoffte er den Mann durch eine Abfindungssumme sich vom Halse zu schaffen. Aber die Papiere! Die Papiere!

Wesel schüttelte über das wundersame neue Benehmen des Kunden den Kopf. Sie verließen die Hütte und gingen denselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Hans suchte unterwegs den Wald ab, und als sie an die Stelle kamen, wo er zuletzt gelegen, lief er spähend wie ein Verrückter im Kreise umher, heillos erschrocken, auch hier nichts zu finden.

»Suchst du vielleicht Vergißmeinnicht und Himmelsschlüssel?« frug Wesel höhnisch, der nun wohl merkte, daß der Kunde eine wichtige Sache verloren haben mußte.

»Nein, Gänseblümchen und Sauerampfer« erwiderte Hans mit kläglichem Humor in dem Gedanken, wo er diese Nacht schlafen sollte, wenn er nicht zu seinen Papieren und zu seinem Gelde kam. Vielleicht hatte er die Papiere auf der Penne verloren, und der Wirt hatte sie gefunden. Oder die Jette mußte sie haben. Die hatte ihn ja auf einem Schubkarren hierher gefahren. Auf einem Schubkarren! Also man mußte erst in die Penne laufen, und wenn da nichts war, die Jette suchen! Und wenn da wieder nichts war? Im Freien schlafen, da man ohne Legitimation nicht einmal in der Penne Unterkunft fand. Ja, da war man ja allen bitteren Ernstes schlimmer daran, als der schlimmste aller wirklichen Fechtbrüder!

Ohne ein Wort zu sagen, wollte Hans nach der Penne aufbrechen. Die war ja nicht weit. Wesel aber faßte ihn gemütlich am Rockkragen, drückte ihm die falsche Legitimation in die Hand und sagte: »Da, vergiß deine neuen Papiere nicht, weil du mir ja gesagt hast, du hättest deine richtigen Legitimationen verloren. Denn steige nur mal gleich los, drüben in den Dörfern geben sie dir immer was und morgen teilen wir, oller Katzenkopp. Katzenkopp = Schlosser. Da, trink noch mal aus meinem Knupper und nun tippele mal los.«

Hans steckte die Legitimation ein, trank, um sich zu stärken, einen Schluck Schnaps, sagte zu allem Amen und lief mit geheimer Angst die Straße hinauf nach der Landherberge zu. Als er hinter dem Eisenbahndamme war, blickte er sich scheu um, ob der Steinklopfer ihn nicht mehr sehen könne, zog die falschen Papiere heraus und warf sie, von ganz wunderlichen Gewissensbissen erfüllt, in den großen Teich, der hier von der Landstraße gestreift wurde. Darauf stieg er mit eiligen Schritten und von allerhand ängstlichen Vorstellungen erfüllt, was aus ihm werden sollte, wenn man auf dem Postamt seinen Worten nicht glaubte, geplagt von Gedanken an all die Scherereien, die daraus erwachsen mußten, auf die Herberge los. – –

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.