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Das Leben auf der Walze

Wolfgang Kirchbach: Das Leben auf der Walze - Kapitel 6
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authorWolfgang Kirchbach
titleDas Leben auf der Walze
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Fünftes Kapitel

In das Treppenhaus eines vornehmeren Gebäudes im stillen Berliner Tiergartenviertel trat Gustav Wangenheim, um der Braut seines Freundes die aufgetragenen Grüße zu überbringen. Er betrachtete unten im Erdgeschoß die Haustafel, an welcher warnungsreich zu lesen war: »Betteln und hausieren ist streng verboten,« und eine Empfindung, als sei er der Hausierer, dem die Inschrift galt, erfaßte ihn im Anblick der Pracht dieser Treppenhalle. Mit weichen, farbenschweren Läufern war der Eintritt und die holzgeschnitzte breite Wendeltreppe belegt. Wangenheim stieg lautlos auf diesen Teppichen empor, staunte die schwarze und dunkelrote Marmorverkleidung der Flurwände an, die kunstreiche Holzvertäfelung der Decke, die schweren Säulen, welche die Treppe stützten, und weidete sich an der massiven Schnitzerei der Treppengeländer, die aus gedrungenen kurzen Säulen bestanden. Auf den Absätzen des Aufganges standen breite Lichtkandelaber aus Bronze, getragen von weiblichen Genien; die Kandelaber wuchsen in kupfergetriebene Buketts aus, welche als Blüten die bunten Kelche von farbigen Glöckchen aus Glas niederhängen ließen, in denen des Abends die elektrische Flamme ihre Zauber ergießen sollte. Die Treppenfenster waren aus bunten Glasmalereien zusammengesetzt, und ein gedämpftes buntes Licht fiel auf die Schultern und die Hände des hinaufsteigenden Malers. Die vornehme, abgeschlossene Stille des Raumes, die reiche Pracht des Aufganges, den man nicht in Königsschlössern des Reiches derart entfaltet sieht, die strotzende Üppigkeit, welche das Ganze zur Schau trug, stimmte auch die Seele des Emporsteigenden zu einer geheimnisvoll gehaltenen Empfindung.

»Betteln und hausieren ist streng verboten.« Ja, hier herein kam allerdings keiner von den Ausgesonderten der Gesellschaft, wenn er nicht besondere List aufwendete. Der Pförtner unten am Hausthor sorgte schon dafür, daß keiner sich einschmuggelte. Jahrelang bekamen die Bewohner, die hier hinter den schweren Eichenholzthüren mit den elektrischen Klingeln in teppichbelegten, mit kostbaren Thürbehängen verkleideten Gemächern lebten, nichts zu sehen von den Gestalten, die Wangenheim in seinem Skizzenbuch bei sich trug, das er in seiner Manteltasche verwahrte. Alle jene waren wohl auch Mitglieder des »Vereins gegen Armennot und Bettelei«; abgeschlossen hausten sie hinter den Thüren rechts und links, nur in ihrer Welt, in ihrem Kreise verkehrend, ohne eine sichere Vorstellung, wie es in andern Lebenskreisen aussehen mochte. Hier klopfte kein armer Handwerksbursche an, um eine Wegzehrung zu erhalten von milder Hand; hier kam auch keiner von jenen schwindelhaften »armen Reisenden« herein, der unter falschem Vorwand das Mitleid des Hausherrn und der Hausfrau zu bewegen suchte, um hinterdrein in der Herberge ein freies Lungerleben zu führen. Wie die Teppiche den Schall der Tritte des Heraufschreitenden zur Lautlosigkeit dämpften, so war auch das Ohr der unbekannten Bewohner hinter den Eichenthüren abgedämpft gegen die Berührung des Treibens der Armut, der Arbeitslosigkeit, des Elends.

Seltsam! Wangenheim konnte den Eindruck nicht verwinden, daß er hier wohl auch nur als solch ein falscher »armer Reisender« die Treppe hinaufschleiche, beklommen und von geheimer Angst erfüllt, er könnte durch irgend einen dazu Berechtigten des Hauses verwiesen werden. Als er jetzt im zweiten Stockwerk vor einer Thüre stand, auf der ein Schild den Namen »v. Arnim« anzeigte, atmete er etwas schwerer auf mit der Empfindung eines stillen Sünders, der in ein fremdes Haus einbrechen will. Ja, hier stand er nun, um die Grüße von seinem Freund zu überbringen. Und dieser Freund war abwesend, war in der Ferne, in dunkle, vielleicht gefährliche Abenteuer und Verhältnisse herabgezogen und hier, hinter dieser reichgeschnitzten Thüre lebte, hauste, atmete sie, die schöne junge Gestalt, die leidenschaftlich rasche, die geistreich angeregte Braut seines früheren Freundes. Warum war sie die Braut eines andern? Warum stand er da, von leidenschaftlicher, vielleicht nicht ganz reiner, aber künstlerisch erhitzter Empfindung für die reizende Erscheinung erfüllt, die er in wenig Augenblicken in holder Wirklichkeit vor sich sehen sollte? Es bedurfte nur eines Druckes auf den Knopf der Klingel und die Scheidewand der Thüre zwischen ihnen öffnete sich und er stand vor ihr, die er auf allen Ballen, in Gesellschaften nie ohne leidenschaftliche Erregung hatte sehen können. Warum sollte er die Abwesenheit des Gelehrten, der das unverdiente Glück gehabt hatte, die Hand dieses schönen Mädchens versprochen zu erhalten, nicht benützen, um für sich selbst vielleicht einige Gunst zu erwerben? Wie kam sie dazu, sich mit einem wandernden Handwerksburschen zu verloben, der in verlotterter Kleidung, in verwahrloster Gestalt, ärmlich und verkommen anzusehen, irgendwo in Heidewäldern, an einsamen Seen und in schlechten Spelunken sich herumtrieb?!

Die wunderlichste aller Wandlungen war in Wangenheims Seele vorgegangen, seit er Hans Landmann in so schäbiger Tracht begegnet war. Früher hatte er sich, seit er von der Verlobung Emmas gehört hatte, zurückgehalten und Begegnungen mit dem geistvollen Mädchen vermieden. Sie war die Braut eines andern, mit dem er in früheren Jahren sogar viel zusammen gezecht hatte, worüber eine Bierfreundschaft entstanden war. Er hatte Rücksicht genug für den Genossen gehabt, sich nicht in sein Verhältnis zu drängen. Aber mit dem Augenblicke, da er den verkleideten Handwerksburschen verlassen hatte am vergangenen Tage, war ihm Emma höchst bedauernswürdig erschienen, daß sie einem – Walzbruder verlobt war. Merkwürdig, er fand, gleich als wenn Hans Landmann in Wirklichkeit nur ein armer Stromer wäre, daß dessen Komödie gewissermaßen ihm die Freiheit gab, jenen als eine in Wirklichkeit verkommene Person zu betrachten, und daß er der Braut gegenüber wohl auch das Recht habe, den vagierenden Stromer auszustechen. Eine gewisse Geringschätzung Hans Landmanns war in ihm erwacht und mit dieser Geringschätzung die leidenschaftliche Neigung, bei der Braut des andern sein Glück zu versuchen. Kleider machen Leute, ist ein alter Spruch; und Wangenheim suchte vergeblich sich das Bild des Gelehrten in bürgerlicher Hochachtungswürdigkeit auszumalen; das Kleid des Vagabunden hatte die Rücksicht verscheucht, die er seines gleichen schuldig zu sein würde geglaubt haben. Mit einer leidenschaftlichen Unternehmungslust begrüßte er den Vorwand der Grußausrichtung, um dadurch Gelegenheit zu haben, seine Beziehung zu Emma von Arnim wieder aufzunehmen. So stand er vor der Thüre und lauschte gespannt auf das Pochen seines eignen Herzens. –

Unterdessen lehnte, durch zwei oder drei Thüren von dem Harrenden geschieden, Emma v. Arnim in einem behaglichen Schaukelstuhle ihres Mädchenzimmers und las, ahnungslos gegenüber allem, was da draußen vor der Thüre stehen mochte. Sie war ganz in volkswirtschaftliche, höchst gelehrte Fragen vertieft, von denen sie bisher nicht das geringste verstanden hatte. Seit der Bräutigam aber einer solchen Wissenschaft zuliebe sogar auf eine höchst abenteuerliche Fahrt ausgezogen war, machte sie den Versuch, durch Lesen von Fachzeitungen und Büchern sich in seinen Gedankenkreis zu versetzen und sich gleichfalls über Nationalökonomie und Volkswirtschaft zu unterrichten. Vor allem wünschte sie zu erforschen, ob es denn überhaupt so unbedingt notwendig gewesen wäre, daß Hans sich in das Abenteuer stürzte, unter die Stromer zu gehen. Ihr schien eigentlich dieses ganze Vagabundentum nicht der Mühe wert, daß man sich weiter darüber den Kopf zerbrach, um seine Ursachen zu erforschen. Seit vierzehn Tagen war sie ohne jede Nachricht vom Bräutigam geblieben; ihre Eltern weilten auf einer Fahrt in Italien; doppelt einsam kam sie sich vor, daß sie allein mit dem Hausmädchen nun in der großen, stillen Wohnung hausen mußte. Und so vergrub sie sich mit förmlichem Gelehrteneifer, um das Gefühl ihrer inneren Unruhe, ihrer Vereinsamung, ihrer Sorge um den fernen Geliebten zu ersticken, in allerhand Zeitungsaufsätze, die äußerst schwer zu verstehen waren und ihrem geistreichen Mädchenkopfe viel Kopfzerbrechen verursachten.

Die blühenden Hyazinthen auf ihrem Fenstereckchen dufteten stark und beunruhigend, die Sonne schien ihr in die leichtgekräuselten Nackenlöckchen, ein grüner Papagei plapperte in seinem großen Bauer und nagte mit dem Krummschnabel an den Gitterstäben. In angemessenen Zwischenräumen schnalzte er mit seiner dicken Zunge zwischen den Schnabeldeckeln hervor, um dann den Kopf seitwärts wie ein Mathematiker zu halten, mit den Augendeckeln zu klappen und darunter das Äuglein zu rollen und die verständige Frage zu thun: »Hans, wo bist du?« »Hans, wo bist du?«

Emma aber, die den Papagei diese Frage gelehrt hatte, las in einer Wochenschrift den Aufsatz eines bekannten Reichstagsabgeordneten über die Arbeitslosigkeit, welche fast in allen großen Städten des Reichs herrschte und wohl auch zahlreiche Arbeiter unter die Vagabunden und die Walzbrüder trieb. Da stand nun zu lesen:

»Arbeitslosigkeit ist streng genommen ein Unding wie Überproduktion. Es gibt immer etwas zu arbeiten, ebenso wie nie zuviel produziert werden kann. Die Begriffe Arbeitslosigkeit und Überproduktion bringen nur die Erscheinung zum Ausdruck, daß das Gleichgewicht zwischen Konsum und Produktion, zwischen Angebot von Arbeit und Nachfrage nach Arbeit lokal oder zeitlich gestört ist. Die Störung dieses Gleichgewichts kann viele Ursachen haben; die häufigste und wichtigste Ursache ist eine durch relativen Mangel auf wichtigen Gebieten des Wirtschaftslebens eingetretene Verteuerung des Konsums, die zu Einschränkungen im Gesamtverbrauch führt. Gerade gegenwärtig leben wir in einer solchen Periode. Die ungewöhnliche Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel, wie Kartoffeln und Brot, hat in diesem Winter Millionen von Familien zu allerlei Entbehrungen gezwungen. Um den nötigsten Lebensunterhalt bestreiten zu können, mußten an andern Stellen im Haushalt Ersparnisse gemacht werden. Der Absatz stockt, die Warenvorräte häufen sich; man entschließt sich schließlich zu Arbeiterentlassungen; die Löhne sinken und die Arbeitslosigkeit wächst. Wie stellt sich nun die Sache, wenn Staat oder Gemeinde in die Entwickelung der Krise eingreifen, indem sie Arbeitsgelegenheit schaffen. Stellen wir uns vor, die Zigarrenindustrie hätte sich wegen Mangel an Absatz gezwungen gesehen, einige Tausend Arbeiter zu entlassen und der Staat oder eine wohlwollende Gemeindeverwaltung böte den beschäftigungslosen Zigarrenarbeitern Gelegenheit, auf Staats- oder Gemeindekosten weiter zu fabrizieren. Was wäre die notwendige Folge? Die nicht abzusetzende Ware würde sich vermehren, die Preise würden weiter gedrückt werden, Privatunternehmer, die nicht aus dem allgemeinen Beutel wirtschaften können, müßten zusammenbrechen oder ihren Betrieb noch mehr einschränken, und die Zahl der Arbeitslosen würde auf diese Weise schließlich nicht einmal vermindert werden.« Der Verfasser verbreitete sich des weitern darüber, wie es im Grunde gar nicht im Interesse des Staates und der Gesellschaft liegen könne, künstliche Mittel zur Abwehr der Arbeitslosigkeit zu schaffen; sondern ein jeder müsse sich »selbstthätig« aus seiner bedrängten Lage befreien. Er schloß mit dem Worte: »Das klingt sehr hart. Und doch ist es nur ehrlich, wenn man einräumt, daß bei gewissen Krankheiten keine äußerliche Quacksalberei etwas helfen kann, sondern die Natur sich selbst helfen muß.« –

Diese Worte hatte Emma, langsam in ihrem Schaukelstuhle sich wiegend, mit ernstem Stirnrunzeln und nachdenklichem Neigen ihres Krauskopfes zweimal nacheinander überlesen. Es war ein bischen schwer zu verstehen; sie kam sich selber äußerst gelehrt vor, daß ihr Mädchengeist so verwickelte Begriffe sich vorstellen sollte, und sie kaute ein wenig an ihrem kleinen Finger, den sie rückwärts zwischen ihre weißen Zähne geschoben hatte, um die ganze Schwere dieser Gelehrsamkeit auszuprüfen. Ach ja, das Leben war überhaupt recht verwickelt und die Menschen, ihr Hans an der Spitze, machten sich augenscheinlich über eine Menge Dinge höchst unnötige Gedanken. Ob der Mann, der das geschrieben, recht hatte oder nicht, vermochte sie nicht zu entscheiden, so sehr sie auch an ihrem Fingerchen knabberte und einen leisen Druck hinter ihrer denkenden Stirne fühlte. Es fiel ihr wohl ein, wie es denn möglich wäre, daß der einzelne sich selbstthätig aus seiner bedrängten Lage befreien sollte, wenn es eben keine Arbeitsgelegenheit für ihn gab. Ein arbeitsloser Schuster konnte doch nicht im Handumdrehen das Schneidern verstehen, um beim Mangel an Schusterarbeit sich selbst zu helfen. Aber, daß die Natur sich selber helfen müsse, das schien ihr doch wieder das einfachste und bequemste, schon weil es viel bequemer zu denken war, als alle die andern verwickelten Sätze des Verfassers, und wie sie das sich klar gemacht hatte, warf sie die Zeitung auf ihr Nähtischchen, erhob sich vom Stuhle, betrachtete sinnend ihren Papagei und sagte zu ihm: »Ja, warum ist der Hans denn aber dann auch fort, wenn die Natur sich selber helfen muß! Dann ist ja seine Forschungsfahrt gänzlich überflüssig, dann ist es ja lauter Quacksalberei, daß er sich unter den Arbeitslosen umhertreibt, und wahrscheinlich ist das Hausieren und Betteln auch nur dazu da, damit eben die Natur sich selber hilft und diejenigen, die keine Arbeit haben, helfen sich eben selber damit, daß sie betteln gehen. Was will denn nun der Hans eigentlich? Die ganze Geschichte läuft nur darauf hinaus, daß Hans sich in allerhand Gefahren begibt, während ich hier in meiner Einsamkeit vor Sorge und Sehnsucht nach ihm vergehe! Ach, warum haben sie nur diese Nationalökonomie erfunden! Früher waren die Menschen glücklicher, da gab's aber auch noch keine Nationalökonomie!«

Sie seufzte. Der Papagei hatte mit klug blinzelnden Äuglein seiner Herrin zugehört. Von der Nationalökonomie und Volkswirtschaftslehre verstand er freilich kein Wort; er machte aber ein äußerst nachdenkliches Gesicht und lauschte mit vorgeducktem Köpfchen den Worten der Redenden. Es ging ihm mit diesen wie dem Mädchen mit den Worten jenes Volkswirtschaftslehrers; sie waren ihm zu hoch gegeben, und man sah ihm förmlich an, wie der Drang, seine Herrin zu verstehen, ihm auch eine Art von Papageikopfschmerzen bereitete. Ein Wort aber verstand er doch; der Name Hans kam mehrere Male vor; er hüpfte daher auf seinem Springstabe ein Stückchen seitwärts heran und stellte die wiederholte, sachgemäße Frage: »Hans, wo bist du?! Hans, wo bist du?!«

In diesem Augenblicke erscholl die Klingel, Emma schrak zusammen, der Papagei hüpfte und sprang aufgeregt auf seinem Sprungstabe von rechts nach links, von links nach rechts, von brennender Neugier auf den Besuch erfüllt, den er gewohnt war, nach dem Klingeln eintreten zu sehen, und das Hausmädchen überbrachte die Karte des angemeldeten Besuchers. Emma begab sich ins Nebenzimmer, dessen Thüre sie aufstehen ließ, um dort den Maler zu empfangen; der Papagei fing an, in allen möglichen unartikulierten Lauten zu schelten wie ein ungezogenes Kind, und anzudeuten, daß er aus seinem Bauer befreit zu sein wünsche, um sich draußen den Besuch anzusehen. Man hörte aber nicht auf ihn, soviel er auch schnalzte und schrie und mit gesträubten Federn an seinem Gitter herumnagte; er verlegte sich daher zeitweilig aufs horchen und hockte mäuschenstill mit geneigtem Kopfe auf das Gerede draußen lauschend, bis er plötzlich die Geduld verlor und dann wieder zu kreischen und zu schelten begann.

Wangenheim hatte sich zwanglos vor Emma verneigt, und nachdem man Platz genommen hatte auf niederen Puffkissen, die mit Felldecken überbreitet waren, führte er sich mit den Worten ein:

»Mein verehrtes Fräulein, ich bin gekommen, Ihnen die verbindlichsten Empfehlungen von Herrn Dr. Hans Landmann zu überbringen.«

Er hatte diese Worte mit dem natürlichen Instinkte seiner Sache gewählt. Indem Emma erleichtert aufatmete, endlich eine Nachricht von dem Bräutigam zu erhalten, fühlte sie doch eine ganz leise Verstimmung, daß sie, die Braut, nichts anderes, als »verbindlichste Empfehlungen« erhielt und sie sagte daher unwillkürlich etwas kurz:

»Danke. Wo haben Sie Herrn Dr. Landmann gesprochen?!«

»Zwischen Dommelsdorf und Ztietschewig, nicht weit vor Neustadt, einem kleinen Landstädtchen, mehrere Tagereisen weit. Ich war durch Zufall in eine der verrufensten Landstreicherherbergen geraten und war nicht wenig verwundert in einem scheinbar ganz verkommenen Lumpazivagabundus meinen alten Freund Landmann wieder zu erkennen. Offen gestanden, er sah recht verwahrlost aus.«

»O Gott, o Gott!« seufzte Emma, halb besorgt, halb humoristisch bewegt. »Erzählen Sie mir mehr. War er befriedigt, war er mit dem Erfolg seiner Wanderung zufrieden, hat er viel erlebt?!«

Wangenheim lächelte ironisch und meinte mit berechnetem Scherze: »O, er war wohl ganz zufrieden, denn er hatte schon mancherlei interessante Leute kennen gelernt und sich schon dermaßen an das Landstreicherleben gewöhnt, daß er mich ordentlich in Erstaunen versetzte durch die Natürlichkeit, mit welcher er seine Rolle spielte. Er war durch nichts von einem berufsmäßigen Thürklinkeputzer zu unterscheiden; seine Redeweise, seine Ausdrücke, seine Sprache waren bereits von einer entzückenden Urwüchsigkeit und auch sonst –«

»O Gott, o Gott!« wiederholte Emma jetzt in aufrichtiger Sorge. »Er wird gewiß dabei alle anständigen Manieren verlernen und wird mir verwildern und wer weiß! was für schlechte Angewohnheiten mit nach Hause bringen. Er wird sich so an den Umgang mit allerhand schlechtem Gesindel gewöhnen, daß er sein Lebtag nicht die Spuren davon ablegen wird.«

Wangenheim fand das Mädchen entzückend in seiner Sorge, seiner frischen Natürlichkeit, und seine heftige Leidenschaft ließ ihn mit aufgeregten Blicken jede ihrer Bewegungen, jede Neigung ihres Nackens, jedes Zittern ihrer Haarlöckchen verfolgen. Er verbarg aber seine neuaufflammende Zuneigung unter einer ironischen Miene und spielte den freundschaftlichen Tröster, indem er sagte:

»Na, mein Fräulein, so schlimm wird es ja wohl nicht werden, wie Sie fürchten. Ein gebildeter Mensch kann sich zu mancher Rolle hergeben, ohne daß er deshalb gleich zum wilden Mann wird. Dazu ist seine Natur zu stark, zu gesund; er wird bereichert mit neuen Eindrücken heimkehren. Ich habe Ihnen übrigens sein Konterfei mitgebracht; wenn es Sie nicht abschreckt, das Ideal Ihres Herzens in recht fragwürdiger Gestalt kennen zu lernen, so habe ich es hier zu Ihrer Verfügung.« Er legte dabei sein Skizzenbuch vor sich auf und blätterte darin herum, indem er von der Seite das Mädchen betrachtete. Emma fuhr rasch mit der Hand nach dem Buche und sagte: »Zeigen Sie her! Sie haben sein Bild entworfen? Das muß ich sehen.«

Wangenheim versprach sich einen Eindruck von seinem Bilde, welcher wohl geeignet sein würde, die Liebe der Braut zu dem Bräutigam einigermaßen abzukühlen, und er nahm sich daher einige Zeit, ehe er das Konterfei sehen ließ. Er rückte näher zu Emma heran; sie nahm das Buch in ihren Schoß, während er die Seiten umblätterte, und er zeigte ihr erst die anderen Skizzen, die er von dem Kellner Sorger, von Hasenklau, Henning und anderen Walzbrüdern entworfen hatte. Die Skizzen waren stark naturalistisch gehalten, ließen das Abbild fast noch elender und lumpenhafter als die Wirklichkeit erscheinen, und Emma faßte ein leises Grausen und eine gewisser Abscheu. »Solche Menschen kann es geben!« sagte sie, indem sie sich leicht schüttelte beim Anblicke der schnarchenden Stromer mit den nackten, lappenbedeckten Füßen und den Stiefelkopfkissen unter dem Nacken.

»Hier ist er nun selbst, unser falscher Walzbruder,« sagte Wangenheim, nachdem er mit einiger Genugthuung den Eindruck bemerkt hatte, welchen die Pennbrüder auf das Mädchen machten. Er schlug die Seite auf, wo in ziemlich starker Karrikatur Hans Landmann am Gasttische saß, neben sich ein großes Glas voll Schnaps. Den alten Hut schief auf dem Kopfe tragend, den Ellenbogen durch den durchlöcherten Ärmel stemmend und mit gekünstelter Lotterigkeit und Frechheit dreinschauend.

Emma regte sich nicht und sah nur ganz starr auf dieses Äußere ihres Bräutigams, den sie kaum wieder erkannte, obwohl die Hauptzüge seines Gesichtes hinter der maskierten Zurichtung desselben kenntlich waren. »Gott! wie er sich verändert hat!« sagte sie endlich höchst befremdet, und sie hatte einen Augenblick ein Gefühl, als wäre auch ihr Inneres dem Bräutigam entfremdet und als sei ihre Liebe zu ihm eine längst verflüchtigte Empfindung. Dies Gefühl war ihr aber kaum deutlicher geworden, als sie auch schon rasch mit der Hand das Skizzenbuch wegschob und die Nase rümpfend sagte: »Pfui! wie häßlich! Das ist ja doch nicht mein Bräutigam!« Sie stand auf und knüllte ärgerlich ihr Taschentuch zusammen, während Wangenheim mit leisem Siegesgefühl die Wandlung, die in dem Mädchen vorzugehen schien, beobachtete. Er wollte sich dieselbe auf alle Fälle zu Nutze machen und jedenfalls nichts thun, was eine Entfremdung zwischen ihr und Landmann verhindern konnte. – Es war ein Glück für den fernen Hans, daß in diesem Augenblicke der Papagei, welcher jetzt eine lange Weile ganz still gewesen war, draußen im Nebenzimmer nach einigem Schnalzen und unverständlichem Plappern plötzlich wieder die Frage auswarf: »Hans, wo bist du?!«

Wangenheim, der keine Ahnung hatte, daß der Papagei, den er nur mit halbem Bewußtsein draußen rumoren gehört, auch sprechen könne, erschrak wie das böse Gewissen über die unvermutete Frage, die wie aus dem Munde eines Bauchredners gedrückt und gequetscht von der Zunge des Vogels kam. Er wurde, im Bewußtsein seiner nicht gerade redlichen Absichten, etwas bleich und blickte sich beklommen um. Emma, die seine Verwunderung bemerkte, lachte und sagte:

»Es ist nur mein Papagei. Er spricht meine geheimsten Empfindungen aus, wenn es mir am wenigsten lieb ist, und kompromittiert mich, als ob ich an weiter nichts, als daran dächte, wo mein Hans ist.« – »Aber sagen Sie«, fügte sie wieder ernster und besorgter hinzu: »fürchten Sie nicht, daß mein Bräutigam doch in so schlechter Gesellschaft manches Üble und Schlimme lernen könnte, was er dann sein Lebtag nicht mehr los wird? Ach, wenn ich mir vorstelle, daß ein gebildeter Mann schon äußerlich so häßlich werden kann, wie mein Hans in dieser Verkleidung – Gott sei Dank! es ist nur eine Verkleidung!« setzte sie, sich selbst beschwichtigend hinzu – »wie nahe liegt da die Gefahr, daß sein Gemüt, sein feineres Empfinden auch verwahrlost, und wenn ich mir denke, daß ich dann so einen Mann haben sollte – brrr!« Sie schüttelte sich, um sich wieder in eine humoristische Laune hineinzulügen, während ihre Sorge in dieser Hinsicht ganz ehrlich und unverfälscht war.

Wangenheim verwünschte im stillen den Papagei, der abermals seine störende Frage that, fühlte sich aber eben deshalb in eine stärkere Unternehmungslust hineingetrieben und sagte mit einem wärmeren Blicke auf Emma:

»Gewiß ist Ihre Sorge berechtigt, mein Fräulein, denn ich muß gestehn, daß Herr Doktor Landmann mir nicht gerade an innerer Feinfühligkeit gewonnen zu haben schien. Ich kann das zwar durch nichts beweisen, es ist mehr ein allgemeiner Eindruck, bei dem ich mich auch täuschen kann, aber ein gewisser Zynismus seiner Anschauungen, den ich früher nicht an ihm kannte, fiel mir doch auf –« Er sagte das mit einer ironisch heiteren Miene, die unter Umständen auch bedeuten konnte, daß er nur scherze. Nahm man es aber als die blanke Wahrheit, so war es noch besser.

»Sehen Sie, sehen Sie!« rief Emma aus. »Gewiß haben Sie ihn schon gänzlich verdorben gefunden, und Sie wollen es mir nur nicht sagen. Ich war immer gegen diese Unternehmung. Man wird ihn zu allerhand schlimmen Sachen verleiten, er wird alles kennen lernen wollen und dabei sich, ohne es zu wissen, in's größte Unglück stürzen. Also zynisch ist er schon geworden!« setzte sie geängstigt hinzu.

Wangenheim zuckte bedauernd die Achseln. Dann meinte er verbindlich: »Nun, im Umgang mit Ihnen, mein Fräulein, wird er das alles ja auch wohl wieder ablegen. Sie werden ihn erziehen und zur feineren Kultur zurückführen – ich mache mir gar keine Sorge darüber.«

»O ich danke dafür!« erwiderte Emma verstimmt. Sie schwieg eine Weile, dann ging sie rasch in's Nebenzimmer, wo sie das Bildnis ihres Bräutigams in natürlicher Beschaffenheit auf ihrem Schreibtisch stehen hatte. Sie nahm es in die Hand, betrachtete es eine Weile, ohne daß sie daran dachte, daß der Maler unterdessen verwundert draußen saß und in Ermangelung anderer Beschäftigung seine Karrikatur von Hans Landmann gleichfalls beschaute. Es herrschte eine Weile vollkommene Stille; jedes blickte andächtig für sich auf sein Bild; Emma wollte schier ein unendlicher Jammer fassen, wenn sie bedachte, daß der schmucke, liebenswerte Mann, der sie so treuherzig und geistesfrisch mit seinen großen braunen Augen und seiner freien hohen Stirn aus dem Bilde anschaute, zu einer zynischen Lebensart und zu schlechten Manieren herabsinken sollte. Wangenheim sah sich unterdessen den falschen Handwerksburschen mit jener erneuten Geringschätzung an und schmeichelte sich, daß er seinem Zwecke, ihn in den Augen der schönen Emma auszustechen, schon ziemlich nahe gekommen sei.

Plötzlich trat Emma, indem sie noch das Bild ihres Bräutigams in der Hand hielt, wieder in das Empfangszimmer und sagte rasch zu dem Maler:

»Wissen Sie, was wir unter diesen Umständen thun müssen?!«

»Ich habe keine Ahnung, mein Fräulein.«

»Wir müssen ihm sofort nachreisen, wir müssen ihn sofort aufsuchen, und da wir durch Sie seine Spur kennen, so bitte ich Sie, mich zu begleiten.«

Wangenheim sah Emma ziemlich verblüfft an. Er hatte das am wenigsten erwartet. Es war ein Strich durch seine Rechnung, der ihm alle seine Pläne verderben konnte.

»Aber mein Fräulein,« wendete er zögernd ein, »halten Sie es für möglich, daß eine junge Dame von, nun sagen wir von – äh – Jahren ....«

»Sagen Sie nur ruhig von zweiundzwanzig Jahren« bemerkte Emma gleichmütig.

»Also von zweiundzwanzig Jahren sich einer solchen abenteuerlichen Unternehmung aussetzt. Und dann, wenn Sie ihn finden, er wird Sie ja in keiner Weise unterzubringen wissen, Sie werden seinen Studien im Wege sein, er wird Sie wieder heimsenden müssen, bedenken Sie das alles, mein Fräulein.«

»Ich bedenke gar nichts« erwiderte Emma kurz. »Wenn es so steht mit ihm, wie Sie sagen, so muß er schleunigst aus dieser schlechten Umgebung herausgeholt werden, und ich weiß sehr wohl, daß kein Mensch außer mir das vermag. Mir wird er die Liebe thun und diese zwecklose Sache aufgeben. Denn sehen Sie einmal an, die gebildetsten Nationalökonomen schreiben über die Arbeitslosigkeit und ähnliche Erscheinungen, wie das Vagabundenwesen ist, daß die Natur sich selber helfen muß. Wahrscheinlich hat Hans diese Schriften noch gar nicht studiert, sonst müßte er wissen, daß seine Reise ganz überflüssig ist und aus all seinen Plänen in dieser Hinsicht doch nur Quacksalberei entstehen kann. Sollte er nun nutzlos sich in Gefahr begeben und zum Zyniker werden? Nein, ich will ihm das auseinandersetzen und ihm auch die betreffenden Zeitungen gleich mitnehmen, daß er sich selber überzeugen kann.«

»Aber Ihre Eltern, mein Fräulein, Ihre Eltern – würden die das billigen?«

»Meine Eltern sind in Italien und brauchen von der ganzen Sache nichts zu wissen. Übrigens würden sie es auch ganz natürlich finden, wenn ich meinen Bräutigam von einem unüberlegten Schritte zurückhalte. Und zwar fahre ich noch heute. Ich benutze den Zwei-Uhr-Zug, bin in einigen Stunden in Neustadt, steige dort in einem guten Hotel ab und suche dann am andern Tage eine Fahrgelegenheit, welche mich nach jenen Dörfern und nach seiner Herberge führt. Dort halte ich einfach mit dem Wagen an, lasse ihn herausrufen und setze ihm die ganze Sache auseinander. Das ist doch ganz einfach.«

Wangenheim meinte: »Wenn er nun aber nicht mehr in dieser Herberge ist?«

»Ei, so müssen wir ihn suchen und seiner Spur folgen. Und dazu brauche ich natürlich einen männlichen Begleiter. Und darum frage ich Sie nochmals: Wollen Sie mich begleiten?! Ich halte es ja vor Sorge und Angst um Hans gar nicht mehr aus, bis ich ihn wieder gesehen habe, und, wenn Sie mir ihn vollends so schildern, wie er in dieser kurzen Zeit schon geworden ist, so ist es die höchste Zeit, daß man ihn mit Entschlossenheit aus diesem Leben herausreißt. Wollen Sie also? Wenn nicht, nun so fahre ich eben allein.«

Wangenheim überlegte. Er sah vollkommen klar ein, daß die Auffindung des Gelehrten keineswegs eine so einfache Sache war, wie es das Mädchen sich vorstellte. Daß Emma selbst in die Herbergen ging, war an sich ganz unmöglich; und wer leistete Bürgschaft, daß Hans noch dort war, wo er ihn verlassen? Alle Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß dieser bald weiterziehen mußte, denn, uneingeweiht wie er noch in das Kundenleben war, mußte er bald Verdacht erregen und kluger Weise weiterziehn. Wie sollte man dann aber seine Spur verfolgen? Würde er den Wirten sagen, wo er hinziehen wollte? Gewiß nicht. Das ganze Unternehmen war höchst aussichtslos. Indem Wangenheim indessen die sorgenerrötete Emma anblickte, sagte er sich, daß seine Leidenschaft keine schönere Gelegenheit haben würde, vielleicht doch das Herz des Mädchens zu gewinnen, als wenn er einige Zeit mit ihr im Lande herumfahren würde. Ja, hatte er es nicht völlig in der Hand, zu verhindern, daß man den Doktor Landmann überhaupt jemals traf? Er konnte ganz nach Belieben eine lange Irrfahrt bewerkstelligen, wo er an sonnigen Frühlingstagen an der Seite seiner anmutigen Begleiterin von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt fuhr, mit ihr in denselben Gasthöfen wohnte, und, wenn die Nachforschungen nach Hans sie ermüdet haben sollten, wurde es ihm gewiß möglich, in ihrem Herzen ein Flämmchen für sich selbst anzuzünden. Der Gedanke einer solchen Irrfahrt faßte ihn selber wie eine heftige Leidenschaft an, denn er sah darin alle Möglichkeit, tagelang mit einem geliebten und schönen Mädchen allein zu sein, und so sagte er rasch und bewegt:

»Nun, mein Fräulein, wenn Sie es nicht anders wollen, so will ich Ihren Begleiter und Kavalier machen, schon, weil ich keinem anderen Mann das Glück gönnen würde, Ihnen in Ihren Nachforschungen behülflich zu sein.«

»Also es gilt!« sagte Emma entschlossen, indem sie ihm die Hand reichte. Er schlug ein, in der Aussicht auf das süßeste Abenteuer ziemlich verwirrt, aber doch klug genug, sich durch vorzeitige Leidenschaftlichkeit nicht zu verraten.

»Und nun, Herr Wangenheim,« sagte Emma, »schicke ich Sie auf ein Stündchen wieder fort, damit ich unterdessen meinen Koffer packe und alles Nötige im Haus anordne. Ich muß auch noch das Vermögen meines Hans, das er mir anvertraut hat während seiner Abwesenheit, zum Banquier schaffen, um es dort sicher zu deponieren. Nach Tische holen Sie mich ab, wenn ich bitten darf, und wir fahren dann geraden Weges zunächst nach Neustadt. Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie Ihre kostbare Zeit einer armen Strohbraut widmen wollen, die nach ihrem Bräutigam ausfliegt wie eine arme Zeisighenne, die ihren lockeren Herrn Zeisig sucht am Zaun und im Walde.«

Wangenheim verabschiedete sich und ging, berauscht von der Aussicht auf die Irrfahrt an der Seite Emmas, fort, um auch sich selbst reisefertig zu machen. Er vergaß sein Atelier, seine Bilder, seine Skizzen vollständig; er sann nur über die Vorwände nach, die er erfinden wollte, um möglichst lange eine Begegnung zwischen Landmann und seiner Braut zu verhindern und im ausschließlichen Besitz der Nähe dieses schönen Mädchens zu sein, das ihm vollständig den Kopf verrückte und ihm um so reizvoller erschien, jemehr seine Neigung zu ihr strenggenommen eine verbotene Frucht sein sollte. Aber so in der frischergrünten Natur, in einsamen Dörfern, an stillen Seen, im weiten Haidewalde, in gemütlichen Landgasthöfen mit dem Mädchen umher zu vagabundieren und um ihre Neigung zu betteln, das schien ihm ein schöneres Loos, als das, welches sich Hans erkoren hatte, und ungeduldig erwartete der Maler die Stunde der Abfahrt.

Und diese Stunde kam. Am Nachmittag stieg das rasche Paar zur verabredeten Zeit mit einigen Koffern und Reisebedürfnissen in den bereitstehenden Zug auf dem Lehrter Bahnhofe zu Berlin, Emma voll Ungeduld und in der Hoffnung, den Bräutigam bald zu finden. Zu Hause aber saß der Papagei, ärgerlich über seine Verlassenheit, in seinem Käfig, hing sich verkehrt mit übereinander gedrehten Beinen an seinen Ring, ließ den Kopf herabhängen, sah sich die Welt von der verkehrten Seite an und frug mit wunderlich verdrehtem Kopfe stundenlang »Hans, wo bist du? Wo bist du, Hans?!«

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