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Das Leben auf der Walze

Wolfgang Kirchbach: Das Leben auf der Walze - Kapitel 5
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authorWolfgang Kirchbach
titleDas Leben auf der Walze
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Viertes Kapitel

Das Gastzimmer hatte sich allmählich mit Neuangekommenen Fremdlingen aller Art dicht gefüllt. An allen Tischen saßen wundersame Stromergestalten in zerschlissenen Röcken und verschossenen Beinkleidern, Umhängetaschen und Reisebündel auf dem Rücken. Am Ofen hatte sich Bill Will mit seiner Frau, einer zigeunerhaft aufgeputzten älteren Person, die ein kleines Kind an ihrer Brust ernährte, niedergelassen. Er saß mit heraufgezogenen Beinen auf der Ofenbank, reichte seiner Frau die Kinderwindeln und hing entbehrlich gewordene Windeln auf die Ofenleine, schäkerte mit dem kleinen Würmchen und warf gelegentlich einen hoffnungsvollen Blick auf Hans, seinen neuen Mitkunstreiter. Heinrich Henning, der Schneider, war mit einem größeren Tragkorbe gekommen, den er ängstlich bewachte, und stärkte sich durch ein Gericht Kartoffeln mit Kaffee. Auch Bill Will mit Familie erhielt auf Bestellung Wurst mit Kartoffeln zur Feier des Tages vom Wirte. Reisende Handwerker saßen um die Tische, schlugen Karten auf, tranken Schnaps und rauchten unterschiedliche Knaster aus zusammengelesenen Zigarrenstummeln. Der Dampf hüllte bald das ganze Zimmer in trübe Wolken, die nach den Petroleumlampen an der Decke hinaufzogen und um die Ofenleine hin- und herwallten, auf welche man Strümpfe und Röcke neben die Windeln zum Trocknen hingehangen hatte. Gottlieb Weber, der arbeitslose Bergwerker, saß mit enttäuschtem, kummervollem Gesicht in einer Ecke. Er war den ganzen Tag nach Arbeit umhergelaufen, hatte aber nichts gefunden und gegen Abend nur von zwei vorübergehenden Spaziergängern im ganzen zehn Pfennige erbettelt, die nicht einmal zum Schlafen ausreichten. Ein alter Bramarbas, mit einer roten Nase und einem blonden, langen Schnauzbarte, über den Augen eine geflochtene Drahtbrille, auf dem Kopfe eine alte Soldatenmütze, trat ein, lehnte seinen langen Steinhammer an die Wand und kommandierte militärisch den Wirt heran. Man stieß sich an den Tischen an und Hans konnte hören, wie man sich erzählte, das sei der »Adelige«, der Steinhauer-Wesel, eigentlich ein Herr August von Wesel, ehemaliger Premierleutnant, durch Spiel und Ehrenhändel heruntergekommen, kassiert und zum Pennbruder herabgesunken. Drei Tage in der Woche pflege er zu tagelöhnern auf den Steinhaufen der Landstraße, wo er die Steine klopfe und mit der Schlammharke den Straßenschlamm zusammenscharre; die übrige Zeit pflege er zu verschwinden, um auf den Pennen, insbesondere auch auf der Frauenherberge, sein Unwesen zu treiben. Er sei vollständig dem Trunke ergeben.

Hans hatte das kaum vernommen, als sich die Thüre aufthat und die Jette den Kopf hereinsteckte. Wie sie sah, daß ihr Schützling vom Nachmittage dasaß, kam sie vollends herein, nickte ihm zu, ging näher und setzte sich neben ihn auf die Bank. Sie sagte aber nichts und schien zu warten, daß Hans ein Gespräch anfinge. Daran wurden sie gehindert durch ein neues, unerwartetes Schauspiel, das sich ihnen mitten im Lärmen, Singen und Johlen der zechenden Stromer darbieten sollte.

Karl Sorger, der Kellner, war nämlich eingetreten, gefolgt von ein paar anderen, die mit gierigen Mienen hinter ihm dreinkamen. Er hatte eine große, lederne Umhängetasche auf dem Rücken, welche dicht vollgepfropft schien, denn ihr Bauch war ganz aufgeschwollen. Sorger setzte sich breitspurig an den mittelsten Tisch, schob mit dem Arme alles, was ihm im Wege war, beiseite und begann, nachdem er stolz mit der Hand auf den Tisch geschlagen hatte, seine Tasche auszupacken. Da nahm er zunächst mehrere große, rund abgeschnittene Stücken Brot, heraus, welche die Bauerfrauen und Köchinnen in der Stadt abgetrennt hatten vom häuslichen Brotlaibe. Er brachte einige butterbestrichene Stullen, einen Blutwurstzipfel, ein Stück Leberwurst, mehrere Käserinden, ein Gänsegerippe, einen großmächtigen Schinkenknochen und anderen Speiseabfall, den er während des langen Tages erbettelt hatte, zum Vorschein. Alles wurde in geschmackvoller Ordnung vor ihm auf dem Tische ausgelegt. Sogleich begann ein Näherdrängen der Burschen und Kunden, auch Jette sprang neben Hans auf und schob sich mit gieriger Miene zwischen die Männer, die mit verschiedenen Ohs! und Ahs!, durch Schmatzen mit den Lippen und Höherheben der Nasen ihre Bewunderung all dieser delikaten Sachen ausdrückten. Sorger aber schlug nochmals auf den Tisch und blickte herausfordernd umher mit den Worten: »Na, jetzt soll einmal ein großartiges Leben beginnen! Läpperts euch schon?! Wässerts euch schon am Gaumen herunter? Ja, ja, Genie muß der Mensch haben! Wer, wie ich, als armer, arbeitsloser Weber geht, der wegen der Mac-Kinley-Bill keine Arbeit hat, der erntet auch, wo er nicht gerade hingesäet hat. Wenn ich das erst mal alles aufgegessen habe, was ich durch meiner Hände Arbeit und meine Rednergabe zusammenjekapert habe. Nischt jestohlen! Alles vom ehrlichen Zinsenholen und Leute ärgern! Alles die reine Gottesgabe vom Tische der mitleidigen menschlichen Gesellschaft!«

Er sprachs und schob zunächst, um den Neid der anderen zu erregen, ein großes Stück Wurst in den Mund, das er wohl in einem Fleischerladen erbettelt haben mochte. Der Bergwerker drückte sich mit hohlglänzenden Augen zwischen den Umstehenden durch, drückte seinen Kopf, als schleiche er heran und bettelte den ehemaligen Kellner leise an: »Geh, gieb mir ein bischen, ein bischen Brot mit Fettigkeit.«

Bill Will stieß seine Frau in der Ofenecke an, während er gerade eine ganze Kartoffel in den Mund schob, und sagte im Gefühle seiner Sattheit: »Da sieht man's, wie weit der Mensch kommen kann. Der schämt sich nicht einmal, arme Leute anzubetteln.«

Sorger hielt eifrig beide Hände über seine Eßwaren und frug den Kohlenarbeiter: »Was willst du denn zahlen?«

»Zahlen?!« stammelte der Hungrige verwundert. Und gekränkt setzte er hinzu: »Ich bin ja wirklich ein entlassener Bergarbeiter, die Streiks und dann die Kohlenteuerung, verstehst du. Du hast's doch den Leuten blos so vorgemacht, daß du'n arbeitsloser Weber bist, aber ich bin wirklich arbeitslos, habe den ganzen Tag herumgelungert nach Arbeit und nichts gefunden und darum gieb mir was für ein Vergelt's Gott!«

»Was? Schenken?!« fuhr der Kellner auf. »Schenken! Denkst du, ich habe deshalb Laden gestoßen und an allen Thüren auf die Mac-Kinleybill und das amerikanische Schweinefleisch und auf den ganzen Fortschritt und Freisinn geschimpft, du Schlamassel?! Nichts wird geschenkt! Weg da, wer selber nischt hat, darf auch nicht zusehen, wenn andere was haben.« – Er wendete sich an die Umstehenden und schrie laut durch's ganze Zimmer mit der Stimme eines Ausrufers: »Achtung meine Herrschaften! hier ist zu haben in der großen Auktion meines Delikatessengeschäftes, gänzlicher Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe: ein gut erhaltener Schinkenknochen: betrachten Sie genau!« Er faßte den Schinkenknochen behutsam mit den Fingern, hob ihn in die Höhe, wendete ihn nach allen Richtungen und erklärte: »Hier sitzt noch ein Stück Schinkenfett, feinste Rosafarbe, und hier noch ein Batzen Fleisch, gutes Fleisch, kein Knochenfleisch, echte Eichelmast und Obstmast gemischt, keine Holzessigräucherung, gute, durchgegangene Schornsteinräucherung – echter Westfäler – zum ersten, wer bietet?« Damit schlug er das knochige Ende wie ein Auktionator den Hammer, schallend auf den Tisch.

Man drängte jetzt näher um ihn herum und der lüsterne Ausdruck in den Augen und auf den Lippen der Kunden glich dem hungrigen Ausdrucke von Möpsen und Neufundländerhunden, denen man eine Wurstschale vor die Nase hält. Die Jette schmatzte ganz laut mit den Lippen, als kaue sie schon und äußerte ihre Bewunderung mit den Worten: »Ui! der schmeckt! Wie Mandeln! Der muß aber gut sein!«

Sorger hatte kaum die Jette erblickt, als er ihr das Schinkenbein zureichte und sagte: »Da, Jette, dir schenk ich's. He, Jette, nimm's nur! Jette, ich thu einen Schwur, wenn du mit mir gehst und mich zu deinem Scheeks auserwählst, denn kriegst du das ganze Schinkenbein gratis!«

»Was?!« rief die Jette entrüstet. »Um ein Schinkenbein will er mir verführen?! Na, da könnt ich wohl noch was anderes kriegen, wenn ich mich sonst verheiraten wollte. Deinen Schinken iß du nur allein, wer weiß, wie viel du schon vorher davon abgenagt hast.«

Sie stemmte die Arme in die Hüften und sah den Kellner mit einem Blicke, gemischt aus Geringschätzung und höhnischem Mitleid, an. Hans aber war durch dieses Gespräch wieder aufgemuntert, fühlte sich zu neuen Thaten frisch und, aufs höchste über die Thatsache erstaunt, daß man hier auf der Penne die zusammengebettelten Speisebrocken verkaufte und versteigerte, beschloß er sich selbst am Geschäft zu beteiligen, um die Sache genau kennen zu lernen.

Er erhob sich, drängte unter die anderen neben die Jette hin und rief: »Wo ist das Schinkenbein?! Da muß ich auch bieten!«

Man hatte ihn bisher nicht sehr beachtet; jetzt aber wurden mehrere auf den neuen Kunden aufmerksam. Hasenklau stieß Leberecht an, mit der Schulter an des Nachbarn Schulter ruckend, und flüsterte »Du, er bietet. Wir schrauben die Preise, das giebt Geschäftchen.« Leberecht hatte das kaum gehört, als er verständnisvoll nickte, seinen Nachbar, den Steinhauer Wesel, anstieß und diesem zuraunte: »Der Silberfasan wird bieten. Preise schrauben! Sag's weiter!« Wesel ließ sich das nicht zweimal sagen, strich seinen Schnauzbart, drückte das linke Auge zusammen, indem er Hans scharf musterte und gab die Losung seinem Nebenmann weiter. Hans, aufgeregt vom vielen Trinken und von den neuen Eindrücken, merkte nichts von dem, was hinter ihm vorging und sah nur das verlockende Schinkenbein vor seinen Augen. Weber drückte sich setzt bittend an ihn heran und sagte leise: »Ach, guter Kunde – ein stellenloser Kohlenbergwerker – kauf mir den Knochen und ein Stückchen Brot!«

Sorger rief von neuem: »Na, wer bietet! Ein Schinkenbein wie vom Ballet! He! Wer bietet!«

Hans ging das Elend des armen Bergarbeiters so zu Herzen, daß er beschloß den Knochen für diesen zu ersteigern. »Hier! Fünfzehn Pfennig!« rief er dem Kellner zu.

Er hatte das aber kaum gesagt, als Hasenklaus Stimme hinter ihm erschallte: »Dreißig Purscher!« »Dreißig Pfennige zum zweiten!« schrie Sorger und schlug den Knochen auf. »Vierzig Pfennige!« rief Hans, der dachte, er wäre nun sein.

»Zum dritten vierzig!« bot Sorger und die Ware höher preisend, erzählte er: »Meine Herrschaften an diesem Schinkenknochen hat das schönste Bauernmädchen von Poppelsdorf genagt und das Schwein hat sie selbst mit Milch und Honig gefüttert! Lippen hat sie gehabt wie Kirschen und Fingerchen wie Talgkerzen! Zum dritten, wer bietet?!«

»Hier! Fünfzig!« Hasenklau hob die Hand spreizend empor.

»Zum Donnerwetter: Fünfundfünfzig!« fügte Hans gereizt.

»Sechzig! Zum Deichsel!« ergänzte Hasenklau, indem er dem Kellner einen verständnisvollen Blick zuwarf, als erhoffe er von diesem einen Gewinnanteil. Sorger blickte aber weg, als schien er das nicht zu verstehen und als Hans hartnäckig nochmals bot: »Und mein wird er doch! Siebzig zum dritten!« da mochte er es für besser halten, um den Gewinn allein einzustreichen, den Knochen herauszugeben mit den Worten »Siebzig! Hier hast du ihn zum letzten. Und ein Stück Legum (Brot) obendrein. Aber gleich zahlen.«

Er gab den Knochen nicht eher heraus, als bis Hans das Geld vor ihm auf dem Tische hinterlegt hatte. Er strich es rasch und hastig ein und versenkte es in seine Tasche, um nicht den Neid der Umstehenden allzu hoch zu steigern. Weber aber, dem Hans den Knochen reichte, biß mit einem Luftsprung in das Fleisch hinein und sagte kauend: »Gelt's Gott tausendmal. Ich hungere schon seit zwei Tagen wie ein Seehund. Mögest du niemals einen Schinkenknochen für dich mit siebzig Pfennigen bezahlen, der unter Kunden höchstens zwanzig gilt.« Damit ging er in eine Ecke und verschmauste sein Brot und nagte seinen Knochen.

Hans hatte unter den Kunden Aufsehen erregt durch die Freigebigkeit, mit welcher er sein Geld ausgab. Einige stießen sich an und meinten, sein Geld, mit dem er so verschwenderisch umging, sei wohl auch nicht mit rechten Dingen erworben, und man sah den Mann mit einer gewissen bänglichen Achtung sich näher an, der vielleicht ein großer Verbrecher oder Falschspieler, ein höherer Falschmünzer oder dergleichen war. Leberecht aber flüsterte dem Schauspieler zu: »Du, der hat aber Asche! Den müssen wir klein kriegen,« worauf erneute Blicke des Verständnisses gewechselt wurden.

Der Kellner schlug jetzt abermals auf den Tisch und, kühn geworden durch das gute Geschäft, hob er das ausgepackte Gänsegerippe in die Höhe und rief:

»Hier, meine Damen und Herren, verklitsche ich eine auserwählte Gänselaterne. Der große Diogenes hat mit keiner schöneren Laterne Menschen gesucht, obwohl er doch auch nur ein Walzbruder war!« Er wendete das Gerippe nach allen Richtungen und demonstrierte es nach allen Regeln der Anatomie: »Der Hals noch wohlerhalten, innen noch Lunge, hinten noch der Sterz. –«

Er unterbrach sich, knickte den Sterz kurzweg hinten ab, reichte ihn im Kreise herum, wobei mehrere Hände zugriffen, um den Leckerbissen zu erhaschen, bis er ihn plötzlich rasch in seinen eigenen Mund schob und recht mit Hohn kauend sagte: »Nee, den Sterz eß ich selber, das ist mein Kaiserbissen! Immer heran, dieses Gänsegerippe stammt von einem lucullischen Festmahle, welches in einer Bankiersfamilie zu Ehren von Rothschilds Geburtstag stattgefunden hat und Rothschild ist der reichste Mann der Welt! Ein Gerippe zum Anbeißen! Wer bietet?!« Herr von Wesel hatte schon dem Schnaps allzusehr zugesprochen und ein neugeborener Rausch blickte aus seinen Augen hervor. Als er jetzt den Kellner mit soviel breitem Behagen an seinem Leckerbissen kauen sah, regte sich bitterer Neid in seiner undeutlich empfindenden Seele. Er rückte seine Mütze schief auf den Kopf, strich seinen Schnauzbart und kniff das rechte Auge zusammen und sagte mit hohler Stimme: »Kau doch nicht so großartig. Man kann's ja gar nicht ansehen. Unsereins hat nischt, und der frißt hier seine ganze eigene Delikatessenhandlung umsonst auf.«

Er erregte damit indessen keineswegs das Mitgefühl des ehemaligen Kellners, der ihm nur einen ziemlich verächtlichen Blick zuwarf. Der fühlte sich als reicher Mann gegenüber diesem armen Schlucker.

In diesem Augenblicke erhob sich ein fröhliches Geschrei und Jubilieren von verschiedenen Stimmen, denn Heinz Henning war auf den nächsten Tisch gestiegen und hatte seinen vollen Tragkorb neben sich gesetzt. Er erhob ein lustiges Getriller, klatschte mit den Händen und zog aus dem Korbe gleichzeitig ein Paar alte Beinkleider, die er wie eine Fahne in der Luft schwankte, und ein paar alte, sohlenzerrissene Stiefel. Sein Korb war ganz mit erbettelten Kleidungsstücken angefüllt, die er hausierend erobert hatte. Mit hoher, dünner, ewig heiterer Summe rief er, während man sich unter ihm drängte und hinaufschaute nach seinen knieschüssigen X-Beinen: »Hier heran! Hier muß man bieten, hier muß man kaufen! Hier wird der erste große Wiener Kleiderbazar eröffnet! Hier ist die echte goldene Neun! Hier ist das non plus ultra des Großbetriebes, hier werden alle kleinen Schneidermeister brodlos gemacht, hier ist das Wahre! Solide Preise! Reelle Bedienung, neueste Moden, alles fesch und chic! Prima Qualitäten! On parle français! Englisch spoken! Rutschi mit Babuschen und Granaten!« Mit noch höherer Stimme sang er lustig:

Henning Heinz ist wieder da,
Auf, verkündet's fern und nah!
Er bringt abgetragne Kleider,
Denn er ist der Kunden Schneider!

Immer billig! Immer billig!«

Er bot einen blauen Gehrock aus, an dem die Knöpfe fehlten und die Ellenbogen schon arg zerschunden waren. »Ein feiner Wallmusch! Für vierzig Purscher (Pfennige) zum ersten! Dieser Wallmusch ist direkt aus der großen Reichshauptstadt Berlin bezogen, welche an den romantischen Ufern der Spree inmitten einer südlich fruchtbaren und üppigen Gegend liegt. In diesem lachenden Paradies hat mir diesen Rock ein Reichstagsabgeordneter geschenkt, wie ich bei ihm hausierte und der Mann war ein Hauptvertreter der Kolonialpolitik! Hätten Sie nicht einen alten Rock zu verschenken, habe ich zu ihm gesagt, ich bin ein armer Reisender, ehemaliges Mitglied der Kameruner Schutztruppe, infolge eines vergifteten Negerpfeiles verwundet und am gelben Fieber erkrankt. Nach meiner Heimkehr in Europens übertünchte Höflichkeit arbeitslos geworden, gestatte ich mir ergebenst zu versichern, daß ich eine Aufbesserung meiner Garderobe in Form eines alten Rockes bedarf!

Meine Damen und Herren, da hat er mir diesen Rock geschenkt, diesen Rock, in welchem er oft auf den Bänken des Reichstags auf der Leipziger Straße in Berlin gesessen und Reden geredet und seine Stimmen abgegeben hat und hört! hört! gerufen hat, wenn Caprivi oder Bismarck ihre weltbedeutenden Ansichten geäußert haben. Hat man jemals so einen Rock gesehen?!« Er schaute triumphierend umher und unter sich, wo sich einzelne Hände erhoben, um den Rock näher zu besichtigen, ob er des Ankaufs wert wäre. Mit der andren Hand schüttelte er ein paar Beinkleider, wie die Beine eines Bindfadenmännchens, das man mit den papierenen Beinen zappeln läßt, zeigte die Vorderseite und die Rückseite und rief:

»Hier ein paar Weitchen, schöne Weitchen, dufte Weitchen, gute Weitchen! Nur der Hosenrand ist ein bischen abgetreten und hinten sind sie ein bischen durchgesessen. – Diese Weitchen stammen von dem großen Gelehrten, der den Tuberkelbazillus ermordet hat und alle großen Epidemien aus der Welt schafft! Jeden Morgen ist er mit seinen eigenen Beinen höchsteigenhändig hineingefahren und jeden Abend hat er sie zum Ausklopfen hinausgehängt und die großartigsten mikroskopischen Forschungen hat er darin angestellt –«

Er unterbrach sich und brachte ein durchlöchertes Leibhemd aus dem Korbe heraus, fuhr mit dem Kopfe hinein, zog es an, zog's wieder aus, schwenkte es und pries es an:

»Und hier, hier ist nun das Rarste, eine feine, saubere Staude, ganz wenig geflickt, und diese Staude hat der jroße Bismarck selber auf dem Leibe getragen. Ich hab sie in Friedrichsruh bekommen, wo ich sie geschenkt bekommen habe, wie ich von Hamburg vor vierzehn Tagen losgezittert bin; und in Friedrichsruh hat mir die Dienerschaft herausjefüttert und die Köchin hat mir die Staude geschenkt aus der alten Wäsche heraus! Meine Herren, wer bietet? Wallmusch 40, Weitchen 75, Staude 50 Pfennige!« Bill Will wurde in seiner Ecke von einem neuen Frostschauer geschüttelt und dachte daran, daß er noch immer in seinem leichten Tricot dasaß. Er jammerte jetzt ganz laut im Anblick der berühmten Kleider und sagte mit einem Blick auf Hans: »Ui je! Ui je! Wenn ich sie nur hätte! Mich friert so an de Beene!« Hans dachte nur an das Unglück des armen Menschen, als er diesen, halbnackt vor Weib und Kind sitzend, nach dem Notwendigsten jammern hörte.

Es war ihm in diesem Augenblicke gänzlich gleichgültig, ob der größte Deutsche seiner Zeit dieses Hemd getragen und der berühmteste Gelehrte in diesen Hosen gesteckt hatte; er sah nur das hilfsbedürftige Menschenkind, das bekleidet werden mußte, und rief mit starker Stimme:

»Hier, ich biete! Summa Summarum zwei Mark für alles!«

»Drei Mark für alles!« brüllte Hasenklau hinter ihm, so daß er sich ärgerlich umdrehte und »Drei Mark zehn!« bot, um sich die Beute nicht entreißen zu lassen.

»Zwanzig! dreißig!« erscholl es rasch hinter einander von Hasenklaus und Leberechts Stimmen. Die sauberen Brüder hatten ihre Freude daran, den Fremdling womöglich um all sein Hab und Gut zu bringen.

»Vierzig, fünfzig, fünfundsechzig!« rief nun Hans rasch hintereinander, indem er in die Hitze geriet und sich selbst die Preise steigerte, während die anderen mit schadenfrohen Mienen zusahen. Es bot niemand mehr; es schien wenig Kauflust zu herrschen und Henning schloß, nachdem er sich umgesehen hatte, den Kauf mit den Worten ab: »Zum Dritten und Letzten: Drei Flachs fünfundsechzig! Niemand mehr? Hier! Aber gleich zahlen!«

Bill Will war näher herangesprungen und stand, schamhaft wie eine medizeische Venus in seinem Tricot zusammengebückt, vor dem Tische des Kleiderhändlers. Dieser warf ihm Rock, Hosen und Weste über den Kopf, so daß er sich da erst wieder herauswickeln mußte, während Hans seinen Beutel zog und den Kleiderhändler bezahlte. Er freute sich, auch einmal einen armen Menschen vom Kopf bis zum Fuße umzukleiden und sagte zu Bill Will: »Na, Kunde, nun brauchst du nicht mehr zu frieren. Zieh diese Hosen mit Verstand an, da hat ein großer Geist daraufgesessen; trage dieses Hemd mit Andacht, denn der Edelste der Deutschen ist da mit dem Kopfe zuerst hineingefahren.«

Große Heiterkeit und mächtiges Gejohle entstand hierüber. Bill Will aber schlüpfte in das Hemd, zog die Höfen an, fuhr mit den Armen in die Rockärmel und betrachtete sich dann von oben bis unten mit Genugthuung. Mit einiger Herablassung nickte er seinem Wohlthäter zu und bemerkte: »Danke auch schön, Kollege. Gieb nur nicht zu viel Geld aus. Wir können's für's Geschäft noch besser brauchen.« Er dachte dabei an die gemeinsam zu bildende neue Truppe.

Hennings überlegene Geschäftspraxis hatte bewirkt, daß man sich fast ausschließlich um seinen Tisch scharte, um seine Waaren zu mustern. Auch andere Kunden begannen jetzt bei ihm zu kaufen, ohne sich erst auf eine lange Versteigerung einzulassen. Der eine kaufte sich ein paar Strümpfe, Streiflinge genannt, zu zehn Pfennigen, ein anderer ergänzte sein Schuhwerk und Henning machte gute Geschäfte.

Dieser finanzielle Erfolg erregte indessen ziemlichen Neid bei dem ehemaligen Kellner, der sich in seiner geschäftlichen Existenz bedroht sah, denn es standen nur noch einige wenige um ihn herum, die seine Wurstzipfel und Käserinden bewunderten. Er beschloß daher, sich des gleichen Geschäftskniffes wie Heinz Henning zu bedienen, trommelte mit den Fäusten auf dem Tisch herum und rief eifersüchtig:

»Und wenn alle Stränge reißen und niemand mehr bei mir kauft: Hier, meine, Herrschaften, ist ein Wurstzipfel und von der Unvernunft hat der große Weltreisende Stanley, der mitten durch ganz Afrika gezogen ist, selber gegessen in dem Hotel, wo ich sie von der Köchin geschenkt bekommen habe und diese frischen Hasenläuftchen stammen von der letzten Hofjagd, ist auch noch sehr viel daran –!«

Man antwortete ihm nur mit einem höhnischen Gelächter, denn seine Erfindung war zu weit hergeholt und zu wenig glaubwürdig und so fing Heinz Henning, in seinem Korbe kramend, heftig zu schimpfen an über diese ungeschickte Beeinträchtigung seiner kaufmännischen Vorherrschaft und rief:

»Stille, du Phantasiemensch! Bei den Bauern in Ztietschewig und Dommelsdorf hat er seine Sache zusammengebettelt; da ist er hinten über die Stakete geklettert und hat den Bauermieken vorgebarmt! Aber bei mir ist alles echt, alles echt, alles solide und reell. Sehen Sie diese Kreuzspanne – er hob eine äußerst abgetragene, alte Weste empor – diese Kreuzspanne, die hat Windhorst selber getragen, wie er im Reichstagsgebäude die Treppe herunterfallen ist, Gott hab ihn selig! Seine Wirtschafterin hat sie mir selbst geschenkt, denn ich verkehre nur in den feinsten Häusern!«

Er ließ die Weste lustig flattern und blickte höhnisch auf Sorger herab. Der aber, als er sich abermals überboten sah und den Respekt bemerkte, mit dem unterschiedliche Kunden dem schiffbrüchigen Schneider zuhörten, fuhr in die Höhe, warf wild seine Wurstzipfel und Schlachtstücke auf dem Tische durcheinander und schrie erbost:

»Und das verbitte ich mir! das ist verbotene Konkurrenz, das ist das reine Manchestertum, das ist das reine, freie Spiel der Kräfte! Wenn das unter ehrlichen Kunden erlaubt ist, was sollen denn dann die anderen unehrlichen Leute in der Stadt thun. Denn schmeiße ich dir hier den ganzen Bettel vor die Füße! Das lasse ich mir nicht gefallen!« Er war im Begriff, dem Schneider eine Brotrinde an den Kopf zu werfen, dieser aber gebot Ruhe mit seiner hellen Stimme, die im Zorn überschnappte: »Stille, du Dütchenkrämer, du Budikeninhaber, du Detailwarenhandlung, du Fettflecken!«

Und stolz wendete der Schneider sich zu Hasenklau, der eben mit der Miene eines Mannes, der eine große That vorhat, an ihn herantrat. Er frug: »Was gefällig?!« Hasenklau nahm seinen Hut ab, einen durchlöcherten und schadhaft gewordenen Schlapphut und frug mit scheinbarer Harmlosigkeit:

»He, Männchen, wat giebst de mir für den Obermann?!«

Nachdem der Angeredete, unbekümmert um das weitere Schelten des Kellners, den Hut in der Hand herumgedreht hatte, sagte er gelassen: »Zehn Purscher.«

»Topp,« entgegnete darauf Hasenklau und überließ dem Manne seinen Hut. Henning zählte auf der flachen Hand ihm zehn einzelne Pfennige heraus. Mit einem verständnisvollen Blicke auf Hans aber flüsterte der Schauspieler rasch dem Schneider zu: »Gieb acht! Jetzt kauf ich ihn wieder, Halbpart! Verstanden?!«

Henning verstand, blinzelte schlau mit den Augen und bestätigte mit dem gleichen Worte »Halbpart!«

Jetzt wendete sich der unternehmende Schauspieler an Hans, der lachend dem Kellner zugesehen hatte und nichts hörte von dem, was an dem anderen Tische vorging. Er klopfte dem Neuling vertraulich auf die Schulter, legte ihm den Arm freundschaftlich um die Achseln, drängte ihn etwas gegen den Tisch Hennings und sagte mit dem Tone edler, verkannter Menschlichkeit:

»Ach, guter Kunde, gestern hab ich meinen Hut versetzen müssen, geh, ersteh mir den wieder. Man kriegt so leicht eine Glatze, wenn man sein Haupt dem Wind und Wetter hülflos ausgesetzt sieht. Was sagst du?! Wir stehen hier am Pranger vor dem Hut. Die Reverenz zu machen einem Hut ist wohl gethan. Ein feiner Hut, den hat mir mein Kollege, der große Matkowsky geschenkt, wie ich mich ihm einmal vorstellte.« Er wies auf den Hut in Hennings Hand und sagte sehnsuchtsvoll: »Siehste da, der ist es –«

Henning hielt diensteifrig den Hut herab und pries ihn: »Ein feiner Obermann! Noch gar nicht lädiert, bloß die Krämpe fehlt hinten. Fünfzehn zum Ersten!« –

Hans hatte wohl eine Empfindung, als wolle man ihn zum besten haben, oder als würde irgend etwas auf seine Kosten verübt werden. Doch besaß er, infolge des ungewohnten, allzureichlichen Branntweingenusses keine Widerstandskraft mehr gegen irgend eine Zumutung. Er hielt sich, da er einmal der Wohlthäter aller möglichen Leute war, im grunde auch für verpflichtet, den Hasenklauschen Hut zurückzukaufen und die dunkle Erinnerung, daß er ja eigentlich nur der Studien halber hier war, spielte auch noch von ferne in seine Entschlüsse herein. Er bot daher schnell darauf los, und sagte, er wolle zwanzig Pfennige für den Hut zahlen.

»Dreißig!« rief da plötzlich der Studiosus, indem er Hasenklau heimlich einen Rippenstoß versetzte, der da bedeutete, daß er auch von der Partie sein wollte.

»Vierzig!« rief Hasenklau, und Hans, höchst verwundert, wie reißend auch der Preis dieses Hutes in die Höhe ging, meinte gemütlich: »Na nu, der steigt ja! Fünfundsechzig!«

»Achtzig!« rief jetzt Hasenklau. Er rang auf einmal verzweiflungsvoll die Hände und jammerte theatralisch: »Ich muß meinen Hut wiederhaben; ich kann doch nicht im bloßen Kopfe gehen, des Schicksals Hohn und Unbill preisgegeben. Stürmt, Wind' und blast die Backen, schlagt flach das Tellerrund der unfruchtbaren Welt!« – Sein Jammern sollte aber nur den Umstand verwischen, daß er hier selber seinen eigenen Hut in die Höhe steigerte, und daß der fremde Kunde eigentlich schon daraus merken mußte, daß man ihm arg mitspielte. »Geh, Kunde, biete noch einmal, wenn ich Draht habe, biete ich auch einmal für dich!« setzte Hasenklau begütigend hinzu.

Hans war in der wunderlichsten Lage seines Geistes. Er hatte eine dunkle Empfindung, daß hier irgend etwas nicht mit rechten Dingen zuginge, wußte aber nicht was. Daß Hasenklau die Unverschämtheit besaß, seinen eigenen Hut, den er ihm zurückersteigern sollte, vor seinen eigenen Augen in die Höhe zu treiben, das kam ihm nicht recht zum Bewußtsein. Der Rausch schien gewisse Bewußtseinsteile in seinem Inneren ertötet zu haben; nur das allgemeine, unbestimmte Gefühl blieb, daß irgend etwas bei diesem ganzen Handel nicht in Ordnung sei. Er grübelte darüber nach und fand keinen anderen Ausweg aus diesem Rätsel, als daß er sich nunmehr erst recht in den Kopf setzte, er müsse den Hut unter allen Umständen haben. »Ja, zum Teufel, soll ich ihn denn gar nicht haben?!« rief er hartnäckig aus. »Eine Mark!«

»Eine Mark!« verkündigte Henning, indem er den Hut schwenkte. »Niemand bietet?«

Die Kunden, welche herumstanden und das wundersame Geschäft verfolgt hatten, lachten und stießen sich gegenseitig an, traten sich heimlich auf die Füße und betrachteten sich den verschwenderischen Neuling mit einer gewissen raubgierigen Zuneigung. Jeder fühlte jetzt geradezu die Verpflichtung, dem Manne den Rest von Geld, den er bei sich führen mochte, noch vollends abzujagen, sei es im Kümmelblättchenspiele, sei es bei einem gemeinsamen Trunke, oder sonst unter einem Vorwande. Keiner gönnte im stillen dem anderen das, was Hans noch in der Tasche trug; allgemein war die Empfindung, daß dieser Abend erst ganz schön gewesen sein werde, wenn der Fremdling womöglich noch seinen eigenen Rock versetzt haben und dann wegen Zahlungsunfähigkeit aus dem Hause hinausgeworfen sein werde. Verschiedene rüsteten sich zu verschiedenen Manövern mit dem Manne.

Es sollte ein Glück für Hans werden, daß Jette all diese geheimen Pläne den Gesichtern der Männer ablas und daher mit sorgenvoller Aufmerksamkeit das Thun des braven Schlossergesellen verfolgte. Etwas dachte sie wohl auch an sich; wenn der Kunde lieber sein Geld ausgegeben hätte, um ihr ein paar Strümpfe zu erstehen, so wäre es ja wohl besser angewendet gewesen, als bei den Späßen des Schauspielers. Sie beobachtete, auf der Bank sitzend, mit gespannten Blicken alles, was um Hans vorging, um im rechten Augenblicke eingreifen zu können.

Mißgestimmt und eifersüchtig lief Bill Will umher; der neue Kunde verschwendete auf unsinnige Weise das gute Geld, welches sie zur gemeinsamen Unternehmung weit besser brauchen konnten. Er war auch vorhin einmal eine lange Weile draußen im Stalle gewesen und hatte da irgend etwas gesucht, worauf er mißtrauisch und einigermaßen niedergeschlagen hereingekommen war und sich achselzuckend zu seiner Frau wieder hingesetzt hatte. Jetzt sah er mit Argusaugen jeder Bewegung des vermeintlichen Kollegen zu.

Hans Landmann, genannt Hans Finke, Schlossergeselle aus Königsberg, hatte unterdessen seine Mark für den Hut gezahlt und Hasenklau nahm denselben, setzte ihn mit gewichtiger Geberde auf und stolzierte, indem er die Huldigungen der anderen stillschweigend entgegennahm, im Zimmer auf und ab.

Aus dem Getümmel der dichtgefüllten Stube drängten sich jetzt drei arg zerlumpte Gesellen auf Hans los. Der eine trug eine Drehorgel am Riemen über der Schulter, der andere führte eine alte Geige in der Hand, der dritte hielt einen Kamm, über den er ein Papier gelegt hatte, als Querpfeife an den Mund. Sie stellten sich bettelnd vor den Sozialforscher hin, der Orgler drehte zweimal die Kurbel seiner Tonmaschine, wozu der andere auf dem Kamme blies und der Geiger seine Fiedel stimmte und der Drehorgelmann, ein Kerl mit einem langen, ehrwürdigen Barte, hielt einen Teller auf, indem er bat:

»Mein Herr, sogleich wird die weltberühmte ›Budapester Vokal- und Instrumentalkapelle‹ die Ehre haben, ihre Produktionen in der höheren Gesangskunst mit Orchester vorzuführen. Direktion Hugo Limmrich, vormals Ullmann, Impresario für ausjediente Primadonnen.«

Hans sah sich die Kerle neugierig an und begann ein Gespräch mit ihnen, wobei sie erzählten, daß sie den Winter in Berlin zugebracht hätten, jetzt aber die »Provinz« abklopften und ins Oldenburgische wollten, wo noch eine gute Gegend sei. Über diesem Gespräche hörte Hans nichts von einem stillen, verbissenen Streite, der unterdessen zwischen Henning, Hasenklau und Leberecht begann.

»Also halbpart! Macht funfzig!« sagte Hasenklau leise zu dem Schneider, als dieser die Mark für den Hut einstrich und, auf dem Tische sitzend, sein Geld zählte.

Leberecht war herangeschlichen und schaltete ein: »Ich habe mitgeboten. Drittelt sich. Macht dreiunddreißig.«

»I, wo werd ick! Ick habe dir doch nicht aufgefordert, oller Bruder,« entgegnete Fritze Hasenklau, genannt Orbassany.

»Was? Und da soll ich zusehen?« fuhr der Studiosus mit unterdrückter Wut dazwischen. »Das ist ja det reine Jobbertum, Börsenkapitalismus, Giftbaum, was ihr da mit dem Obermanne jetrieben habt. Alle Termin- und Zeitjeschäfte sind nischt dagegen, wie ihr hier euren eigenen Hut verkloppt und durch 'nen anderen mit so und soviel Prozent Steigerung wiederkaufen laßt. Wenn ihr armen Leute es schon so treibt, wat sollen denn dann die jroßen Börsenspekulanten machen?!«

Er war bei diesen Worten lauter geworden. Henning erschrack vor dem Vorwurfe, daß er weiter nichts, als ein Jobber und Börsenspekulant sein sollte und sagte rasch und ängstlich: »Sei stille und mach keenen Raddau, sonst merkt er's.« Leberecht verstand. Er hielt mit einem stummen und frechen Ausdrucke seine Hand hin und Henning steckte ihm rasch ein Schweigegeld zu, zahlte an Hasenklau dessen Gewinnanteil aus und schnitt ein paar höhnische Gesichter, indem er mit dem Daumen rückwärts auf Hans zeigte. Das alles sah die Jette bekümmert mit an, und sie ballte heimlich die Faust über diese schlechten Menschen, die den guten, unerfahrenen Schlossergesellen so schauderhaft ausplünderten.

Henning hatte ein Bedürfnis, die Aufmerksamkeit von der eben geschehenen kleinen Auseinandersetzung abzulenken und er stellte sich mit einem leichten Sprunge daher wieder auf den Tisch, zog langsam aus seinem Korbe ein paar sehr umfangreiche blauleinene Hosen, spannte sie auseinander und rief: »Meine Herrschaften, hier sind noch ein paar Weitchen, wer sie kaufen will, breite Weitchen, dicke Weitchen. Sehen Sie diesen Umfang ums Kreuz! Die hat Naucke getragen – er trompetete diesen Namen übermütig heraus – Naucke, der dickste Mann von Berlin!« Ein donnerndes Gejohle und Gelächter antwortete auf diesen Einfall. Jedermann schaute nach den unförmlichen Beinkleidern. »Und hier,« fuhr Henning fort, indem er ein paar abgelaufene, alte Damenschuhe mit ausgeweiteter Gummispannung auf seine Hände wie Handschuhe zog und sie mit den Sohlen zusammenklatschte, »hier ein paar Trittchen, schöne Damentrittchen und ick jloobe, darauf ist eine Frau Ministern geloofen, wie sie im Vereine gegen Armennot und Bettelei präsidiert hat und für die Naturalverpflegungsstationen geredet hat. Blos die Absätze sind ein bischen schief getreten, sie muß ein bischen links gewesen sein!«

Jette sah Hans von den Stromern umringt und wollte ihn aus dieser Umgebung heraushaben. Als sie jetzt die Schuhe bewunderte, ging sie zu ihm hin, drückte sich anschmiegend an ihn heran, wobei sie ihn sachte nach vorne schob und bat ihn:

»Ach, Männeken, geh, koof mir die Trittchen. Ick bin ganz herunter mit meinem Schuhwerke« – sie zeigte auf ihre nackten Füße – »ick möchte so gern die Trittchen haben. Ick bin 'n armes Mächen, die noch keenen Mann jehabt hat und, Schlossergeselle, wenn du mir genau ansiehst, mußt du doch sagen, dat ick 'n hübsches Mächen bin, die ooch mal in ordentlichen Schuhen gehen könnte, wie die Prinzessinnen in der Stadt.«

Hans blickte von der Seite in ihre guten Augen nieder. Er fühlte auf einmal selbst eine Art von Gewissensbiß, daß er, statt dieses gute Kind von Kopf bis zu Füßen neuzukleiden, seinen Geldvorrat, der merklich zusammengeschwunden war, an allerhand andere Leute verschwendet hatte, die es ihm vielleicht nicht einmal dankten. Er bereute auch, daß er sich noch so wenig um das Mädchen gekümmert habe, das doch seinetwegen hierher gekommen war und beschloß, sich mit ihr an einen Tisch in der Ecke zu setzen und sich mit ihr zu unterhalten. Wie die Jette ihn weiter vordrängte, trat aber der Vorstand der »Vokalkapelle« von neuem mit seinem Teller vor ihn hin und ermahnte ihn bettelnd: »Mein Herr, die berühmte Vokalkapelle –« Henning, der Jettes Gespräch mit dem Schlossergesellen angehört hatte, warf dem Mädchen die Schuhe zu und Jette fing dieselben geschickt mit den Händen auf. Der Schneider rief: »Die Trittchen geb ich fürs erste, zweite, dritte und vierte zusammen für eine Mark. Raus mit dem Gelde, Schlosser, wenn du deiner Liebsten ein Paar neue Tanzschuhe kaufen willst.«

Die Jette fuhr sofort stehend in die Schuhe hinein, raffte ihren roten Rock ein Stück in die Höhe, um vorgebeugt zu sehen, wie ihr die Schuhe stünden, und obwohl dieselben bedenklich um ihren kleinen Fuß schlappten, so fand sie sich doch sehr schön, knixte vor Hans und sagte: »Danke auch schön.« Hans blickte etwas verwundert drein, daß man den Kauf so ohne weiteres als abgeschlossen betrachtete, obwohl er doch noch kein Wort gesagt hatte; er griff aber in seine Tasche, warf dem Schneider das Geld in den aufgehaltenen Hut, nahm Jettes Arm in den seinen und wollte sich mit ihr in eine stille Ecke zurückziehen, um das Herz dieses armen, verlorenen Kindes näher kennen zu lernen und Ruhe vor den anderen zu haben.

Er kam aber nicht vom Flecke. Mit der Geberde eines Rasenden, der lange genug seine Eifersucht zurückgehalten hat, sprang nämlich Bill Will, der Kunstreiter, in die Gruppe hinein, riß die Jette von der Seite des »Kollegen« los, fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und rief:

»Und das dulde ich nicht. Da geht ja das Geschäft zu Grunde, wenn der Kunde sein ganzes Geld zum Teufel jagt.«

Jette stampfte entrüstet mit dem Fuße und hing sich von neuem an Hansens Arme, wie um ihn zu schützen. Dieser aber trat dem Kunstreiter empört entgegen und rief: »Was? soll ich nicht zahlen was mir beliebt. Was geht dich mein Geld an?!«

»Ich bin hier der Herr vons Geschäft!« fuhr Bill Will entrüstet auf. »Womit sollen wir denn die Saalmiete bezahlen, wenn du so drein wirtschaftest!«

»Nur einen kleinen Beitrag für die Vokalkapelle,« wiederholte dringender und sogar etwas drohend der Drehorgelmann, während die anderen Kunden sich im Kreise um die Gruppe aufstellten, um zu sehen, was aus diesen Verwickelungen werden würde.

Hans verlor die Geduld. »Ja, Himmel alle Wetter, jetzt wird mir's aber doch zu toll!« rief er. »Laßt mich in Ruh! Da hast du deinen Konzertbeitrag.«

Er griff in seine Taschen und nahm die letzte Hand voll Münzen, die er herausklauben konnte, von plötzlichem Zorn und der Sinnlosigkeit der Weingeistlaune erfaßt. Er brachte die geldgefüllte Hand aus der Tasche, Jette wollte ihn am Arme zurückhalten, er aber warf das Geld unwillig dem Drehorgelmanne in den aufgehaltenen Hut. Einzelne Münzen sprangen zur Seite und rollten durch die Stube, Stromer und Stromerinnen, Männer und Weiber stürzten nach, fuhren auf den Boden und zausten sich um das Geld, andere fuhren auf den Hut des Drehorglers los, um hineinzugreifen, dieser wehrte sich, die Jette aber stand starr inmitten des tollen Tumultes, schlug die Hände zusammen und rief Hans zu: »Aber, Kunde, wat soll denn dein Vater und deine Mutter sagen, daß du ihr sauer jespartes Jeld hier unter die Leute wirfst! O Finke, ach, nee, Finke, wat thust du nur! Ick hab's dir ja gleich gesagt, daß du hier völlig zu Jrunde jehen mußt!«

Bill Will sah starr dem Gebahren seines Geschäftsteilhabers zu. Dann aber rief er, mit den Füßen stampfend: »Und ich dulde das nicht! Du bist mein Angestellter, ich habe dein Draufgeld, du gehörst zu mir! Was soll denn aus unseren Vorstellungen in der höheren Gymnastik werden, du verpfuschter Kunstreiter, du Verschwender, du Schlingel, der sein Geld wer weiß woher zusammengestohlen hat und es nun nicht schnell genug los werden kann! Wir sind hier ehrliche Leute, wir sind ehrliche Walzer, die von freiwilligen Gaben leben, und dir gehörte die Reitpeitsche von mir, wenn ich sie nicht hätte versetzen müssen in meiner grenzenlosen Not!«

»Was? Du trägst ja einen geschenkten Rock von mir!« versetzte Hans, der selbst in seinem gefährlichen geistigen Zustande die Undankbarkeit dieses Menschen glaubte empfinden zu müssen. »Was? du trägst ja Hemd und Hosen, die ich dir gekauft, und wenn du dir darauf etwas einbilden willst, daß man weiß, was für große Männer diese Sachen wohl erst auf dem Leibe getragen haben, so bleibst du doch nichts anderes, als ein brotloser Komödiant und Kunstreiter!«

»Du auch,« wollte der andere entgegnen; Hasenklau aber stellte sich Ruhe gebietend zwischen die beiden und sagte pathetisch:

»Kunstreiter wäre er? Hört! hört! Schlossergeselle will er sein, aber der muß nur Luftschlösser mit seinen Händen geschmiedet haben, so verweichlicht sind diese Hände. Wer weiß, was er ist!«

Bill Will blickte Hans von neuem von oben bis unten an. »Was? Nicht einmal Kunstreiter ist er?!« Er weinte fast und seine Stimme klang von tiefster Wehleidigkeit und gekränkter Enttäuschung wieder, als er verzweifelt ausrief: »Das ist Schummelei, er hat mein Draufgeld; da verlange ich Schadenersatz! Er hat mir sein Pferd vermietet und ich will sehen, wo es ist – im Stalle draußen steht's nicht, ich habe den ganzen Stall ausgesucht!«

»Kunstreiter wäre er?« rief jetzt der Studiosus herüber, »Landtagsabgeordneter ist er! Aber wer weiß, was für einer.«

Jetzt entstand ein gesteigertes, drohendes Murmeln und Zusammendrängen der Anwesenden; man musterte mit mißtrauischen Blicken den Neuling, der augenscheinlich eine stark verdächtige, polizeiwidrige Persönlichkeit war. Hasenklau aber bestärkte den Kunstreiter in seinem Vorsatze und stachelte ihn an: »Jawohl! Da mußt du Schadenersatz verlangen, wenn er mit dir sein Spiel getrieben hat. Das Gebackne vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln.«

Bill Will drang von neuem auf Hans ein, den Jette langsam zurückzog, indem sie sich zur Deckung vor ihren Schützling stellte. »Schadenersatz muß er zahlen!« jammerte der enttäuschte Kunstreiter. »Denn wenn das wahr ist, daß er gar kein Pferd hat und gar nicht von der Kunst ist, so bin ich mit Weib und Kind um meine ganze Zukunft gebracht, so ist's wieder nichts, daß ich mich aus dem Leben herausreißen kann, so bin ich wieder in die Walzerei und Fechterei zurückgeworfen und muß um's liebe Brot an den Thüren betteln und muß immer mehr zurückkommen, bis all meine Kraft verkommen ist und kein einziger Biceps an meinen Armen mehr die richtige Muskelkraft hat, und wenn ich nachher in meiner Schwäche sonst etwas thue, was kann ich dann dafür! Aber das ist Geschäftsschädigung, Vorspiegelung falscher Thatsachen, und darum muß er Schadenersatz zahlen!«

»Jawohl, Schadenersatz, Schadenersatz!« hieß es von verschiedenen Seiten mit drohenden Mienen, denn man fand, daß der arme Kunstreiter ganz recht habe, und machte mit ihm den fremden Handwerksburschen verantwortlich für all sein Unglück.

Hans indessen, der erst mit Zorn und Empörung die Undankbarkeit all dieser Leute bemerkt hatte, wurde jetzt von einer unbändigen, trotzigen Heiterkeit erfaßt, wankte ein wenig und sprach lachend:

»Auch noch Schadenersatz? Zu wie viel verurteilen Sie mich, meine Herren Zivilrichter? Und wenn ich den Schaden wirklich besehe, was habe ich da? Ich besitze nicht einen kahlen Heller mehr – alles verloren, alles vertändelt, alles dahin – nein, so eine Unverschämtheit! Bin ich in einer Mördergrube, unter Hyänen und Wölfen?! Schadenersatz?! Da schau! Das ist mein Schadenersatz!«

Damit zog er das Taschenfutter aus Rock und Hosen und zeigte es umgestülpt den anderen, er wendete seine leere Börse um und warf sie Bill Will lachend vor die Füße. Dieser fuhr sich selbst über diesen Anblick verzweiflungsvoll in die Haare, die Kunden drängten auf Hans lachend und scheltend los und machten Miene, ihn in dieser behaglichen Laune tüchtig zu prügeln, Jette kreischte und warf sich den nächsten entgegen, indem sie dieselben zurückschob, Hans aber, ahnungslos über die Gefahr, in der er schwebte, blickte sich selig lachend um, froh, auch einmal in seinem Leben von allem lästigen Besitze befreit zu sein. Zu seinem Glücke begann in diesem Augenblicke die »Budapester Vokalkapelle« ihre Produktionen. Die Drehorgel spielte, seufzte und knarrte, die Geige fiedelte, der Kammbläser schwirrte zitternde Töne durch sein Papier, und mit rauhen Stimmen begannen die drei Männer das alte Pennenlied zu singen:

»In des Waldes tiefsten Gründen,
In den Höhlen tief versteckt – Baller man los –
Ruht der Räuber allerkühnster
Bis ihn seine Rosa weckt. – Baller man los. –
O wie schön, wie schön, wie schön, wie schön bist du, Marie,
Mit deine Gummischuh, Marie –!«

Es war ein Glück, daß der Studiosus in dem Augenblicke, da das Lied von den »Gummischuhen« handelte, einen erheiternden Einfall hatte und auf Jettes Füße zeigte, die ungeschickt in den neuerworbenen Damenschuhen steckten. Sogleich fielen alle Kunden lachend in den Rundreim ein, zeigten mit den Fingern auf Jettes Füße und sangen dröhnend:

»O wie schön, wie schön, wie schön bist du, Marie,
Mit deine Gummischuh, Marie.«

Jette stand einen Augenblick verschämt da, hielt es aber, in ängstlicher Sorge um Hans, für gut, diesen Augenblick zu benutzen, um ihn in Sicherheit zu bringen, und flüsterte ihm zu:

»Komm, Schlossergesell, du mußt jetzt hier heraus. Ick werde dir in Sicherheit unterbringen. Komm.«

Hans war selig. Das Lied erheiterte ihn über die Maßen. Jette, durch den Gesang und die Gebärden der Kunden ganz verschämt, schob ihn rasch nach der Thüre, that, als wollte sie mit ihm tanzen und benutzte den nächsten Augenblick, um ihn sanft zur Thüre hinaus zu drängen, die sie rasch hinter sich zumachte. Drinnen scholl lautes Gelächter und ein neuer Vers des Liedes wurde begonnen, während Bill Will tobend umherlief. –

Jette und Hans traten in die stille, kühle Nachtluft hinaus. Die Sterne waren vollglänzend am Himmel versammelt. Hans blickte in unendlicher Seligkeit, voll von dem Bewußtsein, nur milde Thaten der Menschenliebe vollbracht zu haben, nach dem hohen Firmamente. Er lachte nochmals leise; dann aber, als ihn ein kühler Luftzug anblies, schwand ihm plötzlich die Besinnung. Der Geist der Getränke, die er genossen, schläferte ihn plötzlich ein. Er vermochte sich nicht im stehen zu erhalten und sank, wie ein plötzlich gefällter Baum, dem guten Mädchen schlummernd in die Arme. Und das Mädchen hielt ihn fest und suchte ihn sanft zunächst an die Erde hingleiten zu lassen. –

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