Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wolfgang Kirchbach >

Das Leben auf der Walze

Wolfgang Kirchbach: Das Leben auf der Walze - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/kirchbac/lebwalze/lebwalze.xml
typeautobio
authorWolfgang Kirchbach
titleDas Leben auf der Walze
publisherVerlag des Vereins der Bücherfreunde
year1892
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
created20100914
projectid4f964c90
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Während unser Held am Nachmittage im milden Sonnenscheine auf der Landstraße nach der einsamen Herberge zurückschlenderte, dachte er mit einer gewissen Genugthuung über sein Unternehmen nach. Er malte es sich mit lebhaften Farben aus, wie er nach reichlichen Studien an Ort und Stelle in der Lage sein werde, ein gehaltreiches, vielleicht epochemachendes Werk zuschreiben. Er erinnerte sich, wie viele Auflagen das Werk eines Mannes erlebt hatte, der in ähnlicher Weise unter die Arbeiterschaft gegangen war, und meinte, daß die Kreise, deren volkswirtschaftliche Erforschung er sich vorgesetzt hatte, die Teilnahme nicht nur gelehrter Leute und der Staatsmänner finden, sondern auch in der großen, allgemeinen Leserschaft viele Neugier erwecken würden. Er sah im Geiste die Druckerpressen in ununterbrochener Thätigkeit, neue Auflagen seines Zukunftsbuches fertig zu stellen und begann im Stillen nachzurechnen, wie viele tausende von Markstücken aus einem so zweifellosen Buchhändlererfolg in seine Tasche fließen würden. Es war natürlich, daß diese Markstücke sich mehrten und mehrten, während gleichzeitig die Hoffnungen auf eine Professur in Berlin zusehends eine bestimmtere Gestalt annahmen. Er verfolgte diese verlockenden Gedanken des weiteren, verglich seine gegenwärtige Studierstube, die er als einfacher Privatdocent bewohnte, mit der großen Wohnung im Westen Berlins, die er dann, als Professor und Verfasser eines großen und wichtigen Werkes nehmen würde, und stattete sie in Gedanken mit jeder Behaglichkeit eines seinen Hauswesens aus. Sein Studierzimmer, seine Bücherei bekleidete er im Stile der Renaissance mit eichenholzenen Schränken und guten persischen Teppichen. Das Speisezimmer erhielt neben der Tafel und mehreren Pfühlen, die an den Wandecken angebracht waren, einen großen Tellerschrein für die Anrichtung der Mahlzeiten, die er zu geben dachte. Denn ein Haus wollte er auf alle Fälle machen, die Spitzen der Wissenschaft, Kunst und Litteratur sollten bei ihm verkehren, bei ihm, der eine Merkwürdigkeit schon durch die Erzählungen war, die er von seinem Leben als Fechtbruder machen konnte. Ein hübsches Empfangszimmer stattete er mit blauseidenen Buhlmöbeln aus und unwillkürlich sah er neben seinem Studierzimmer ein behagliches Frauengelaß mit einem Erker, worin eine Ampel hinter bunten Glasscheiben herabhing und eine stattliche, brünette junge Frau saß – ach, Emma, süßestes aller Mädchen! Meine Braut, meine Freundin, meine Gefährtin, meine Herzallerliebste. Sähest du mich jetzt auf der einsamen Landstraße einherwandern, wie ich an dich denke und alle meine Gedanken zu dir eilen!

Der Wanderer, ganz in diesen hoffnungsvollen Träumen versunken, war auf der Landstraße in den Wald hineingeschritten und, um noch ein Weilchen diesen freundlichen Bildern ungestört nachzuhängen, bog er von der Straße ab in den Wald hinein, setzte sich hinter dem Stamme einer großmächtigen Buche, die eben zu grünen begann, ins Gras und pflückte die Anemonen und Himmelsschlüssel. Und indem er sich wiederholt seinen behaglichen Zukunftshausstand ausmalte, wie er ihn gemeinsam mit der Braut einzurichten gedachte, die er heiraten wollte, sowie das Buch vollendet sei, mußte er lachen, indem er seinen gegenwärtigen Zustand betrachtete und die Komödie, die er als reisender Handwerksbursche spielte. Er konnte es nicht lassen, er mußte seinen Taschenspiegel aus dem Rocke ziehn und blickte hinein, um sein verwandeltes Bildnis des näheren zu betrachten. »Na, originell genug sehe ich ja wohl aus. So so! – Also Hans Finke heiß ich. –« Er nickte ganz leise in den Spiegel hinein, in dem er sein verwahrlostes, bartgefärbtes Gesicht und darüber den Buchenwipfel, vom Himmelsblau überwölbt, abgespiegelt sah, und dachte lächelnd: »Habe die Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein Herr. Mein Name ist Dr. Hans Landmann, Privatdozent und Schriftsteller für Vagabundentum. Wie gehts, Herr Finke? hoffentlich noch Wohnungen zu vermieten? Sie wissen doch, es saugt keinen Honig aus Blüten, es bildet kein Wachs, es summt nicht und schwärmt nicht, und doch nennen wir reisenden Handwerksburschen ein Bienchen, was niedlich ist. Sie sehen mir zwar ein wenig ruppig aus, Herr Finke, indessen, es freut mich doch, daß wir im ganzen ein Herz und eine Seele sind. Halten wir fest zusammen. Bedenken Sie, Herr Finke, daß, wenn Sie Ihre Sache gut machen, Sie an dem Erlös des Buches teilnehmen werden, das ich schreibe. Gestatten Sie, Herr Finke, Ihnen zu sagen, daß ich nicht einmal eifersüchtig auf Sie sein werde, wenn Sie Fräulein Emma den Hof machen neben mir. Mögen Sie auch aussehen wie Ruppert, der Bärenhäuter, Fräulein Emma wird Ihnen gewiß gern, wenn ich es nur wünsche, ein Kosestündchen gewähren und so die vielbesungene Verbrüderung des vierten Standes mit den besitzenden Klassen verwirklichen.«

Er ließ seine Gedanken in dieser Weise weiter vagabundieren, nahm eine Schere aus seinem Berliner und begann sich, in den Spiegel blickend, an der Stirn und im Nacken noch einige Haarlocken auszuschneiden in der Erwägung, daß sein Inkognito um so wahrscheinlicher werde, je schlechter und stufenmäßiger sein Haupthaar verschnitten sei. Über ihm im Buchenwipfel aber saß ein junger Finke und übte sich im melodischen Herauszwitschern aller Gefühle, die sein Herz bewegten, ein Selbstgespräch, das laut und vernehmlich durch den Wald schallte, während Hans Finkes wundersames Selbstgespräch schweigend und stumm in seinem eigenen Busen verschlossen blieb.

Hans mochte eine Welle so gelegen haben im grünen Grase, als er auf der Landstraße das Näherrollen einer Handkarre vernahm und, jeden Augenblick auf ein Abenteuer gespannt, lugte er zwischen den jungen Gräsern und den niederen Büschen, vor denen er lag, hinaus auf die Straße. Dort sah er zwei Frauen in ärmlichen und zerschlissenen Röcken einherwandern, wovon die Ältere einen Handkarren hinter sich herzog. In dem Wägelchen stand ein großer, mit Lappen zugedeckter Tragkorb, ein kleines Mädchen saß daneben in der Karre und hielt in seinem Schoß ein Kind von etwa einem Jahre, das auch nur in dürftige Läpplein eingewickelt war. Ein größerer Junge aber zog neben der älteren Frau an der Deichsel des kleinen Wagens.

Als die Frauen, welche in lebhaftem Gespräche waren und heftige Gebärden machten, näher kamen, erkannte der Lauscher, baß die Jüngere von den beiden Frauenspersonen unter dem grauen Kopftuche, welches sie umgebunden trug, ein hübsches Mädchengesicht mit ein paar großen, guten, wenn auch etwas dümmlich dreinschauenden Augen mitbrachte. Ihre Kleidung war dürftig genug, denn sie bestand nur aus einem roten Wollenrock und einem zerrissenen Leibchen aus dunkelblauer Seide, das einst wohl eine schönere und stattlichere Frau getragen haben mochte. Das Mädchen und auch die ältere Frau waren barfuß, und man sah ihre Fußspuren samt den Zehen auf der frühlingsweichen Landstraße ein gut Stück Weges hinter ihnen eingedrückt. Das Mädchen trug einen Handkorb am Arme; das schien die ganze Ausrüstung zu sein.

Die beiden waren im lebhaften Gespräche bis dicht an die Stelle der Straße gekommen, wo Hans im zufälligen Hinterhalte lag, als die ältere Frau im Fahren inne hielt, sich an der Deichsel zurückstemmte und hierauf mit belehrender Miene auf die vordere Handkarre sich niedersetzte, während das Mädchen die Arme in die Hüften stemmte und vor ihr stehen blieb.

»Na, nun sei einmal ein vernünftiges Mächen, Jette,« begann die Ältere mit mütterlicher Gewichtigkeit, »und laß dir von einer erfahrenen Frau, die schon seit acht Jahren als Tippelschickse geht, ein gebildetes Wort sagen.«

Hans vernahm diese Worte ganz deutlich und hörte mit einer gewissen Genugthuung das Wort »Tippelschickse« ausgesprochen, dessen Bedeutung er zufällig von einem reisenden Handwerksburschen erfahren hatte. Er wußte daraus, daß die Sprecherin eine landfahrende Bettelfrau war, denn daß »tippeln« soviel wie »wandern« sei, hatte er sich schon in sein Notizbuch geschrieben, in dem er sich ein kleines Wörterbuch der Kundensprache anlegte.

Das Mädchen drehte sich auf jene Anrede halb herum, verbarg die Hände unter ihren Rockfalten und sagte halb verschämt, halb ungehalten: »Nee, nee, ich mag nischt wissen, ich weiß ja doch, daß du mich nur zur Frau Oberkellnerin außer Dienst machen willst, und ich mag doch noch gar keenen Mann.«

»Ach wo,« entgegnete die andere mit einer gewissen Würde langjähriger Lebenserfahrung, indem sie sich im Sitzen auf der Karre länger streckte, »der Mann ist die Bestimmung des Weibes und das Weib ist die Bestimmung für den Mann, dat kannst du sogar gedruckt lesen.«

Die Jüngere zuckte die Achseln und erwiderte mit einer Miene der Geringschätzung: »Jawohl, aber das ist denn auch allemal auf dem Gemeindeamt auf dem Dorfe ausgeschrieben und hinterdrein gedruckt von wegen das Standesamtliche, und wenn ich überhaupt 'nen Mann nehme, denn will ich so eenen standesamtlichen Mann, aber keenen Scheeks, wie deine Männer gewesen sind, mit denen du zusammen auf die Fahrt gestiegen bist und die dich haben sitzen lassen, wenn du ihnen nicht genug Brot und Schnaps und Wurst und Fettigkeit zusammengebettelt hast, Liese.«

Mit dem Stolze beleidigter Frauenwürde erhob sich die Liese, warf einen zufriedenen Blick auf ihre drei Kinder um sich und entgegnete dem jungen Mädchen: »Meine Männer! Du thust ja gerade, als wenn du wüßtest, wer dein Vater und Mutter ist! Und bist doch nur'n Findelkind, wo in die Welt heringekommen ist jerade wie die Mutter Eva, die auch weiter keinen Vater hatte. Na, und hat die etwa einen standesamtlichen Trauschein gehabt? Der ist doch nur für die Reichen, aber für uns?! Und deshalb ist sie doch eine brave Frau gewesen, die im Schweiße ihres Angesichts aus dem Paradies vertrieben war und ihr trocken Brot gegessen hat, wie ich, was ihr der liebe Gott doch auch bloß zum Almosen geschenkt hat, der armen Dille mit ihren zwei unmündigen Kindern.«

Auf diese Worte hin, in so kläglicher Weise an ihre Heimatlosigkeit erinnert, begann die Jette zu weinen. Es war auch zu traurig, daß sie nicht einmal wußte, wer ihr Vater und Mutter gewesen war, und daß sie in dieses landfahrende Bettelleben hineingekommen war, sie wußte nicht, wie. Sie wischte sich aber mit dem Handrücken die Thränen aus den Augen und rief rasch und hartnäckig aus: »Und wenn mir och keen Mensch hat was Ordentliches lernen lassen, deshalb mag ich doch mit keinem Pennbruder gehn und für ihn betteln und dalven und schmal machen, bloß damit er faullenzen kann und eine Frau hat, die für ihn sorgt.«

Sie wollte der Frau den Rücken kehren und weiter gehn, die Liese aber legte die Hand auf ihren Arm, drückte sie leise nieder und nötigte sie mit besänftigender Gebärde, daß die Dirne sich neben sie auf einen Steinhaufen am Straßengraben hinsetzte. Und mit sanftem, etwas wehleidigem Tone erklärte sie: »Ja, das ist nun 'mal so, Jette. Du wirst doch wohl diese Welt nicht ändern und bessern wollen, welche nun 'mal so eingerichtet ist, daß die armen Schicksen eben auch einen Mann brauchen. »Denn er soll dein Herr sein!« sagte sie mit Feierlichkeit. »Und siehst du, Jette, wenn du nun mit so einem Mann gehst, der dir gut ist und dir in allen Ehren, ohne Trauschein, heiratet, gloobst du denn nicht, daß es auch ein Trost ist, wenn du den ganzen Tag bei mitleidigen Menschen gebettelt hast, und wenn du dich dann mit ihm hinter'm Dorfe ins Korn setzest. Da packst du denn deinen Bettelkorb aus und teilst mit ihm, was du bekommen hast, denn wohlzuthun und mitzuteilen, Menschen, das vergesset nicht. Und wenn du siehst, wie's ihm dann gut schmeckt, deinem eigenen Manne, der wie du kein Haus, keine eigene Stube, kein Bett, kein gar nichts hat, als bloß das nackte Leben wie die Wölfe im Walde, wo's noch welche giebt, das ist auch ein Trost für eine arme Frau. Und wenn ihr dann 'mal Kinder habt, siehst du, da geht ja det Geschäft noch viel besser, da haben die Bauerfrauen und Frauen in der Stadt doch gleich mehr Mitleid, wenn du mit so 'nem kleenen Stammhalter kommst, der deine Familie 'mal weiterführen kann. Na, und darum sag ich, stoß ihn nicht zurück, Jette, der Herr Sorger ist ein adretter Mann. Oberkellner ist er gewesen, wie er noch 'n anständiger Mensch war, und ist bloß so weit heruntergekommen, weil er in seinem Hotel in Berlin den reichen Herrn immer so viel Jeld gepumpt hat, wenn sie Hazard spielten. Sie habens ihm aber nicht wiedergegeben, und dann hat er selber mitgespielt und ist in Schulden geraten, bis sie ihn an die Luft gesetzt haben. Und eine Stellung hat er ooch nicht bekommen, weil sie in einem Auskunftsbureau seitdem nur schlechte Auskünfte über ihn gegeben haben, und da hat er eines Tages 'nen Raptus gekriegt und gesagt: »Jetzt thu ich auch nicht mehr mit.« Und da hat er sich ganz einfach aufs Walzen verlegt, um Stellung auf dem Lande zu suchen, na, und weil er eingesehen hat, daß man als freier Fechtbruder eben auch noch sein anständiges Auskommen hat, ist er bei der Ausklopferei geblieben. Und so 'nen vornehmen Mann, der so 'ne tadellose Vergangenheit hat, kriegst du nicht wieder, darum, Jette, überleg dir's.«

Mit gespannten Ohren hatte Hans hinter seiner Buche dieses lautgeführte Gespräch angehört. Jedes Wort prägte er sich mit einer gewissen freudigen, wissenschaftlichen Genugthuung ein. Das war ja ein Abgrund von Zuständen, der sich ihm in einem Augenblicke aufschloß. Welche Schlüsse mußte man aus diesem harmlosen Frauengespräche thun. In seine Genugthuung mischte sich aber zugleich ein tiefes Mitleid mit dem armen jungen Mädchen, das man augenscheinlich zu einer Verbindung zu bereden suchte, die ihm zuwider war, und als er gar an den Unbekannten dachte, für den die Frau das obdachlose Waisenkind zu werben suchte, mischte sich in sein herzliches Mitleid sogar eine gewisse Eifersucht. Er überlegte eben, ob er seinen Lauscherplatz aufgeben sollte, um sich ins Gespräch zu mischen, als die ältere Frau auf einmal ausrief: »Jette, sieh nur, da kommt er sogar selber. Ich will dir's nur sagen, ich hab's mit ihm ausgemacht, daß wir uns hier begegnen wollten, ehe wir in unsre Schicksenpenne fahren.«

In der That kam von der andren Richtung der Straße her der Kellner gegangen, welcher am Morgen in der Herberge durch die Beschimpfung »Apoll bei einem Satyr« sich so tief beleidigt gefühlt hatte. Er hatte jetzt aber keinen Frack, sondern einen Rock an, den er sich durch ein Tauschgeschäft im Laufe des Vormittags bei einem andren Kunden erobert hatte. Ein ziemlich schäbiger Cylinder, dessen Deckel etwas nach der Seite eingeknickt war, zierte sein Haupt. Er hielt ein großes Bouquet in der Hand mit einer vergilbten Papiermanschette darunter, verneigte sich, indem er vollends herankam, vor der Jette, und sagte mit den Mienen und Gebärden des ehemaligen Weltmannes:

»Na, schöne Jette, erlauben Sie mir, daß ich die Jelegenheit benütze, Ihnen in aller Form zur Begründung eines gemeinsamen Hausstandes meine allerschönste Aufwartung zu machen. Das Bouquet ist von einer Theaterprimadonna dahinten in Neustadt; ich habe sie eigens darum angehauen.« gebeten.

Er wollte ihr mit einer anständigen Verneigung den Strauß überreichen. Die Jette, der wohl zum erstenmal in ihrem Leben ein Strauß angeboten wurde, machte einen raschen Griff auf denselben los, ließ aber mitten in dieser Bewegung ihre Hand sinken und blickte unschlüssig vor sich nieder und sagte: »Ach, nee doch.«

»Na Jette nimm's nur. Du brauchst dir nicht zu schämen. Der Herr Sorger ist ein solider Mann, wenn der auf die Fahrt steigt, da bringt er schwere Miete heim.« Die Liese warf dabei dem Fechtbruder einen verständnisvollen Blick zu.

Jette aber stand mit einem Gesicht da, in dem sich Widerwillen und Traurigkeit mischten. »Ach nee, ach nee,« wiederholte sie, »und ich mag doch nicht. Die Blumen sind ja alle schon fast verwelkt – ach, ich bin so traurig.«

In der That waren schon viele Blumen halb gebleicht, und die Blütenblätter hingen schlaff und faltig nieder. Das Bouquet mochte wohl von einem Offizier der Garnison der Dame vom Theater geschenkt worden sein im frischen Zustande, bis sie dem hausierenden Kellner es abgetreten hatte in dieser Gestalt. Sorger schien das aber nicht zu bemerken. Er putzte ein paar von den verwelkten Blättchen aus dem Gebinde heraus und meinte eifrig: »Nee, nee, Jette, sie sind noch nicht verwelkt; ich hab sie auch noch'n bisken gespritzt da oben am Quell; siehst du, hier ist eine ganz frische Kamelie, wo die Kamele in der Wüste Sahara fressen in ihrem Durst, und die Rose ist auch noch wie neu hier – und wenn ich mal irgend wo einen verlorenen Ring oder eine Brosche finde, denn geb ich sie dir nachträglich als Hochzeitsgeschenk –«

»Und ich will nicht, ich will nicht!« rief dagegen die Jette ganz aufgeregt aus. »Ich will ein anständiges Mächen bleiben; ich will fort aus dem Leben; ich will eine anständige Frau bleiben.«

Hans fühlte die lebhafteste Neigung, von diesen guten Vorsätzen des armen Bettelfräuleins herzlich bewegt, aufzuspringen und den Kellner aufzufordern, daß er seiner Wege ginge. Aber es war ihm doch auch wieder von zu großem wissenschaftlichem Interesse, die Liese reden zu hören, und so blieb er liegen, wie diese mit sittlicher Entrüstung kreischte: »Na ja, da sieht man ja den Hochmut! Bin ich nicht eine anständige Frau? Drei Männer hab ich jehabt; der erste hat mir an den zweiten verkooft um zwei Thaler, wie er ins Ausland mußte, der zweite ist verschütt gegangen und ins Arbeitshaus, und der dritte ist gestorben, wie das arme Wurm hier kam – sie zeigte auf ihr Jüngstes –. Aber alle sind brave Männer gewesen und ich war eine Tippelschickse, wie sie im Buche steht.« Sie packte ihren ältesten am Arm, schüttelte ihn und frug stolz: »Na, ihr Schrabbiner, ist das wahr? Sag, Fritzel, wie viel Väter hast du gehabt? Du bist der älteste.« Der Knabe sagte mit seiner kindlichen Stimme fröhlich und wohlgemut und mit einem bedeutenden Stolze: »Drei. Den Zieger-Hans, mein erster Vater, den Herrn Stillefried und den Oeser-Karl, der ist tot und die anderen sind weg.«

Die Mutter zeigte sich etwas besänftigt und wendete sich an das Töchterchen, das zusammengepfercht im Karren faß: »Na, Gretel, ist das wahr? Und bin ich euch nicht eine gute Mutter gewesen, die euch ehrlich zum Betteln angehalten und euch das verfl– Mausen streng verboten hat? Und haben wir nicht alle unsere Väter lieb gehabt? Was? Und nun muckt diese Prinzessin hier auf und will noch anständiger sein als unsereine, wo man mit Freuden so einen Ehrenmann wie den Herrn Sorger gleich vom Flecke weg heiraten würde?! Flausen, alles Flausen.«

Sorger, bestärkt durch diese Aufmunterung, näherte sich jetzt der Jette. Hans sah das mit einer ihm selbst ziemlich unerklärlichen Eifersucht, und er atmete förmlich erleichtert auf, als die Jette mit einem kräftigen Fauststoß den Kellner zurückstieß und wild ausrief: »Und ich will ihn nicht. Ich will bloß so einen Mann, mit dem ich gehn mag, aber keinen ausgedienten Oberkellner, der von weiter nischt, als von den Trinkgeldern gelebt hat, die er den Leuten aus den Taschen gelockt hat. Das thu ich nicht und ich will heraus aus dem Leben.«

Und mit diesen Worten raffte sie ihren roten Rock fester zusammen, sprang mit einem Satz über den Straßengraben und kletterte eilig die Böschung hinauf gerade auf die Stelle zu, wo Heinrich lag. Rasch lief sie dann in das Waldesdickicht hinein, und Hans sah nur noch, wie sie ihn mit einem raschen, erschrockenen Blicke hinter der Buche liegend erkannte.

»Na, denn lauf, du überirdisches Frauenzimmer,« rief der Kellner der Flüchtigen nach, indem er ihr das Bouquet ärgerlich nachschleuderte. »Da merkt man auch, was die überspannte Romanlektüre thut.«

»Hat man so eine Halsstarrigkeit erlebt?! ergänzte die Liese mit höchstem Erstaunen. Sie erhob die Faust drohend hinter der Jette her und rief ihr nach: »Na, warte, du rennst in dein Verderben, dummes Ding! Na, warte nur! Um fünf Neugroschen hat sie mich nun gebracht, mich arme Bettelfrau mit drei unmündigen Kindern, welche mir der Herr Sorger versprochen hatte, und die fünf Neugroschen sind ihr nicht geschenkt.« – Damit spannte sie sich wieder vor ihre Handkarre und zog in Begleitung des Kellners, der viele Verwünschungen ausstieß, auf der Landstraße weiter.

Als sie hinter der nächsten Waldecke, wo die Straße sich bog, verschwunden waren, erhob sich Hans in seinem Hinterhalt, voll von den Eindrücken, die er eben gehabt, worin er sehr wertvolle und überraschende Beispiele zur Sittengeschichte sah. Als er sich aber umblickte, sah er gar nicht weit von sich die Jette hinter einer Gruppe von jungen niederen Fichten kauern. Er sah, wie sie ängstlich und gespannt auf ihn blickte, und schwankte eben, ob er sie anreden sollte, als hinter den Tannen hervor eine schüchterne Stimme leise rief:

»Sind sie weg, Handwerksbursch?«

»Jawohl, Jette, du kannst ruhig herauskommen,« erwiderte der Privatdozent, der auf einmal eine Reihe warmherziger Empfindungen für die Barfüßerin in sich erwachen fühlte, schöne, menschliche Empfindungen, welche sich mit dem Gedanken vereinten, wie man etwa das Mädchen, seinem Wunsche gemäß, aus diesem Leben befreien könnte.

Die Jette trat jetzt näher und schlich spähend an den Waldrand hinaus, um sich zu überzeugen, daß das Feld rein wäre. Als sie mit Befriedigung die Straße offen fand, wendete sie sich zutraulich an Hans und frug: »Was bist denn du für einer?«

»Reisender Schlossergeselle aus Königsberg. Will Arbeit suchen. Wann Dir's recht ist, gehen wir ein Stückchen zusammen. Wo wohnst denn du?«

Jette blickte ihn etwas verwundert an und er fand diese guten, dummen Augen, dies Antlitz, von wirrem Haar umgeben, in diesem Augenblick wirklich recht hübsch. »Wo ich wohne? meinte sie. Na, wohnen thu ich wohl eigentlich überhaupt nicht. Im Sommer schlaf ich viel im Feld oder im Wald; aber im Winter und jetzt im Frühling, da schlaf ich eben meistens in der Schicksenpenne, denn wir haben eine Stunde von hier so eine Frauenherberge. Es geht aber nicht schön zu dort.«

»So, so« sagte Hans. »Na, wenn dir's recht ist, begleite ich dich 'mal dahin und ich bin schon der Mann dazu, um dich gegen alle Unannehmlichkeiten in Schutz zu nehmen.« Er wollte die Gelegenheit benützen, den Ort dieser Frauenherberge ausfindig zu machen, um gelegentlich auch dort seine Kenntnisse zu bereichern.

Die Jette schüttelte aber stumm den Kopf und schwieg, nachdem sie von der Seite einen langen und gemütvollen Blick auf ihn geworfen hatte. Sie schritten unterdessen schon auf der Landstraße dahin, bis Jette auf einen Seitenpfad einbog, der nach einem Waldhügel hinauf führte. Hans fühlte sich in einiger Verlegenheit gegenüber diesem stummen Gebahren, um aber etwas Leben in die Unterhaltung zu bringen, pflückte er ein paar Maßliebchen und Primeln am Rande der Straße im Straßengraben.

»Da, sagte er, Jette, die Blumen sind neu, gleich wie sie aus der Erde herauskommen, frischgebacken und frischgewärmt von der Sonne, die wirst du wohl nehmen?«

Jette lachte lustig und nahm die Blumen, die sie sich in die Haare steckte. Sie sah so hübsch dabei aus, daß er eine Versuchung fühlte, sie rasch einmal in die Wange zu kneifen, aber ein gewisses Gefühl von Achtung gegenüber ihrer Armut hielt ihn zurück. Er sah schon einen großen Fortschritt darin, daß sie so arglos die Blumen von ihm nahm, während sie den Kellner so heftig heimgeschickt hatte. Sie meinte: »Frische Blumen von so 'nem frischen jungen Männ'cken, wie du bist, die nehm ich immer, aber wenn so'n elendiger Kerl wie diese abgedankte Kellnerseele mir mit 'nem alten, verbrauchten Bouquet imponieren will, denn irrt er sich. Nimm dich vor dem in acht, das ist ein Karnickel, wem der rupfen kann, den rupft er. Wo willst du denn hin?«

Hans sagte, er habe die Absicht, in der nächsten Penne ein paar Tage zu bleiben, um sich von seiner langen Fußwanderung auszuruhen, jetzt aber wolle er zunächst mit ihr nach ihrer Frauenherberge gehn, um sie vor jeder weiteren Anfeindung durch die Liese und den Kellner zu schützen.

»Ach nee,« sagte Jette, »da kannst du nicht mitgehn, Handwerksbursch. Ich hab's ja schon gesagt, es geht dort nicht schön zu.«

»Na, wie denn?!« frug Hans überrascht.

»Kehr nur um, Handwerksbursch; dort werden die jungen Männer ja nur verdorben, wenn sie hingehen. Es sind so schlechte Frauenzimmer darunter. Ich verkrieche mich immer gleich auf dem Boden, wo mir die Krone Wirtin. eine Schütte Stroh hingelegt hat, damit ich von dem Lärm und Radau nichts merke. Es hat schon manch ehrlicher Leute Kind dort sein Geld und guten Namen gelassen; wer hinkommt, den verderben sie.«

Hans war gerührt durch die Sorge, welche das gute Kind um sein Heil hatte, aber er meinte scherzhaft: »Na, mich werden sie ja wohl nicht so schnell verderben, besonders wenn ich mit der Jette komme; die wird ja wohl acht geben auf meinen guten Namen.«

»Es geht aber nicht,« erwiderte das Mädchen. »Es wär ja doch schade um dich. Wer weiß, wer deine Eltern sind. Dein Vater hat vielleicht 'n jutes Jeschäft, was seinen Mann nährt, und du willst vielleicht 'mal 'n Meester werden, der 'ne eigne Schlosserei mit Gesellen und Lehrjungen darin hat, oder vielleicht bist du Maschinenschlosser, der 'mal in 'ner großen Fabrik nach Arbeit geht. Es ist schon mancher auf die Walze gegangen, der guter Leute Kind war, und nur hat wandern wollen, um die Welt zu sehn, aber hinterdrein ist er hängen geblieben, hat mitgefochten und ist auf die Schicksenpennen geraten, bis ihm das Schlampamperleben besser gefallen hat, als ehrliche Arbeit, hat sich mit so 'ner lüderlichen Person eingelassen und ist untergegangen und verloren gewesen. Ick habe das schon so oft gesehen, denn ich bin in der Tippelei aufjewachsen von Kindesbeinen an. Und du – sie sah ihn prüfend an – du wärst der erste, der auch unterginge.«

Der Blick des Mädchens war so fest und der Ton ihrer Stimme so überzeugt, als sie ihm diese Aussicht eröffnete, daß Hans einen ganz leichten Schauer verspürte. Er sollte der erste sein, der in dem Leben unterginge? Sonderbar, er erinnerte sich, daß seine Braut nur nach langem Widerstreben darein gewilligt hatte, ihn auf diese Studienreise zu entlassen; sie hatte die sonderbare Furcht geäußert, daß ihm allerhand Unfälle auf einer solchen Wanderfahrt zustoßen könnten, und steif und fest behauptet, er würde selbst entarten, oder doch Schaden an seiner Seele, an seinem Geiste nehmen dabei. Und jetzt sagte ihm ein Bettelmädchen, das er vor einer halben Stunde kennen gelernt, dieselbe wundersame Weissagung. Sah er denn gar so hilflos, so gefährlich aus?!

»Na, Jette, das mußt du mir aber beweisen,« meinte er etwas verstimmt, »daß ich so schnell verderben müßte.«

»Es ist nun 'mal so,« behauptete die Jette ebenso bestimmt wie ernst. »Was soll man da beweisen. Wer sich in Gefahr begiebt, kommt drin um. Wenn erst mal das Schnapstrinken eingerissen ist, denn ist auch bald der Verstand und eigene Wille hollah! denn machen sie mit dir, wat se wollen, Handwerksbursch. Wenn du Geld hast, laß es nicht merken, sonst ziehen sie dich aus. Denn wie gesagt, es wär ja schade um dich!« Die letzten Worte betonte sie in einer Weise, als wollte sie damit auch noch einiges andere andeuten, was sie für den Schlossergesellen empfände. Hans seufzte und meinte heiter: »Ach, ja, es wäre wirklich schade um mich! Aber ich möchte dich doch dann und wann 'mal wieder sehen, meine Jette, und wenn ich jetzt nicht, mit dir weitergehn soll, wie sollen wir uns denn wiederfinden?^

»Na, det ist ja doch ganz einfach,« sagte die Jette ruhig. »Dann komme ich eben zu dir und besuche dir auf deiner Penne und wenn dir's recht ist, dann komme ich gleich heute abend hin. Ich muß nur erst noch die nächsten Kaffs abklopfen, damit ich etwas für'n Abend zu essen habe; hinterm Walde dort ist 'n Dorf, und die Bauerfrauen geben mir dort immer 'mal was. Aber nachher komme ich schon. Es ist auch besser, es ist jemand bei dir, wenn du hier noch nicht bekannt bist, denn lange darfst du auf der Penne auch nicht bleiben, es ist besser, du gehst nach der Stadt und gehst dort in die Stadtherberge, wo du eine anständige Verpflegung hast, als hier herum, wo alles Lumpenvolk zusammenkommt.« Und mit diesen Worten sah sie ihn mütterlich besorgt an, so daß er sich recht hilfsbedürftig vorkam. Er hatte sie begleiten wollen, um ihren Schützer zu machen, und statt dessen bot sie sich ihm als Mentor und Schutzengel an. Hans war sich noch nie so unbedeutend und ungeschickt vorgekommen.

»Na, adieu, Handwerksbursch,« sagte die Jette, indem sie ihm die Hand reichte. Er schlug etwas verwirrt ein, worauf sie ihn stehn ließ und im raschen Trabe den Waldhügel hinauf eilte, bis er sie dann auf der anderen Seite hinter der Weghöhe herabsinken und verschwinden sah. Also auf Wiedersehn nachher! hatte sie ihm noch von ferne zugerufen.

Als Hans den Weg nach seiner Landherberge einschlug, in welcher er so viele Abenteuer erhoffte, konnte er ein gewisses Gefühl der Bänglichkeit nicht unterdrücken, ja, einen Augenblick hatte er eine Empfindung, als müsse er Reißaus nehmen vor unbekannten Gefahren. Er ermannte sich aber und schritt mutiger seinem Ziele zu. –

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.