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Das Leben auf der Walze

Wolfgang Kirchbach: Das Leben auf der Walze - Kapitel 13
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authorWolfgang Kirchbach
titleDas Leben auf der Walze
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Zwölftes Kapitel

Auf der grünen Wiese vor Sachsenhausen war ein buntes Jahrmarktsleben aufgeschlagen. Budenreihen, wo Stiefel, Leinenstoffe, Wollwaren und Bürstenbinderarbeiten ausgelegt und verkauft wurden, Bratwurstanstalten und Küchelbäckereien, die einen brenzlichen Backdunst um sich verbreiteten, mischten sich mit Lottobuden, Glücksrädern und Pfefferkuchenhandlungen. Zwei oder drei Straßen von Leinwandbuden führten über die Wiese hin; am Ende der Budenreihen aber war ein mit Flaggenstangen umsteckter Platz, um den sich einige Schaubuden, ein Karussell, eine kleine Menagerie mit Gemälden von reißenden Tieren darauf, ein Leinenzelt mit dem Bildnisse einer großen Riesendame, die Arme und Hals mit Gewichten behangen hatte, im Kreise umherbauten. Am Ende dieses Umkreises sah man ein Leinenzelt mit einer Inschrift darüber: »Jettinka, die schöne Zigeunerin und Wahrsagerin, lebend zu sehen«; gegenüber aber befand sich ein mit Pflöcken abgesteckter Platz, um den als Geländer eine lange Scheuerleine gezogen war. Ein Stange davor hielt ein großes Pappschild, auf dem mit roter Farbe gemalt der Name »Zirkus Bill Will« prangte. Sonst sah man nichts, als hinter dem abgesteckten Platze, welcher wohl die Arena vorstellen sollte, die Handkarre Bill Wills, vor welche ein Stück Segeltuch, gleichsam als spanische Wand, ausgespannt war. Der Wind spielte lustig in diesem Segeltuche herum und blähte es bald vorwärts, bald rückwärts auf.

Es war ein letzter, verzweifelter Versuch Bill Wills, des Kunstreiters, sich wieder zu einer regelmäßigen künstlerischen Thätigkeit aufzuschwingen. Er hatte auf der Erdmannsdorfer Frauenherberge vernommen, daß in Sachsenhausen ein Jahrmarkt abgehalten wurde, und war, lediglich seiner Kunst, seinem Genie und seinem Glück vertrauend, mit Frau und Kind hierher gefahren, um aufs Geratewohl einen Zirkus zu errichten. Die Scheuerleine mußte zur Einfassung seines Gebietes herhalten; er hatte den ganzen Vormittag Pflöcke eingeschlagen, die er in irgend einem Holzstall herrenlos vorgefunden, und übte hinter der Leinewand im Flaschenwerfen, machte Kreuzbiegungen und Luftkopfsprünge zur Probe, denn am Nachmittag sollten die Vorstellungen aus dem Stegreif vor dem Bauernvolke beginnen, bei welchen er allein das ganze Programm ausfüllte und vorstellte. Der Lumpenball in der Erdmannsdorfer Herberge hatte ihm so sehr von neuem das Elend seines Pennenlebens und Bettlerlebens zum Bewußtsein gebracht, daß er mit einem verzweifelten Entschluß auf diesem Jahrmarkt noch einmal versuchen wollte, auf anständige Weise sein Brot als Künstler zu erringen. –

Es war gerade Mittagszeit und der Jahrmarkt daher fast ganz leer von Besuchern. In den Buden hinter ihren Kisten und Ladentischen machten die Händlerinnen ihr Mittagsschläfchen und nickten über ihren Waren ein; andere löffelten aus Töpfen ihre Suppen aus; der Bär in der Menagerie lag schlummernd in seinem Käfig, und eine heiße Stille brütete über den Leinwanddächern der Schaubuden, deren Ausrufer hinten in den grünen Reisestubenwagen saßen und lagen, und aus deren jalousieumrahmten Fenstern einzelne Kinderköpfe herausguckten.

Von der Bude, auf welcher weithin zu lesen war: »Jettinka, die schöne Zigeunerin«, wurde eben der Vorhang bei Seite geschoben, welcher das Innere verhüllte, und halb gebückt trat Hans Landmann aus demselben auf die Bretterrampe heraus. Ihm folgte, in ihrem Zigeunerkostüm schmuck aufgeputzt, aber mit gebranntem Korke an Gesicht und Händen leicht bräunlich gemalt, die Jette. Sie hatte einen Korb, darin ein irdener Topf stand und zwei Löffel in der Hand. Das wundersame Paar setzte sich auf den Holzstufen des Aufganges zur Bude nieder und schickte sich an, gemeinschaftlich aus dem Topfe zu essen.

»Na, Jette, was hast du denn da zu essen?!« frug Hans mit gutmütiger Neugier, der froh war, am Vormittag nach der gestern überstandenen Haft, die Jette richtig, ihrer Angabe gemäß, gefunden zu haben. –

»Kalbskröse und Flecke,« meinte die Jette, und sie strahlte im ganzen Gesichte, ihren vermeintlichen »Mann« nach so kurzer Haftzeit wieder zu haben.

Hans machte ein saures Gesicht. »Kuddelflecke? O je – die habe ich schon in meiner Jugend nicht essen können. Es wurde mir immer schlecht darauf.«

»Na, iß nur,« meinte das Mädchen. »Komm, ick will dir mal füttern.« Sie blies ihren Löffel an, aß erst selbst einen Bissen und schob das übrige mit dem Löffel dem Geliebten ihres Herzens in den Mund. Diese Thätigkeit wurde schweigend einige Male erneuert, worauf Jette mit Genugthuung sagte: »Na, et jeht ja. Liebe kann alles.«

»Warum du aber auch gerade in einer Bude wahrsagen mußt!« meinte Hans etwas verstimmt über die Aussicht, daß er von nun an den Ausrufer für Jettes Wahrsagergeschäfte machen sollte. Jette hatte ihm erzählt, daß sie, sowie sie vorgestern hier angekommen wäre und sich vor den Nachstellungen der Polizei sicher gefühlt habe, von dem Menageriebesitzer das Zelt gemietet habe, in dem sie wahrsagte. Dieser hätte in diesem Zelte früher einen Papuaneger gezeigt, der aber vor einigen Tagen an der Schwindsucht gestorben sei, und da habe sie, da er sie nicht brauchte, die Bude gleich auf Kredit gemietet und gestern auch schon mit Wahrsagen so gute Geschäfte gemacht, daß sie alle Schulden bezahlen könne und ein ganz gutes Einkommen von der Sache erhoffe. Wenn Hans nun vollends für sie den Ausrufer mache, so könnten sie bei weiterem guten Geschäftsgänge gleich das ganze Zelt kaufen und dann als Eheleute zusammen die Länder durchziehen. Sie hatte ihm das mit den verlockendsten Farben ausgemalt.

»Ja, mein lieber Hans,« sagte sie auf seine Frage, »et is doch immer anständiger als det Walzen. Und det Kostüm, mein Brautkleid, was nun ooch mein Geschäftskleid ist, det is ja det eenzige, was ich noch von früher habe. Denn aus der Walzerei müssen wir mit der Zeit heraus, und wenn's bei dir mit der Schlosserei nicht geht, na, denn is et doch noch immer anständig, ick verdiene mit der Wahrsagerei, und du holst mir die Leute dazu heran. Ick bin ja auch nur ins Walzen gekommen, weil ich nicht dem Bauern seine Liebste sein wollte.«

Sie schwieg nachdenklich, strich ihr buntes Kleid und blickte auf ihre gestickte Schürze und fügte traurig sinnend hinzu: »Ach, ja – mir hätte wohl mancher zu seiner Liebsten haben mögen, und nu bin ick eine Frau, aber ob wir jemals 'n Kind zusammenhaben werden, det weeß der liebe Gott!«

Sie seufzte und schwieg. Hans fühlte etwas wie stille Gewissensbisse, daß er auf die Scheinheirat mit Jette vor einigen Tagen eingegangen war. Er fühlte immer mehr, daß Folgerungen darin lagen, die früher oder später die Jette sehr unglücklich machen mußten, wenn er das geschwisterliche Verhältnis zu ihr aufrecht erhalten wollte. Ein unbestimmtes Etwas hatte ihn mit Macht aus seiner Haft zu Jette hingezogen, sodaß er selbst die wiedergefundene Braut in einer Art von stumpfer Verzweiflung am eigenen Glück von neuem hatte lassen können. Sollte es wirkliche Liebe zu dem Mädchen sein, oder war es nur eine unnatürlich gesteigerte Zeitkrankheit, die ihn zu ihr hingetrieben hatte, die Sozialkrankheit der Gebildeten, der statistisch Forschenden, der Gutherzigen und Edlen, welche in einer Zeit der schroffsten Gegensätze zwischen Reich und Arm, zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer von christlichen und sozialen Ideen und Gefühlen erfaßt worden waren, die bis zur Askese und zum Mönchstum des Urchristentums sich entwickelten in einzelnen Denkern und Schriftstellern? Er fühlte es, dieser dunkle Drang, welcher ihn von seiner wissenschaftlichen Arbeit weg, von neuem unter die Ausgestoßenen getrieben hatte, war kein gemeiner Drang, aber wie eine tiefe Krankheit saß er in ihm fest, die ihn immer wieder rückfällig werden ließ.

»Sehnst du dich denn wirklich so nach Kindern, meine Jette?« frug er milde das Mädchen.

»Und wie! Ach, Hans!« meinte die Jette sehnsüchtig. »Nee, ick könnte mir ja gar nischt Schöneres denken, als wenn wir 'mal so zu dreien hier saßen, und du füttertest deinen Jungen, so wie ick dir jetzt füttere.« Sie fischte mit den Fingern ein Stück vom Gekröse und schob es ihm in den Mund. Und indem sie Hans mit einem hoffnungsvollen Blicke anschaute, fand dieser selbst, daß sie in ihrem Zigeunerkleid wunderhübsch, ja, geradezu verführerisch aussehen konnte. Bei dieser Empfindung fühlte Hans sich aber in einem inneren Zwiespalt, sodaß er endlich langsam mit dem Worte herausrückte:

»Na, ja, Jette, ich sehe ja ein, daß das mit uns nicht so länger fortgehen kann; aber soll es denn sein, nun, so wollen wir uns zuvor standesamtlich zusammengeben lassen, damit unsre Kinder uns einst nichts vorzuwerfen haben.«

Jette sah beschämt in ihren Schoß. »Ja, wenn du so meinst!« sprach sie, indem sie feuerrot wurde. »Und du hast ja auch recht. – Ach, Hans, und wie lieb ick dir erst jetzt habe!« flüsterte sie dann leidenschaftlich. »Siehst du, daß du mir armes Findelkind so hoch achtest, das macht mir erst stolz, und nun laß ick dir erst recht nicht, und wenn die ganze Welt uns auseinanderreißen wollte!«

Dieses Bekenntnis heftiger Leidenschaft hörte Hans nicht ohne innere Beklemmung; er hatte ein Gefühl, als müsse er sich doch losreißen, jemehr es ihm war, als steige auch in ihm eine Neigung feurigerer Liebe auf, als er sie bisher empfunden hatte.

Jette trank ein Bleiglas, das sie neben sich stehen hatte, mit einem heftigen Zug fast ganz leer; dann reichte sie es Hans und sagte:

»Na, und nun trinke auch 'mal. Hier am Rande, an der Stelle hab ick ooch jetrunken.«

»Jette, das will ich; das darf ich!« meinte Hans mit einer Art von Selbstironie über die wundersame Herzenslage, in der er sich befand, wobei er seinen Mund an die Stelle setzte, wo Jette getrunken hatte. Indem er aber das Bier langsam ausschlürfte, wollte ihm das Mädchen immer begehrenswerter erscheinen, so daß er ihr auch einen feurigen Blick schenkte.

Die Jette schlug mit stiller Genugthuung hierüber die Augen nieder, packte ihr Geschirr zusammen, erhob sich und sagte, indem sie sich ins Zelt zurückzog: »Na, und nun will ick mir wieder für die Nachmittagsvorstellung herrichten, damit ick den jungen Mädchens und Fräuleins auch wat Hübsches über ihre Liebsten wahrsagen kann.«

»Wie hübsch sie aussieht in ihrem Kostüm!« dachte Hans. Merkwürdig, er spürte, daß gleichzeitig mit einer aufquellenden Leidenschaft, die er für das Mädchen empfand, auch eine feurigere Erinnerung an Emma in ihm erwachte. Dies war wahrhaftig der tollste Zustand, in welchen eine fromme Gelehrtenseele gleich der seinen verfallen konnte. Er sehnte sich mit ganz plötzlicher unsinniger Leidenschaft nach der verlassenen Braut, und da machte es ihm Gewissensbisse, daß er für die Zigeunerin nicht minder heftige Empfindungen erwachen fühlte. »Wie ich aus dieser Sache herauskommen soll, weiß der Himmel! Männer, Männer! Vier Kammern hat euer Herz und da können mehrere Frauenzimmerchen so friedlich bei einander wohnen! O – wir Männer sind ein viel größeres Rätsel als die Frauen!«

Eine neue, heitere Laune kam über den Forscher, in welcher ein Gefühl süßer Gleichgültigkeit der Lebensführung ihn ganz gefangen nahm. Er hing diesen Betrachtungen nach, als er plötzlich durch das Erscheinen Hasenklaus an andere Dinge erinnert wurde.

»Ach! du kommst mir gerade recht! Endlich hab' ich dich, Bisamratte!« dachte er, als er den Schauspieler ahnungslos und gemächlich aus den Budenreihen herausschlendern sah. Seine ganze energische Stimmung gegen den Kerl, dem er auch seinen Tag Haft verdankte, regte sich, und er beschloß, den Gauner nicht ungerupft aus seinen Händen zu lassen, nachdem das Schicksal ihm denselben nochmals in den Weg führte.

Hasenklau war ganz nahe herangekommen, als er Hans bemerkte. Er wollte mit einer Seitenschwenkung, leise erschrocken, erst abbiegen, da er sich aber besann, daß der Nationalökonom augenscheinlich noch keine Ahnung hatte von dem Diebe seiner Papiere, so lenkte er doch heran und grüßte harmlos mit hohler Stimme:

»Sei mir gegrüßt im Freien, Antonio! Sehen wir uns auch einmal wieder bei Philippi?!«

»Sieh, sieh, Orbassany-Hasenklau!« meinte Hans mit Behaglichkeit. »Wir haben uns ein paar Tage ganz aus den Augen verloren. Aber es freut mich aufrichtig. Bist wohl in Geschäften hier?«

»Nee, ick habe mir für einige Zeit ins Privatleben zurückjezogen,« erwiderte der andere herablassend; will mal von meinen Renten leben und det Leben aufm Jahrmarkt 'n bisken jenießen. Riesendamen sehe ich für mein Leben gern; ick habe 'ne gewisse Vorliebe für det starke Jeschlecht.«

»Sieh, sieh, alter Kerl, das ist hübsch von dir,« antwortete Hans, indem er den Schauspieler zutraulich unter dem Arme faßte. »Kannst mir in meiner Bude auch mal was zuwenden. Aber jetzt essen wir erst noch mal eine Bratwurst zusammen, denn man sieht sich doch nicht alle Tage!«

»Na, weil du's bist, Jeld hab ick ja,« meinte der Schauspieler harmlos. Sie gingen einige Schritte, bis sie an das letzte Bratwurstzelt kamen. Dort setzten sie sich nieder; Hans bestellte Bier und für Hasenklau eine Bratwurst, die er diesem mit einer Empfindung vorsetzte, mit der ein Angler einen recht schönen, langen Regenwurm auswerfen mag in der Hoffnung, ein feister Karpfen werde anbeißen.

»Hast wohl einen recht wohlthätigen Mann kennen gelernt, der mit dir ein wenig geteilt hat, weil du so gut bei Gelde bist?!« frug Hans mit schlauem Augenblinzeln, wie jemand, der in solchen Sachen verschwiegen ist.

»Ick bin an einen Dummen geraten,« erwiderte der Schauspieler mit Hohn, indem er seine Bratwurst zerschnitt und einen heißen Bissen behutsam im Munde kühlte. »Schauspieler bin ick ja, wenn ick eenem mal wat vormache, denn jloobt er's allemal.«

»So, so, deine ehemalige Kunst kommt dir wohl überhaupt sehr zu statten?« Hasenklau war sich bewußt, mit einem Manne zu sprechen, der sich augenscheinlich nur mit ihm unterhielt, um ihn als Gegenstand wissenschaftlichen Studiums näher kennen zu lernen. Er ahnte nicht, daß Hans gegenwärtig einen ganz anderen Zweck verfolgte. Er fand den Augenblick geeignet, eine Probe seiner Fähigkeit abzulegen, mit welcher er dem Volkserforscher Achtung einflößen konnte und meinte: »Ach ja, ick kann in allen Masken jehn. Wenn ich als alter Schnorrer gehe, dann mache ick es so –« Er strich die Haare über die Schläfen herein, schlug seinen Rockkragen auf, duckte mit dem Nacken zwischen die Schultern herein und machte mit verblüffender Geschicklichkeit das Gesicht eines alten polnischen Juden. »Wenn aber als Baron, denn so –« Im Nu hatte er sich aufgerichtet und den Gesichtsausdruck gewechselt. Er war nun ganz ein gezierter Herr, der die Lippen geringschätzig hängen ließ und ein Augenglas im linken, zusammengekniffenen Auge zu tragen schien.

»Der Dichter Tieck machte es auch immer so wie ich,« fuhr der Schauspieler fort. Wenn der mal auf der Straße nicht erkannt sein wollte, so legte er einfach sein Gesicht in andere Falten, denn er hatte ein angeborenes mimisches Talent. Die Leute gingen vorüber, ohne ihn zu erkennen. Ick war mal vor Jericht geladen, wo mehrere Zeugen da waren, die mir rekognoszieren sollten. Wie sie aber vor mir standen, habe ick blos so'n Jesicht gemacht – er nahm einen wildfremden Ausdruck an und schien auf einmal eine viel längere Nase und einen sehr großen Mund zu haben – siehste so –, und da sagte der erste Zeuge gleich ganz bestimmt: ›Nein, das ist Orbassany nicht.‹ Zuletzt mußten sie mir unverrichteter Sache laufen lassen, weil kein Zeuge wagte, einen Eid darauf zu schwören, daß ich derjenige war.«

Hans mußte sich erst ein wenig vom Erstaunen über diese mimischen Künste erholen und rief unwillkürlich aus: »Schade um so viel Genie!« Er sah aber, daß der Gauner sich ihm gegenüber ganz sicher wähnte, und ging daher plötzlich gerade auf sein Ziel los, indem er unvermutet mit besorgter und flüsternder Stimme dem anderen die Mitteilung machte: »Weißt du übrigens, daß die Polizei hinter dir her ist? Nimm dich in acht. Du hast neulich auf der Erdmannsdorfer Penne einen falschen Hundertmarkschein gewechselt, und der ist durch die Wirtin in die Hände der Polizei gekommen.«

Hasenklau erschrak leise und flüsterte: »Falsch? Det is nicht möglich. Er war ja von der Post.«

Hans dachte: Aha! Hab' ich dich! und versicherte, daß in der Umgegend noch eine ganze Masse solcher falscher Scheine zirkulieren sollten. Er riet dem Schauspieler zu sehen, daß er sie bei Zeiten los würde, falls er etwa noch mehr falscher Scheine bei sich hätte. –

»Ja, haben thu ick freilich,« sprach Hasenklau verlegen, der noch nichts ahnte von der Falle, welche ihm gestellt wurde. Aber falsch! Das wäre noch schöner.«

Hans wunderte sich selbst über seine Ruhe und Verstellungskraft, mit der er jetzt die zutraulichste und ehrlichste Miene von der Welt machte, als er sagte:

»Na, zeige einmal her – sie sollen auf der Rückseite einen Fehler im Druck haben – die Polizei hat deine Spur auch schon – es war vorhin einer da – es soll eine Falschmünzerbande hier in der Gegend sein, und du bist im Verdachte, dazu zu gehören –«

Dieser Verdacht erschreckte den Schauspieler nicht wenig. Er hielt es für sehr ehrenrührig, ein Falschmünzer zu heißen, und zog daher verblüfft seine Brieftasche aus dem Rock, holte einen Hundertmarkschein, den er in Münsterheim empfangen hatte, heraus und legte ihn vor Hans auf den Tisch.

»Nee, is et wahr? Da ist z. B. ein Schein. Ich kann aber nichts Falsches erkennen.«

Hans nahm den Schein in die Hand, hielt ihn gegen das Licht und schien ihn sehr eifrig zu untersuchen. Dann sagte er rasch: »Ei freilich ist er falsch, siehst du hier – in der Anatomie dieser Frauengestalt, da steckt der Fehler –« Und er neigte sich nieder, um dem Schauspieler eine längere Unterweisung über Anatomie zu geben, welche die Falschdrucker ganz verfehlt hätten. Hasenklau wurde besorgt um sein Geld, das er auf Kosten Landmanns auf den Postämtern erhoben hatte, und meinte, indem er einen Schein nach dem andern Hans vorlegte: »Ei, Teufel, da werden die anderen doch nicht auch – geh, sieh sie dir mal genau an –«

Hans legte einen Schein auf den andern, nachdem er ihn gegen das Licht gehalten hatte, und sagte nur trocken dazwischen: »Falsch. – Ist auch falsch, – Alles falsch. –«

Nachdem er aber übersehen hatte, daß mit Ausnahme von etwa 200 Mark, diese guten, kostbaren Scheine seine vorausgeschickten Reisegelder vollständig darstellten, faltete er die Scheine gelassen zusammen und steckte sie mit olympischer Ruhe in die Hosentasche. Der Schauspieler machte ein beklommenes Gesicht dabei; Hans aber sagte zutraulich zu seiner Beruhigung: »Ich will sie einstweilen zu mir nehmen. Bei der Untersuchung findet man dann nichts bei dir, es ist nur wegen des falschen Verdachtes.«

»Ja, wie – wo –« stotterte Hasenklau argwöhnisch – »beim Sonnenlicht, dies ist erstaunlich fremd.« Eine dunkle Ahnung stieg in ihm auf, daß die Harmlosigkeit des Nationalökonomen doch nicht so groß sein mochte, als es schien.

Hans aber, innerlich triumphierend über den wohlgeglückten Streich, mit welchem er den Gauner in aller Gemütsruhe das unterschlagene Geld wieder abgenommen hatte, rümpfte plötzlich die Nase und sagte höhnisch zu jenem.

»Hasenklau, ich weiß gar nicht – du riechst wieder einmal recht nach Bisam –«

»Bisam?! Ick?!« frug dieser beklommen. »Wenn ich nur müßte, was er hat –?!« dachte er.

»Ich liebe diesen Geruch. Ich liebe ihn mehr als Rosenduft und Nelken. Pflanzen, die nach Bisam riechen, sind hübsche Pflanzen.«

Hasenklau wollte auch etwas sagen, da er aber nicht wußte, wohinaus das alles zielte, so sprach er kleinlaut:

»'s jiebt ooch Ochsen, die so riechen. Det sind die Bisamochsen.«

Hans weidete sich daran, den Kerl an einem langsamen Feuer zu braten, und sagte nun wieder rasch: »Aber ich würde an deiner Stelle doch die Post in Münsterheim und Neustadt für die falschen Scheine verantwortlich machen, sonst kommt die ganze Sache auf dich!«

»Ja, det werde ick sogar! Ick werde den Kerl von Beamten einfach anzeigen. Wir können das mit gutem Gewissen!« rief Hasenklau herausfordernd dagegen, indem er ganz vergaß, daß er sich aufs ärgste selbst verriet.

»Münsterheim ist eine hübsche Stadt, Neustadt auch,« fuhr Hans triumphierend fort. »Es gibt Menschen, die man oft für dümmer hält, als sie wirklich sind. Man treibt wohl allerhand Schabernack mit ihnen. Aber wenn's zum Klappen kommt, dann sind sie doch oben auf!« Ein wahres Siegerbewußtsein klang aus diesen Worten des Gelehrten.

»Meinst du mich damit, Finke?!« frug Hasenklau furchtsam.

»Solche Menschen haben ein besonderes Talent, Spitzbuben zu entlarven, weil die Kerle sich leicht für zu sicher halten – Hasenklau, du bist kein guter Apotheker, trotzdem du nach Bisam riechst und Shakespeare im Munde führst, du bist sogar ein schlechter Apotheker –«

»Na – nu – det hat mir keiner noch gesagt,« entgegnete der Schauspieler ahnungsvoll, der zwar immer noch nicht den Zusammenhang durchschaute, aber doch fühlte, daß er irgendwie der Betrogene war.

Hans aber brach nun siegesgewiß und leidenschaftlich los und schalt: »Geschenkte Kleider, abgetragene Lumpen, trägst du auf dem Leibe und geschenkte, erborgte, verbrauchte, spitzbübisch entwendete Redensarten führst du im Munde! Und mit solchen buntscheckigen Lumpenphrasen willst du etwas vorstellen? Pfui Teufel! Kann nicht einmal einen Originalwitz machen, muß wie die schlechten Possenfabrikanten von den abgenagten Schinkenknochen der Poeten leben?! – Citatenfechter – pfui!«

»Aber ick weeß gar nicht,« sagte der Schauspieler ängstlich, »det is ja ordentlich beleidigend!« Er meinte gekränkt: »Wat kann denn ick für meine schwache Seite?!«

Hans zog triumphierend seine Legitimationen aus der Rocktasche, hielt sie dem erbleichenden Gauner vor und rief: »Schwache Seite? Bisam ist deine schwache Seite! Laß dir diese Papiere unter die Nase halten, Lump! Riechen sie nicht nach Bisam wie ein ganzes Pensionat von alten Jungfern! In Münsterheim und Neustadt hast du auf der Post diese Gelder erhoben; eben hast du es in deiner Dummheit selbst verraten und diese Scheine sind nicht falsch, sondern mein gutes, von dir unterschlagenes Geld. Aber ich preise meinen Verstand, meine von euch Gaunern so oft unterschätzte Klugheit, daß ich der Hyäne die Beute aus dem Rachen genommen habe, und nun schäme dich, schäme dich ohne alle Citate denn, bei Gott, wenn du jetzt noch einen einzigen Dichter citierst, so zeige ich dich unweigerlich der Polizei an!«

Hasenklau hatte mit gänzlich erstarrten Mienen den Beweis seiner Gaunereien angehört. Er kämpfte sichtlich zwischen Furcht vor Citaten und Jammer über das große Unglück, das über ihn hereinbrach. Plötzlich stieß er die Worte hervor:

»Was sind Hoffnungen –!« Er wollte sich aufrichten, sank aber mit einem schauspielerisch gesteigerten Ausdrucke tiefer Zerknirschung in den Stuhl zurück und schluchzte unvermutet auf wie ein altes Weib. Er wischte sich die Augen und sprach erstickt: »Ach, mein weichet Jemüt! Mein weichet Jemüt. Ick bin janz ohnmächtig. Det is allens ville zu rasch über mir jekommen –« Er machte Miene, sich zu erheben, blickte Hans ängstlich an und bat: »Lassen Se mir loofen, ick bin ooch anständig gegen Sie gewesen – ick habe Ihnen ooch in der Not gepumpt –!«

»Von meinem eigenen Gelde, was?!« frug Hans aufgeregt und höhnisch. »Nun, ich will Gnade für Recht ergehen lassen. Mach', daß du fortkommst! Weil ich dir doch den Hauptknochen aus dem Rachen gerissen, und das übrige zum Besten anderer verjubelt worden ist. Ich will dich laufen lassen. Ich will es auch in Anbetracht meines Standes. Denn nun kommt das Beschämendste für dich, damit du siehst, wie du in jeder Hinsicht der Dumme gewesen bist.« Hans spielte seinen letzten und höchsten Trumpf aus; er sagte höhnisch: »Erfahre, ich heiße nicht Finke, sondern –«

Bei diesen Worten aber erhob sich Hasenklau triumphierend, winkte mit der Hand ab und sagte stolz: »Oho! Oho! Herr Landmann! Das wissen wir längst, das weiß die ganze Erdmannsdorfer Penne, daß Sie Nationalökonom und Schriftsteller sind – oho, da bin ick Ihnen nun doch über in dem Punkte!«

Hans schwieg einen Augenblick enttäuscht still. Wenn das wahr war, ei, dann war ja wohl verschiedenes, was er erlebt hatte, höchst lächerlich, höchst komisch, wo er es am wenigsten vermutet hatte; ja, alle seine Erlebnisse gewannen eine ganz andere Beleuchtung. In einem plötzlichen Anfall des unverfälschtesten Ärgers wies Hans den anderen mit der Hand weg und rief rauh: »Scher' dich zum Teufel, aber schleunigst –«

Hasenklau ging rasch fort, kehrte aber dann nochmals um, als habe er irgend etwas auf dem Gewissen. Er meinte demütig: »Ach, nur 'ne Bitte – da Sie doch so anständig sind –!«

»Marsch! Aber rasch, sehr rasch sogar –!« rief Hans ihm im gesteigerten Zorne zu, worauf denn der Schauspieler eilig davonschlich wie einer, der seinen Kopf noch glücklich aus einer gefährlichen Schlinge herausgezogen hat. Als er ein Stückchen weg war, außerhalb des Bereiches der Hände des Nationalökonomen, drehte er sich um und nahm mit größter Eleganz seinen Hut ab, indem er sich mit dem Ausdrucke der Zuvorkommenheit und des allerverbindlichsten Dankes verbeugte. Hierauf verschwand er, behaglich schlendernd, in einer Budenreihe.

Hans sah ihm mit überaus gemischten Gefühlen nach. Wenn es wahr blieb, daß die Kunden und Stromer auf der Penne schon längst wußten, wes Geistes und Standes Kind er war, so sagte sich Landmann freilich, daß der beste Teil seiner Fahrt vom Übel gewesen war unter allen Umständen. Eine große Umwälzung vollzog sich in seiner Seele. Komödie hatte man mit ihm gespielt, daran war kein Zweifel; jedenfalls hatte man sich nicht so gegeben, wie man wirklich war, und das Bild, welches Hans vom Fechterleben hatte, konnte daher kein reines, unbefangenes, unmittelbares sein. Hans dachte an die Rolle, die er unbewußt vor den Kerlen gespielt hatte; der ganzen Natur der Dinge nach war er weit mehr ihr Studienobjekt gewesen, als daß sie für ihn unbefangene Mittel der menschlichen Beobachtung gewesen wären. Und indem Hans alle die mitleidigen, guten und menschlichen Regungen seines Herzens, die er für diese Leute gefühlt hatte, sich in die Erinnerung zurückrief, begann er sich derselben weidlich zu schämen. Alle waren sie innerlich ihm überlegen gewesen, alle hatten sie die Äußerungen seiner Menschenliebe nur als einen ergötzlichen Schabernack ansehen müssen, alle hatten sie darauf hin ihr äußeres oder seelisches Geschäft mit ihm gemacht und im stillen gewiß voll Hohn die Ausdrücke seiner sittlichen Empfindungen betrachtet. Und Hans dachte an sein Verhältnis zu Jette Fremder. In welchem Lichte mußte dieses den Kunden und Schicksen, den Landstreicherinnen und Hausiererinnen erscheinen. Er kam sich vor wie einer, den man plötzlich mit einer Ladung Wasser übergossen hat mitten in einer schwärmerischen Betrachtung des schönsten Sonnenunterganges. Seine Neigung zur Jette, sein Trieb der eigenen Selbsterniedrigung, seine geschwisterlichen Gefühle, sein ganzes Vorhaben mit dem Mädchen, das Leben einer Art von geistiger und gesellschaftlicher Kasteiung zu führen – alles erschien ihm in einem unglaublich lächerlichen Lichte und die ganze sittliche Lebensanschauung, welche sich ihm hatte im Verkehr mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft entwickeln wollen, kam ihm so schief, so geistig linkisch vor, daß er am liebsten sich selbst hätte deshalb ohrfeigen mögen. Er verfiel ins Gegenteil seiner früheren Empfindungen und empfand wohl auch manche Regung seiner Seele als lächerlich, die nichtsdestoweniger im Buche des Himmels als schön und menschlich wertvoll aufgezeichnet blieb.

Am liebsten hätte er sofort aufbrechen mögen, um sofort seine Wanderschaft aufzugeben und innerlich geheilt in sein Amt zurückzukehren. Aber der wunderbare Humor, der in seiner Seele als die Mitgift seines edlen und guten Herzens lebte, faßte doch zu neuverklärter Laune sein Gemüt an, und er dachte, er müsse eine andere Lösung aus seinem Verhältnis zur Jette finden, als ein plötzliches Davonlaufen. Und Jette wußte ja nicht, daß er kein Schlossergeselle war, sie glaubte ja doch, der Mann, den sie liebte, sei das, wofür er sich ausgäbe; er mußte einen Weg finden, sie vor großen Schmerzen zu bewahren. Im ganzen aber fühlte er durch die neue Beleuchtung, in welcher all seine Erlebnisse ihm erschienen, da alle Welt gewußt hatte, wer er in Wirklichkeit war, sich auch von den diogenischen, buddhistischen, mönchischen Anwandlungen seines Herzens geheilt, und mit energischer Freude entsann er sich, daß er ein Arbeiter zur Arbeit und wie jener glückliche Bergarbeiter glücklich war, in dem Gedanken, zur regelmäßig schaffenden Thätigkeit zurückzukehren.

Unterdessen hatte sich allmählich allerlei Volk auf dem Jahrmarkt wieder eingefunden, Bauermädchen und Kleinstädterinnen, Händler und Käufer drängten sich um die Buden und gafften neugierig die Menageriebilder und die verheißenden Inschriften der Buden an. Hans wurde von einem kühnen, starken Galgenhumor erfaßt, und er begrüßte die Gelegenheit, als Ausrufer für die Jette auftreten zu müssen, zugleich als das Mittel dieser seiner Laune übermütig die Zügel schießen zu lassen.

»Immer heran, meine Damen, hier muß man sehen, hier muß man eintreten,« rief er über die buntköpfige Menge, indem er auf die Rampe der Bude trat. »Hier ist zu sehen Jettinka, das Zauberweib, mit ihrem lebendig dressierten Krokodil. In Emin Paschas Provinz an den Quellen des Nils geboren und am Fuße der Pyramiden, in Ermangelung einer wendischen Amme, an den Brüsten einer lebendigen, alten Sphinx gesäugt, ist dieses Zauberweib in wenig Jahren zur blühendsten Jungfrau emporgeschossen. Die Milch der Sphinxe, die Geheimlehre der alten Inder und Ägypter haben ihr die Wunder der Chiromantie und höheren Wahrsagekunst eingeflößt. Nur ohne Furcht, nur immer heran! Hier erfährt man die Zukunft; Damen den Zukünftigen. Zehn Pfennige Eintritt, Damen, welche ihr Alter richtig angeben, zahlen die Hälfte!«

Während er so sprach und dabei fühlte, wie seine Gefühle für die Jette immer mehr dahinschwanden und ihm immer komischer erschienen, ging unten Bill Will mit einem Sammelteller unter den Leuten umher und rief: »Hier muß man schauen! Hier muß man sehen!« Er klapperte mit dem Teller und sprach: »Sogleich beginnen Bill Wills Produktionen in der höheren Jongleurkunst. Meine Herrschaften, Bill Wills echt arabisches Schulpferd ›Nebukadnezar‹ ist leider am Genickbruch zu Grunde gegangen, weil ihm der Clown ein Bein gestellt hatte, aber Bill Will, der sich durch nichts werfen läßt, trotzt allen Schicksalsschlägen. Bis Ihre milden Gaben ihm gestatten, ein neues Pferd zu kaufen, wird dieser weltberühmte Künstler Sie als Jongleur unterhalten. Er wird mitten auf gespanntem Drahtseile auf einem Flaschenhalse stehn, zehn Meter hoch – immer heran, immer heran, die Vorstellung wird sogleich beginnen –« Hans sah, wie er von vielen Geld auf den Teller gelegt erhielt, und die Zuschauerschaft sich allmählich um die Scheuerleine des »Cirkus Bill Will« versammelte. –

Unterdessen war Jette in ihrem Zigeunerkleid aus der Bude getreten und hatte sich neben Hans aufgestellt. Er rief von neuem:

»Jettinka, das ägyptische Zauberweib! Sehen Sie dieses Mädchen an! Von der deutschen Sprache versteht sie nur wenig Worte, aber sie spricht indisch, ägyptisch, hieroglyphisch und kalligraphisch wie ihre Muttersprache. Sehen Sie diese geheimnisvoll gebildeten Hände an, diese Arme« – er drängte einen Bauern zurück– »aber nicht anfassen, anfassen ist verboten – sehen Sie dieses Meerauge mit dem Kassandrablick, der in die fernste Zukunft schaut!« Er unterbrach sich und rief Bill Will zu: »Du, Bill Will, du mengst dich unter mein Publikum, das geht nicht –!«

»Oho!« rief jener zurück. »Still sein! Sonst sage ich hier dem hochverehrten Publikum, mit wem man es zu thun hat – du mit deiner ägyptischen Nilschlange! –«

»Lassen Sie sich nicht einschüchtern!« rief Hans mit gesteigertem Galgenhumor, während er in der armen, ahnungslosen Jette nur noch einen Gegenstand für seine Späße sah, »Sieht dieses Mädchen wie eine Schlange aus? Nur in ihren Kinderjahren, da lief ihr Leib unten in einen schuppenbedeckten Krokodilschwanz aus, aber seitdem sie in die Jahre der Jungfräulichkeit eingetreten ist, fielen ihr die Schuppen beim Kämmen ab und aus der rauhen Hülle entwickelte sich die edelste Menschenform! Immer heran, meine Damen – nur für Damen! Wer von Ihnen ein Muttermal oder ein Liebesgrübchen im Kinn, eine kleine Warze hat – aus allem weissagt Jettinka, das wunderbare, ägyptische Zauberweib!« –

Er hielt plötzlich mitten im Rufen still und schwieg erschrocken. Denn auf der Wiese, hinter dem Cirkus Bill Will, sah er gerade vor sich eine Dame zu Pferde heranreiten, in der er das geliebte Gesicht seiner verlorenen Braut erkannte. Wie kam die hierher? Er erbleichte, hielt es erst für einen Zufall; als er aber sah, wie die Dame anhielt, vom Pferde sprang, ihr Reitkleid aufknüpfte und gleichzeitig einem Bauernjungen die Zügel zum Halten zuwarf, da fühlte er doch, daß Emma v. Arnim irgend einen Entschluß gefaßt haben mußte, der sich auf ihn bezog. Er sah, wie sie dann näher kam und im Getümmel des Jahrmarktes etwas zu suchen schien; kein Zweifel, sie forschte nach ihm und mußte ihn jeden Augenblick erkennen. Er harrte sprachlos der Dinge, die da kommen sollten.

Unterdessen war Jette von seiner Seite mit einem Sammelteller gleichfalls unter die Leute getreten und lud Mädchen und Frauen ein sich gleich an der Stelle von ihr aus der Hand wahrsagen zu lassen. Sie bediente sich einer gebrochenen, fremdartigen Aussprache dabei und wurde überall als eine unverfälschte Zigeunerin außerordentlich angestaunt.

»O, ich könnte die ganze Welt mit einem Fingerhut zudecken!« dachte Emma v. Arnim, als sie in diesem Augenblick zu Hans hinauf und ihn als den Ausrufer oben stehen sah. Aber warte! ich will dich rupfen wie die jungen Tauben in meiner Küche.

Jette war indessen ahnungslos vor das Fräulein im Reitkleide hingetreten und hielt ihr den Teller hin.

»Was gefällig, schöne Fremde?!« frug Emma, ohne noch bestimmt zu wissen, daß Jette das Mädchen war, mit welchem Hans umherzog, denn sie konnte sie wegen der braunen Färbung ihres Antlitzes nicht sogleich wiedererkennen, »Wollen Fräule geweissagt Zukunft. Weissag' ich aus der Hand, Fuß und Auge. Trifft immer ein. Bin ich aus Ägypten.«

»Ei, so eine kommt mir gerade recht. Was weissagst du mir aus der Hand, schöne Ägypterin?!« frug Emma, indem sie den Handschuh von ihrer Rechten abzog und diese dem Mädchen hinhielt. Hans stand oben vor seiner Bude wie auf Kohlen, denn er sagte sich, aus dieser Begegnung seiner beiden »Bräute« könne unmöglich Gutes ersprießen.

Jette betrachtete die Linien in Emmas Hand eine Weile und sagte dann: »Sehre gute Hand. Hat lauter Linien, die viel sagen. Werden mit dieser Hand mal viel streicheln ein liebes Gesicht.«

»Ei!« meinte Emma. »Und was weissagst du mir aus den Augen, kluge Zigeunerin.«

Nachdem Jette stumm ihren Teller hingehalten und von Emma ein Geldstück erhalten hatte, sprach sie, indem sie der Reiterin lange in die Augen sah: »Fräulein werden noch vor Ihrem fünfundzwanzigsten Jahre manches sehen, was Augen lieber nicht gesehen hätten.«

»Und das muß wahr sein!« meinte Emma mit einem strafenden Blick auf Landmann. »Aber was weissagst du mir aus meinem Fuß?!« – »Bitte zu zeigen Fuß!« forderte Jette die Fragerin auf. Emma raffte ihren Rocksaum ein Stückchen in die Höhe und blickte nieder auf ihren sehr zierlichen und aristokratischen Fuß. Jette kniete an ihrer Seite hin, machte einige geheimnisvolle Zeichen über dem Fuß, und indem sie sich wieder erhob, weissagte sie: »Fräulein werden einmal leben sehr auf großem Fuß.«

»Ei, was hat Ihnen mein hübscher Fuß gethan. So groß ist er doch nicht!« spöttelte Emma, indem sie rasch den Rocksaum niederfallen ließ. »Sage mir lieber, schöne Pythia, was werde ich in der Liebe für Glück haben. Wird mein Geliebter mir treu sein? Beweise, was du kannst!«

Sie warf dabei einen bedeutungsvollen Blick auf Hans, der wie auf Kohlen stand und mit den besorgtesten Gefühlen auf das wartete, was sie vorhaben mochte. »Liebe?!« frug Jette. »O, über Liebe weissage ich nur in meiner Bude. Kostet zehn Pfennig. Wollen Sie eintreten, Fräulein.«

Jette stieg voran und schlug den Vorhang der Bude zurück, um Emma eintreten zu lassen. Indem diese nun aber außer jedem Zweifel war, daß die Zigeunerin das Mädchen war, mit welchem ihr leichtsinniger Bräutigam Jahrmarktsgeschäfte machte, beschloß sie den Knoten, der hier zu bestehen schien, ohne weiteres und ohne alle Gefühlsrücksicht energisch zu zerhauen.

»Was? In diese Bude? Hier herein?!« frug sie, indem sie dem erbleichenden Ausrufer einen strafenden Blick zuwarf.

»Jawohl. Über Liebe wahrsage nur aus Muttermal, mein Fräulein, wenn Sie haben eines,« radebreche die Jette ahnungslos, daß sie mit der Braut ihres »Mannes« sprach.

»Schöne Zigeunerin, ich habe ein Muttermal auf dem Arm, weissage mir über die Liebe!« antwortete Emma, indem sie in die Bude trat. Im Vorübergehen streifte sie dicht an Hans vorbei und raunte ihm zu: »O, sie ist hübsch! – Sie ist ja sehr hübsch, mein Herr.« Darauf verschwand sie mit Jette hinter dem Vorhang des Zeltes.

Hans hatte nicht gewagt Emma anzureden und vor der Jette seine Bekanntschaft mit ihr zu verraten. Im wundersamsten Widerstreit der Gefühle wartete er auf das, was nun hinter dem Vorhange zwischen den beiden Mädchen vorgehen mochte. Er hatte aus Emmas ganzem Benehmen nun doch gesehen, daß sie ihn noch immer liebe, ja sogar, daß sie eifersüchtig war. Ein ungekanntes inneres Glück hierüber lebte in ihm auf; er fühlte, daß alles, was zwischen ihnen lag, wie ein drückender Traum vorüberschwinden mußte, auf den ein befreites und heiteres Erwachen folgt. Aber in diese Gefühle mischte sich eine jähe Besorgnis um das Glück der armen Jette, vor der er nun im traurigsten Lichte stand. Es wurde ihm heiß und kalt, wenn er daran dachte, wie die Jette es aufnehmen würde, daß die ganze sogenannte Heirat nur ein Spiel, ja, von seiner Seite ein frevelhaftes Spiel gewesen war. Er schritt unruhig auf der Rampe auf und ab, denn er war überzeugt, daß Emma drinnen der armen Jette soeben all ihre schönsten Lebensillusionen raubte. Und gewiß würde sie es mit all der Grausamkeit thun, welcher die Frauen in einem solchen Falle fähig sind. Er begann endlich, um seine Sorge, seine höllische Verlegenheit sich vom Herzen wegzureden von neuem über die Menge als Ausrufer wegzurufen und dabei das tollste Zeug durcheinander zu sprechen, das ihm in den Sinn kam.

Unterdessen hatte gegenüber in der grünen Arena vor dem versammelten ländlichen Zuschauerkreise Bill Will seine Produktionen begonnen. Mit einem kunstreitermäßigen Anlauf kam er in seinem durchlöcherten Tricot in die Arena hereingesprungen, verbeugte sich zierlich und warf den Damen einen liebenswürdigen Handkuß zu. Darauf wendete er sich mit der Ansprache an die harrenden Zuschauer:

»Hochzuverehrendes Publikum. Zu meinem größten Bedauern sind meine Flaschenproduktionen auf gespanntem Drahtseil nicht möglich.«

Ein enttäuschtes und höhnisches Gemurmel ging auf diese Worte durch die Reihen der Zuschauer. Bill Will schien das indessen garnicht zu bemerken und fuhr fort: »Das Drahtseil ist in Verwickelung geraten und trotz aller Bemühungen der Angehörigen meiner Truppe nicht auseinanderzufitzen. Aber ich werde dieselben Produktionen auf der bloßen Erde vorführen. Es ist ganz dasselbe wie auf dem Seil, nur daß das Drahtseil ein kleines Stückchen höher liegt; die Schwierigkeit ist aber eher größer, weil Sie einen so glatten Grund wie auf dem Seile auf der ebenen Erde ja doch niemals herstellen können. Ich bitte daher um Ihre gütige Nachsicht, meine Herrschaften, und um Ihren geneigten Applaus.«

Nach diesen Worten begann er zunächst Räder zu schlagen und einige Kopfsprünge vorzunehmen, die ganz gut gelangen, wenn er auch infolge der schlechten Lebensweise dabei ganz außer Atem kam und jeden Augenblick innehalten mußte, um zu verschnaufen. Es war ein Jammer anzusehen; Hans sah deutlich, wie der arme Mensch sich plagte, und das alte Mitleid kam wieder über ihn, sodaß er seine eigne Verlegenheit fast darüber vergaß.

Nach einigen weiteren Sprüngen sollten nun die Flaschenproduktionen beginnen. Bill Will setzte zwei Flaschen neben einander auf die Erde und machte mit größter Vorsicht den Versuch, zunächst auf der einen ruhig im Gleichgewicht zu stehn. Das gelang. Die Zuschauer blickten neugierig und gespannt hin, um zu sehen, was daraus sich entwickeln werde. Nunmehr bückte sich Bill Will, duckte sich auf einem Beine hockend zusammen und versuchte die andere Flasche unter dem anderen Fuße wegzuziehen. Langsam zog er sie vor und versuchte aus der Kniebeuge behutsam wieder in die Höhe zu gehn. Schon stand er fast senkrecht mit einem Beine wieder auf der Flaschenspitze, als auf einmal ein Zittern der Schwäche in seine Fußknöchel kam. Er wollte es überwinden; das Zittern wurde heftiger und heftiger, der Fuß schwankte mit der Flasche vorwärts und rückwärts, dem Ärmsten trat der Angstschweiß auf die Stirn und plötzlich schnappte die Flasche unter dem zitternden Fuße weg, derart, daß Bill Will der Länge lang auf den Rücken hinschlug und dabei heftig den Arm zurückwerfend auch die Flasche in seiner Hand in hundert Splitter zerbrach. Wie ein zerbrochenes Lebensglück lag der Mann der Länge lang da, und der tiefste Jammer sprach aus seinem schmerzvoll verzogenen Gesicht.

Das Publikum sah erst erschrocken zu, als der Mann im Tricot sich aber langsam und mit einer Jammergebärde aufrichtete und sich wehleidig den Rücken rieb, erscholl ein allgemeines schadenfrohes Gelächter.

Darüber fühlte sich Bill Will aufs tiefste gekränkt. »Mein Unglück ist zu groß,« jammerte er vor sich hin. Mit einer stumpfen Hartnäckigkeit sprach er aber dann entschlossen: »Das war das letzte Mal. Nun thu ich auch nicht mehr mit.« Er wendete sich mit gekränkter Stimme an das Publikum und sagte: »Meine Herrschaften, ich bin leider genötigt die Vorstellung wegen Unpäßlichkeit abzusagen. Ein andermal, meine Herrschaften.« Und vor sich selbst murmelte er noch: »Mit mir ist's aus. Ich gehe wieder walzen, da hat man wenigstens nicht den ewigen Ärger über das Publikum.«

Damit hinkte er aus der Arena heraus und wollte sich hinter seiner Leinwand verbergen. Im Publikum aber entstand ein Tumult, einige sprachen von Betrug und wollten ihr Geld wieder heraushaben, und plötzlich durchbrachen einige kräftige Burschen die ausgespannte Leine und stürzten nach der Leinwand, um hinter derselben dem unseligsten aller Künstler eine Tracht Prügel zu verabreichen. Bill Will saß zusammengekauert da, stumpfsinnig in sich hineinstarrend; er wehrte sich weder gegen die Schläge noch gegen die Vorwürfe, nahm alles auf sich, und, erst als seine Frau sich jammernd ins Mittel legte und um Schonung für ihren Mann flehte, zerstreuten sich die Leute, um den Armen seinem weiteren Walzerleben zu überlassen oder dem erlösenden Tode aus einem verfehlten Leben. –

In diesem Augenblicke trat Emma ziemlich erregt allein aus der Bude und sagte spöttisch zu Hans:

»Ei, mein Herr, ich bin da soeben hinter recht erbauliche Dinge gekommen. Ich habe soeben von Ihrer Braut, der schönen Zigeunerin da drinnen erfahren, was Sie für eine feine, vornehme, zurückhaltende Natur besitzen – Sie, mein Herr, Sie heiraten ohne Trauschein, Standesamt, ohne alle übrigen Formalien der Ehe – Sie machen Propaganda für die Schule Platos unter dem Volke der Fechter und Gaukler – Sie –«

»Emma, ich versichere, es war das geschwisterlichste Verhältnis – nur zu Studienzwecken, nur wissenschaftliches Interesse und Emma, wenn es dir nicht Ernst ist mit deiner Absage, wenn du dich noch als die Meine betrachtest – es liegt nichts zwischen uns, was uns trennen könnte –« sprach Hans aufgeregt.

Als Emma dieses Geständnis hörte, schwieg sie beglückt still. Sie wußte es schon durch die Jette. Aber ernst meinte sie:

»Und das arme Mädchen, was wird aus dem?! Es sitzt drinnen, weint und jammert und will sich das Leben nehmen, denn ich habe ihr die Augen geöffnet über ihren Freund, wenigstens soweit ich es für gut fand – nun, geh' hinein und sieh, wie du dich aus dieser Sache herausziehen kannst –«

»Emma, Emma, das hättest du über das Herz gebracht?!« flüsterte Hans in aufgeregter Besorgnis und schlug den Vorhang zurück, um in die Bude zu treten. Emma folgte ihm.

Drinnen bot sich ihm ein jammerwürdiger Anblick dar. Die Jette kniete mit verworrenen Haaren auf der Erde, bedeckte das Gesicht mit den Händen und schien vor innerem Unglück vergehen zu wollen. Hans machte sich die bittersten Vorwürfe und zürnte beinahe seiner Braut, daß sie so hart hatte sein können, das ärmste Mädchen aufzuklären. Zögernd nahte er sich der Jette, legte ihr leise die Hand auf die Schulter und meinte: »Meine Jette, kannst du mir verzeihen – es ist unverantwortlich von mir, aber glaube mir, ich hätte nicht so jäh gebrochen – ich hätte auf zartere Weise –«

Die Jette ließ jetzt langsam die Hand von den Augen sinken und sah Hans eine Weile starr an. Dann sagte sie mit einem fremden Ausdruck im Gesicht, als habe Hans ihr niemals nahe gestanden, und als habe die Mitteilung, daß er ein anderer war, als wofür er sich ausgab, auch jedes Gefühl in ihm ertötet:

»Ja, denn is er am Ende ja wohl auch kein Schlossergeselle, wenn er eine so seine Braut hat und garnicht ist, wofür er sich ausgiebt?! –«

»Nein, Henriette,« sprach Emma mit mildem Anstand. »Er ist ein Schriftsteller, der ein Buch über das Walzerleben schreiben will und an dir und allen anderen bloß dazu seine Beobachtungen machen wollte, um das, was er an dir abgesehen hat, wissenschaftlich zu verwerten.«

Es lag ein ganz leiser Spott in dieser Aufklärung. Jette aber sah bei dieser Mitteilung Hans ziemlich scheel von der Seite an, erhob sich, und sagte achselzuckend:

»Bloß 'n Schriftsteller? Und in so 'nem falschen schlechten Rock, wo alles nicht stimmt? Und ein anderes Gesicht hat er auch, wenn er sich gewaschen hat? Na, Gott sei Dank, daß ich det noch zur rechten Zeit erfahre. Da hat er wohl auch die ›Geheimnisse des Findelhauses oder das Fräulein mit der kalten Hand‹ geschrieben, wenn er ein Schreiber ist?!« Sie brach in neues Schluchzen aus, schüttelte den Kopf und sprach: »Det war nicht der Gegenstand meiner Liebe. Ick liebte einen ganz anderen, der arm und dumm war, wie ich und meinesgleichen – und der ist nun auf einmal wie wegjewischt! Det Oberfaule ist nur, daß ich nun wieder in das Bettelleben zurück muß, und ich hoffte mir doch durch die Partie 'n bisken herauszubuddeln –!« Sie wendete sich ab und schloß: »Nee, det is wirklich zu schlecht –!«

Hans, der nun schon einsah, daß sie seinen Verlust leichter verschmerzen würde, als seiner Eitelkeit lieb war, sprach aufgeregt: »Jette, das sollst du nicht, – das darf nicht geschehen, Jette –«

» Henriette, mein Bester,« verbesserte Emma den Bräutigam. Überlasse das gefälligst mir. Also, Henriette, wenn du mir nicht böse bist, ich kann dir einen sehr guten Dienst als Hausmädchen verschaffen –«

»Sie könnte am besten vielleicht gleich bei uns –?!« meinte Hans arglos.

»Du –!« sagte Emma heiter strafend.

»O nee, o nee – um keinen Preis!« meinte die Jette ängstlich. Aber wenn Sie sonst einen guten Dienst wissen, denn jeh ick uf die Stelle mit, daß ich nur irgend wie aus dem Zigeunerleben herauskomme.«

Emma reichte dem Mädchen herzlich die Hand und sprach: »Brav, Henriette; ich wußte, daß wir uns verstehen würden. Du sollst bei meiner Schwester in Dienst treten.«

Jette trocknete ihre Thränen und sagte entschlossen: »Na, denn jut.« Im Tone höchster, schmerzlicher Verwunderung über sich selbst aber brach sie auf einmal in die Worte aus: »O Jotte doch, daß meine ganze Liebe aber auch wie im Nu verflogen ist. Und es war doch so schön!« Sie sah Hans nochmals von oben bis unten an. »Aber den?! – Nee, den nicht.«

Damit drehte sie sich herum, während Hans erleichtert aufatmete und mit seiner Braut beglückte Blicke tauschte. Man beschloß, sogleich nach Neustadt aufzubrechen, so wie es ohne Aufsehen geschehen konnte, und am nächsten Tage sollte gemeinsam die Fahrt nach Berlin angetreten werden. Hans fühlte, daß er vor der Hand Erfahrungen genug für sein Buch gesammelt habe, wenn er sich auch noch nicht recht klar darüber war, wie sie eine wissenschaftliche Verwertung finden sollten. Aber er hatte gelernt, das Leben nach mancher Richtung von einer neuen Seite ansehen, und das war vielleicht auch ein Gewinn.

Sie traten zusammen aus der Bude heraus und blickten über das bunte Jahrmarktsgetriebe, wo drüben die wilden Tiere in der Menagerie brüllten und das Karussell zum Leierkastenlärm sich im Kreise mit Wagen und Holzpferden umherdrehte.

Wenn ich nur wüßte, wie ich sie ein bischen trösten könnte, die Jette, dachte Hans bei sich, der sich schmeichelte, daß sie doch immer noch ein wenig traurig war. »Du, Jettchen,« meinte er.

»Henriette –!« verbesserte Emma.

»Du, Henriettchen, magst du ein bischen Karussell fahren? Es wird gleich losgehn. Da werden wir wieder lustig,« frug er etwas schüchtern. Jette sah getröstet auf die Holzpferde und sagte leise: »Karussell? Ach, ja: Karussell ist hübsch.«

Auf diese Antwort fühlten sowohl Hans wie Emma sich dermaßen erleichtert, daß man sich eingestand, man könne sich diesen kleinen Scherz auch einmal gestatten. Emma reichte Hans lachend den Arm, Jette lachte mit, und man schritt gemeinsam zu dem Karussell. Die Mädchen setzten sich zusammen in einen schwebenden Wagen; Hans bestieg als Vorreiter ein Holzpferd, und, indem er ihm die Sporen gab und sich heiter rückwärts zu den Mädchen wendete, sagte er, wie einer, dem eine schwere Lebenslast vom Herzen gefallen ist: »Der Hippogryph ist gesattelt, Pegasus schnaubt in die Nüstern, zwei Bräute hinter mir, die Musen meines Geistes – und nun laßt uns aus dem Elend dieser Zeit, aus allen sozialen Nöten und Sorgen des Jahrhunderts den Ritt ins alte, vielgeliebte Land des göttlichen Humors beginnen, denn alle Menschen kommen als Kinder auf die Welt –!«

Emma verstand, was in diesen Worten lag, und sie ahnte, was das Herz ihres Bräutigams durchgemacht haben mochte, daß er so sonnige Laune auf so dunklem Grunde des Lebens auszustrahlen vermochte. Und so liebte sie ihn von ganzem Herzen.

In diesem Augenblicke erschien von neuem Hasenklau vor Hans, der auf dem hölzernen Pferde saß, und nahm demütig den Hut ab.

»Sie, Herr Dr. Landmann –,« sprach er etwas ängstlich.

»Was?! Schon wieder da?!« frug Hans verwundert.

»Ach, ja, ich hätte 'ne janz bescheidene Bitte, weil Sie doch so anständig gewesen sind. Wenn Se nämlich nu det Buch über uns schreiben werden –«

»Buch?! Weiß ich noch nicht!« entgegnete Hans kurz.

»Na, t' is ooch jut. Denn wollte ick also bitten, wenn Se det Buch doch mal schreiben sollten – bringen Sie die Geschichte da nicht herin. Sie wissen schon. Et wäre mir angenehmer.« –

In diesem Augenblicke begann das Karussell sich zu drehen, und heiter flog Hans, mit den beiden Mädchen hinter sich, im Kreise herum, glücklich, in Jette wenigstens ein Wesen dem dunklen Leben der Ausgestoßenen entrissen und für ein besseres Dasein gerettet zu haben. –

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