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Das Land der Pelze, Band 2

Jules Verne: Das Land der Pelze, Band 2 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDas Land der Pelze, Band 2
publisherA. Hartleben's Verlag
addressWien. Pest. Leipzig.
year
firstpub
seriesCollection Verne
volumeBand 18
printrunVierte Auflage
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100603
projectid57d6e9a1
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Siebentes Capitel.

Ein Feuer und ein Schrei.

Der Lieutenant und der Sergeant verbrachten den Abend bis zur Schlafenszeit in dem großen Saale von Fort-Esperance. Alle hatten sich da versammelt, bis auf den Astronomen, der fortwährend in seiner Zelle hermetisch abgeschlossen blieb. Die Männer beschäftigten sich auf verschiedene Weise, reinigten die Waffen, besserten die Werkzeuge aus, oder schärften sie. Mrss. Mac Nap, Raë und Joliffe betrieben mit der guten Madge ihre Nadelarbeiten, und Mrs. Paulina Barnett endlich las mit lauter Stimme vor.

Oft wurde diese Lectüre nicht allein durch den Sturm, der wie ein Mauerbrecher an die Wände des Hauses donnerte, sondern auch durch das Geschrei des kleinen Kindes unterbrochen. Corporal Joliffe, welcher Letzteres besänftigen wollte, hatte damit vollauf zu thun. Seine Knie, die als Schaukelpferd dienen mußten, waren schon ganz lahm geworden, so daß sich der Corporal entschloß, seinen unermüdlichen kleinen Reiter auf den großen Tisch zu setzen, auf dem das Kind nach Herzenslust umher kollerte, bis es der Schlaf am Ende übermannte.

Um acht Uhr verrichteten Alle gemeinsam das gebräuchliche Gebet, die Lampen wurden verlöscht, und Jeder suchte seine gewohnte Schlafstätte.

Als Alle im Schlafe lagen, schritten Lieutenant Hobson und Sergeant Long geräuschlos durch den verlassenen großen Saal und gelangten nach dem Vorraume, wo Mrs. Paulina Barnett sie zu einem letzten Händedruck erwartete.

»Also auf morgen, sprach sie zu dem Lieutenant.

– Auf morgen, Madame, erwiderte Jasper Hobson, ja auf morgen ... ohne Zweifel ...

– Aber im Falle Sie ausbleiben? ...

– Wird man uns ruhig erwarten müssen, entgegnete der Lieutenant, denn nach der nächtlichen Beobachtung des südlichen Horizontes, an dem ein Feuer sichtbar werden könnte, – wenn wir uns beispielsweise der Küste Nord-Georgias genähert hätten – liegt mir viel daran, am Tage unsere Lage genau festzustellen. Das könnte also schon vierundzwanzig Stunden in Anspruch nehmen. Vermögen wir aber Cap Michael noch vor Mitternacht zu erreichen, so werden wir morgen Abend im Fort zurück sein. Haben Sie also Geduld, Madame, und glauben Sie, daß wir uns nicht unklug einer Gefahr aussetzen werden.

– Wenn Sie aber, fragte die Reisende, morgen, in zwei Tagen noch nicht zurück gekehrt wären? ...

– Dann kehren wir auch niemals zurück!« antwortete einfach Lieutenant Hobson.

Die Thür ging auf, und Mrs. Barnett schloß sie wieder hinter dem Lieutenant und seinem Begleiter. Unruhig und gedankenvoll schlich sie nach ihrem Zimmer zurück, wo Madge ihrer wartete.

Jasper Hobson und Sergeant Long überschritten den inneren Hof und mußten sich Einer an den Anderen halten, so fegte der Wind durch diesen; doch erreichten sie das äußere Thor und drangen muthig zwischen den Hügeln und dem östlichen Ufer der Lagune hinaus.

Ein unbestimmter Widerschein lag über dem Lande. Da seit dem Tage vorher Neumond war, so versprach auch dieser keine bessere Beleuchtung und machte der Nacht ihre furchtbare Dunkelheit, welche übrigens nur einige Stunden anhalten sollte, nicht streitig. Auch jetzt sah man noch nothdürftig, um sich zurecht zu finden.

Aber welcher Sturm und welcher Regenguß! Lieutenant Hobson und sein Begleiter waren zwar mit wasserdichten Stiefeln und gut anschließenden Wachstuchmänteln versehen, deren Capuchons ihren Kopf vollkommen verhüllten. So geschützt marschirten sie schnell, denn der Wind, den sie im Rücken hatten, trieb sie gewaltsam vorwärts und konnte man eher sagen, daß sie, wenn jener seine Heftigkeit verdoppelte, schneller gingen, als sie selbst wollten. Zu sprechen versuchten sie aber gar nicht, denn sie hätten sich, betäubt und außer Athem von dem Sturm, doch nicht hören können.

Jasper Hobson hatte nicht die Absicht, dem Ufer nachzugehen, dessen Unregelmäßigkeiten seinen Weg nur unnützer Weise verlängern und ihm der ganzen Gewalt des Windes, welcher dort natürlich kein Hinderniß fand, preisgeben mußten. So viel als möglich wollte er von Cap Bathurst bis zum Cap Michael eine gerade Linie einhalten, und trug deshalb einen kleinen Taschencompaß bei sich, um seiner Richtung sicher zu bleiben. So konnte der zurückzulegende Weg nur zehn bis elf Meilen betragen, und hoffte er ungefähr zu der Zeit an seinem Ziele anzulangen, wo die Dämmerung für wenige Stunden ganz verschwinden und die Nacht in voller Finsterniß herrschen würde.

Gejagt vom Winde und mit gekrümmtem Rücken, eingezogenem Kopfe und auf ihre Stöcke gestützt kamen der Lieutenant und sein Sergeant ziemlich geschwind vorwärts. So lange sie in der Nachbarschaft des Seeufers gingen, traf sie noch nicht die volle Gewalt des Sturmes und hatten sie verhältnißmäßig weniger zu leiden, da die Hügel und die Bäume, welche letztere bedeckten, sie einigermaßen schützten. Mit einer Wuth ohne Gleichen pfiff der Sturm durch die Aeste, immer nahe daran, einen lockeren Stamm zu entwurzeln und zu zersplittern, doch »brach« er sich selbst dabei. Selbst der Regen schlug nur zu feinem Staub zertheilt nieder. So wurden die Kundschafter auf einer Strecke von vier Meilen weniger geplagt, als sie selbst gefürchtet hatten.

Als sie aber das südliche Ende des Hochwaldes erreichten, da wo die Hügel auslaufen und der flache Erdboden, der ohne irgend welche Erhöhung oder Baumschutz war, vom Seewind überfegt wurde, hielten sie einen Augenblick an. Noch blieben sechs Meilen bis zum Cap Michael zu durchwandern.

»Das wird nun etwas härter hergehen! rief Lieutenant Hobson dem Sergeant Long in's Ohr.

– Ja, erwiderte dieser, Wind und Regen werden uns um die Wette in's Gebet nehmen.

– Ich fürchte sogar, daß sich zeitweilig etwas Hagel einmischen wird, fügte Jasper Hobson hinzu.

– Das ist immer noch besser, als Kartätschen! entgegnete gelassen der Sergeant. Uebrigens werden Sie, Herr Lieutenant, so gut wie ich, schon durch den Kugelregen gegangen sein, also in Gottes Namen vorwärts!

– Vorwärts, mein wackerer Soldat!«

Es war nun zehn Uhr; das letzte Dämmerlicht verschwand, als wäre es in Wasserdunst untergetaucht oder durch Wind und Regen ausgelöscht worden. Nur sehr verschwommen war noch die Spur eines Lichtscheines bemerkbar. Der Lieutenant schlug Feuer an und sah nach seiner Boussole, indem er diese unter seinem Ueberrocke hielt und mit einem Stückchen brennenden Schwammes über sie hinleuchtete; dann wagte er sich mit dem Sergeanten auf die ungeheure Ebene, welche weithin ohne jeden Schutz war, hinaus.

Im ersten Augenblick wurden Beide gewaltsam niedergeworfen; sie erhoben sich mühsam, klammerten sich Einer an den Andern und setzten sich, gebeugt wie zwei alte Männchen, schnell in Gang.

Der Sturm war wahrhaft prächtig in seinem Schrecken! Zerrissene Fetzen von Nebel, ein wahres Gemisch von Luft und Wasser, jagten über die Erde. Sand und Erde flogen wie Kartätschen umher, und an dem Salze, welches sich an ihre Lippen ansetzte, erkannten die Wanderer, daß das Wasser des Meeres mindestens aus einer Entfernung von zwei bis drei Meilen in Staubform bis zu ihnen hergetragen wurde.

In den seltenen und kurzen Pausen des Sturmes hielten sie an und schöpften Athem. Der Lieutenant corrigirte dann so gut als möglich unter Abschätzung des zurückgelegten Weges ihre Richtung, und wieder gingen sie weiter.

Mit eintretender Nacht nahm die Gewalt des Sturmes aber nur noch zu. Beide Elemente, die Luft und das Wasser, schienen ganz ineinander aufzugehen. Sie bildeten eine jener furchtbaren Tromben, welche Häuser umstürzen und Wälder entwurzeln, und auf die die Schiffer mit Kanonen feuern. Man hätte wirklich glauben können, daß der ganze, seinem Bette entrissene Ocean über die schwimmende Insel herstürze.

Jasper Hobson stellte sich auch die gegründete Frage, wie das Eisfeld, welches sie trug, einer solchen Wasserfluth Widerstand leisten könne und bei dem furchtbaren Seegange noch nicht an hundert Stellen gebrochen sei. In der Ferne hörte man das Meer rauschen. Da blieb Sergeant Long, der dem Lieutenant um einige Schritte voraus war, plötzlich stehen und stieß nur die wenigen Worte heraus:

»Nicht dorthin!

– Warum nicht?

– Das Meer! ...

– Wie? Das Meer? Wir sind doch jetzt noch nicht am südwestlichen Ufer?

– Da, sehen Sie selbst, Herr Lieutenant.«

Wirklich erschien in der Dunkelheit eine breite Wasserfläche, und wüthend brachen sich die Wellen zu Füßen des Lieutenants.

Jasper Hobson schlug noch einmal Feuer und beobachtete mittels eines neuen Stückchen Schwammes aufmerksam die Nadel seiner Bussole.

»Nein, sagte er, das Meer liegt weiter nach links. Noch haben wir den Hochwald nicht durchschritten, der uns vom Cap Michael trennt.

– Nun, dann ist das ...

– Ein neuer Bruch der Insel, fiel Lieutenant Hobson ein, der sich gleich seinem Begleiter hatte auf den Boden werfen müssen, um dem Ungestüm des Windes zu widerstehen. Entweder hat sich ein großer Theil der Insel losgerissen und treibt nun fort, oder es ist das nur ein Einschnitt, welchen wir umgehen können. Vorwärts also!«

Jasper Hobson und der Sergeant erhoben sich und wandten sich nach rechts, indem sie der Wasserlinie folgten, welche zu ihren Füßen schäumte. So gingen sie wohl zehn Minuten lang, immer mit der Furcht, von aller Verbindung mit dem südlichen Theile der Insel abgeschnitten zu sein. Da verstummte die Brandung, welche zu dem Lärmen des Sturmes sonst noch hinzu gekommen war.

»Das ist nur ein Einschnitt, sagte Lieutenant Hobson seinem Sergeanten in's Ohr. Kehren wir um!«

Auf's Neue schlugen sie die Richtung nach Süden ein. Gewiß setzten sich die muthigen Männer einer Gefahr aus, doch trotzdem sie das Beide recht wohl wußten, theilten sie ihre Gedanken einander doch nicht mit.

In der That konnte dieser Theil der Insel Victoria, über welchen sie jetzt schritten, und der schon auf eine weite Strecke aus der Ordnung geschoben war, sich jeden Augenblick gänzlich davon loslösen. Vertiefte sich der Einschnitt unter dem Zahn der Brandung noch weiter, so wurden sie mit ihm unfehlbar verschlagen. Sie zauderten aber nicht, sondern drangen durch die Finsterniß, ohne zu fragen, ob ihnen ein Weg zur Rückkehr übrig sein würde.

Welche beunruhigende Gedanken lasteten da auf Jasper Hobson's Seele. Konnte er jetzt noch hoffen, daß die Insel bis zum Winter zusammen halten werde? War jenes nicht der Anfang des unvermeidlichen Bruches? Wenn sie jetzt der Wind nicht gegen die Küste trieb, war sie dann nicht verurtheilt, bald zu Grunde zu gehen, zu schmelzen und zu versinken? Welch eine trostlose Zukunft und welche Aussicht verblieb dann noch den unglücklichen Bewohnern dieses Eisfeldes?

Niedergeschmettert und zerschlagen von der Wucht der Windstöße verfolgten die beiden muthigen Männer, die nur das Gefühl einer zu erfüllenden Pflicht noch aufrecht erhielt, unaufhaltsam ihren Weg. So kamen sie an den Saum jenes weiten Hochwaldes, der an Cap Michael grenzte. Dieser war zu durchschreiten, um möglichst bald das Ufer zu erreichen. Jasper Hobson und Sergeant Long begaben sich also hinein, trotz der tiefsten Finsterniß, trotz des Höllengetöses des Sturmes in den Tannen und Birken. Alles krachte rings um sie und die abgerissenen Zweige schlugen ihnen in's Gesicht. Jeden Augenblick liefen sie Gefahr, durch einen umstürzenden Baum erschlagen zu werden, oder stießen sich an den schon gefallenen Stämmen, die in der Dunkelheit nicht zu bemerken waren. Dennoch gingen sie jetzt nicht mehr auf gut Glück weiter, denn das Rauschen des Meeres leitete ihre Schritte durch das Gehölz. Sie vernahmen den furchtbaren Rückprall der Wogen, die sich mit schrecklichem Geräusche brachen, und mehr als einmal fühlten sie den dünner gewordenen Boden unter ihren Füßen zittern. Endlich kamen sie Hand in Hand, um sich nicht zu trennen, sich unterstützend und Einer dem Anderen aufhelfend, wenn sie gegen ein Hinderniß stießen, an den Küstenrand auf der anderen Seite des Waldes.

Dort riß sie aber ein Wirbelwind von einander; sie wurden mit Gewalt getrennt und zur Erde geschleudert.

»Sergeant! Sergeant! Wo seid Ihr? rief Jasper Hobson mit aller Kraft seiner Lungen.

– Hier, Herr Lieutenant!« antwortete der Sergeant.

Auf dem Boden hin kriechend suchten sich Beide wieder zu vereinigen, doch schien es, als ob eine übermächtige Hand sie an die Stelle banne. Nach unerhörten Anstrengungen näherten sie sich endlich und banden sich, um einer Wiederholung eines solchen Zufalls vorzubeugen, mit den Gürteln an einander; dann krochen sie auf dem Sande hin, um eine leichte Bodenerhöhung zu gewinnen, welche eine Gruppe dürftiger Tannen krönte. Unter dem geringen Schutze derselben gruben sie endlich ein Loch auf, in welchem sie erschöpft und athemlos eine Zuflucht suchten.

Jetzt war es um elf Uhr Nachts.

Einige Minuten verharrten Jasper Hobson und sein Begleiter schweigend. Die Augen halb geschlossen, konnten sie sich nicht mehr rühren, und eine Art Halblähmung oder Schlafsucht ergriff sie, während der tobende Sturm über ihren Köpfen die Tannen schüttelte, welche wie die Knochen eines Skelettes klapperten. Mit aller Anstrengung widerstanden sie dem Schlafe, und erquickten sich durch einige Schlucke Branntwein aus der Kürbisflasche des Sergeanten.

»Wenn nur diese Bäume aushalten! sagte Lieutenant Hobson.

– Und wenn nur unser Loch nicht mit ihnen dahingeht! fügte Sergeant Long hinzu, der sich mit dem Ellenbogen auf den Sand stützte.

– Da wir nun aber einmal hier sind, fuhr Jasper Hobson fort, nur wenig Schritte vom Cap Michael, und hergekommen sind, um Umschau zu halten, so wollen wir es auch thun. Sergeant Long, ich habe eine Ahnung, daß wir nicht mehr weit vom festen Lande sind, freilich ist das nur eine Ahnung.«

Von der Stelle, wo sie sich befanden, hätten ihre Blicke zwei Drittel des südlichen Horizontes umfassen können, wenn dieser nur sichtbar gewesen wäre. Eben jetzt herrschte aber vollkommene Finsterniß und mußten sie, sobald kein Feuer aufleuchtete, wohl den folgenden Morgen abwarten, um sich von dem Vorhandensein einer Küste zu überzeugen, vorausgesetzt, daß der Wind sie weit genug nach Süden getrieben hatte. Fischerei-Anstalten sind nämlich, – wie Lieutenant Hobson schon der Mrs. Barnett versicherte – in dieser Gegend des nördlichen Amerika, welches zu Neu-Georgia gehört, nicht gerade selten. Auch trifft man hier auf zahlreiche Etablissements, wo die Eingeborenen nach Mammuth-Zähnen suchen, denn diese Seegegenden bergen eine große Anzahl versteinerter Skelette jener vorweltlichen Kolosse. Einige Grade tiefer erhebt sich Neu-Archangel, die Verwaltungsstation des ganzen Archipels der Aleuten und Hauptort des russischen Amerika. Die Jäger besuchen aber fleißiger die Küste des Eismeeres, vorzüglich seitdem die Hudsons-Bai-Compagnie die Jagdgebiete, welche früher Rußland ausbeutete, erpachtet hat. Ohne das Land selbst zu kennen, war Jasper Hobson doch mit den Gewohnheiten der Agenten vertraut, welche es zu dieser Jahreszeit besuchten, und hatte alle Gründe zu der Annahme, dort Landsleute, vielleicht Collegen anzutreffen, und wenn nicht diese, dann doch nomadisirende Indianer, welche längs der Küste hinzuziehen pflegen.

Hatte denn Jasper Hobson aber ein Recht, zu glauben, daß die Insel Victoria nach der Küste zu getrieben sei?

»Ja, und hundertmal ja! wiederholte er dem Sergeanten. Viele Tage wehte dieser Nordostwind mit der Kraft eines Orkans. Wohl weiß ich, daß unsere sehr flache Insel ihm nur wenig Angriffspunkte bietet, dennoch müssen ihre Hügel, ihre Wälder, welche die Stelle der Segel vertreten, der Wirkung eines solchen Luftstromes unterliegen. Selbst das Meer, welches uns trägt, entgeht nicht ganz diesem Einflusse, und sicher verlaufen jene großen Wogen nach der Küste. Mir scheint es demnach unmöglich, daß wir aus der Strömung, die uns nach Westen führte, nicht heraus gekommen, unmöglich, daß wir nicht nach Süden getrieben worden wären. Bei unserer letzten Aufnahme waren wir nur zweihundert Meilen vom Lande entfernt, und seit sieben Tagen ...

– Ihre Schlüsse sind gewiß ganz richtig, Herr Lieutenant, antwortete Sergeant Long; haben wir die Hilfe des Windes, so haben wir auch die Hilfe Gottes, der es nicht wollen kann, daß so viele Unglückliche verderben; darauf setze ich alle meine Hoffnung!«

So sprachen Jasper Hobson und der Sergeant in Sätzen, die das Toben des Sturmes oft unterbrach. Ihre Blicke suchten die dichte Finsterniß zu durchdringen, welche die durch den Orkan umhergetriebenen Nebelmassen noch undurchsichtiger machten.

Gegen ein Uhr Morgens legte sich der Sturm auf wenig Minuten. Nur das Donnern des furchtbar aufgeregten Meeres schwieg nicht. Die Wogen stürzten mit entsetzlicher Gewalt über einander.

Plötzlich ergriff Jasper Hobson den Arm seines Begleiters und rief:

»Sergeant, hören Sie?

– Was?

– Das Geräusch des Meeres?

– Ja, Herr Lieutenant, antwortete Sergeant Long, der gespannter aufhorchte, und seit einigen Augenblicken scheint mir das Tosen der Wellen ...

– Nicht mehr dasselbe zu sein ... nicht wahr, Sergeant? Hören Sie ... hören Sie... das klingt wie Brandung ... man sollte meinen, daß das Wasser sich an Felsen breche!« ...

Jasper Hobson und der Sergeant lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit. Gewiß war das nicht mehr das eintönige und dumpfe Geräusch der Wellen, die in offener See einander treffen, sondern es klang, wie das Rollen flüssiger Massen, welche gegen einen harten Körper geworfen werden, wenn es das Echo der Felsen wieder giebt. Am ganzen Ufer der Insel fand sich aber nicht ein einziger Felsen, und pflanzte diese mit ihrem Boden aus Sand und Erde den Schall nicht so kräftig fort.

Hatten sich die beiden Lauscher getäuscht? Der Sergeant suchte sich zu erheben, um besser hören zu können, wurde aber von dem Sturmwinde, der sich auf's Neue erhob, sofort wieder umgeworfen. Die kurze Pause war vorüber, und ununterscheidbar brauste der Lärmen wieder durch einander. Aber wer stellt sich nicht die Angst der beiden Beobachter vor, wenn er bedenkt, daß sie, zurückgezogen in ihre Vertiefung, den Sand unter ihren Füßen sinken, und die Tannen bis in ihre Wurzeln erzittern fühlten! Und trotzdem blieb ihr Blick auf den Süden geheftet. Ihr ganzes Leben concentrirte sich jetzt in diesem Blicke, und ihre Augen stierten in die Finsterniß, welche kaum die ersten Strahlen der Morgenröthe färbten.

Plötzlich, etwas vor zwei ein halb Uhr Morgens, rief der Sergeant:

»Ich habe Etwas gesehen!

– Was?

– Ein Feuer!

– Ein Feuer?

– Ja! ... Dort, in dieser Richtung!«

Der Sergeant wies mit der Hand nach Südwesten. Sollte er sich getäuscht haben? Nein, denn Jasper Hobson gewahrte auch einen unbestimmten Lichtschein in der angegebenen Richtung.

»Ja! rief er freudig, ja, Sergeant! Ein Feuer! Das ist das Land!

– Wenn dieses Licht nicht von einem Schiffe herrührt! entgegnete Sergeant Long.

– Bei einem solchen Unwetter ein Schiff auf offener See! Das ist unmöglich. Nein, nein! Das Land ist dort, sage ich Ihnen, und nur einige Meilen von unserer Insel entfernt!«

Jetzt fehlte es aber an einer Fackel, um diese zu entzünden; nur die Tannen standen über ihnen, welche der Sturm beugte.

»Ihr Feuerzeug, Sergeant«, sagte Jasper Hobson.

Der Sergeant zündete etwas Schwamm an und kroch auf der Erde bis zu der Baumgruppe. Der Lieutenant folgte ihm. Dürres Holz fehlte nicht. Sie häuften es um die Wurzeln eines Baumes, setzten es in Brand, und mit Hilfe des Windes ergriff die Flamme die ganze Baumgruppe.

»O, rief Jasper Hobson, da wir jenes Feuer sehen konnten, wird man auch uns bemerken!«

Die Tannen brannten mit hellem Scheine und erzeugten eine lange, rauchende Flamme, wie etwa eine riesige Fackel. Das Harz knisterte in den alten Stämmen, welche schnell verzehrt wurden. Bald ward das Feuer stiller und stiller und – Alles verlosch.

Jasper Hobson und der Sergeant warteten, ob ein neues Feuer dem ihrigen antworten werde ...

Zehn Minuten beobachteten sie vergeblich, und suchten den Punkt wieder aufzufinden, woher der erste Lichtschein gekommen war; schon verzweifelten sie irgend welches Signal zu erhalten, als sich plötzlich ein Schrei vernehmen ließ, ein deutlicher, verzweifelter Schrei aus dem Meere.

Jasper Hobson und der Sergeant glitten bis zu dem Ufer hinab ... kein Laut war mehr zu hören.

Seit einigen Minuten flammte aber das Morgenroth weiter und weiter auf. Auch der Sturm schien mit dem Wiedererscheinen der Sonne an Heftigkeit zu verlieren. Bald wurde es hell genug, um den Horizont übersehen zu können.

Da war aber kein Land in Sicht, und Himmel und Meer verschwammen noch immer in derselben Linie am Horizonte.

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