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Das kleine Glück

Olga Wohlbrück: Das kleine Glück - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorOlga Wohlbrück
titleDas kleine Glück
publisherPaul Franke Verlag
year
correctorreuters@abc.de
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created20080925
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VI.

»Wir wollen zu Fuß gehen«, hatte Iduna gesagt, als sie an Deltens Arm hinausgetreten war.

Es war kalt und trocken, der tiefschwarze Himmel war mit glitzernden Sternen besät, aus den großen Milchkugeln ergoß sich das elektrische Licht in weichen Wellen über die Linden. Menschen drängten hastend aneinander vorbei, Wagen folgte auf Wagen in unabsehbarer Reihe, die hellerleuchteten Schaufenster waren belagert von einer gaffenden Menge, dazwischen hörte man einzelne Ausrufe, manchmal einen Fluch vom hohen Kutscherbock, dann wieder ein Auflachen, ganz losgelöst, das wie eingefroren in der Luft hängen geblieben schien.

Je näher sie dem Brandenburger Tor kamen, desto stiller wurde es. Sie sprachen kein Wort. Delten war es, der das Schweigen zuerst brach, mit einer ganz nüchternen Frage:

»Wird es dir nicht zu weit werden zu Fuß, bis nach Hause?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, es ist mir ein Bedürfnis zu gehen, müde zu werden ... sonst könnte ich keine Ruhe finden. Die letzten Stunden waren so schön! So wundervoll habe ich noch nie empfunden ... so mit Glück gesättigt schien mir unser Zusammensein, mit großem, vollem Glück. Wie ein Geschenk ...«

»Du hast recht, es so aufzufassen, Kind. Ein Geschenk war es auch in meinem Sinne, ein seltenes Geschenk. Was noch unklar in dir ringt und gärt – bei jenen zwei Menschen hat es sich zu bewußter Klarheit durchgerungen. Alt und grau sind sie dabei geworden, aber glücklich zugleich, fähig, das Glück vornehm zu empfinden und nur im Vornehmen zu suchen, nicht das große Glück, wie deine Phantasie es dir vielleicht vorgaukelt – aber ein kleines, stilles Glück – das Einzige, das nicht enttäuscht. Vielleicht hätte ich dir eine lustigere Gesellschaft zusammenstellen können – es schien mir aber deiner nicht würdig, dich am heutigen Tage mit Minderwertigem zu umgeben.«

»Werde ich sie wiedersehen?« fragte Iduna. »Kein Wiedersehen wird dir die Stimmung des heutigen Tages wieder geben«, antwortete er ausweichend.


Es war acht Uhr vorbei, als sie vor ihrem Hause in der Lutherstraße anlangten. Iduna hatte sich durchaus nicht dazu verstehen wollen, einen Wagen zu nehmen. Nun war sie aber doch müde und durchfroren von dem weiten Weg.

Langsam stiegen sie über die teppichbelegte Treppe bis zu ihrer Wohnung, die im dritten Stock lag. Das von Iduna gemietete Dienstmädchen sollte ihre Stelle erst am nächsten Tag antreten. Delten schloß die Wohnungstür auf und machte Licht im Vorzimmer. Noch war das Gas nicht eingerichtet, und Iduna hatte einige Lampen vorsorglich mit Petroleum gefüllt.

»Jetzt will ich dir zeigen, Dudi, was du für einen guten Diener hast«, scherzte Delten, zündete die im Vorzimmer in Reih und Glied aufgestellten vier Lampen an und half dann Iduna Hut und Mantel ablegen.

»So, Dudi, nun wollen wir je zwei Lampen nehmen und unser Reich beleuchten.«

Man merkte der Einrichtung die Hast an. Das Speisezimmer sah recht kahl aus mit seinen konventionellen, hellen Eichenmöbeln. Der kleine Salon daneben war gemütlicher, trotz der helltapezierten Wände: dunkle, weiche Möbel, schwere Portieren und Vorhänge, die nur eine schmale Spalte des Fensters frei ließen.

»Da wirst du auch womöglich am Tage Licht brennen müssen«, warf Delten leicht hin.

»So wäre es mir am liebsten«, meinte Iduna.

»Nun, mit der Zeit werden wir schon ein bißchen klüger werden ...«

Das begleitende Lächeln nahm den Worten das Herbe.

»So, Dudi, jetzt noch eine Lampe ins Schlafzimmer, kommst du mit?«

Sie wurde plötzlich verlegen.

»Geh nur, Julius, ich will unterdessen sehen, daß wir Tee bekommen.«

Als er nach einer kleinen Weile in die Küche trat, sah er sie ratlos vor dem schwarzen Herdloch stehen.

»Aha, siehst du, jetzt kannst du kein Feuer machen ...«

Er mußte lachen, wie er sie so dastehen sah, beschämt und ärgerlich. Dann nahm er ein Messer und spaltete ein Stück Holz in dünne Späne. Iduna mußte daran denken, wie sie ihn einmal in seiner Wohnung gesehen, in dem kalten grauen Zimmer, vor dem gähnenden Ofenloch. Damals hatte er ihr so leid getan, und sie hatte sich ihm in die Arme geworfen, wie um ihn zu erwärmen mit ihren Liebkosungen. Und wie er nun die Späne im Herdloch schichtete, ein langgedrehtes, brennendes Papier unterschob, und die züngelnden Flämmchen einen roten Schein auf seinen dunklen, durchgeistigten Kopf warfen, da überkam sie etwas von jener weihevollen Stimmung ihrer Feueranbetungszeit her ...

Sie dachte an den alten Klaas mit seinen weißen Haarsträhnen, wie er vor dem großen lombardischen Kamin auf den Knien lag und das Feuer anfachte mit dem Blasebalg.

Etwas Heimatliches schien ihr entgegen zu prasseln aus dem ersten Feuer ihres eigenen Herdes, und es erschien ihr voll mystischer Symbolik, daß diesmal Delten es war, der das Feuer entzündete.

Ganz nah schmiegte sie sich an ihn und lehnte den Kopf an seine Schulter. Er hatte den Arm um sie gelegt und das Haupt tief herab gebeugt auf ihr reiches braunes Haar.

Vielleicht vergaß er in diesem Augenblick zum erstenmal den Unterschied der Jahre, das Herbe, beinahe Grausame seiner Weltanschauung ... Das junge, warme Leben ihres feingliederigen Körpers schien überzuströmen auf ihn. Schlummernde Triebe erwachten in ihm, knabenhafter Frohsinn leuchtete aus seinen Augen, und ausgelassen drehte er sich plötzlich mit Iduna einem Kreisel gleich herum, daß es wie lachendes Erschrecken über ihre Züge flog, und sie beide Arme mit erlösendem Auflachen um seinen Hals warf.

Sie trieben dann allerhand Possen, suchten Tee und Zucker zusammen, stöberten in den noch unaufgebundenen Paketen nach Tischzeug, und da sie nicht gleich das Richtige fanden, überhäuften sie sich gegenseitig mit scherzenden Vorwürfen.

»Zigeunerin«, rief er ihr zu.

»Bücherwurm«, antwortete sie lachend, und da er sie einfangen wollte, lief sie um den Tisch und warf sich schließlich auf das steife Paneelsofa, das dem Büfett gegenüber an der Wand geklebt stand.

»Uff, ich bin müde«, in gurgelndem Lachton eines gekitzelten Kindes kam es heraus.

»Na warte, du Faulenzerin ...«

Durch die offene Tür, über den kurzen Gang hörte man das Brodeln des Wassers, das Klappern des vom Dampf hochgestoßenen Kesseldeckels.

»Das Wasser kocht, wirst du wohl gleich deine Hausfrauenpflicht tun ...«

Sie duckte sich in der Ecke zusammen und blinzelte ihn schelmisch an.

»Nu gerade nicht! Jetzt will ich sehen, was ich für einen guten Diener habe ...« »Ach so, du Strick, ich soll dich wohl bedienen?«

»Das sollst du!«

»Und Madame wird sich's hier auf dem Sofa wohl sein lassen! ...«

»Auf dem Sofa! Das ist ja eine Marterbank! Aber schnell doch, Julius, das Wasser kocht uns ja aus ...«

Er lief nach der Küche. Sie hörte ihn mit dem Kessel und dem Teegeschirr klappern ... ihre Augen blitzten übermütig. So eine kindische Freude war in ihr, daß sie den ernsten, bleichen Mann zu solch ausgelassener Stimmung gebracht hatte. Wie er lief auf ihren Befehl und wie er lachte, so jung und lustig und wie er ihr zurief: »Zigeunerin ...«

»Bücherwurm«, rief sie nun laut, »wird's bald oder grübelst du über den Zarathustra ...«

Aber schon kam er zurück, das Tablett in der Hand.

»Wo befehlen, Madame?«

Er stellte das Tablett auf den Ausziehtisch und sah sie fragend an.

Sie aber dehnte sich im prickelnden Wohlgefühl einer königlichen Allmacht.

»Ich wüßt' schon, wie's herrlich wäre ...«

»Nun?«

Sie verschränkte die Arme über dem Kopf.

»Im Bett müßt' ich liegen, ganz weich und warm, und der kleine Tisch müßte herangeschoben werden und du müßtest hübsch artig daneben sitzen und den Tee einschenken ...«

»Trinken dürfte ich auch?« fragte er mit geheuchelter Demut.

»Ja, und dann müßtest du mir ein Märchen erzählen, ein wundervolles Märchen, und ich müßte einschlafen dabei ...«

Er trat von rückwärts an sie heran und faßte sie bei den Armen.

»Also Scheherezade soll ich jetzt sein ... ich, der Mann des Positiven, der Mann der Wissenschaft ...«

»Ja, du, gerade du ...«

Sie wippte mit der Spitze ihres Stiefels in der Luft herum.

»Werden Madame gestiefelt und gespornt ins Bett steigen? ... Nun paß auf, Dudi, was ich für eine gute Kammerfrau sein kann, Diener, Zofe, Scheherezade in einer Person ... und der Lohn?«

»Kein Lohn, nur Belohnung«, erwiderte sie schlagfertig.

Er setzte sich ihr zu Füßen, knöpfte ihr die Stiefel auf und streifte sie ihr ab.

»Was nun?«

»Nun bin ich müde.«

Sie gähnte auch wirklich ganz leise, wie ein wohlerzogenes kleines Mädchen, aber der Schalk lachte ihr aus den Augen.

»Du mußt mich auskleiden, hörst du, aber ganz sachte, und mich dann in mein schönes, weißes, neues Bett hineintragen und mich zudecken ...«

Er beugte sich über ihr Gesicht, es war einen Augenblick, als wollte er sie in seine Arme reißen, gar nicht sachte, sondern in wildem Ansturm einer emporlodernden Leidenschaft.

Aber sie hob plötzlich wie erschreckt den Kopf.

»Julius, ich bitte dich ... im Kessel in der Küche ist gewiß kein Wasser mehr, und wenn er auf dem Feuer steht ...«

Er stand arglos auf und ging in die Küche. Heimlich lachend, wie ein Kind, dem eine große List gelungen, glitt Iduna vom Sofa und lief auf Strümpfen ganz leise ins Schlafzimmer. In wenigen Minuten hatte sie sich entkleidet, die Nadeln aus ihrem welligen braunen Haar gezogen, das weiße, gestickte, nach Veilchen duftende Nachtgewand übergeworfen und war ins Bett geschlüpft. Da klopfte es aber auch schon an die Tür.

»Bist du drinnen, Dudi?« ...

»Ganz drinnen«, kicherte sie.

Man sah nur ihre Nasenspitze aus dem Bettlaken und den gestauten Kissen herausragen.

»Aber Dudi, das ist ja gegen die Abmachung.«

Er sagte es scherzend und doch klang etwas wie Erleichterung durch.

Einen Augenblick später saß er am Bett vor einem Tischchen, das er zugeschoben hatte und schenkte den Tee ein. Iduna mußte wohl ihre Arme herausstrecken, um die Tasse entgegenzunehmen. Die gestickte Krause des Nachthemdes ließ ein zartes, feines Kindergelenk sehen. Überhaupt schien sie ganz jung und kindlich in all diesem Weiß, das sich um sie bauschte. Die Lampe mit dem weißen Globus stand auf der Toilette und strahlte ein sanftes, goldgelbes Licht aus.

Iduna fing die goldenen Strahlen mit blinzelnden Augen auf, und dann schimmerte es vor ihr in smaragdenem Grün und flammendem Rot, das sich zu leuchtendem Gelb und tiefem Braun abschattierte. In einem festlichen Farbenreigen schwelgte sie, und sie dehnte sich wohlig unter der Decke, während ihre Finger träge mit dem funkelnden neuen Löffel spielten.

»Dein Tee wird kalt«, meinte Delten.

»Richtig ja ...«

Sie nippte von der Tasse und stellte sie dann auf das Tischchen.

»Das ist alles, was du nimmst?«

»Nun kommt das Märchen«, antwortete sie ausweichend mit kindlichem Lächeln, und wieder fing sie die Lichtstrahlen auf, ein Spiel damit treibend, bis ihr die Augen schmerzten ...

»Warum erzählst du nicht?«

Mit leisem Summen flog etwas durchs Zimmer.

Iduna schnellte empor.

»Eine Fliege ... Julius, jetzt eine Fliege ... o, sie fliegt zur Lampe, da, da ... jetzt hat sie sich die Flügel verbrannt, Julius, so hilf ihr doch, das arme Tierchen ...«

In tollem Tanz schlug die halbverstümmelte Fliege wieder ans Lampenglas, kläglich, verzweifelnd klang ihr Summen.

»So hilf ihr doch«, wiederholte Iduna immer wieder.

Delten versuchte vergebens, die Fliege einzufangen ... sie verstummte plötzlich, und die Lampe blakte auf.

»Nun ist sie tot«, sagte Iduna in seltsam ernstem Ton, gar nicht, als ob es sich um eine armselige Fliege handelte.

Delten lächelte leise, überlegen, plötzlich wieder der ernste ruhige Mann, wie er stets Iduna gegenüber gewesen. Er schob das Tischchen zur Seite und setzte sich auf den Bettrand. Idunas Hände lagen weiß und schlank auf der dunkelblauen Bettdecke.

»Du verlangst nach einem Märchen – das war ein Märchen«, sagte er leise und strich zärtlich, behutsam über die feinen, weißen Hände.

Sie sah ihn an mit ihren großen, erstaunten Augen.

»Das – ein Märchen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, Julius, mag's dir auch kindisch erscheinen, aber ich kann nicht lachen darüber. Du weißt nicht, welche Qual es mir stets bereitet, im Sommer die Falter und Fliegen zu sehen, wie sie abends dem sicheren Tode entgegenflattern. Als Kind habe ich oft geweint und geschrien dabei und wurde gescholten; dann nahm ich mich zusammen, wollte es nicht zeigen, wie sehr mich dieses Massensterben jammerte, aber so ganz unempfindlich bin ich nie geworden. Was zieht sie hin zu dem Licht, was zwingt sie zu Tausenden in den sicheren, grausamen Tod?!«

»Was sie zwingt? Die Sehnsucht – – –«

Und da sie ihn verständnislos ansah, ganz blaß plötzlich in ihrem heimlichen Erschrecken, da neigte er sich über ihre Hände, daß er sie fast mit seinen schmalen, strengen Lippen berührte und fragte leise:

»Willst du es hören, das Märchen von der Sehnsucht?«

»Es ist traurig«, warf Iduna scheu ein.

»Es gibt auch traurige Märchen ...«

»Erzähle«, bat sie.

Und nun hielt sie seine Hand mit den ihren fest, gleichsam ein Kind, das sich im Dunklen vor dem Ammenmärchen fürchtet und sich anklammert.

Delten richtete sich auf, dann erzählte er, ohne Iduna anzusehen, die Augen in die dunklere Ecke des Zimmers gerichtet, als spräche er zu sich selbst:

»Ein japanisches Märchen ist es und ganz kurz. Es war einmal eine Blume, eine wunderbare, seltsame Blume. So schön und duftig, so blätterreich und farbenduftig war sie, daß alle Schmetterlinge und Falter, alle beflügelten Käfer und Fliegen von heftigster Liebe zu ihr erfaßt wurden und sich um ihre Gunst bewarben. Aber die Blume war stolz und spröde, und mit hartem Nein beantwortete sie alles summende Liebeswerben um sie herum. Diese Zurückhaltung entflammte die Glut ihrer geflügelten Anbeter immer heftiger, und weil sie sich nicht mehr retten konnte vor den rasend Verliebten, die nun in sie drangen, sich für einen von ihnen zu entscheiden, um endlich die Qual der Ungewißheit enden zu lassen, so hielt sie ihnen folgende Ansprache: ›Da ich wählen soll unter euch, so werde ich es tun, aber nur dem will und werde ich meine Liebe schenken, der mir auf seinen Flügeln etwas vom Golde der Sonnenstrahlen bringt, auf daß ich mich bräutlich schmücken kann.‹ Sprach's und schloß ihren Kelch zur Nacht, während die Schmetterlinge und Falter, die Käfer und Fliegen jubelnd auseinanderflatterten, um mit anbrechendem Tag der Sonne entgegenzufliegen ... Und am anderen Tage kam das große Sterben. Matt und gebrochen fielen die Tollkühnen von schwindelnder Höhe herab auf die Erde, ohne auch nur ein Fünkchen Sonnengold mitzubringen. Immer stolzer und schöner prangte die Rose, je dichter die Opfer ihrer Grausamkeit den Erdboden bedeckten. Schon wollten sie abstehen, die Unglücklichen, von weiteren Versuchen, abgeschreckt durch die Zahl der Leichen, als plötzlich ein Falter höher als alle anderen, kaum sichtbar mehr für ihre Augen, sich in den blauen Äther erhob, der Sonne entgegen ... Er flog und flog mit weitausgebreiteten Flügeln und er fühlte es an der Wärme, wie er der Sonne immer näher und näher kam, schon meinte er sich zu baden im goldenen Staub, schon hatte ein Strahl in heißer Liebkosung die Spitze seines Flügels verbrannt, als er plötzlich eine donnernde Stimme hörte: ›Verwegener, was unterfängst du dich! Mein Gold, mein heißes, funkelndes Gold willst du rauben! Hinab mit dir und Fluch auf dich und auf alles, was deiner Art ist. Eure Strafe soll von nun ab sein, euch nach meinem Golde zu sehnen, meinen strahlenden Glanz in jedem armseligen, von Menschenhand entzündeten Lichtchen zu erschauen. Was ihr sehet, soll euch ins Verderben, was ihr ersehnet, euch in den Tod locken. Hinab!‹ Schwer, mit versengten Flügeln, auf denen ein feiner, goldener Staub lag, fiel der Falter herab auf die Erde und war tot. Die stolze, schöne Blume welkte hin aus Gram über den toten Falter, die anderen Falter aber und Schmetterlinge, die Käfer und Fliegen vergaßen ihrer gar bald in der Sehnsucht nach Licht und Goldstaub ...

Und der Fluch geht in Erfüllung an ihnen bis auf den heutigen Tag. Sie flattern um Sonnenstrahlen, Kerzenlicht und Lampenschein, mit ängstlich-sehnsuchtsvollem Gesumm und Flügelschlag, alle ein Opfer ihrer Sehnsucht nach Licht und goldenem Staub ...«

Leise verklangen die letzten Worte, und nun ward es still im Zimmer, ganz heilig still ...

Als Delten sich umwendete, sah er Iduna mit heißen Wangen und glänzenden Augen zurückgelehnt im Kissen liegen. Ihr Mund war leicht geöffnet, so daß die Zähne in feuchtem Perlmutterglanz hervorschimmerten. Sie lächelte ihn an, so eigen, bewundernd und doch wieder so überaus weise und weiblich überlegen.

»Was sagst du zu dem Märchen, Iduna?«

»Daß es jeder an sich selbst erlebt und erleben will«, klang es leise zurück.

Er antwortete nicht, nur sein Kopf sank tiefer herab auf die Brust, und sein Atem ging schwerer.

Leise, ganz leise wendete sie ihn abermals zu sich herum, daß ihre Blicke in den seinen ruhten ... und ganz scheu, ganz leise, aber wie ein heimlicher Lockruf kam es von den Lippen:

»Bin ich die Sonne?«

Ihre Arme breiteten sich aus, ihm entgegen – –

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