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Das kleine Glück

Olga Wohlbrück: Das kleine Glück - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorOlga Wohlbrück
titleDas kleine Glück
publisherPaul Franke Verlag
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080925
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X.

Und doch kam so ein Ereignis.

Eine Depesche traf ein. Iduna öffnete sie mit zitternder Hand:

»Vater krank, verlangt nach Tochter und Enkelin.«

Es war die erste Nachricht seit Lolos Geburt.

Iduna lief mit dem Telegramm in der Hand ins Kinderzimmer:

»Werner, packen Sie ein, mein Vater verlangt nach uns, er ist krank, wir wollen fahren, morgen mit dem Schnellzug ...«

Es war mehr ein freudiger Klang in ihrer Stimme, sie dachte nicht so an den kranken Vater, als daran, daß sie für einige Zeit von hier fortkam, daß sie ihre Heimat wiedersehen sollte, das Haus, in dem sie geboren und aufgewachsen war.

»Was nehmen wir mit, Frau Doktor?«

»Sachen für ein paar Wochen, recht viel warmes Zeug, das Haus ist groß und zugig; ausgiebig Wäsche, denn es wird nur alle vier Wochen gewaschen. Wenig Spielsachen, es ist ja noch von meiner Zeit viel da – Puppen und Bälle. Du, Lolo, deine Mama war auch ein kleines Mädchen, wie du bist, und nun wirst du in Mamas Kinderstühlchen sitzen, mit Mamas Kinderbesteck essen ...«

»Der Herr Papa ist wohl nicht sehr krank?«

»Ich ... ich weiß nicht. Hoffentlich nicht. Ach, Werner, machen Sie mir keine Angst. Ich freue mich so nach Hause, aber wenn ich dächte ... Nein, nein, meine gute Werner, warum immer das Ärgste annehmen. Er ist so kräftig, mein Vater ... ein Riese.«

»Aber der Herr Doktor weiß ja noch nichts.«

»Richtig! ...

Die Werner kam immer mit ihrer ruhigen Überlegung, es war beinahe unbequem. Aber schließlich hatte sie recht. Man konnte nicht so ohne weiteres das Haus verlassen, und ob Delten abends nach Hause kam, war zweifelhaft. Iduna beschloß, ihn sofort in seiner früheren Wohnung aufzusuchen.

Sie nahm einen warmen Mantel um und streifte Galoschen über die Stiefel, denn den warmen Tagen des Vorfrühlings war wieder empfindliche Kälte mit leichtem Schneegestöber gefolgt. Einen Teil des Weges legte sie mit der Elektrischen zurück, dann mußte sie zu Fuß gehen.

Seit drei Jahren war sie nicht mehr hier gewesen, doch hatte sich wenig verändert. Ein paar Straßen waren ausgebaut worden, aber auf den Wiesengründen standen noch immer Stangen, die das Plakat trugen: Dieses Grundstück ist zu verkaufen. Noch immer ragte der burgähnliche Bau der kleinen Villa einsam zwischen den kahlen Bäumen der Allee empor, noch immer sank der Fuß tief in den durchweichten Sand ein: kein Pflasterstein war neu hinzugekommen. Die kahlen Bäume, über denen schon ein feiner grüner Schleier lag, neigten sich wie ehedem im Winde ächzend zueinander, der Jahre spottend, die über sie hinweggegangen waren.

Ein unerklärlich unheimliches Gefühl beschlich Iduna, als sie, gegen den Wind ankämpfend, die Baumreihe entlang schritt. Im Stöhnen der Stämme und Ächzen der Äste hörte sie eine tragische Melodie heraus, ein Klagelied der Natur voll erschütternden Jammers ...

Sie beschleunigte ihre Schritte und stand bald vor dem Eisengitter, das nur angelehnt war, wie damals auch. Das Atelierfenster links war mit breiten Latten überbrettert, vor den Fenstern rechts waren Holzjalousien vorgeschoben. Es ging etwas Totes von der blinden Front aus, und wie ein kalter Grufthauch strömte es Iduna aus dem Flur entgegen. Sie flog die Treppe hinauf und pochte an die wohlbekannte Tür ...

Sie wähnte sich um drei Jahre zurückversetzt – es war alles, alles so wie damals ... Selbst der Ausdruck in Deltens Gesicht, als er öffnete und sie erblickte, schien derselbe – ein Gemisch von Überraschung und Mißmut. Nur daß er ihr nicht zu sagen brauchte: »die Tür gerade aus«. Sie kannte ja die Tür, sie ging von selbst auf sie zu, stieß sie auf und stellte sich mitten ins Zimmer.

Noch ehe Delten sie fragen konnte, sagte sie:

»Vater ist krank, er verlangt nach mir und dem Kind, wir reisen.«

»Ihr reist! Das heißt, du möchtest reisen ... sonst wärst du ja nicht hergekommen.«

»Wirst du mich etwa hindern wollen, eine heilige Pflicht zu erfüllen?«

Zum erstenmal seit langer Zeit stand Iduna ihrem Mann wieder mit zornfunkelnden Augen gegenüber. Aber er lächelte nur, wie er über das Kläffen eines wütenden kleinen Hundes gelächelt haben würde.

»Hast du einen Brief bekommen, eine direkte Nachricht?«

Iduna reichte ihm das zerknitterte Telegramm.

»Wann willst du reisen?« fragte er.

»Morgen mit dem frühesten.«

»Gut, ich bringe dich auf die Bahn. Über das Kind soll dir die Werner täglich berichten.«

Iduna erbleichte:

»Ich soll allein reisen ... ohne das Kind? Allein?«

»Du kommst ja bald zurück, nicht wahr? In einer Woche, in zwei? Du hast dich ja manchmal tagelang nicht um das Kind gekümmert, die kleine Trennung wirst du also wohl noch ertragen.«

»Aber mein Vater will es sehen, hörst du ...«

»Glaubst du, daß, wenn er den Wunsch danach gehabt, er in den zwei Jahren nicht hätte herkommen können?«

»Du hast keine Pietät, wie ein Zigeuner lebst du, ohne Begriff von Familie, Zusammenhang, Pflichten ...«

Sie sprudelte das heraus, ganz bleich vor Erregung, mit krampfhaft geballten Händen, zitternd am ganzen Körper.

Er machte ein paar Schritte im Zimmer, mit tiefgebeugtem Haupt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Dann blieb er knapp vor Iduna stehen.

»Schwöre mir, daß du das Kind nur deshalb mitnimmst, um es dem Vater zu zeigen, nur ... ausschließlich nur deshalb.«

Iduna sah ihn an. Schon öffneten sich ihre Lippen zum Schwur, aber im selben Augenblick schlug sie die Hände vors Gesicht und murmelte dann:

»Nein, das allein ist es nicht.«

Sie zitterte so heftig, daß Delten Mitleid mit ihr empfand. Er nahm sie wie ein Kind bei der Hand und führte sie zum abgeschabten Ledersessel, der vor seinem langen Arbeitstisch stand.

»So, Iduna, setze dich ... werde ruhiger. Es ist gut, daß du ehrlich warst. Deinem Schwur hätte ich ohnehin nicht geglaubt und dementsprechend gehandelt. Deine Ehrlichkeit söhnt mich ein wenig mit dir aus. Nun fahre fort: warum willst du das Kind mitnehmen?«

Wie einem hypnotischen Befehl folgend, antwortete sie tonlos:

»Weil du keine Macht haben sollst über mich.«

»Fürchtest du meine Macht?«

»Ja.«

»Habe ich sie mißbraucht?«

Iduna schüttelte den Kopf. Ein gequälter, hilfloser Ausdruck lag in ihrem blassen kleinen Gesicht. Wie ein kleines Kind bettelte sie nun:

»Laß uns fahren, wir kommen bald wieder ... wirklich.«

Das »wirklich« war eine zu große Naivität. Delten wendete den Kopf ab.

»Schade um dich, Iduna. Schade um deine Anlagen. Zur Komödie bist du zu ehrlich, zur Wahrheit zu schwach – armes Ding!«

Es war wieder der geringschätzige Ton, der Iduna immer alles Blut in die Wangen trieb.

»Nein, ich bin nicht zu schwach zur Wahrheit, und ich will sie dir sagen, die Wahrheit: frei möchte ich mich fühlen, eine kurze Zeit – ganz frei. Nur das! Meine Wohnung ist mir zum Gefängnis, meine Ehe zur Folter geworden.«

»Habe ich dir jemals Zwang auferlegt, Iduna? Hast du nicht verkehrt, mit wem du wolltest, bei dir gesehen jeden, der dir paßte? Habe ich dir meine Person aufgedrängt, als du zu erkennen gabst, daß sie dir lästig geworden, habe ich die Gemeinschaft mit dir nicht gemieden? ... Nein ... wie damals, wie die ganze Zeit über, so jetzt – du willst gezwungen sein. Du hast keinen freien Willen, kein klares Denken, kein richtiges Erkennen. Was sagte ich dir vor drei Jahren hier in diesem selben Zimmer: ›Die Sehnsucht, die dich zu mir führt, sie wird dich von mir treiben.‹ Meine Worte erfüllen sich ...«

Iduna fühlte sich plötzlich bewegt.

»Nicht so, Julius, nicht so ... Ich weiß, du warst gut zu mir im Anfang, aber du hast die Geduld verloren. Du verlangtest Erkennen von mir, wo ich noch nicht einmal sehen gelernt. Deine fertige Lebensweisheit sollte ich in mich aufnehmen, aber sie paßte nicht zu meinen Jahren. Das war es. Und du standest dabei, kalt, zersetzend, richtend. Ich hatte Angst vor deinen Worten, Angst vor deinem Schweigen, und mit der Angst kam die Erbitterung, es gab Stunden, wo ich dich haßte ... ja, so weit kam es.«

Ein bitteres Lächeln huschte über Deltens Lippen:

»Der Tag der Abrechnung kommt noch,« sagte er ruhig.

Iduna blickte erschreckt auf.

»Wie meinst du das?«

Aber er antwortete nicht, sondern sah über sie hinweg ins Leere, und doch so, als fixiere er einen bestimmten Punkt, als sähe er ein bestimmtes Bild vor sich.

»Läßt du uns fahren?« fragte Iduna schüchtern.

Er nickte wie ermüdet.

»Macht euch reisefertig. Morgen früh hole ich euch ab und bringe euch auf die Bahn.«

Iduna erhob sich. Sie hatte das Bedürfnis, ihm zu danken, ihm etwas Freundliches zu sagen, aber sie fürchtete ein Übermaß von Jubel durch ihre Stimme zu verraten, sie fürchtete auch den peinlichen Gegensatz zwischen ihrer Freude und seinem abweisenden Ernst. Zaghaft ergriff sie seine Hand.

»Laß nur,« wehrte er ab.

Ihre Hand sank schlaff herab. Sie blickte sich noch einmal um im Zimmer: kahl und unfreundlich sah es aus in dem harten, weißen Licht, das zu den vorhanglosen Fenstern hereindrang.

Der alte Sessel mit dem verwetzten Leder, das abgetretene kleine Fell unter dem Tisch, das eingedrückte Ruhebett in der Ecke ... Ein kleines Kissen lag darauf und ein altes schwarzes Plaid ... Da schlief Delten wohl des Nachts ein paar Stunden, wenn er sich von der Arbeit erhob, zu müde, um den weiten Weg nach Hause zurückzulegen – – –

»Geh jetzt,« sagte Delten kurz.

Und sie ging, widerspruchslos. Aber doch innerlich voll Empörung und Scham, wie ein halbwüchsiges Mädchen, das man für eine Ungezogenheit zum Zimmer hinausschickt. Auf der Schwelle angelangt, mußte sie doch noch einmal umkehren, denn er sagte:

»Richtig, ich vergaß: hast du Geld genug? Warte einen Augenblick.«

Er zog ein Buch aus dem Regal heraus. Zwischen den Seiten desselben lagen mehrere Scheine.

»Mit dreihundert Mark bist du wohl fürs erste versorgt ...«

Er schob die Scheine auf den Tisch, und Iduna griff danach mit ungeschickter linkischer Gebärde. Damals, als sie vom Vater Abschied nahm, hatte sie auch das abgezählte Geld in Empfang nehmen müssen, und jetzt wieder ... Das war ihr so demütigend, ließ sie ihre Abhängigkeit fühlen. Es machte sie aber auch wieder weich, im Bewußtsein, daß man sich um sie sorgte.

Langsam legte sie die Scheine zusammen.

»Auf morgen, Julius ...«

Er nickte ihr müde, wie es ihr schien, traurig zu. Und da wieder überkam sie das Mitleid.

»Willst du nicht nach Hause kommen heute? Wollen wir nicht den letzten Abend zusammen verbringen?«

Den letzten Abend! Es war ihr nur so entschlüpft ... eine Redensart. Er mochte ihr nicht schroff antworten.

»Wenn ich mit meiner Arbeit fertig werde, aber zähle nicht bestimmt auf mich ...«

Sie wußte, er würde nicht kommen. Nun ging sie wirklich.

Er stand dann noch lange auf demselben Fleck, ohne sich zu rühren, noch bleicher als gewöhnlich, mit förmlich erstarrten Zügen.

Neben der Tür lag ein weicher, dunkler Gegenstand. Als er ihn erblickte, ging er hin und hob ihn auf. Es war ein Handschuh Idunas. Sie mußte ihn schon vermißt haben; aber das wußte er – zurückkehren würde sie nicht, um ihn zu holen.

Er betrachtete den Handschuh von allen Seiten – Ganz klein und schmal war er, stark abgenützt und noch warm von der Wärme ihrer kleinen schmalen Hand. Er zog ihn glatt und klappte dann einen dicken Folianten auf, der auf seinem Arbeitstisch lag. Dort legte er ihn zwischen zwei Seiten und schlug das Buch wieder zusammen, aber ganz langsam und vorsichtig, als preßte er eine Blume. Dann nahm er die durch Idunas Besuch unterbrochene Arbeit wieder auf, äußerlich ruhig, wie wenn sich nichts Wesentliches ereignet hätte. Aber als ihn am anderen Morgen Iduna auf der Bahn leichthin fragte:

»Hab' ich nicht zufällig gestern einen Handschuh bei dir verloren?«

Da antwortete er ruhig: »Nein, nicht daß ich wüßte.«

Iduna wendete den Kopf ab und lächelte.

Und es war nach Jahren wieder zum erstenmal das weise, überlegene Lächeln des Weibes, das seine Macht fühlt – – –

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