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Das kleine Glück

Olga Wohlbrück: Das kleine Glück - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorOlga Wohlbrück
titleDas kleine Glück
publisherPaul Franke Verlag
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IX.

Eines Tages – Iduna saß ihrem Manne noch beim Mittagstisch gegenüber, wurde geläutet, und das Mädchen brachte eine Visitenkarte herein:

»Dr. Hermann Stahl«, las Iduna halblaut vor sich hin.

Sie sah Delten fragend an.

»Laß ihn bitten, Iduna – zu dir. Ich habe zu tun.«

»Du hast immer zu tun, wenn Besuch kommt.«

»Der mich nicht interessiert.«

»Nenne mir jemand, der dich interessiert.«

»Mehr als zweimal niemand.«

Iduna erhob sich gereizt und ging in ihren kleinen Salon. Dr. Stahl stand mitten im Zimmer, den Hut in der Hand, im Überzieher.

»Entsinnen Sie sich meiner noch, Frau Doktor?«

»Sie haben wenig getan, um sich mir in Erinnerung zu bringen. Seit jenem Nachmittag ...«

Iduna brach ab, aber Dr. Stahl lächelte unbefangen.

»Jawohl, ich weiß, Frau Reitz war auch hier damals. Eine charmante, kleine Frau. Sie hat hier in der Gesellschaft eine Lücke gelassen.«

Die Unbefangenheit seines Tones gab auch Iduna die Sicherheit wieder. Sie setzte sich in die Sofaecke, Stahl nahm ihr gegenüber Platz, nachdem er seinen Hut unter das Tischchen gestellt.

»Es ist überhaupt schade um das Haus«, fuhr er fort, »man hörte dort gute Musik, besonders wenn der Hausherr nicht selbst spielte, Frau Reitz verstand es, Leute um sich zu gruppieren und ans Haus zu fesseln.«

»Wissen Sie, was aus Frau Reitz geworden ist?«

»Keine Ahnung. Ich hörte, daß sie sich nach vollzogener Scheidung wieder verheiratet hätte, übrigens braucht das nicht wahr zu sein. Eine Zeitlang soll sie in mißlichen Verhältnissen gelebt haben – in Dresden oder Leipzig. Lange konnte es ihr keinesfalls schlecht gehen, sie war immer sehr energisch, mehr Kopf als Herz, enorm viel Liebenswürdigkeit bei großer Indifferenz.«

»Ich dachte ... Sie standen ihr nahe.«

»Ich ihr? Oh nein! Sie mir eher. Es gab eine Zeit, wo ich sie für eine warme, ehrliche Natur hielt. Ich war ihr sehr gut, so weit ich das sein durfte. Vielleicht hatte sie nur das eine kleine Unrecht – meine Freundschaft für ein wärmeres Gefühl zu halten, solche Irrtümer kommen vor, der Mann spielt dabei eine sehr undankbare Rolle; es bleibt ihm nur die Wahl zwischen Dummheit und Ehrlosigkeit.«

Er hielt einen Augenblick inne.

»Sprechen wir von etwas anderem, Frau Doktor, wollen Sie? Erst müssen Sie mir sagen, daß Sie mir nicht böse sind. Ich weiß, es gilt für eine gesellschaftliche Unmanier, so plötzlich auszubleiben – aber es hatte einen Grund. Jetzt da ich abreise für ein oder zwei Jahre, kann ich es Ihnen ja sagen. – Darf ich es Ihnen auch sagen?«

Die Frage kam ganz leise von seinen Lippen, aber seine Augen suchten in lauter, dreister Beharrlichkeit die ihren.

Iduna antwortete nicht, wie erstarrt über das Geständnis, das in dieser Frage lag, und doch rieselte ein warmer Strom durch ihren Körper, sie schloß die Augen in feiger Angst, in sehnsüchtigem Verlangen nach heißen, glühenden Worten, die sie nie gehört hatte vordem.

Aber es klang weder heiß, noch berauschend, als er fortfuhr, mit kaum merklichem Spott im Ton:

»Ich fürchtete, mich in Sie zu verlieben. Sie hatten es mir angetan gleich den ersten Abend, als ich Sie im Restaurant sah. Ich wurde manchmal sentimental, wenn ich an Sie dachte. Aber ich freute mich, daß Sie heirateten. Ich hätte Sie nie geheiratet – nie. Ich glaube nicht, daß Sie einen Mann beglücken können ... Sie sind eine Sucherin. Alles in Ihnen ist Frage, ist Verlangen. Wir sind aber arm, wir Männer, und da, wo viel von uns verlangt wird, werden wir mißmutig und gereizt. Ich habe Sie beobachtet aus der Ferne, unsere Gespräche beschränkten sich auf nichtssagende Phrasen, aber dennoch sah ich mit Genugtuung, daß Sie anfingen, sich anders zu geben, als Sie in Wirklichkeit sind. Sie wurden beinahe eine Frau wie hundert andere – es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre einmal heraufgekommen zu einem Ihrer Jours. Die Banalität sollte meine Empfindung paralysieren. Aber man zerstört nur ungern, was man Besseres in sich weiß – und das Bessere in mir zog mich in Gedanken zu Ihnen, hielt mich in Wirklichkeit weit von Ihnen zurück. Fassen Sie das nicht als Liebeserklärung auf, bitte nicht ... Impressionen sind noch keine Gefühle, aber sie sind wahrer als Gefühle, weil sie unmittelbarer sind.« Er stand nun auf und nahm Abschied von ihr. Es entging ihm nicht, daß sie ein wenig bleicher war, daß ihre Hand ganz kalt in der seinen lag. Das gehörte eigentlich so mit zu dem Bilde, das er von ihr mitnehmen wollte.

»Ich bleibe zwei, drei Jahre in England, um an den dortigen Kliniken zu arbeiten. Darf ich mich nach meiner Rückkehr wieder bei Ihnen melden?«

»Ja, kommen Sie ...«

Sie sah ihn nicht an dabei. Er aber zog ihre Hand flüchtig an seine Lippen:

»Auf Wiedersehen!«

Dann ging er. Sie dachte nicht einmal daran, ihm das Geleite zu geben. Aber sie fröstelte zusammen, als sich die Tür hinter ihm schloß, und dann fiel ihr ein, daß sie selbst ihm gar nichts gesagt hatte. Sie war ihm gegenüber eigentlich immer befangen gewesen. Er mochte sie vielleicht auch für dumm halten. Sie hatte nicht einmal Entrüstung markiert, sie hatte ihm ganz andächtig zugehört, und sie hätte ihm stundenlang so zuhören können. Es war ihr, als hätte er ihre Seele genommen, um sie leise zu zerpflücken, und sie hätte sich an diesem Spiel geweidet ...

Sie lächelte, und in ihren Augen standen Tränen ... Eine schmerzlich-süße Empfindung war es, wie vom leisen Wehen eines blütengetränkten Lufthauchs.

»Georgy!«

Da kam ihr der Name wieder auf die Lippen ... Der Grundton ihrer Seele schwebte in diesem Klang.

– – – Wie sich die Tage hinzogen, die Wochen und Monate. Lolo bekam die ersten farbigen Kleidchen. Sie plapperte auch schon mit ihrer Wärterin, der dicken Werner.

Die Werner war eine gute, vernünftige Person, hatte nichts vom Dienstboten der Jetztzeit. Sie hatte einmal in besseren Verhältnissen gelebt, mußte dann nach dem Tode ihres Mannes Stellung suchen, war lange Krankenpflegerin gewesen bei einem alten Herrn, hatte ohne zu murren seine Quängeleien und Schrullen ertragen, ihn bis zu seinem Tode treulich gewartet und war dann durch Frau Busse zu Iduna gekommen. Ihre junge Herrin kam ihr selbst wie ein Kind vor. Iduna sagte auch immer:

»Ja, wie Sie meinen, liebe Werner, Sie verstehen das viel besser.«

Es lag nicht so sehr Gleichgültigkeit in diesen Worten, als ein ängstliches Abwälzen der Verantwortung.

Die Werner lächelte dann ihr breites, gutmütiges Lächeln.

Sie handelte dann später, ohne vorher viel zu fragen. Zweifel, Sorgen, Unentschlossenheit pflegte sie mit stereotypem: »Wird schon werden« zu begegnen.

Es lag ein Segen auf allem, was die Frau tat. Gesunde Kraft ging von ihr aus, eine wohltuende Bestimmtheit, deren nur beschränkte Naturen fähig sind.

Die Werner war verständnislos jeder Abstraktion gegenüber, ihr Empfinden war instinktiv und einheitlich, die Äußerung ihres Empfindens durch keine Heuchelei geschult.

Lolo war ein Jahr alt, da hörte Iduna, wie die Werner mit dem Kinde sprach:

»Bist eine kleine Waise, Lottchen, hast weder Vater noch Mutter ... hopp, Lottchen, hopp ... Such Mama, such ... kannst suchen, Lottchen ... hopp!«

Iduna riß die Tür des Kinderzimmers auf, sie war totenblaß und zitterte an allen Gliedern.

»Geben Sie mir das Kind, hören Sie ... Wie wagen Sie, so etwas zu sagen! Geben Sie her ...«

Sie riß das Kind der Wärterin aus dem Arm.

»Gehen Sie, gehen Sie, Sie verlassen sofort mein Haus. Ich erlaube Ihnen nicht ... ich ... Sie sind eine schlechte, böse Person!«

Iduna schluchzte und preßte das Kind an sich. Lolo fing an zu schreien und streckte die Ärmchen nach der Wärterin aus.

Das brachte Iduna vollends außer sich. Sie schüttelte das Kind.

»Du sollst nicht zu ihr, ich bin deine Mutter, ich ...«

»Geben Sie das Kind her, Frau Doktor«, sagte die Werner bestimmt. »Das Kind kann ja nichts dafür, daß ich eine schlechte Person bin. Bis morgen kann ich wohl noch hierbleiben, dann mache ich schon mein Bündel.«

Sie beruhigte die Kleine, gab ihr Spielsachen und setzte sie in ihr Stühlchen. Iduna saß zitternd und schluchzend auf dem Bettrand. Die Werner brachte ihr Wasser ...

»Na, na, Frau Doktor, so bös war's ja nicht gemeint, Sie müssen sich nicht aufregen! Sie ballen die Hand ... gut, schlagen Sie zu, wenn Ihnen leichter wird danach, aber auf die rechte Schulter, bitte, links plagt mich das Rheuma. Na, sehen Sie, jetzt lachen Sie wieder! Strecken Sie sich aufs Bett aus, so ... O jeh, die kalten, kleinen Füße ... wie Eisklumpen!«

Sie nahm Idunas Füße und rieb sie warm zwischen ihren Händen, dann holte sie das Kind und setzte es aufs Bett.

»So, Lolochen, sag' deiner Mutter: die Werner ist ein Schaf und du bist mein liebes Mutting ... Gib Mama einen Kuß, Lotti, so, braves Kind ...«

Iduna hielt das Kind in den Armen und weinte nur noch ganz leise vor sich hin.

»Das hätten Sie nicht sagen sollen, Werner,« kam es nun ganz leise von ihren Lippen, »nicht das Kind ist eine Waise, nicht das Kind ...«

Die Werner fuhr mütterlich über Idunas Scheitel.

»Wird schon werden, Frau Doktor, wird schon werden ...«

Lolo spielte träge und schläfrig mit einem Kautschukpüppchen, und Idunas Lider senkten sich schwer auf die Augen herab. Die Werner nahm ihr Strickzeug und setzte sich ans Fußende des Bettes. Leise summte sie das alte Lied vor sich hin: »Schlaf, mein Kindchen, schlaf ...«

Und dabei schliefen sie wirklich ein, Mutter und Tochter, wie zwei Kinder ...

Seit jenem Tage war nie mehr die Rede davon, daß die Werner das Haus verlassen sollte. Iduna konnte ihr nichts erzählen von ihrer Sehnsucht, die brave Frau hätte sie nicht verstanden, aber manchmal, um die Dämmerstunde, wenn ihr so kalt und bang wurde, dann rief sie in den Korridor hinaus:

»Kommen Sie mit Lolo zu mir herein, Werner ...«

Dann näherten sich gewichtige Schritte, unbeholfenes Trippeln, und Iduna fühlte, wie die Angst schwand, das Bangen nachließ, wie sich Wärme um sie verbreitete.

Einmal sagte die Werner:

»Der Herr Doktor sollte sich den Bart schneiden lassen.«

»So ... ja, ich will's ihm sagen.«

Bei Tisch sah Iduna ihren Mann zum erstenmal seit langer Zeit aufmerksam an, wie einen Fremden, dem man nach längerer Abwesenheit wieder begegnet. Seine Hagerkeit und Blässe hatten in erschreckender Weise zugenommen, um die Mundwinkel lag ein bitterer Zug, Haupt- und Barthaar waren von zahllosen Silberfäden durchzogen und hingen ungepflegt um sein hartes Asketenantlitz.

»Du wünschest?« fragte er, als sein Blick dem ihrigen begegnete.

Iduna getraute sich nicht, ihm offen zu antworten.

»Stört dich das lange Haar nicht?« fragte sie.

Er sah sie kalt an.

»Dich?«

Er streckte die Hand nach dem Salzfaß aus und dabei schob sich seine Manschette zur Hälfte aus dem Ärmel. Die Manschette war nicht ganz sauber, Iduna wendete den Kopf ab und wurde rot, als hätte sie ein Vorwurf getroffen. Dabei empfand sie doch etwas wie physischen Widerwillen, ähnlich wie sie ihn als Kind empfunden, wenn sie einen schadhaften Schlips bei einem ihrer jugendlichen Verehrer entdeckt hatte. Der Widerwille gab ihr eine gewisse Gereiztheit, die Gereiztheit – Mut.

»Ich begreife nicht, wie man sich so vernachlässigen kann,« sagte sie, »die Dienstboten bemerken es.«

Es zuckte bitter um seinen Mund.

»Die geistige und innere Vernachlässigung ist freilich Dienstbotenaugen nicht sichtbar, scheint mir aber doch wesentlicher zu sein.«

So waren seine Antworten stets. Iduna hatte immer das Gefühl eines geprügelten Hundes. Alles an ihr bebte vor verhaltener Empörung. Delten aber neigte sich ruhig über eine Broschüre, die aufgeklappt neben seinem Teller lag. Seit vielen Wochen schon las er während der Mahlzeiten. Iduna fühlte die Geringschätzung heraus, die er ihr damit bewies. Jedes seiner Worte, jede seiner Handlungen enthielt eine Beleidigung für sie.

Er hatte in ihren Augen jeden Reiz der Männlichkeit eingebüßt. Zur Freundschaft standen sie zu weitab voneinander in ihrer geistigen Entwicklung, und da sie die Liebe von Weib zu Mann nicht verband, standen sie einander gegenüber wie zwei Feinde, die an die gleiche Kette geschmiedet sind. Die leiseste Bewegung des einen erinnerte den anderen an den Verlust seiner Freiheit. Die Kette rasselte klirrend zwischen ihnen.

Eines Tages stellte Iduna ihr Schlafzimmer um. Die Werner mußte ihr helfen, ihr Bett an eine andere Wand zu schieben.

»Wissen Sie, Werner, es zieht immer so – gerade auf meinen Kopf.«

Die Werner erwiderte nichts. Sie hatte angeborenen Takt. Iduna war aber doch nervös den ganzen Tag. Am Abend begab sie sich früher zur Ruhe als sonst. Sie wartete. Als Delten ins Zimmer trat, pochte ihr das Herz bis in den Hals hinauf. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie wartete auf den Ton seiner Stimme. Wenn er zornig würde ... beinahe ersehnte sie es. Sie krampfte die Hände ineinander unter der Bettdecke und wartete. Nichts! Sie hörte, wie er sich entkleidete, die Stiefel abstreifte, vor die Tür stellte, jetzt legte er sich nieder, dann blätterte er noch ein Buch durch und löschte die Kerze aus. Nichts.

Es schien ihr, als hätte er beim Löschen der Kerze gezögert, eine Sekunde, eine halbe Sekunde lang ... aber es war wohl ein Irrtum von ihr gewesen. Dann schlief sie ein. Sie schlief unruhig, von beängstigenden Träumen gequält. Auf einem Eisblock stand sie und wurde im Weltmeer herumgetrieben ... Hohe Eisberge schwammen auf sie zu, schlossen einen Kreis um sie, der immer dichter, immer enger wurde; sie klapperte vor Frost mit den Zähnen, sie rief um Hilfe – da sah sie das bleiche, dunkel-eingerahmte Gesicht ihres Mannes über sich ... es war ihr, als griffe der Tod nach ihr, und doch wurde es wärmer um sie, sie erfaßte die ausgestreckte Hand, wie um Rettung zu suchen ... Der Traum zerfloß, und Iduna lächelte im Schlaf, wie ein Kind, das man von einem großen Schreck erlöst.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, sah sie ihr Bettzeug so fest eingeschlagen, wie die Werner es in Lolos Bettchen zu tun pflegte. Kaum, daß sie die Arme rühren konnte. Delten war seiner Gewohnheit entsprechend schon längst aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.

Auf Idunas Klingelzeichen kam die Werner mit dem Kinde herein.

»Sie waren schon bei mir, Werner?«

»Nein. Der Herr Doktor sagte, Sie hätten die Nacht schlecht geschlafen, und wir sollten ganz leise sein.«

»So ...«

Iduna wurde nachdenklich, sie hob die Kleine zu sich aufs Bett und schloß sie in die Arme.

»Ähnelt das Kind mir denn gar nicht, Werner?«

Die Frau lächelte leise.

»Wird schon werden, Frau Doktor! Manchmal kommt sie von innen heraus, die Ähnlichkeit.«

Von innen heraus!

Dann hatte sie es ja in der Hand. Wenn es nur nicht so schwer wäre und mühsam. Und dann ... wäre es denn auch gut? Stets nur fragen und suchen und sich nach dem Glück sehnen in ewiger, verzehrender Unruhe. Sie hörte Dr. Stahls Worte: »Geheiratet hätte ich Sie nie, ich glaube nicht, daß Sie einen Mann beglücken könnten.« Es war eine Verurteilung! Arme kleine Lolo ... Nein, lieber sollte sie ihr nicht ähneln!

Nach langer Zeit zum erstenmal wartete Iduna mit Ungeduld auf ihren Mann. Sie wollte freundlich sein zu ihm. Nicht begehrend, forschend und fragend, nein, freundlich und gut, fügsam, weich ...

Aber wie er sich ihr gegenübersetzte mit dem blassen, starren Gesicht, die dunklen, kalten Augen beharrlich auf die aufgeschlagene Seite eines Buches gesenkt, da krampfte sich Idunas Herz zusammen. Güte, Freundlichkeit – ihm ... verlangte er danach? Er würde einen Hund zudecken, wenn der fröre und würde ihm einen Fußtritt versetzen, wenn er ihm dankbar die Hand leckte.

So verzehrten beide schweigsam ihr Mittagsmahl. Nichtssagende Phrasen wurden ausgetauscht.

Gehst du nach Tisch aus? – Du solltest dir mehr Bewegung machen. – Kommst du zum Abendbrot? – Laß, bitte, in meinem Arbeitszimmer nicht so stark heizen.

Dann kam das übliche: »Mahlzeit!«

Sie sahen sich kaum an dabei und gaben sich auch nicht die Hand. Aber plötzlich wendete sich Iduna um.

»Du siehst so abgespannt aus, willst du schwarzen Kaffee trinken? Soll ich ihn zu dir hineinschicken oder ... willst du bei mir ...«

Wieder schien es ihr, als zögerte er einen kurzen Augenblick wie vorige Nacht beim Löschen der Kerze, aber dann, zwar ohne Härte, aber doch kühl und bestimmt:

»Danke, bemühe dich nicht.«

Iduna atmete erleichtert auf. Sie hatte gefürchtet, er würde annehmen. Eine Stunde später ging sie mit Lolo und der Kinderfrau in die Stadt. Sie fuhren mit der Droschke zurück und brachten einen hohen Wandschirm mit. Diesen Schirm stellte Iduna vor ihr Bett. – –

Eines Abends wartete Iduna auf ihren Mann. Er kam immer pünktlich zu den Mahlzeiten nach Hause. Der Tisch war gedeckt, das Mädchen fragte schon zum drittenmal, ob sie den Tee aufbrühen sollte. Idunas bemächtigte sich eine gewisse Unruhe, sie blickte in einem fort auf die Uhr, ging im Zimmer auf und ab, endlich rief sie die Werner.

»Wo der Herr nur bleibt?«

»Frau Doktor sollten ruhig essen, der Herr wird schon kommen.«

Iduna ließ sich am Tisch nieder, das erstemal allein. Sie schämte sich vor dem bedienenden Mädchen, mühsam würgte sie ein paar Bissen herunter, mechanisch schlürfte sie eine Tasse Tee aus. Dann nahm sie ein Buch, das seit Tagen auf einem Tischchen lag – sie versuchte zu lesen ... es gelang ihr nicht. Kalte, schaurige Einsamkeit fühlte sie um sich. Sie ging in Deltens Zimmer. Die Arbeitslampe mit dem grünen Glasschirm erhellte den Schreibtisch. Aber es lagen keine beschriebenen Blätter, keine aufgeschlagenen Bücher mehr auf ihm; er wirkte kalt wie ein unbewohntes Zimmer in seiner peinlichen, seelenlosen Ordnung. Iduna spielte eine Weile mit den Bleifedern, zeichnete Figuren auf das rote Löschblatt, dann klappte sie das Tintenfaß auf, ohne recht zu wissen, was sie tat – die Tinte war eingetrocknet.

Nun klappte sie den Deckel zu, löschte die Lampe aus und glitt leise aus dem Zimmer. Sie wußte genug – Delten arbeitete nicht einmal mehr hier.

Es kam fortan öfter vor, daß Delten die Nacht über nicht heimkehrte. Er erklärte ihr die Notwendigkeit davon in wenigen Worten.

»Ich habe jetzt eine größere Arbeit vor, mein ganzes Material dazu habe ich in der alten Wohnung, es wäre mir zu mühsam, alles herüber zu schleppen, anderseits vergesse ich oft die Zeit am Schreibtisch ... Bin ich um acht Uhr nicht da, dann erwarte mich auch nicht.«

Iduna nickte stillschweigend. Manchmal vergingen drei, vier Tage, ohne daß sie ihren Mann sah. Und was ihr so schrecklich gewesen an jenem ersten Abend, jetzt war es ihr beinahe lieb, allein zu sitzen an dem großen Eßtisch. Auch sie nahm die Gewohnheit an, bei Tisch zu lesen. Sie abonnierte in einer Leihbibliothek und las Romane. Nach dem dreißigsten Bande packte sie ein Ekel vor dem seichten Zeug, denn was sie suchte – fand sie ja doch nicht: sich selbst. Und nur darum las sie ja.

»Es wird Frühling«, sagte die Werner eines Tages und öffnete weit das Fenster im Kinderzimmer.

»Alles neu, macht der Mai«, krähte Lolo und fuchtelte mit den Ärmchen in der Luft herum, als wollte sie die hereinflutenden Sonnenstrahlen einfangen.

»Hör auf, Lolo, hör auf ...«

Iduna hielt sich die Ohren zu.

»So ein blödsinniges Lied. Hat es jemals einen Menschen neu gemacht, Werner? Wird man schöner, wird man jünger im Mai? Nur um einen herum wird alles jung und schön, und da merkt man erst, daß man selbst stehen bleibt.«

»Aber, Frau Doktor ...«

»Ja, ja, sehen Sie mich nur an: ich bin gelb und spitz, und es freut mich der Frühling nicht ... Denn er bringt mir nichts. Nichts! Er nimmt mir nur wieder ein Jahr meines Lebens. Ich hasse den Frühling, Werner, ich hasse mein Leben, das wie sickerndes Blut von mir geht. Wer gibt mir meine jungen Jahre zurück! der Frühling ... ja, der!!«

Sie brach in krampfhaftes Lachen aus.

»Schließen Sie das Fenster, Werner, ich kann's nicht ertragen ... Er tut mir weh, der blaue Himmel! Ach, Werner, wo bleibt mein Leben, mein junges Leben! Sterbenskrank möcht' ich sein, dann würd' ich's vielleicht fühlen, das Glück des Lebens, und würde den Frühling lieben, dann würde ich auf Genesung hoffen ... hoffen ... Es muß gut sein ... hoffen.«

Große Tränen rollten ihr aus den Augen.

Lolo hob drohend den Finger:

»Brav sein, Mama.«

Brav sein! So sagte man ihr, wenn sie weinte.

»Brav sein, Frau Doktor«, wiederholte nun auch die Werner mit leisem Lächeln. »Sie sind noch so jung, so jung ... Was kann da alles kommen ...«

»Ja, nicht wahr, Werner, es muß noch etwas kommen ... irgend etwas ... meinetwegen Unglück, ich will's tragen ...«

»Versündigen Sie sich nicht, Frau Doktor! Bedenken Sie, wenn's Ihr Kind träfe, das Unglück?!«

Iduna zuckte zusammen, dann strich sie sich aufatmend das Haar aus der Stirn. Das Kind ... so ein Unglück wäre nicht ihr Unglück. Es war grauenhaft, daran zu denken: selbst wenn Lolo stürbe – ihr Leben berührte das nicht. Aber konnte sie das der Werner erklären? Die einfache Frau hätte sie nicht verstanden oder ein Ungeheuer in ihr erblickt.

Fleisch von ihrem Fleisch, Blut von ihrem Blut ... ja. Aber es war doch ein Wesen für sich, das neben ihr emporwuchs, wenn Lolo auf den Boden fiel und sich eine Beule schlug, fühlte sie, die Mutter, den physischen Schmerz? Nein, nur Mitgefühl ... Alles war mittelbarer, nicht unmittelbarer Zusammenhang. Und wenn Lolo ein Krüppel würde, so behielt sie, die Mutter, doch ihre schlanken, geraden Glieder, und wenn Lolo starb, so führte sie, die Mutter, ihr Leben weiter, ein Leben, in dem es auch noch Scherzen und Lachen gab oder Kummer und Verzweiflung, je nachdem, was unmittelbar auf sie einwirkte.

Jeder Kreis kann nur ein Zentrum haben. Das Leben eines jeden ist ein Kreis, der einen Punkt umschließt. Die Kreise können sich berühren, ineinander gehen, die Zentralpunkte sich dicht beieinander befinden ... aber jeder Kreis hat seinen Punkt, jeder Punkt seinen Kreis ...

Nein, Glück und Unglück sind nur ein glückliches oder unglückliches Ereignis. Über Ereignisse kommt man hinweg ... Nicht nach einem Ereignis war ihr Sehnen gerichtet ...

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