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Das Kind der Sühne

Karl Emil Franzos: Das Kind der Sühne - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Emil Franzos
titleDas Kind der Sühne
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
illustratorGerhard Goßmann, 1912 - 1995
printrun2. Auflage
year1965
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der lateinische Kanonier

Es sind zwölf Jahre seitdem verflossen, lange volle, schwere zwölf Jahre, aber wär' ich ein Maler, ich könnte doch alles aufzeichnen, Zug um Zug, so überaus deutlich steht es vor meinen Augen. Sogar an das graue Röcklein weiß ich mich zu erinnern, das mein Nachbar zur Linken trug, der Moses Salzmann, und an die Stiefelhosen des Theodor Bohusiewicz. Aber ich bin leider nur ein Zeichner in Worten geworden und muß es daher so versuchen. Denkt euch also einen recht düstern, regnerischen Februartag und in seinem Licht ein recht düsteres, verregnetes Städtlein und in einer der koterfüllten Straßen ein großes, graues, unheimliches Haus und in diesem Hause eine große, graue, unheimliche Stube. Freilich zittert für mich, während ich dies niederschreibe, hellgoldiger Sonnenschein über dies düstere Bild, der Sonnenschein der Erinnerung an die eigene Jugend. Denn ich sehe ja auch mich unter den vielen fünfzehn-, sechzehnjährigen Jungen, die da auf niedrigen Schulbänken beisammensitzen in jener grauen Stube. Bang und klopfenden Herzens sitzen wir da und blinzeln nur zuweilen scheu nach dem Katheder hin, als stände dort ein Tiger oder ein Gespenst oder gar der Herr Direktor.

Es steht aber nichts Ähnliches dort, sondern im Gegenteil ein hübscher, freundlicher junger Mann, der eben lächelnd den Knoten einer Schnur löst, durch die ein Haufen von Heften zusammengehalten wird. Das ist der Professor des Latein, Herr Wilhelm Lang, und diese Hefte sind unsere Hauspensa. Er lächelt, weh uns, wir kennen dieses Lächeln. Wer die Aufgabe schluderhaft gearbeitet, erbleicht, und wer sie gar von anderen abgeschrieben, knickt zusammen wie ein Taschenmesser. Aber selbst durch die Reihen der ›Vorzugisten‹ geht leises Beben. Denn wer kann sich rühmen: »Ich bestehe vor Professor Lang«, und wer darf von sich sagen: »Ich bin ein Gerechter in seinen Augen?!«

Er lächelt – ach! Er lächelt immer stärker. Und nun ergreift er eines der Hefte und hält es hoch empor. »Raten Sie«, fragt er, »wer hat die Aufgabe am besten gearbeitet?«

Tiefste Stille. Nur einige Seufzer werden hörbar.

»Nun – niemand? Also, die beste Arbeit ist die unseres weisen Aristides, Aristides Lewczuk.«

Das ist ein Witz. Und darum wird in den ersten drei Bänken, wo die braven Schüler sitzen, pflichtschuldigst gelacht und in den mittleren Bänken, wo die minder braven Schüler sitzen, minder pflichtgemäß gekichert. In den letzten Bänken aber, wo die Trotzigen und die Faulen hocken, die verkannten Genies und die Spezies, denen immer »Unrecht« geschieht, dort lacht man nicht und kichert man nicht, wenn ein Professor einen Witz macht. Dort bleibt es grabesstill. Aber warum ist das mit dem weisen Aristides ein Witz? Und wer ist Aristides Lewczuk?!

Quintaner, Quintaner des Gymnasiums zu Czernowitz. Aber noch manches dazu. Seht ihn euch nur einmal an, den großen, plumpen, sechsundzwanzigjährigen Menschen – dort, nahe an der Wand, auf der hintersten Bank. Er hat den Spitznamen »das Faultier«, und wer ihn so in seiner Bank, in welcher er Alleinherrscher ist, lümmeln sieht, das gelblich aufgedunsene Antlitz mit den schwarzen, glotzigen Äuglein auf beide Arme gestützt, wird die Bezeichnung nicht so ganz unpassend finden. Er ist soeben durch einen freundschaftlichen Nasenstüber seines Vordermannes aus sanftem Dusel aufgewacht und blickt nun nicht sonderlich geistreich um sich. Geistreich sein ist überhaupt nicht seine Sache. Der arme Junge! Bis zu seinem vierzehnten Jahr hat er selig und zufrieden zu Mamornitza gelebt, dem schmutzigen Rumänendörflein an der Grenze, allwo sein Vater Ortsrichter ist, und kein Drang nach dem Höheren hat ihn gequält. Aber das war leider bei seinem Vater der Fall: Aristides mußte studieren und Priester werden. Und so ist der arme, dumme Junge zur Stadt gekommen und hat die Volksschule absolviert. Ach, nur Gott hat die Tränen und die Schläge gezählt! Darauf freilich hat Aristides dem Vater erklärt, ihm scheine, er habe »keinen Kopf für das Lateinische«. Aber der Herr Ortsrichter war anderer Ansicht, und so hat sich Aristides in sein Schicksal gefügt, eine Leuchte der griechisch-nichtunierten Christenheit zu werden. Freilich scheint sich gleichzeitig die Überzeugung bei ihm ausgebildet zu haben, besagte Christenheit habe es nicht so eilig. Denn er hat sich nicht überstürzt und genau acht Jahre für das Untergymnasium gebraucht. Und nun sitzt er in der Quinta, in der letzten Bank, der arme, tölpelhafte, vielgehänselte ›ultimus ultimorum‹ ...

»Lewczuk!« sagt der Professor – Aristides erhebt sich zögernd und kratzt sich hinter dem Ohr –, »daß ein anderer die Aufgabe abgefaßt hat, ist klar, denn sie ist nicht bloß grammatikalisch richtig, sondern in fast elegantem Latein geschrieben. Und darum begnüge ich mich nicht damit, Ihnen eine ›Dritte‹ einzuzeichnen und dazu die Note ›Hat zu betrügen versucht‹« – Aristides kratzt sich stärker –, »sondern ich frage Sie auch sehr ernst: Wer ist der Autor?! Ein Gymnasiast ist's nicht!« Aristides schweigt.

»Nun – wird's bald?«

»Ich kann nicht sagen, wer ist«, stammelt Aristides endlich weinerlich in seinem schwerfälligen Deutsch, »ich kann nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil er kriegt sonst gleich fünfundzwanzig.«

Wir brechen in stürmisches Lachen aus, auch der Professor lächelt. Nur Aristides bleibt todernst. »Herr Hauptmann laßt ihm gewiß geben«, fügt er bestätigend hinzu.

»Kommen Sie her, Lewczuk!« ruft Lang ungeduldig. Aristides avanciert langsam, bis er endlich vor dem Katheder steht. »Ist denn Ihr bißchen Verstand auch noch rebellisch geworden? Wer hat die Aufgabe gemacht?«

»Der lateinische Kanonier hat gemacht ... Ich weiß nicht, wie er heißt ... Andere Soldaten sagen immer ›Lateiner‹. Herr Hauptmann ruft auch ›Lateiner‹.«

»Und wo haben Sie diese merkwürdige Bekanntschaft gemacht?«

»Bei uns – im Hof – bei der Frau Terlecka. Da wohnt auch Herr Hauptmann mit Pferde. ›Lateiner‹ ist Privatdiener vom Herrn Hauptmann, bedient Pferde ... «

Die Klasse windet sich in Lachkrämpfen. »Und dieser Pferdeknecht hat die Aufgabe verfaßt?« ruft der Professor. »Wer ist denn dieser Mensch?«

»Sehr guter Mensch!« versichert Aristides. »Brave Seele, aber ist immer traurig, immer traurig, krank, so auf der Brust. Kommt er neulich zu mir, sagt: Sie sind Student? Sag' ich: Ja! Sagt er: Ich bitte, leihen Sie mir Bücher. Sag' ich: Ich hab' nur Schulbücher. Sagt er: Leihen Sie mir Schulbücher. Geb' ich Mathematik. Fragt er: Vielleicht Klassiker? Frag' ich: Können Sie Lateinisch, Griechisch? Sagt er: Ja! Geb' ich ihm Ovid, liest er Ovid. Geb' ich ihm Xenophon, liest er Xenophon. Geb' ich ihm Homer, liest er Homer. Ohne Wörterbuch – kann sehr gut! Frag' ich: Warum sind Sie gemeiner Soldat? Sagt er: Schon fünfzehn Jahre – erzählt mir – wegen Paket, wegen Spitzel, wegen schlechte Menschen.«

»Wie?« unterbrach ihn der Professor erstaunt.

»Wegen Paket«, wiederholte Aristides unerschütterlich, »wegen Spitzel, wegen schlechte Menschen. Wissen Sie – Prager Revolution. Hör' ich zu, Herz tut mir weh, sag' ich: ist traurig! Frag' ich: Aber können S' vielleicht diese Aufgabe machen? Sagt er: Ja! Sag' ich: Also machen S'. Macht er. Schreib' ich ab.«

Der Professor war ernst und nachdenklich geworden. »Wohnt jemand von Ihnen in der Nähe des Lewczuk?« fragt er dann. Ich meldete mich.

»Bitte, lassen Sie sich von Lewczuk hinführen. Sprechen Sie mit dem Mann, und berichten Sie mir dann darüber. Vielleicht läßt sich etwas für ihn tun.«

Die drei Schulstunden des Vormittags waren vorüber. Ich ging mit Lewczuk durch die kotigen, schmutzigen Gäßchen, auf denen der dicke Nebel lag, seiner entlegenen Wohnung zu – in der »Russischen Gasse«. Mein Mitschüler war so aufgeregt, als es nur überhaupt möglich war bei so glücklicher Naturanlage. »Verflucht, wann aufkommt«, meinte er in seinem sonderbaren Deutsch. »Hauptmann bekommt Wind – wird bös – laßt fünfundzwanzig geben – Mensch ist krank – wird hin – wer ist schuld? Ich!« Dann aber meinte er: »Was, ich? Nicht ich! Er selbst! Sag' ich ihm gleich: Ich bin kein Primus – ich bin kein Vorzugist – ich bin ein schlechter Schüler. Machen S' also Fehler hinein: vier Fehler – genügend – oder fünf – hinreichend – oder sechs – zur Not ausreichend. Aber – so er verspricht – macht doch ohne Fehler – natürlich! – Lang riecht Braten!« Ich erlaubte mir bescheiden zu fragen, warum mein geehrter Kollega nicht bestrebt sei, durch eigene Kraft nur sechs Fehler in einer Aufgabe zu machen. »Nützt nichts«, meinte er in fatalistischer Ergebung, »bin ja erstes Jahr in Quinta, muß ja ohnehin repetieren. Kein Kopf – zu dumm. Aber schadet nichts! Will ich denn ein Doktor werden? Nein! Oder Advokat? Nein! Oder Professor? Nein! Also – nur Pfarrer – Dorf, Bauern – Kopf gut genug!« Dieses Bekenntnis legte er mir an der Pforte seiner Wohnung ab. Wir wateten durch den Kot des Hofes. »Dort Stallung«, sagte Aristides und wies auf einen kleinen, halb verfallenen Bau, »dort wirst finden. Ich geh' Schlaf machen – bis Mittag. Servus!« Und fort war er.

Ich trat in die Stalltür. Zwei glänzend gestriegelte Pferde wieherten mir entgegen, an den Wänden hingen Waffen und Monturstücke. Schon wollte ich mich zurückziehen, da klang mir aus dem Hintergrund, wo ein Lager sein mochte, heftiges Husten entgegen und dann die Frage: »Was wünschen Sie?«

Ich blickte hin, vermochte aber im düstern Licht dieses Tages nichts wahrzunehmen. So rührte ich an den Hut und sagte so in die Dämmerung hinein: »Ich wünsche den Herrn lateinischen Kanonier zu sprechen.«

Der Mann erhob sich und trat mir entgegen. Er war ziemlich hoch gebaut, aber die Haltung war schlaff, die Gestalt verfallen. Er mußte sehr krank sein, hoffnungslos krank. Man sah es auch an dem Gesicht. Es war fahl und eingesunken und düster, so entsetzlich düster. Und noch etwas anderes las man aus diesem Gesicht: daß Reithose und Stalljacke nicht die rechte Bekleidung für diesen Menschen sind. Ich weiß nicht, wie es kam, aber – ich zog den Hut.

»Ich bin der Kanonier, den Sie suchen.« Ein leises, leises Lächeln spielte dabei um seine Mundwinkel. Hierdurch wurde ich erst inne, daß ich, der Wildfremde, ihn eigentlich bei seinem Spitznamen genannt. Dies machte mich so verlegen, daß ich die Erzählung von dem Hauspensum unseres Aristides und dem Auftrag Längs nur sehr verwirrt hervorbrachte.

Er sah mich dankbar an mit seinen traurigen blauen Augen. »Ich danke dem Herrn Professor für seine Freundlichkeit und Ihnen für die Mühe – ich danke Ihnen herzlichst. Es tut mir leid, daß der arme Lewczuk Verdruß gehabt hat, aber die ›sechs Fehler‹ habe ich wirklich vergessen. Ich hab's überhaupt nicht gern getan, aber ich war ihm auch Revanche schuldig für die Bücher, die er mir geliehen hatte. Und die Aufgabe war richtig?«

»Und wie! Der Herr Professor hat gleich gesagt: Das hat kein Gymnasiast geschrieben!«

»Ja«, sagte er, »wenn man einmal sein Leben an etwas gewendet hat, so vergißt man's nicht so leicht wieder.« Er hustete krampfhaft, und ich sah entsetzt, wie ihm einen Augenblick lang blutiger Schaum auf die Lippen trat. Dann ließ der Anfall nach, und er fuhr fort: »Seit fünfzehn Jahren habe ich kein lateinisches Buch in der Hand gehabt. Nur den Homer hatte ich.« Er ging nach seinem Lager und brachte mir das kleine, dicke, abgerissene Büchlein – eine alte Duodezausgabe der Iliade und der Odyssee. »Das hatte ich in jener Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1849, da sie mich zu Prag aus dem Bett rissen, zu mir gesteckt und seitdem, wie durch ein Wunder, überall durchgeschmuggelt. Ich sollte dem Buch eigentlich zürnen«, fuhr er mit entsetzlichem Lächeln fort, »es hat mich am Leben erhalten.«

»Oh, ich weiß«, rief ich, »Sie waren bei der Prager Revolution!«

Er schüttelte den Kopf. »Nein! Ich habe mich nie um Politik gekümmert. Ich war ein stiller, fleißiger Student der Philologie, der nur seinen Studien lebte. Mein Verbrechen war ein anderes: Ich habe einmal einen gekannt, der sich um Politik kümmerte.«

»Wie?!« rief ich entsetzt. »Und darum hat man Sie so behandelt?«

»Ja, darum!« Dann aber meinte er ablenkend: »Sagen Sie, ich bitte nochmals, dem Herrn Professor, daß ich ihm herzlich danke, aber ich wüßte kaum, was sich noch etwa für mich tun ließe.«

»Aber, Sie sind ja krank! Sie können ja unmöglich länger hier bleiben – in dem feuchten Stall!«

»Es wird ja bald Frühling!« erwiderte er mit einem Lächeln, welches mir durchs Herz schnitt. »In der schönen Zeit wird mir immer besser. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, mein junger Freund, so werde ich sogar in diesem Frühling gesund, ganz gesund!«

Mir schossen die Tränen in die Augen. »Sprechen Sie nicht so!« bat ich. »Es kann ja noch alles gut werden! Wir haben ja jetzt den Schmerling!« Ich erinnerte mich, wie drei Jahre vorher, Ende Februar 1861, die ganze Stadt und insbesondere das Gymnasialgebäude zu Ehren der Februarverfassung beleuchtet gewesen und wie wir Schüler auf Anweisung unseres Klassenlehrers damals ein riesiges Transparent angefertigt: ›Libertas et justitia Austriae fundamenta‹. Und darum fuhr ich fort: »Wir haben ja jetzt eine Konstitution. Jetzt darf niemand länger Unrecht geschehen. Jetzt ist ja Österreich auf Freiheit und Gerechtigkeit erbaut.«

Er lächelte, lächelte so sonderbar, daß ich stockte. Ich habe mich oft dieses Lächelns erinnern müssen – am 30. Juli 1865 – am 6. Februar 1871. Und wer weiß, wie bald mir wieder dieses Lächeln wird einfallen müssen?

»Vielleicht können wir«, schloß ich, »Ihnen einstweilen Ihr Los erträglicher machen. Sie wünschen Bücher?«

»Oh!« rief er erfreut, »das wäre freilich sehr schön! Wenn Sie diese Güte haben wollten! Sie wissen gar nicht, wieviel Sie da an mir täten!« Er war wie elektrisiert, seine Augen glänzten. »Wenn mir der Herr Professor einen tüchtigen Kommentar zum Homer leihen könnte! Oder ist vielleicht eine neue bedeutende Streitschrift über die Entstehung dieser Epen erschienen? Ich bin in dieser Frage ein Anhänger des Alten von Halle, Friedrich August Wolfs. Dann vielleicht Horaz. Sehen Sie, wie ich gleich unersättlich bin! Und dann: Schillers Gedichte möchte ich auch noch einmal gern lesen, bevor ich – bevor es Frühling wird!«

»Alles will ich besorgen«, versprach ich eifrig. »Die Klassiker hole ich nachmittags vom Herrn Professor, aber den Schiller habe ich selbst, den hole ich gleich!«

Ich lief heim und brachte ihm das Buch. Die Art, wie er danach griff und zitternd die erste Seite aufschlug und halblaut zu lesen begann, werde ich niemals vergessen.

Darauf ging ich zu Lang und erzählte ihm alles. Er war tief erschüttert und zeigte die lebendigste Teilnahme. Damals sah ich erst, wie edel und gut der Mann war und daß seine Schärfe gegen uns nur das Ergebnis eines vielleicht nicht ganz richtigen pädagogischen Kalküls. Er hätte mir gern gleich seine ganze Bibliothek mitgegeben. Beladen wie ein Maulesel trabte ich in die »Russische Gasse«. Gleichzeitig überbrachte ich eine Einladung des Professors, ihn doch ja baldmöglichst zu besuchen. Der arme Kanonier war bis zu Tränen gerührt. Alle Bücher schlug er auf und las die Titel und rief einmal über das andere: »Oh, daß ich das noch erlebe!« Dann brachten wir alles in Lewczuks Stube. Hier, im ärarischen Stall, waren die Bücher nicht vor Konfiskation sicher. Der wackere Aristides begriff zwar die Freude des armen Lateiners nicht recht, aber er teilte sie. »Freut sich über Bücher«, sagte er erstaunt zu mir, »ich freu' mich nie über Bücher. Aber wann sich nur freut – armer, kranker Mann – freu' ich mich auch!«

Auch die Einladung nahm der Kanonier dankbar an. »Am nächsten Sonntag«, sagte er, »wenn mein Hauptmann auf der Jagd in Zuczka ist.«

Ich führte ihn an gedachtem Tage in das Haus des Professors und durfte auch dableiben. Es war ordentlich rührend zu sehen, wie der gebrochene, todkranke Mann gleichsam neu auflebte im Verkehr mit einem gebildeten Mann, der lebhaftesten Anteil an ihm nahm und überdies dieselben gelehrten Studien betrieb wie einst er selbst. Und an jenem Tage erzählte er uns die Geschichte seines Leben, eine schlichte, hausbackene Geschichte und doch voll zermalmender Tragik.

»Ich heiße Franz Bauer und bin im südlichen Böhmen bei Budweis geboren. Meine Eltern waren sehr arme Leute, und ich mußte mich ganz durch eigene Kraft emporringen. Schon während der Gymnasialzeit erhielt ich mich von Privatlektionen und half mir dann auch durch die beiden philosophischen Jahrgänge und später auf der Universität auf gleiche Weise fort. Ich bezog die Prager Hochschule 1847 und studierte Philologie. Die Klassiker waren mir schon früher lieb und wert gewesen, jetzt vollends wurde mir mein Studium zur Leidenschaft, die mein ganzes Sinnen und Trachten ausfüllte. An der Bewegung von 1848 nahm ich so gut wie gar keinen Anteil, den Prager Junitagen stand ich ganz fern. Nicht etwa, als ob ich stumpf gewesen wäre für die Ideale, die man damals verfocht. – Es waren die Ideale der Nationalität und der Freiheit, und die hatten mir auch meine Alten gepredigt, wenn auch in ihrer Weise, aber ich war keine Natur, die für lautes Treiben, für Demonstrationen und Agitationen paßte. Ich war ein stiller, scheuer Mensch und kannte mich eigentlich nur in meinen Büchern aus. Damals begann ich auch die Vorarbeiten für eine große Abhandlung: ›Über die Entstehung der homerischen Epen‹. Der Winter verging mir in rastloser Arbeit, der Frühling von 1849 kam. Da entlud sich das Unglück über mich, jäh und plötzlich wie der Blitz.

Ich verkehrte damals hie und da mit einem Landsmann und Studiengenossen, der Mitglied der damaligen Burschenschaft ›Marcomannia‹ war. Er war ein braver, fleißiger Mensch, dabei schwärmerisch und den revolutionären Ideen mit Leib und Seele ergeben. Der kam nun eines Tages im März zu mir und erzählte mir, es habe sich ein großer Geheimbund gegen die ›schwarzgelbe Tyrannei‹ gebildet, dem auch er angehöre. Der Bund bestehe aus jungen Leuten aller Stände, Deutschen und Tschechen, und habe Fühlung mit dem Landvolk und durch einige Offiziere böhmischer Regimenter auch mit dem Militär. Zweck des Bundes sei, sich des Prager Hradschins und sämtlicher Festungswerke zu bemächtigen. Auf dieses Signal hin werde sich das ganze Land erheben. Er lud mich ein, dem Bund beizutreten, was ich rundweg abschlug. Auch warnte ich ihn, sich nicht in so gefährliche Dinge einzulassen. Er aber meinte, erstens sei es Pflicht, das Vaterland zu befreien, zweitens könne die Sache gar nicht fehlschlagen, denn der Prager Bund stehe nicht allein, er habe durch den russischen Agitator Bakunin Fühlung mit einer großen revolutionären Liga in Dresden und unterhalte Beziehungen zu Görgey, der ja die k.k. Truppen ununterbrochen schlage und sehr bald in Pest, bald auch in Wien sein werde. Überdies stehe der Bund unter der Leitung bewährter und erfahrener Patrioten.

Natürlich blieb ich trotzdem bei meiner Weigerung und Warnung, und er brach verstimmt ab, nachdem er mir noch das Versprechen abgenommen, nichts von den anvertrauten Geheimnissen zu verraten. Wir sprachen auch in der Folge nicht wieder über das Thema, und ich vergaß fast die Sache. Sonderlich viel interessiert hatte sie mich überhaupt nicht; sie war mir mehr als eine törichte, knabenhafte Schwärmerei erschienen denn als etwas Ernstes. Da sollte ich fürchterlich daran erinnert werden.

Mein Freund und Landsmann hatte mich auch in der Folge, während des April, mehrere Male besucht. Er pflegte mich gewöhnlich am späten Nachmittag abzuholen, worauf wir bis in die Nacht hinein einen größeren Spaziergang machten. So kam er auch in der Abenddämmerung des 9. Mai zu mir, wie wir schon früher verabredet. Er trug ein großes versiegeltes Paket unter dem Arm. ›Da bin ich‹, sagte er. ›Aber nun mußt du mich auf meine Stube begleiten, da will ich das Paket hier in Sicherheit bringen. Dann stehe ich zu deiner Disposition.‹ Da er aber in einem entlegenen Gäßchen der Kleinseite wohnte und wir einen Spaziergang in entgegengesetzter Richtung geplant hatten, so meinte ich lachend: ›Laß doch deinen Schatz bis morgen hier, hier ist er auch in Sicherheit. Was ist denn drin?‹ – ›Allerlei Papiere‹, erwiderte er und ging auf meinen Vorschlag ein. Wir gingen fort und verbrachten einige recht angenehme Stunden. Gegen zehn Uhr kehrte ich heim, las noch einige griechische Verse und schlief dann ein.

Es mochte gegen drei Uhr morgens sein, da weckte mich Gepolter an meiner Tür. Erschreckt fuhr ich auf. Ich hörte draußen den Jammerruf meiner alten Hausfrau, die barsche Frage: ›Wo schläft er?‹ und dazu das Geklirr von Waffen. ›Die Soldaten!‹ rief ich entsetzt und sprang auf. Mein erster Gedanke war das verhängnisvolle Paket. Das mußte ich beiseite bringen. Aber es war zu spät, da war schon die Patrouille im Zimmer. Ich ward verhaftet, meine Bücher flüchtig durchstöbert, meine Papiere, darunter das Paket, welches ich noch immer in der Hand hielt, zusammengerafft und fortgeschleppt. Dann zerrte man mich die Treppe herab und führte mich auf einem Wägelchen durch die dämmerigen Gassen zum Hradschin. An den Straßenecken der Stadt, die noch im tiefen Schlaf lag, war eine Proklamation angeschlagen, welche die Einführung des Belagerungszustandes verkündete. Auch ich sah, wie eben aus einem Haus eine Eskorte heraustrat, in ihrer Mitte ein junger Mensch, ein Student. Er war totenblaß, aber er hielt das Haupt aufrecht und seine Augen leuchteten. ›Hoch die heilige Sache!‹ rief er mir begeistert zu. Ich erwiderte nichts, ich war wie betäubt.

Droben waren die Kanonen auf die Stadt gerichtet, der Hradschin glich einem Feldlager ... Ich ward in ein Gefängnis geworfen. Hier erst kam ich allmählich zum Bewußtsein meiner Lage. Kein Zweifel, jene Verschwörung, von der mein Freund gesprochen, war entdeckt, ich als Mitschuldiger verhaftet. Man hatte die Papiere bei mir gefunden. Ich wußte nicht, wie man darauf gekommen, aber ich war verloren. Dann aber richtete ich mich wieder auf. Ich war ja unschuldig, und wenn ein Gott im Himmel lebte, so konnte er nicht dulden, daß ich ein Verbrechen büßte, welches ich nicht begangen ... «

Der Erzähler hielt inne. »Und ich habe es doch gebüßt!« rief er laut und verzweiflungsvoll. »Gebüßt mit meinem ganzen Leben.« Dann beruhigte er sich wieder und setzte hinzu: »Die näheren Umstände haben für Sie wohl wenig Interesse. Ich war durch jenen Freund ins Unglück gekommen, aber nicht mit seinem Willen. Er war kurz nach Mitternacht verhaftet worden. Er war noch wach gewesen, hatte die Tür verriegelt und in fliegender Hast einen Zettel an mich geschrieben: ›Vernichte die Papiere!‹ Den hatte er seinem gleichfalls aus dem Schlaf gestörten jammernden Hausherrn zur Besorgung übergeben. Und dieser, ein seltsamer Biedermann, hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihn samt meiner Adresse dem Führer der Patrouille zu übergeben. Es ging sehr rasch.

Nicht so rasch ging es mit dem Verfahren gegen mich. Erlassen Sie es mir, Ihnen meine Qualen zu schildern, glauben Sie mir, es würde Ihnen das Herz schwer machen. Die Verhandlung rückte langsam vor, und ich erfuhr eigentlich erst während der unzähligen Verhöre vom Auditor, was für ein gefährlicher Mensch ich war. Meine Unschuld kam nicht an den Tag. Die Herren vom Kriegsgericht sprachen mich schuldig. Ich ward zum Tod verurteilt. Die Strafe ward im Gnadenweg zu zwanzigjährigem Dienst im Fuhrwesenkorps gemildert. Was so die Menschen Milde und Gnade nennen!

Fünf Jahre später lernte mich mein Hauptmann kennen. Er war Vorsitzender eines Militärgerichts, welches mich wegen Aufhetzung meiner Kameraden – ich hatte ihnen meine Geschichte erzählt – zur Versetzung in eine Strafkompanie verurteilte. Mein Schicksal rührte ihn, er nahm mich als Privatdiener zu sich und behandelt mich ziemlich menschlich, das heißt, wenn er nüchtern ist. Sehen Sie, das ist mein Leben!« Und leise, sehr leise, fügte er noch hinzu: »Ach! Wenn es nur schon Frühling wäre!«

Ich will nicht beschreiben, was wir beiden Zuhörer bei dieser Erzählung empfanden. Der Professor suchte das Los des Mannes zu mildern, wo er nur immer konnte, und ich trug ihm wenigstens fleißig Bücher zu, da ich doch nichts andres für ihn zu tun vermochte. Seine Ahnung, seine Hoffnung, er werde im Frühling genesen, hat ihn nicht getäuscht.

An einem sehr schönen Maitage – es war ein Sonntag – ging ich mit mehreren Mitschülern die »Russische Gasse« hinab. Wir wollten nach dem Wäldchen von Horecza. Da kam uns Aristides entgegen. Er schlenderte der Stadt zu. »Hei!« riefen wir, »komm mit, Lewczuk!« Er war uns als Sündenbock immer willkommen. Aber Aristides schüttelte ernst das Haupt. »Ich geh' auf Begräbnis«, sagte er, und zu mir gewendet fuhr er fort: »Komm mit, ›Lateiner‹ ist tot, armer, kranker Mann, tut nichts mehr weh. Donnerstag bekommt Blutsturz – Hauptmann laßt ihn in Spital schleppen – Freitag früh gestorben. Heute, vier Uhr, ist Begräbnis – ich hab' Sanitätssoldat Schnaps gezahlt – hat mir erzählt.«

Wir gingen zum Militärhospital. Punkt vier Uhr kam der traurige Zug geschritten – der Leichenzug eines gemeinen Soldaten. Nur ich und Aristides mochten Leid empfinden. Die Zeremonie auf dem Friedhof war sehr kurz. Der Seelsorger sprach ein kurzes Gebet, dann ward der Sarg ins Grab gesenkt, und zwei tschechische Sanitätssoldaten schaufelten es lustig zu. Ich kann nicht sagen, was ich dabei empfand. Auch Aristides war sehr bewegt. »Wegen Paket«, murmelte er, »warum hat Gott zugelassen?« Warum? Ich weiß keine Antwort darauf. Aber der liebe Gott wohl auch nicht und ebensowenig die – österreichische Regierung.

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