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Das Käthchen von Heilbronn

Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn - Kapitel 9
Quellenangabe
typedrama
booktitleDas Käthchen von Heilbronn
authorHeinrich von Kleist
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000040-8
titleDas Käthchen von Heilbronn
pages1-3
created19981224
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Dreizehnter Auftritt

Die Vorigen, ohne Käthchen.

Der Graf vom Strahl.
Ihr Leut, hier ist ein Beutel Gold für den,
Der in das Haus ihr folgt!

Kunigunde.                               Warum? Weshalb?

Der Graf vom Strahl.
Veit Schmidt! Hans, du! Karl Böttiger! Fritz Töpfer!
Ist niemand unter euch?

Kunigunde.                           Was fällt Euch ein?

Der Graf vom Strahl.
Mein Fräulein, in der Tat, ich muß gestehn –

Kunigunde.
Welch ein besondrer Eifer glüht Euch an? –
Was ist dies für ein Kind?

Der Graf vom Strahl.               – Es ist die Jungfrau,
Die heut mit so viel Eifer uns gedient.

Kunigunde.
Bei Gott, und wenns des Kaisers Tochter wäre!
- Was fürchtet Ihr? Das Haus, wenn es gleich brennt,
Steht, wie ein Fels, auf dem Gebälke noch;
Sie wird, auf diesem Gang, nicht gleich verderben.
Die Treppe war noch unberührt vom Strahl;
Rauch ist das einzge Übel, das sie findet.

Käthchen (erscheint in einem brennenden Fenster)
Mein Fräulein! He! Hilf Gott! Der Rauch erstickt mich!
- Es ist der rechte Schlüssel nicht.

Der Graf vom Strahl (zu Kunigunden).
Tod und Teufel!
Warum regiert Ihr Eure Hand nicht besser?

Kunigunde.
Der rechte Schlüssel nicht?

Käthchen (mit schwacher Stimme). Hilf Gott! Hilf Gott!

Der Graf vom Strahl.
Komm herab, mein Kind!

Kunigunde.                               Laßt, laßt!

Der Graf vom Strahl.                               Komm herab, sag ich!
Was sollst du ohne Schlüssel dort? Komm herab!

Kunigunde.
Laßt einen Augenblick –!

Der Graf vom Strahl.             Wie? Was, zum Teufel!

Kunigunde.
Der Schlüssel, liebes Herzens-Töchterchen,
Hängt, jetzt erinnr' ich michs, am Stift des Spiegels,
Der überm Putztisch glänzend eingefugt!

Käthchen.
Am Spiegelstift?

Der Graf vom Strahl. Beim Gott der Welt! Ich wollte,
Er hätte nie gelebt, der mich gezeichnet,
Und er, der mich gemacht hat, obenein!
- So such!

Kunigunde.       Mein Augenlicht! Am Putztisch, hörst du?

Käthchen (indem sie das Fenster verläßt).
Wo ist der Putztisch? Voller Rauch ist alles.

Der Graf vom Strahl.
Such!

Kunigunde. An der Wand rechts.

Käthchen (unsichtbar).               Rechts?

Der Graf vom Strahl.                               Such, sag ich!

Käthchen (schwach).
Hilf Gott! Hilf Gott! Hilf Gott!

Der Graf vom Strahl.                       Ich sage, such! –
Verflucht die hündische Dienstfertigkeit!

Flammberg.
Wenn sie nicht eilt: das Haus stürzt gleich zusammen!

Der Graf vom Strahl.
Schafft eine Leiter her!

Kunigunde.                           Wie, mein Geliebter?

Der Graf vom Strahl.
Schafft eine Leiter her! Ich will hinauf.

Kunigunde.
Mein teurer Freund! Ihr selber wollt –?

Der Graf vom Strahl.                                   Ich bitte!
Räumt mir den Platz! Ich will das Bild Euch schaffen

Kunigunde.
Harrt einen Augenblick noch, ich beschwör Euch.
Sie bringt es gleich herab.

Der Graf vom Strahl.               Ich sage, laßt mich! –
Putztisch und Spiegel ist, und Nagelstift,
Ihr unbekannt, mir nicht; ich finds heraus,
Das Bild von Kreid und Öl auf Leinewand,
Und brings Euch her, nach Eures Herzens Wunsch.

(Vier Knechte bringen eine Feuerleiter.)

- Hier! Legt die Leiter an!

Erster Knecht (vorn, indem er sich umsieht). Holla! Da hinten!

Ein anderer (zum Grafen).
Wo?

Der Graf vom Strahl. Wo das Fenster offen ist.

Die Knechte (heben die Leiter auf).                   Oha!

Der erste (vorn).
Blitz! Bleibt zurück, ihr hinten da! Was macht ihr?
Die Leiter ist zu lang!

Die anderen (hinten).         Das Fenster ein!
Das Kreuz des Fensters eingestoßen! So!

Flammberg (der mit geholfen).
Jetzt steht die Leiter fest und rührt sich nicht!

Der Graf vom Strahl (wirft sein Schwert weg).
- Wohlan denn!

Kunigunde.               Mein Geliebter! Hört mich an!

Der Graf vom Strahl.
Ich bin gleich wieder da!
        (Er setzt einen Fuß auf die Leiter.)

Flammberg (aufschreiend).     Halt! Gott im Himmel!

Kunigunde (eilt erschreckt von der Leiter weg).
Was gibts?

Die Knechte.     Das Haus sinkt! Fort zurücke!

Alle.
Heiland der Welt! Da liegts in Schutt und Trümmern!

(Das Haus sinkt zusammen, der Graf wendet sich, und drückt beide Hände vor die Stirne; alles, was auf der Bühne ist, weicht zurück und wendet sich gleichfalls ab. – Pause.)

Vierzehnter Auftritt

Käthchen tritt rasch, mit einer Papierrolle, durch ein großes Portal, das stehen geblieben ist, auf; hinter ihr ein Cherub in der Gestalt eines Jünglings, von Licht umflossen, blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand.

Käthchen (so wie sie aus dem Portal ist, kehrt sie sich, und stürzt vor ihm nieder).
Schirmt mich, ihr Himmlischen! Was widerfährt mir?

Der Cherub (berührt ihr Haupt mit der Spitze des Palmenzweigs, und verschwindet).

(Pause.)

Fünfzehnter Auftritt

Die Vorigen ohne den Cherub.

Kunigunde (sieht sich zuerst um).
Nun, beim lebendgen Gott, ich glaub, ich träume! –
Mein Freund! Schaut her!

Der Graf vom Strahl (vernichtet). Flammberg!
        (Er stützt sich auf seine Schulter.)

Kunigunde.                                                         Ihr Vettern! Tanten!
Herr Graf! so hört doch an!

Der Graf vom Strahl (schiebt sie von sich). Geht, geht! – – Ich bitt Euch!

Kunigunde.
Ihr Toren! Seid ihr Säulen Salz geworden?
Gelöst ist alles glücklich.

Der Graf vom Strahl (mit abgewandtem Gesicht). Trostlos mir!
Die Erd hat nichts mehr Schönes. Laßt mich sein.

Flammberg (zu den Knechten).
Rasch, Brüder, rasch!

Ein Knecht.                         Herbei, mit Harken, Spaten!

Ein anderer.
Laßt uns den Schutt durchsuchen, ob sie lebt!

Kunigunde (scharf).
Die alten, bärtgen Gecken, die! das Mädchen,
Das sie verbrannt zur Feuersasche glauben,
Frisch und gesund am Boden liegt sie da,
Die Schürze kichernd vor dem Mund, und lacht!

Der Graf vom Strahl (wendet sich).
Wo?

Kunigunde. Hier!

Flammberg.         Nein, sprecht! Es ist nicht möglich.

Die Tanten.
Das Mädchen wär –?

Alle.                                   O Himmel! Schaut! Da liegt sie.

Der Graf vom Strahl (tritt zu ihr und betrachtet sie).
Nun über dich schwebt Gott mit seinen Scharen!
        (Er erhebt sie vom Boden.)
Wo kommst du her?

Käthchen.                       Weiß nit, mein hoher Herr.

Der Graf vom Strahl.
Hier stand ein Haus, dünkt mich, und du warst drin.
- Nicht? Wars nicht so?

Flammberg.                           – Wo warst du als es sank?

Käthchen.
Weiß nit, ihr Herren, was mir widerfahren.

(Pause.)

Der Graf vom Strahl.
Und hat noch obenein das Bild.
        (Er nimmt ihr die Rolle aus der Hand.)

Kunigunde (reißt sie an sich).           Wo?

Der Graf vom Strahl.                               Hier.

Kunigunde (erblaßt).

Der Graf vom Strahl.
Nicht? Ists das Bild nicht? – Freilich!

Die Tanten.                                                 Wunderbar!

Flammberg.
Wer gab dir es? Sag an!

Kunigunde (indem sie ihr mit der Rolle einen Streich auf die Backen gibt).
                                        Die dumme Trine!
Hatt ich ihr nicht gesagt, das Futteral?

Der Graf vom Strahl
Nun, beim gerechten Gott, das muß ich sagen
- Ihr wolltet das Futtral?

Kunigunde.                             Ja und nichts anders!
Ihr hattet Euren Namen drauf geschrieben;
Er war mir wert, ich hatts ihr eingeprägt.

Der Graf vom Strahl.
Wahrhaftig, wenn es sonst nichts war –

Kunigunde.                                                     So? meint Ihr?
Das kommt zu prüfen mir zu und nicht Euch.

Der Graf vom Strahl.
Mein Fräulein, Eure Güte macht mich stumm.

Kunigunde (zu Käthchen).
Warum nahmst dus heraus, aus dem Futteral?

Der Graf vom Strahl.
Warum nahmst dus heraus, mein Kind?

Käthchen.                                                     Das Bild?

Der Graf vom Strahl.                                                   Ja!

Käthchen.
Ich nahm es nicht heraus, mein hoher Herr.
Das Bild, halb aufgerollt, im Schreibtischwinkel,
Den ich erschloß, lag neben dem Futtral.

Kunigunde.
Fort! – das Gesicht der Äffin!

Der Graf vom Strahl.                     Kunigunde! –

Käthchen.
Hätt ichs hinein erst wieder ordentlich
In das Futtral –?

Der Graf vom Strahl. Nein, nein, mein liebes Käthchen!
Ich lobe dich, du hast es recht gemacht.
Wie konntest du den Wert der Pappe kennen?

Kunigunde.
Ein Satan leitet' ihr die Hand!

Der Graf vom Strahl.                     Sei ruhig! –
Das Fräulein meint es nicht so bös. – Tritt ab.

Käthchen.
Wenn du mich nur nicht schlägst, mein hoher Herr!

(Sie geht zu Flammberg und mischt sich im Hintergrund unter die Knechte.)

Sechzehnter Auftritt

Die Herren von Thurneck. Die Vorigen.

Ritter von Thurneck.
Triumph, ihr Herrn! Der Sturm ist abgeschlagen!
Der Rheingraf zieht mit blutgem Schädel heim!

Flammberg.
Was! Ist er fort?

Volk.                         Heil, Heil!

Der Graf vom Strahl.                 Zu Pferd, zu Pferd!
Laßt uns den Sturzbach ungesäumt erreichen,
So schneiden wir die ganze Rotte ab!

(Alle ab.)

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