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Das Käthchen von Heilbronn

Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn - Kapitel 12
Quellenangabe
typedrama
booktitleDas Käthchen von Heilbronn
authorHeinrich von Kleist
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000040-8
titleDas Käthchen von Heilbronn
pages1-3
created19981224
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Fünfter Akt

Szene: Worms. Freier Platz vor der kaiserlichen Burg, zur Seite ein Thron; im Hintergrunde die Schranken des Gottesgerichts.

Erster Auftritt

Der Kaiser auf dem Thron. Ihm zur Seite der Erzbischof von Worms, Graf Otto von der Flühe und mehrere andere Ritter, Herren und Trabanten. Der Graf vom Strahl, im leichten Helm und Harnisch, und Theobald, von Kopf zu Fuß in voller Rüstung; beide stehen dem Thron gegenüber.

Der Kaiser.
Graf Wetterstrahl, du hast, auf einem Zuge,
Der durch Heilbronn dich, vor drei Monden, führte,
In einer Törin Busen eingeschlagen;
Den alten Vater jüngst verließ die Dirne,
Und, statt sie heimzusenden, birgst du sie
Im Flügel deiner väterlichen Burg.
Nun sprengst du, solchen Frevel zu beschönen,
Gerüchte, lächerlich und gottlos, aus;
Ein Cherubim, der dir zu Nacht erschienen,
Hab dir vertraut, die Maid, die bei dir wohnt,
Sei meiner kaiserlichen Lenden Kind.
Solch eines abgeschmackt prophetschen Grußes
Spott ich, wie sichs versteht, und meinethalb
Magst du die Krone selbst aufs Haupt ihr setzen;
Von Schwaben einst, begreifst du, erbt sie nichts,
Und meinem Hof auch bleibt sie fern zu Worms.
Hier aber steht ein tief gebeugter Mann,
Dem du, zufrieden mit der Tochter nicht,
Auch noch die Mutter willst zur Metze machen;
Denn er, sein Lebelang fand er sie treu,
Und rühmt des Kinds unsel'gen Vater sich.
Darum, auf seine schweren Klagen, riefen wir
Vor unsern Thron dich her, die Schmach, womit
Du ihre Gruft geschändet, darzutun;
Auf, rüste dich, du Freund der Himmlischen:
Denn du bist da, mit einem Wort von Stahl,
Im Zweikampf ihren Ausspruch zu beweisen!

Der Graf vom Strahl (mit dem Erröten des Unwillens).
Mein kaiserlicher Herr! Hier ist ein Arm,
Von Kräften strotzend, markig, stahlgeschient,
Geschickt im Kampf dem Teufel zu begegnen;
Treff ich auf jene graue Scheitel dort,
Flach schmettr' ich sie, wie einen Schweizerkäse,
Der gärend auf dem Brett des Sennen liegt.
Erlaß, in deiner Huld und Gnade, mir,
Ein Märchen, aberwitzig, sinnverwirrt,
Dir darzutun, das sich das Volk aus zwei
Ereignissen, zusammen seltsam freilich,
Wie die zwei Hälften eines Ringes, passend,
Mit müßgem Scharfsinn, an einander setzte.
Begreif, ich bitte dich, in deiner Weisheit,
Den ganzen Vorfall der Silvesternacht,
Als ein Gebild des Fiebers, und so wenig
Als es mich kümmern würde, träumtest du,
Ich sei ein Jud, so wenig kümmre dich,
Daß ich gerast, die Tochter jenes Mannes
Sei meines hochverehrten Kaisers Kind!

Erzbischof.
Mein Fürst und Herr, mit diesem Wort, fürwahr,
Kann sich des Klägers wackres Herz beruhgen.
Geheimer Wissenschaft, sein Weib betreffend,
Rühmt er sich nicht; schau, was er der Mariane
Jüngst, in geheimer Zwiesprach, vorgeschwatzt:
Er hat es eben jetzo widerrufen!
Straft um den Wunderbau der Welt ihn nicht,
Der ihn, auf einen Augenblick, verwirrt.
Er gab, vor einer Stund, o Theobald,
Mir seine Hand, das Käthchen, wenn du kommst
Zu Strahl, in seiner Burg, dir abzuliefern;
Geh hin und tröste dich und hole sie,
Du alter Herr, und laß die Sache ruhn!

Theobald.
Verfluchter Heuchler, du, wie kannst du leugnen,
Daß deine Seele ganz durchdrungen ist,
Vom Wirbel bis zur Sohle, von dem Glauben,
Daß sie des Kaisers Bänkeltochter sei?
Hast du den Tag nicht, bei dem Kirchenspiel,
Erforscht, wann sie geboren, nicht berechnet,
Wohin die Stunde der Empfängnis fällt;
Nicht ausgemittelt, mit verruchtem Witze,
Daß die erhabne Majestät des Kaisers
Vor sechzehn Lenzen durch Heilbronn geschweift?
Ein Übermütiger, aus eines Gottes Kuß,
Auf einer Furie Mund gedrückt, entsprungen;
Ein glanzumfloßner Vatermördergeist,
An jeder der granitnen Säulen rüttelnd,
In dem urewgen Tempel der Natur;
Ein Sohn der Hölle, den mein gutes Schwert
Entlarven jetzo, oder, rückgewendet,
Mich selbst zur Nacht des Grabes schleudern soll!

Der Graf vom Strahl.
Nun, den Gott selbst verdamme, gifterfüllter
Verfolger meiner, der dich nie beleidigt,
Und deines Mitleids eher würdig wäre,
So seis, Mordraufer, denn, so wie du willst.
Ein Cherubim, der mir, in Glanz gerüstet,
Zu Nacht erschien, als ich im Tode lag,
Hat mir, was leugn' ichs länger, Wissenschaft,
Entschöpft dem Himmelsbronnen, anvertraut.
Hier vor des höchsten Gottes Antlitz steh ich,
Und die Behauptung schmettr' ich dir ins Ohr:
Käthchen von Heilbronn, die dein Kind du sagst,
Ist meines höchsten Kaisers dort; komm her,
Mich von dem Gegenteil zu überzeugen!

Der Kaiser.
Trompeter, blast, dem Lästerer zum Tode!

(Trompetenstöße.)

Theobald (zieht).
Und wäre gleich mein Schwert auch eine Binse,
Und einem Griffe, locker, wandelbar,
Von gelbem Wachs geknetet, eingefugt,
So wollt ich doch von Kopf zu Fuß dich spalten,
Wie einen Giftpilz, der der Heid entblüht,
Der Welt zum Zeugnis, Mordgeist, daß du logst!

Der Graf vom Strahl (er nimmt sich sein Schwert ab und gibt es weg).
Und wär mein Helm gleich und die Stirn, die drunter,
Durchsichtig, messerrückendünn, zerbrechlich,
Die Schale eines ausgenommnen Eis,
So sollte doch dein Sarraß, Funken sprühend,
Abprallen, und in alle Ecken splittern,
Als hättst du einen Diamant getroffen,
Der Welt zum Zeugnis, daß ich wahr gesprochen!
Hau, und laß jetzt mich sehn, wes Sache rein?
        (Er nimmt sich den Helm ab und tritt dicht vor ihn.)

Theobald (zurückweichend).
Setz dir den Helm auf!

Der Graf vom Strahl (folgt ihm). Hau!

Theobald.                                               Setz dir den Helm auf!

Der Graf vom Strahl (stößt ihn zu Boden).
Dich lähmt der bloße Blitz aus meiner Wimper?
        (Er windet ihm das Schwert aus der Hand, tritt über ihm
        und setzt ihm den Fuß auf die Brust.)

Was hindert mich, im Grimm gerechten Siegs,
Daß ich den Fuß ins Hirn dir drücke? – Lebe!
        (Er wirft das Schwert vor des Kaisers Thron.)
Mag es die alte Sphinx, die Zeit, dir lösen,
Das Käthchen aber ist, wie ich gesagt,
Die Tochter meiner höchsten Majestät!

Volk (durcheinander).
Himmel! Graf Wetterstrahl hat obgesiegt!

Der Kaiser (erblaßt und steht auf).
Brecht auf, ihr Herrn!

Erzbischof.                         Wohin?

Ein Ritter (aus dem Gefolge).         Was ist geschehn?

Graf Otto.
Allmächtger Gott! Was fehlt der Majestät?
Ihr Herren, folgt! Es scheint, ihr ist nicht wohl? (Ab.)

 
Szene: Ebendaselbst. Zimmer im kaiserlichen Schloß.

Zweiter Auftritt

Der Kaiser (wendet sich unter der Tür). Hinweg! Es soll mir niemand folgen! Den Burggrafen von Freiburg und den Ritter von Waldstätten laßt herein; das sind die einzigen Männer, die ich sprechen will! (Er wirft die Tür zu.) – – – Der Engel Gottes, der dem Grafen vom Strahl versichert hat, das Käthchen sei meine Tochter: ich glaube, bei meiner kaiserlichen Ehre, er hat recht! Das Mädchen ist, wie ich höre, funfzehn Jahr alt; und vor sechszehn Jahren, weniger drei Monaten, genau gezählt, feierte ich der Pfalzgräfin, meiner Schwester, zu Ehren das große Turnier in Heilbronn! Es mochte ohngefähr eilf Uhr abends sein, und der Jupiter ging eben, mit seinem funkelnden Licht, im Osten auf, als ich, vom Tanz sehr ermüdet, aus dem Schloßtor trat, um mich in dem Garten, der daran stößt, unerkannt, unter dem Volk, das ihn erfüllte, zu erlaben; und ein Stern, mild und kräftig, wie der, leuchtete, wie ich gar nicht zweifle, bei ihrer Empfängnis. Gertrud, so viel ich mich erinnere, hieß sie, mit der ich mich in einem, von dem Volk minder besuchten, Teil des Gartens, beim Schein verlöschender Lampen, während die Musik, fern von dem Tanzsaal her, in den Duft der Linden niedersäuselte, unterhielt; und Käthchens Mutter heißt Gertrud! Ich weiß, daß ich mir, als sie sehr weinte, ein Schaustück, mit dem Bildnis Papst Leos, von der Brust los machte, und es ihr, als ein Andenken von mir, den sie gleichfalls nicht kannte, in das Mieder steckte; und ein solches Schaustück, wie ich eben vernehme, besitzt das Käthchen von Heilbronn! O Himmel! Die Welt wankt aus ihren Fugen! Wenn der Graf vom Strahl, dieser Vertraute der Auserwählten, von der Buhlerin, an die er geknüpft ist, loslassen kann: so werd ich die Verkündigung wahrmachen, den Theobald, unter welchem Vorwand es sei, bewegen müssen, daß er mir dies Kind abtrete, und sie mit ihm verheiraten müssen: will ich nicht wagen, daß der Cherub zum zweitenmal zur Erde steige und das ganze Geheimnis, das ich hier den vier Wänden anvertraut, ausbringe! (Ab.)

Dritter Auftritt

Burggraf von Freiburg und Georg von Waldstätten treten auf. Ihnen folgt Ritter Flammberg.

Flammberg (erstaunt). Herr Burggraf von Freiburg! – Seid Ihr es, oder ist es Euer Geist? O eilt nicht, ich beschwör Euch –!

Freiburg (wendet sich). Was willst du?

Georg. Wen suchst du?

Flammberg. Meinen bejammernswürdigen Herrn, den Grafen vom Strahl! Fräulein Kunigunde, seine Braut – o hätten wir sie Euch nimmermehr abgewonnen! Den Koch hat sie bestechen wollen, dem Käthchen Gift zu reichen –: Gift, ihr gestrengen Herren, und zwar aus dem abscheulichen, unbegreiflichen und rätselhaften Grunde, weil das Kind sie im Bade belauschte!

Freiburg. Und das begreift ihr nicht?

Flammberg. Nein!

Freiburg. So will ich es dir sagen. Sie ist eine mosaische Arbeit, aus allen drei Reichen der Natur zusammengesetzt. Ihre Zähne gehören einem Mädchen aus München, ihre Haare sind aus Frankreich verschrieben, ihrer Wangen Gesundheit kommt aus den Bergwerken in Ungarn, und den Wuchs, den ihr an ihr bewundert, hat sie einem Hemde zu danken, das ihr der Schmied, aus schwedischem Eisen, verfertigt hat. – Hast du verstanden?

Flammberg. Was!

Freiburg. Meinen Empfehl an deinen Herrn! (Ab.)

Georg. Den meinigen auch! – Der Graf ist bereits nach der Strahlburg zurück; sag ihm, wenn er den Hauptschlüssel nehmen, und sie in der Morgenstunde, wenn ihre Reize auf den Stühlen liegen, überraschen wolle, so könne er seine eigne Bildsäule werden und sich, zur Verewigung seiner Heldentat, bei der Köhlerhütte aufstellen lassen! (Ab.)

 
Szene: Schloß Wetterstrahl. Kunigundens Zimmer.

Vierter Auftritt

Rosalie, bei der Toilette des Fräuleins beschäftigt. Kunigunde tritt ungeschminkt, wie sie aus dem Bette kömmt, auf; bald darauf der Graf vom Strahl.

Kunigunde (indem sie sich bei der Toilette niedersetzt).
Hast du die Tür besorgt?

Rosalie.                                   Sie ist verschlossen.

Kunigunde.
Verschlossen! Was! Verriegelt, will ich wissen!
Verschlossen und verriegelt, jedesmal!

(Rosalie geht, die Tür zu verriegeln; der Graf kommt ihr entgegen.)

Rosalie (erschrocken).
Mein Gott! Wie kommt Ihr hier herein, Herr Graf?
- Mein Fräulein!

Kunigunde (sieht sich um). Wer?

Rosalie.                                       Seht, bitt ich Euch!

Kunigunde.                                                                 Rosalie!
        (Sie erhebt sich schnell, und geht ab.)

Fünfter Auftritt

Der Graf vom Strahl und Rosalie.

Der Graf vom Strahl (steht wie vom Donner gerührt).
Wer war die unbekannte Dame?

Rosalie.                                               – Wo?

Der Graf vom Strahl.
Die, wie der Turm von Pisa, hier vorbeiging? –
Doch, hoff ich, nicht –?

Rosalie.                                 Wer?

Der Graf vom Strahl.                     Fräulein Kunigunde?

Rosalie.
Bei Gott, ich glaub, Ihr scherzt! Sybille, meine
Stiefmutter, gnädger Herr –

Kunigunde (drinnen).                 Rosalie!

Rosalie.
Das Fräulein, das im Bett liegt, ruft nach mir. –
Verzeiht, wenn ich –! (Sie holt einen Stuhl.)
                                  Wollt ihr Euch gütigst setzen?
        (Sie nimmt die Toilette und geht ab.)

Sechster Auftritt

Der Graf vom Strahl (vernichtet).
Nun, du allmächtger Himmel, meine Seele,
Sie ist doch wert nicht, daß sie also heiße!
Das Maß, womit sie, auf dem Markt der Welt,
Die Dinge mißt, ist falsch; scheusel'ge Bosheit
Hab ich für milde Herrlichkeit erstanden!
Wohin flücht ich, Elender, vor mir selbst?
Wenn ein Gewitter wo in Schwaben tobte,
Mein Pferd könnt ich, in meiner Wut, besteigen,
Und suchen, wo der Keil mein Haupt zerschlägt!
Was ist zu tun, mein Herz? Was ist zu lassen?

Siebenter Auftritt

Kunigunde, in ihrem gewöhnlichen Glanz, Rosalie und die alte Sybille, die schwächlich, auf Krücken, durch die Mitteltür abgeht.

Kunigunde.
Sieh da, Graf Friederich! Was für ein Anlaß
Führt Euch so früh in meine Zimmer her?

Der Graf vom Strahl (indem er die Sybille mit den Augen verfolgt).
Was! Sind die Hexen doppelt?

Kunigunde (sieht sich um).               Wer?

Der Graf vom Strahl (faßt sich).               Vergebt!
Nach Eurem Wohlsein wollt ich mich erkunden.

Kunigunde.
Nun? – Ist zur Hochzeit alles vorbereitet?

Der Graf vom Strahl (indem er näher tritt und sie prüft).
Es ist, bis auf den Hauptpunkt, ziemlich alles –

Kunigunde. (weicht zurück).
Auf wann ist sie bestimmt?

Der Graf vom Strahl.                 Sie wars – auf morgen.

Kunigunde (nach einer Pause).
Ein Tag mit Sehnsucht längst von mir erharrt!
- Ihr aber seid nicht froh, dünkt mich, nicht heiter?

Der Graf vom Strahl (verbeugt sich).
Erlaubt! ich bin der Glücklichste der Menschen!

Rosalie (traurig).
Ists wahr, daß jenes Kind, das Käthchen, gestern,
Das Ihr im Schloß beherbergt habt –?

Der Graf vom Strahl.                                 O Teufel!

Kunigunde (betreten).
Was fehlt Euch? Sprecht!

Rosalie (für sich).                   Verwünscht!

Der Graf vom Strahl (faßt sich).                 – Das Los der Welt!
Man hat sie schon im Kirchhof beigesetzt.

Kunigunde.
Was Ihr mir sagt!

Rosalie.                       Jedoch noch nicht begraben?

Kunigunde.
Ich muß sie doch im Leichenkleid noch sehn.

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