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Das Käthchen von Heilbronn

Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn - Kapitel 11
Quellenangabe
typedrama
booktitleDas Käthchen von Heilbronn
authorHeinrich von Kleist
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000040-8
titleDas Käthchen von Heilbronn
pages1-3
created19981224
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Dritter Auftritt

Gottschalk tritt auf. Die Vorigen.

Der Graf vom Strahl.
Gut, Gottschalk, daß du kommst! Du fragtest mich,
Ob du die Jungfrau in den Stall darfst nehmen;
Das aber schickt aus manchem Grund sich nicht;
Die Friedborn zieht aufs Schloß zu meiner Mutter.

Gottschalk.
Wie? Was? Wo? – Oben auf das Schloß hinauf?

Der Graf vom Strahl.
Ja, und das gleich! Nimm ihre Sachen auf,
Und auf dem Pfad zum Schlosse folg ihr nach.

Gottschalk.
Gotts Blitz auch, Käthchen! hast du das gehört?

Käthchen (mit einer zierlichen Verbeugung).
Mein hochverehrter Herr! Ich nehm es an,
Bis ich werd wissen, wo mein Vater ist.

Der Graf vom Strahl.
Gut, gut! Ich werd mich gleich nach ihm erkundgen.

(Gottschalk bindet die Sachen zusammen; Käthchen hilft ihm).

Nun? Ists geschehn?
        (Er nimmt ein Tuch vom Boden auf, und übergibt es ihr.)

Käthchen (errötend).         Was! Du bemühst dich mir?

(Gottschalk nimmt das Bündel in die Hand.)

Der Graf vom Strahl.
Gib deine Hand!

Käthchen.                   Mein hochverehrter Herr!

(Er führt sie über die Steine; wenn sie hinüber ist, läßt er sie vorangehen und folgt. – Alle ab.)

 
Szene: Garten. Im Hintergrunde eine Grotte, im gotischen Stil.

Vierter Auftritt

Kunigunde, von Kopf zu Fuß in einen feuerfarbnen Schleier verhüllt, und Rosalie treten auf.

Kunigunde. Wo ritt der Graf vom Strahl hin?

Rosalie. Mein Fräulein, es ist dem ganzen Schloß unbegreiflich. Drei kaiserliche Kommissarien kamen spät in der Nacht, und weckten ihn auf; er verschloß sich mit ihnen, und heut, bei Anbruch des Tages schwingt er sich aufs Pferd, und verschwindet.

Kunigunde. Schließ mir die Grotte auf.

Rosalie. Sie ist schon offen.

Kunigunde. Ritter Flammberg, hör ich, macht dir den Hof; zu Mittag, wann ich mich gebadet und angekleidet, werd ich dich fragen, was dieser Vorfall zu bedeuten? (Ab in die Grotte.)

Fünfter Auftritt

Fräulein Eleonore tritt auf, Rosalie.

Eleonore. Guten Morgen, Rosalie.

Rosalie. Guten Morgen, mein Fräulein! – Was führt Euch so früh schon hierher?

Eleonore. Ei, ich will mich mit Käthchen, dem kleinen, holden Gast, den uns der Graf ins Schloß gebracht, weil die Luft so heiß ist, in dieser Grotte baden.

Rosalie. Vergebt! – Fräulein Kunigunde ist in der Grotte.

Eleonore. Fräulein Kunigunde? – Wer gab euch den Schlüssel?

Rosalie. Den Schlüssel? – Die Grotte war offen.

Eleonore. Habt ihr das Käthchen nicht darin gefunden?

Rosalie. Nein, mein Fräulein. Keinen Menschen.

Eleonore. Ei, das Käthchen, so wahr ich lebe, ist drin!

Rosalie. In der Grotte? Unmöglich!

Eleonore. Wahrhaftig! In der Nebenkammern eine, die dunkel und versteckt sind. – Sie war vorangegangen; ich sagte nur, als wir an die Pforte kamen, ich wollte mir ein Tuch von der Gräfin zum Trocknen holen. – O Herr meines Lebens; da ist sie schon!

Sechster Auftritt

Käthchen aus der Grotte. Die Vorigen.

Rosalie (für sich).
Himmel! Was seh ich dort?

Käthchen (zitternd).                   Eleonore!

Eleonore.
Ei, Käthchen! Bist du schon im Bad gewesen?
Schaut, wie das Mädchen funkelt, wie es glänzet!
Dem Schwane gleich, der in die Brust geworfen,
Aus des Kristallsees blauen Fluten steigt!
- Hast du die jungen Glieder dir erfrischt?

Käthchen.
Eleonore! Komm hinweg.

Eleonore.                                   Was fehlt dir?

Rosalie (schreckenblaß).
Wo kommst du her? Aus jener Grotte dort?
Du hattest in den Gängen dich versteckt?

Käthchen.
Eleonore! Ich beschwöre dich!

Kunigunde (im Innern der Grotte).
Rosalie!

Rosalie.         Gleich, mein Fräulein! (Zu Käthchen). Hast sie gesehn?

Eleonore.
Was gibts? Sag an! – Du bleichst?

Käthchen (sinkt in ihre Arme).             Eleonore!

Eleonore.
Hilf, Gott im Himmel! Käthchen! Kind! Was fehlt dir?

Kunigunde (in der Grotte).
Rosalie!

Rosalie (zu Käthchen). Nun, beim Himmel! Dir wär besser,
Du rissest dir die Augen aus, als daß sie
Der Zunge anvertrauten, was sie sahn!

(Ab in die Grotte.)

Siebenter Auftritt

Käthchen und Eleonore.

Eleonore.
Was ist geschehn, mein Kind? Was schilt man dich?
Was macht an allen Gliedern so dich zittern?
Wär dir der Tod, in jenem Haus, erschienen,
Mit Hipp und Stundenglas, von Schrecken könnte
Dein Busen grimmiger erfaßt nicht sein!

Käthchen.
Ich will dir sagen – (Sie kann nicht sprechen.)

Eleonore.                         Nun, sag an! Ich höre.

Käthchen.
- Doch du gelobst mir, nimmermehr, Lenore,
Wem es auch sei, den Vorfall zu entdecken.

Eleonore.
Nein, keiner Seele; nein! Verlaß dich drauf.

Käthchen.
Schau, in die Seitengrotte hatt ich mich,
Durch die verborgne Türe eingeschlichen;
Das große Prachtgewölb war mir zu hell.
Und nun, da mich das Bad erquickt, tret ich
In jene größre Mitte scherzend ein,
Und denke du, du seists, die darin rauscht:
Und eben von dem Rand ins Becken steigend,
Erblickt mein Aug –

Eleonore.                         Nun, was? wen? Sprich!

Käthchen.                                                               Was sag ich!
Du mußt sogleich zum Grafen, Leonore,
Und von der ganzen Sach ihn unterrichten.

Eleonore.
Mein Kind! Wenn ich nur wüßte, was es wäre?

Käthchen.
- Doch ihm nicht sagen, nein, ums Himmels willen,
Daß es von mir kommt. Hörst du? Eher wollt ich,
Daß er den Greuel nimmermehr entdeckte.

Eleonore.
In welchen Rätseln sprichst du, liebstes Käthchen?
Was für ein Greul? Was ists, das du erschaut?

Käthchen.
Ach, Leonor', ich fühle, es ist besser,
Das Wort kommt über meine Lippen nie!
Durch mich kann er, durch mich, enttäuscht nicht werden!

Eleonore.
Warum nicht? Welch ein Grund ist, ihm zu bergen –?
Wenn du nur sagtest –

Käthchen (wendet sich). Horch!

Eleonore.                                     Was gibts?

Käthchen.                                                       Es kommt!

Eleonore.
Das Fräulein ists, sonst niemand, und Rosalie.

Käthchen.
Fort! Gleich! Hinweg!

Eleonore.                             Warum?

Käthchen.                                           Fort, Rasende!

Eleonore.
Wohin?

Käthchen.     Hier fort, aus diesem Garten will ich –

Eleonore.
Bist du bei Sinnen?

Käthchen.                       Liebe Leonore!
Ich bin verloren, wenn sie mich hier trifft!
Fort! In der Gräfin Arme flücht ich mich! (Ab.)

Achter Auftritt

Kunigunde und Rosalie aus der Grotte.

Kunigunde (gibt Rosalien einen Schlüssel).
Hier, nimm! – Im Schubfach, unter meinem Spiegel;
Das Pulver, in der schwarzen Schachtel, rechts,
Schütt es in Wein, in Wasser oder Milch,
Und sprich: komm her, mein Käthchen! – Doch du nimmst
Vielleicht sie lieber zwischen deine Kniee?
Gift, Tod und Rache! Mach es, wie du willst,
Doch sorge mir, daß sies hinunterschluckt.

Rosalie.
Hört mich nur an, mein Fräulein –

Kunigunde.                                           Gift! Pest! Verwesung!
Stumm mache sie und rede nicht!
Wenn sie vergiftet, tot ist, eingesargt,
Verscharrt, verwest, zerstiebt, als Myrtenstengel,
Vor dem, was sie jetzt sah, im Winde flüstert;
So komm und sprich von Sanftmut und Vergebung,
Pflicht und Gesetz und Gott und Höll und Teufel,
Von Reue und Gewissensbissen mir.

Rosalie.
Sie hat es schon entdeckt, es hilft zu nichts.

Kunigunde.
Gift! Asche! Nacht! Chaotische Verwirrung!
Das Pulver reicht, die Burg ganz wegzufressen,
Mit Hund und Katzen hin! – Tu, wie ich sagte!
Sie buhlt mir so zur Seite um sein Herz,
Wie ich vernahm, und ich – des Todes sterb ich,
Wenn ihn das Affenangesicht nicht rührt;
Fort! In die Dünste mit ihr hin: die Welt,
Hat nicht mehr Raum genug, für mich und sie! (Ab.)

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