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Das Kasermanndl

Ludwig Ganghofer: Das Kasermanndl - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLudwig Ganghofers Gesammelte Schriften
titleDas Kasermanndl
authorLudwig Ganghofer
year1911
seriesDritte Serie in 10 Baenden
volumeSiebter Band
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Vor den Bauer hatte man ein geschliffenes Glas und einen Krug mit rotem Tiroler gestellt. Als er den ersten Trunk getan, blickte er lächelnd in der Stube umher, legte die Arme breit auf den Tisch und sagte: »So, meine Leutln, so gfallt's mir!«

»Schad, daß der Toni nit daheim is!« meinte der Obersenn.

Der Bauer nickte. »Es hat halt sein müssen! Sonst hätt ich ihn eh nit fortgschickt. Am Feiertag kann ich ihn doch nit zur Arbeit schaffen, und der Bub ist wie ein junges Roß: wann's nit eingspannt ist, schlagt's allbot aus und macht ein Streich.«

Der Senn zwinkert. »Meinst nit, er macht seine Streich auch in der Stadt?«

»Gewiß auch noch! Es müßt der Toni nit sein!« lachte der Bauer. »Aber meinetwegen. Da mögen sich ander Leut drüber giften. Ich nit! Was eins nit weiß, macht ihm nit heiß. Aber was ich fragen will: was macht denn heut der marode Huiser

Der Obersenn gab Antwort, und das Gespräch rollte weiter. Außer den beiden beteiligten sich nur noch die beiden Jungsennen am 'Dischkurs'. Die Knechte und Mägde hörten schweigend zu; sie durften nur sprechen, wenn eine Frage an sie gerichtet wurde. Nicht nur der königliche Hof, auch die Bauernhof hat ihre strenge Etikette.

Immer lebhafter plauderte der Bauer, und je mehr er plauderte, desto häufiger trank er; und je fleißiger er das Glas füllte, desto lauter wurde seine Stimme; seine Augen glänzten, und in dunkler Röte brannten seine Backen. Allerlei Späße gab er zum besten, nahm der Reihe nach die Knechte und Mägde in die Zwickmühle seiner Spott- laune und rekapitulierte alle Narrenstreiche und 'Dalkereien', die das ganze Jahr über auf dem Roßmooserhof vom Gesinde geleistet worden waren. Helles Gelächter füllte die Stube; nur immer der Knecht oder das Mädchen, dem der Spaß gerade galt, machte einen schiefen Kopf und verdrehte die Augen.

»Was is denn mit dir, Seppl?« rief der Bauer einen Hüterbuben an. »Weswegen steckst dein Kopf gar so tief ins Mostkrügl? Meinst, es is der Gaisbock drin, der dich selbigsmal auf der Waiz-Alm gstößen hat in der Nacht?«

Der Bub wurde rot bis über die Ohren. Alle andern lachten, denn sie erinnerten sich wohl noch jener drolligen Geschichte, in der ein boshafter Geißbock die Rolle eines Gespenstes gespielt hatte. Am lautesten lachte der Bauer. »Das vergiß ich meiner Lebtag nit! Nur dran denken brauch ich, so seh ich den Buben schon wieder dahersausen über Stempen und Steiner, wie er Zetermordio schreit, käsweiß im Gesicht und zittrig am ganzen Leib, als wär der Leidige hinter ihm oder 's Kasermanndl. Wie wär's denn, Seppl . . . heut macht's grad wieder so eine lichte Nacht . . . tätst dich nit nauftrauen auf d' Waiz-Alm? Vielleicht steht derselbige Geißbock noch allwei droben. Findst ihn aber nit, so könntst ein bißl nachschauen, was unser Kasermanndl macht?«

»Aber, Bauer!« stotterte der Bub erschrocken. Auch den Weibsleuten verging die Lustigkeit; nur ein paar Knechte lachten noch.

Der Roßmooser leerte das Glas. »Also, Seppl, traust dich oder traust dich nit? Schau, völlig plagen tut mich d' Neugier, was der Almgeist treibt in der heutigen Nacht.«

Jetzt zeigte auch der Obersenn ein ernstes Gesicht. »So was sollt eins nit reden, Bauer! Er hat gar ein weites Ghör, derselbig auf der Alm droben!«

»Tät er denn was unrechts hören?« lachte der Bauer. »Weißt, ich sorg mich halt, ob 's Kasermanndl heut auch sein Weihnächten hat! Also? Will's keiner nit wagen?«

In der Stube war es mäuschenstill geworden; nur die Uhr hörte man ticken und die Spinnräder schnurren. Der Obersenn erhob sich und verließ die Stube; er wollte und konnte solche Reden nicht hören.

»Den schau an, der lauft jetzt gar davon!« lachte der Roßmooser und überflog wieder mit blinzelnden Augen sein Gesinde. »Also, wie steht's? Hat keiner die Schneid, daß er sich auffitraut? Nit umsonst! Eine Kuh aus meim Stall soll's gelten!«

Der Bauer hatte gut versprechen; in der Stube rührte sich kein Laut; die Weibsleut duckten die Köpfe und machten scheue Augen, die Knechte guckten verlegen in die Pfeifenglut oder in die Mostkrüge.

»Es war nit im Spaß gredt!« beteuerte der Bauer mit Lachen. »Noch einmal sag ich's: Der's wagt und auffigeht in' Kaser und bringt mir den Muslöffel abi zum Zeugnis, daß er droben war . . . die schönste Kuh soll er haben aus meim Stall! Also?« Er wartete, doch keine Antwort kam. Da schlug er die Faust auf den Tisch. »Gar keiner? Nit ein einziger hat 's Kuraschi? Ihr seids mir schöne Hasenfüß übereinand!«

Aus Mali's Fingern war der Faden gefallen, und ihr Spinnrad stockte. Mit zitternden Händen fuhr sie sich über die Stirn und Schläfe. Eine Kuh aus des Roßmoosers Stall! Die hatte einen Buckel wie ein Walfisch. Solch eine Kuh galt ihre fünfhundert geschlagene Mark! Jesus Maria! Fünfhundert Mark! Davon hätt' ihr Mutterl drei ganze Jahre zu leben! Und könnt' sich was guts antun und könnt' sich pflegen, daß sie wieder gesunden müßt' . . .

Ein Schauer rann über Mali's Glieder, es wurde ihr eiskalt ums Herz, aber sie erhob sich, ging zum Tisch und sagte mit schwankender Stimme: »Bauer, ich wag's.«

»Mar' und Josef!« kreischte von den Mädchen eine. Und die andern starrten Mali an, als wäre sie selbst ein Gespenst. Auch dem Bauer war das Lachen vergangen; erschrocken blickte er zu dem Mädel auf, dessen Gesicht so weiß war wie das Linnen auf dem Tisch. »Ja Dirndl, bist denn narrisch worden?«

»Ich tu's nit aus Spott oder Übermut,« lispelte Mali, »ich tu's weil ich muß.«

Der Roßmooser fuchtelte mit den Händen und schüttelte den Kopf. »Nix da, Dirndl! Nix, nix! Das laß ich nit zu!«

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