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Das Kasermanndl

Ludwig Ganghofer: Das Kasermanndl - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLudwig Ganghofers Gesammelte Schriften
titleDas Kasermanndl
authorLudwig Ganghofer
year1911
seriesDritte Serie in 10 Baenden
volumeSiebter Band
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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»So, jetzt bist die meinig!« sagte er. »Halt Fried unter meim Dach, wahr Feuer und Licht, und hab mein Sach in Acht, als wär's dein eigens. Nachher soll unser Herrgott dein Eingang segnen! Jetzt laß dir vom Senn dein Stüberl zeigen, und tummel dich daß du bald in die Kuchl kommst. Völlig ausghungert bin ich die ganzen Tag her. Was kochen wir denn heut? Was meinst? Wie wär's denn mit einer Omalattisuppen

»Wohl wohl, Bauer!« Mali lächelte.

»Und wie wär' denn ein eingmachts Hendl mit Griesnockerln?«

»Wohl wohl, Bauer!«

»Und Weihnächten is doch auch! Da wär eine richtige Mehlspeis auch nit zu viel. Auf was hättst denn Schneid?«

Mali zeigte ein ernstes Gesicht und blickte zum Roßmooser auf: »Leicht ein Millirahmstrudl?«

Der Bauer machte zwei Fäuste. »Millirahmstrudel! Kruzitürken! Den hab ich nimmer kriegt seit der Roßmooserin selig ihrer besten Zeit! Millirahmstrudel mit Zibeben! Tummel dich, Dirndl! Mach weiter! Weiter!« Er schob das Mädel und den Senn zur Tür hinaus, ging in der Stube auf und nieder, guckte nach dem Geschirr im Kasten, zog die Schwarzwälderuhr auf, rieb vergnügt die Hände und stopfte sich schmunzelnd eine frische Pfeife.

Nach einer Weile war Mali in der Küche schon bei der Arbeit; sie hatte das Leibchen mit einem schwarzen Mieder vertauscht, eine weiße Schürze vorgebunden und war in dieser Haustracht freundlich anzusehen; das Herdfeuer strahlte eine rosige Glut auf ihr Gesicht. Einmal kam der Bauer aus der Stube, blieb unter der Küchentür stehen und schaute dem Mädel zu, wie es mit Geschick und Eifer schaffte. »Brav, brav!« nickte er. Und als er wieder in die Stube ging, rief er der Magd, die für's Gesinde kochte, über die Schulter zu: »Gelt, du, daß mir keins die Mali behindern tut! Die kocht für mich!«

In der Stube, in der es trotz der fünf Fenster nun auch schon dunkel geworden, zündete er die zwei Petroleumlampen an, die an der Decke hingen. Jetzt mußte er die Bescherung für's Gesinde richten. Er deckte ein weißes Tafeltuch über den langen Tisch und stellte auf den Platz jedes Knechtes und jeder Magd einen Teller, der mit Äpfeln, Nüssen, Lebkuchen und gedörrten Zwetschen angehäuft wurde; obenauf kam das Geldgeschenk, in ein weißes Papierchen gewickelt. Auch für Mali stellte der Roßmooser einen Weihnachtsteller auf den verlassenen Platz der Hauserin.

Schlag sieben traten die Sennen, Knechte und Mägde in die Stube, schweigend, ohne Gruß. Rings um die Stube knieten sie nieder, stützten die Ellbogen auf die Holzbank und sprachen murmelnd das Abendgebet: »Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft.« Nur der Bauer stand während des Gebetes. Nach dem Amen erhoben sich die Gesindeleut und sagten alle miteinander: »Guten Abend, Bauer!«

»Guten Abend auch!« erwiderte der Roßmooser. »So jetzt kommts her, Leut, und schauts euch auf eure Präsenter um. Ich hoff, es wird ein jedes zfrieden sein. Ich bin mit euch auch zfrieden gwesen das ganze Jahr. Seids alle beinand? Wo is denn die Mali?«

Sie wurde aus der Küche geholt. »Ich bitt, Bauer«, stotterte sie, »ich hab Eil, der Strudl is in der Hitz!«

Da lachte der Roßmooser. »Aber so viel Zeit wird er dir doch lassen, daß dein Weihnächten nimmst. Verdient hast es noch nit, bist heut erst eingstanden. Aber es is zur Aufmunterung. Schau her, da steht's.«

Mali wurde rot bis unter die Haare, nahm verlegen ihren Teller auf den Arm, sagte ein leises Vergeltsgott und eilte zur Tür, um wieder in die Küche zu kommen. Mit wohl- gefälligem Lächeln blickte ihr der Bauer nach: »Das Dirndl hat den richtigen Geist zur Kocherei!«

Als Mali in der Küche das weiße Papierchen öffnete, blinkte ihr ein Zehnmarkstück entgegen. Vor Freude schossen ihr die Zähren in die Augen. Zehn Mark! Zwei sorgenlose Wochen für ihre Mutter!

Die Magd kam in die Küche, um das Nachtmahl fürs Gesinde aufzutragen. Für den Bauer wurde der Extratisch gedeckt; die Hänglampen leuchteten ihm nicht hell genug, er verlangte noch eine brennende Kerze für seinen Tisch. »Heut muß ich mir gnau anschauen, was ich krieg.« Als die Mali die Suppe brachte, hielt er den Löffel wie ein gezücktes Schwert in der Hand. »Gott gsegn es!« sagte sie leis und ging, um das Hendl mit Griesnockerln zu holen. Erst als sie den Millirahmstrudel aufgetragen hatte, setzte auch sie sich an den Gesindetisch. Schüchtern griff sie zu, aber bei jedem Bissen schielte sie hinüber nach dem Extratisch; doch sie konnte kein böses Anzeichen gewahren. Die Tellerfuhren, die der Bauer in seine Scheune heimste, waren gut beladen, und immer wieder nickte er schmunzelnd vor sich hin. Von der Suppe ließ er kein Tröpflein, vom Hendl nur die Beinchen, und vom Strudl keine Zibebe übrig. Mit dem weißen Hemdärmel wischte er sich die Lippen, erhob sich und kam zum Gesindetisch.

»Dirndl, bei deiner Kocherei war heut ein mordsmässiger Fehler!«

Mali blickte erschrocken auf.

»Nach mehr hat's geschmekt!« lachte der Bauer und klopfte das Mädchen freundlich auf die Schulter. Pflichtschuldig schmunzelte das ganze Gesinde zu diesem Spaß. Eine Magd begann den Tisch zu räumen, und die Knechte wollten sich erheben. Aber der Bauer sagte: »Heut is Weihnächten, Leut, heut bleiben wir noch ein bißl beinand auf ein guten Trunk! Jedem Knecht zwei Maßl Most und ein Stamperl Enzian! Weiter, Dirndln, die Spinnradln her! Und daß der Faden besser netzt, kriegt jede zum Lebzelten ein Glasl Ligori.«

Der Obersenn rückte zur Seite, um dem Bauer am Gesindetisch Platz zu machen. In steinernen Krügen wurde der Äpfelmost aus dem Keller geholt, Enzian und süßer Likör in Gläschen ausgeteilt, und der Bauer faßte den Weihnachtszelten, der gebracht wurde, machte über den riesigen Laib mit der Messerspitze drei Kreuze und schnitt dann Stück um Stück herunter, rings um den ganzen Laib. Die Knechte steckten ihre Pfeifen in Brand, die Mägde holten die Spinnräder, eins auch für Mali, setzten sich rings um den Ofen und ließen die Räder schnurren; während sie den Faden zogen, brachen sie zuweilen ein Stücklein von dem auf der Bank liegenden Lebkuchen und netzten den Bissen mit einem Schluck Likör. Zum Schnurren der Spinnräder tickte die Schwarzwälderuhr, und in dünnen, bläulichen Streifen zog sich der Pfeifenrauch durch die ganze Stube, daß die Lampen wie unter einem Schleier brannten.

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