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Das Kasermanndl

Ludwig Ganghofer: Das Kasermanndl - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLudwig Ganghofers Gesammelte Schriften
titleDas Kasermanndl
authorLudwig Ganghofer
year1911
seriesDritte Serie in 10 Baenden
volumeSiebter Band
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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»Sind Kinderln auch da?« Das war nach langem Schweigen die erste, schüchterne Frage des Mädchens.

»Kinderln?« lachte der Senn. »Wohl wohl, ein Bub is da. Aber ich mein', mit dem wirst nit viel zu schaffen haben. Der hat schon seine fünfundzwanzig Jahrln. Kennst ihn denn nit, den Roßmooser-Toni?«

Das Mädel schüttelte den Kopf.

Der Senn aber machte ungläubige Augen. »Geh! Schauen doch alle Madln nach ihm aus!« Er lachte. »Oder hast dich leicht noch gar nit umgschaut auf die Buben?«

»Ich hab auf mein kranks Mutterl schauen müssen«.

Ein freundlicher Blick traf sie aus den Augen des Sennen. Eine Weile stiegen sie schweigend weiter. Dann sagte der Alte: »No, ich mein', du wirst mit dem Haussohn auch dein friedlichs Auskommen haben. Is ein handsamer, waxer Bub, der Toni, und der Roßmooser könnt allweil seine Freud an ihm haben, wenn nur eins nit wär.« Der Alte blickte um sich, als fürchte er, es könnte ein Lauscher in der Nähe sein; dann stieß er das Madel mit dem Ellbogen an und kicherte: »Weißt, der Bub hat die Gamserln so viel gern.«

»Mein, das is doch allweil noch keine Todsünd!«

»Für ein armen Häuslerbuben freilich nit. Aber für den reichen Roßmoosersohn wär's halt doch eine schierliche Sach, wenn man ihn umeinanderzarren tät beim Gericht, und er müßt brummen ein paar Monat. Im letzten Herbst hat nimmer viel gfehlt, daß ihn der Jager packt hätt. Der Bauer hat Müh ghabt, bis die Sach vertuschelt war, und hat laufen und blechen müssen, das ihm die Schwarten kracht haben. Und Skandali und Spitakl hat's geben im Haus grad gnug. Heut noch, wenn der Bauer dran denkt, wird er völlig blau vor Zorn und Gift. Der Bub freilich, der hat die Sach schon lang verschwitzt und tät sich auf Neujahr gern wieder ein Gamsbart holen. Aber der Alte paßt auf wie ein Haftlmacher, ja, und weil er gmeint hat, der Bub könnt leicht über die Feiertäg ein Streich machen, hat er gschaut, daß er ihn fortbringt aus'm Revier und hat ihn vor drei Täg schon in d' Stadt gschickt, Einkäuf machen. Der Toni hat ein Gsicht aufzogen wie neun Tag Regenwetter. Aber da hat ihm kein Herrgott gholfen. Fort hat er müssen.« Der Alte blinzelte nach seiner Begleiterin. »Du? Mir scheint, du mirkst gar nit auf, was ich red?«

»Wohl wohl, ich hör schon! Vom Roßmooser hast gredt? Oder nit?«

Da lachte der Senn. »Dir wär gut was Heimlichs verzählen. Da brauchet eins nit fürchten, daß du's weiter tragst.«

Das Mädel sah ihn mit bittenden Augen an. »Schau, ich muß halt viel sinnieren. Es liegt so viel auf mir. Mußt nit harb sein!« Eine Zähre fiel ihr auf das Halstüchl.

»Geh, du Hascherl, du!« tröstete der Senn. »Harb sein! Was dir nit einfallt! Wie kann denn dir eins harb sein?« Ein Paar Schritte noch taten sie, dann erreichten sie den Saum des Waldes. »Schau, da steht der Hof!«

Das junge Mädel blieb stehen, spreitzte den Bergstock in den Schnee und guckte.

Still und öde lag das weite Roßmoos. Überall Schnee und Schnee, rötlich blinkend im Schein der schwindenden Sonne, die steilen Wälder stumm und tot, wie erdrückt von der Last des Winters, die hohen Felswände waren verschneit und vereist; das Haus mit seinem schneebedeckten Dach und seinen weißen Mauern war kaum zu unterscheiden, nur die verwitterten Balkenwände der Schuppen und Scheunen lugten gleich finsteren Schatten durch das kahle Gezweig der Äpfelbäume.

Das Mädel, mit zitternden Händen den Bergstock umklammernd, blickte lang nach dem dunkeln, fremden Ziel.

»Gelt, er schaut sich im Winter ein bißl einödig an, der Hof?« sagte der Senn. »Aber wart nur, bis der Auswärts kommt, da wirst deine Freud erleben im Roßmoos, und 's Bleiben wird dir so lieb werden, daß gar nimmer fort magst. Wenn die Hauserin wieder auf die Füß kommt und du magst nimmer schaffen in der Kuchl, nachher ziehst mit auffi zur Alm. Ja, und wenn du gscheid bist, haltst dich zu mir. Ich hab die schönste Alm und den besten Kaser.«

»Wo treibst denn auf?«

»Auf der Waiz-Alm

Erschrocken sah ihn das Mädel an. »Auf der Alm, wo das Kasermanndl haust?«

»Wohl wohl.«

Die Augen des Mädels wurden immer größer. »Tust dich denn da nit fürchten?«

»Warum denn fürchten? Unser Kasermanndl is von die ungfahrlichen Geister einer, der noch keim Menschen was Übels nit antan hat. Und wann ich auftreib, is er nimmer beim Zeug und kommt erst wieder, wann ich abtreib! Da haust er den ganzen Winter im Kaser, bis ihn der erste Föhn wieder auskehrt. Und es wird doch all Jahr die Hütten frisch gsegnet vom geistlichen Herrn! Warum denn nachher fürchten? Reizen muß ihn halt keiner und nit sein Possen treiben mit ihm. Nachher tut er eim nix.«

Das Mädel atmete tief und lispelte: »Hast ihn schon einmal gsehen?«

»Gott bewahr! Noch nie nit! Sonst hätt ich ihn leicht schon erlöst, den armen Geist. Gsehen nit, aber ghört hab ich ihn schon! Zwölf Jahr mag's her sein. Da hat's im Spät- sommer über Nacht ein schierlichen Schnee gworfen, und gahlings hab ich abtreiben müssen. Ja, und wie ich mit'm Vieh runterkomm ins Holz und 's letzte Mal z'ruckschau über die verlassen Alm, da hör ich auf einmal von droben her die Almglocken läuten, hör Geißelschnöller und ein Juchezer. Wohl wohl, Dirndl, das war's Kasermanndl, das einzogen is auf der leeren Alm. Ghört hab ich alles, aber gsehen hab ich nix.«

»Und hat ihn noch keiner nit gsehen, gar keiner?«

»Wohl wohl. Ein meinigs Ahnl hat ihn gsehen, vor die sechzig Jahr!«

»Geh! Und wie schaut er denn aus?«

»Wie ein Senn schaut er aus. Ein baumlanger Kerl mit kohl- schwarzem Gsicht und fuirige Augen!«

Ein Schauer ging über den Nacken der Dirn; eine Weile schwieg sie, dann fragte sie flüsternd: »Weswegen, meinst denn, daß er waizen muß?«

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