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Das Kasermanndl

Ludwig Ganghofer: Das Kasermanndl - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLudwig Ganghofers Gesammelte Schriften
titleDas Kasermanndl
authorLudwig Ganghofer
year1911
seriesDritte Serie in 10 Baenden
volumeSiebter Band
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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»Vater! Aber Vater! Das laß ich mir nit gfallen!« klang Toni's halb erstickte Stimme aus dem Kasten.

»Haltst dich still oder nit! Du Malefizbub, du gottvergessener!« knirschte der Roßmooser. »Steht ja der Jager schon draußen!«

Im Kasten wurde es mäuschenstill.

Der Bauer atmete tief und blies die Backen auf; dann eilte er in die Stube, öffnete die Fenster, legte sich breit in die Brüstung und guckte hinaus in den sonnscheinigen Wintertag, so harmlos, als wäre der Bestand des schönen Wetters seine einzige Sorge.

Über das Schneefeld kam der Jäger einhergerannt. Vor dem Zaun des Roßmoosers blieb er unschlüssig stehen und spähte nach allen Seiten. Jetzt sah er den Bauer im Fenster liegen.

»He! Du!« rief er ihn an. »Hast nit ein vorbeilaufen sehen beim Hof?«

Vorbeilaufen? Das Wort schien dem Roßmooser zu gefallen. »Was für einer soll's denn gwesen sein? Vielleicht einer im braunen Janker, im zwilchenen Hemmed und mit Kniehösln?«

»Wohl wohl, es is schon der Richtige!«

»Ja, du, so einer ist grad da drüben hinterm Stall vorbei und abi gegen 's Dorfstraßl. Er muß schon im Wald sein. Da darfst dich tummeln, wann den noch einholen willst.«

Der Roßmooser hatte noch nicht ausgesprochen, da war der Jäger schon hinter dem Stall verschwunden. Lang streckte der Bauer den Hals. Nach einer Weile sah er den Jäger hinter dem Gesindehaus wieder zum Vorschein kommen und im Wald verschwinden.

Schwer atmend richtete sich der Roßmooser auf und schloß das Fenster. »Wart, Büberl, wart!« Er ballte die Fäuste. »Jetzt wachsen wir zwei aneinander!« Mit langen, schweren Schritten stapfte er in die Kammer hinaus, sperrte den Kasten auf und öffnete die Türen.

Mit aufgezogenen Beinen, die Arme um die Knie geschlungen, hockte der Toni zwischen den Kleidern und blickte halb mißtrauisch, halb lustig zum Vater auf.

Der Roßmooser streckte die Hände; er schien nicht übel Lust zu haben, seinem Buben mit allen zehn Fingern ins krause Haar zu fahren. Doch er besann sich und trat einen Schritt zurück. Als aber Toni nicht die geringste Miene machte, sein Asyl zu verlassen, wurde der Roßmooser krebsrot im Gesicht und schrie: »Wirst bald schauen, daß d' aussi kommst oder nit?«

»Pressiert's denn?« meinte Toni. »Das hätt halt der Vater gleich sagen sollen!« Er griff in die hängenden Kleider, zog sich in die Höhe und stolperte aus dem Kasten.

»So! So! Spötteln willst auch noch?« kreischte der Bauer und machte eine höchst verdächtige Handbewegung. Als aber sein Blick den blitzenden Augen des Burschen begegnete, wandte er sich zornig ab, spuckte energisch in einen Winkel und ging in die Stube hinaus.

Toni blickte ihm lächelnd nach, strich Hände über das Haar und folgte dem Vater bis unter die Tür. Breitspurig bleib er auf der Schwelle stehen und legte die Arme hinter den Rücken, um die böse Suppe, die schon fertig gekocht am Feuer stand, geduldig über sich ausgießen zu lassen.

Der Roßmooser trabte in der Stube auf und nieder wie ein Löwe in seinem Käfig; dazu noch wie ein böhmischer, der zwei Schweife hat; denn die beiden langen Flügel des Feiertagsrockes ringelten sich hinter dem Bauer einher, als hätten sie Leben, als möchten sie warnen vor dem Sturm, der dem Ausbruch nahe war.

Einmal blieb der Roßmooser vor seinem Buben stehen, Toni duckte schon den Kopf, als sollte nun ein Platzregen von Scheltworten über ihn ergehen. Aber der Vater sah ihn nur zornig an, kehrte ihm den Rücken und nahm seine Wanderung durch die Stube wieder auf.

Dabei schien sich im Roßmooser eine unerwartete Wandlung zu vollziehen. Denn als er nach einer Weile wieder vor seinem Buben stehen blieb, erschrak dieser und blickte mit beklommener Sorge in das Gesicht des Vaters. Dem Bauer zuckten die Lippen, und seine dicken Backen zitterten.

»Aber Vater!« stotterte Toni.

Der Roßmooser holte tief Atem. »Vater, ja, Vater! Lügen muß er, der Vater! Lügen muß er, damit der feine Herr Sohn seine Streich recht unscheniert treiben kann! Ich, der Roßmooser, ich muß lügen!« Bei jedem Worte schlug der Bauer die Faust an die Brust. »Ich, der Roßmooser, von dem's meiner Lebtag gheißen hat: sein Wort is Stahl und Stein und klar wie Wasser! Ich, der Roßmooser, ich muß mit Lügen den Jager vexieren, daß er nit einikommt unter mein Dach und packt den Hallodri, den er sucht, und führt ihn abi aufs Gricht und verschandelt mein ehrlichen Nam!« Dem Bauer brach die Stimme.

»Aber . . . aber Vater!« stammelte Toni.

»Vater, ja, Vater!« Der Roßmooser schluckte und würgte, schüttelte die Arme und schrie: »Du Malefizbub, du elendiger!« Und wieder stapfte er durch die Stube. Als er von der Tür zum Tisch zurückkam, versetzte er mit beiden Fäusten der Eichenplatte einen krachenden Schlag. »Ja sag mir nur, wie bist denn du aufs Gamsjagern verfallen? Ich hab dich doch zum Einkaufen in d'Stadt eini gschickt?«

»Wohl wohl, aber ich bin nit gangen. Ins Ort bin ich abi. Und da is der Kasersepp, mein Kamerad, statt meiner fort in d' Stadt zum Einkaufen. Und ich hab sein Gwandl anzogen, hab mir 's Gsicht mit Ruß verstrichen, daß mich keiner nit kennt, und bin über alle Berg aus.«

»Da hört sich aber doch alles auf!« platzte der Bauer los in heller Wut. »Und ich sitz daheim und denk mir, der Bub is in der Stadt. Und denk mir, jetzt kann ich doch einmal ruhig schlafen über d' Feiertag und brauch mich nit sorgen um mein rechtschaffenen Nam. Und derweil wildert der Bub auf alle Berg umeinander, hußt mir den Jager ins Haus, bringt Schand und Spott über mich! Ja Bub, ja hast denn ganz vergessen, was mir versprochen hast bei der letzten Gschicht, wo nimmer viel gfehlt hat, daß man dich eingsperrt hätt? Dem Roßmooser sein Buben! Hast mir nit in d'Hand versprochen, daß du kein Stutzen nimmer anrühren willst? Aber wart nur, wart!« Drohend hob der Roßmooser die Fäuste und schrie, daß alle Fensterscheiben zitterten: »Wann dich 's Vaterwort nit bessern kann, nachher soll dich was anders zügeln! Heiraten mußt mir! Heiraten! Red nit! Da gibt's keine Widerred! Heiraten mußt! Und über vier Wochen muß Hochzeit sein, daß ich endlich einmal mein Ruh hab. Und wenn dir kein Bräutl nit weißt, meintwegen nimm dir die Mindest im Ort, meintwegen laß dir eine ausbatzen aus'm Schmalz! Aber her muß eine! Und über vier Wochen muß gheirat sein! Und wann nachher drinhockst im Grillenhäusl, paß nur auf, nachher wird dir 's Wildern schon vergehn! Du Hallodri, du gottvergessener!« Dem Roßmooser ging der Atem aus. Blasend und schnaufend, zitternd vor Wut, fiel er neben dem Tisch auf die Holzbank nieder.

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