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Das Kasermanndl

Ludwig Ganghofer: Das Kasermanndl - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLudwig Ganghofers Gesammelte Schriften
titleDas Kasermanndl
authorLudwig Ganghofer
year1911
seriesDritte Serie in 10 Baenden
volumeSiebter Band
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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»Mein Bub? Der is seit drei Tag in der Stadt drin.«

»So?« brummte der Jäger und stieg seines Weges weiter. Lachend blickte ihm der Roßmooser nach. »Jetzt bin ich aber auf den Tod froh, daß ich den Buben fortspediert hab über die Feiertag! Sonst hätt ich keine ruhige Sekund nimmer!« Kopfschüttelnd wanderte er dem Dorf entgegen. »Der Bub wird lachen, wann er heimkommt! Is der Jung nit daheim, so macht der Alte die Streich!«

Noch knapp zur rechten Zeit erreichte der Bauer die Kirche. Als er auf seinen Betstuhl zuging, merkte er, daß ihn alle Leut mit scheuen Augen betrachteten. Die Geschichte vom Kasermanndl war wohl schon ins Laufen gekommen? Und nach dem Hochamt, zuerst in der Gemeindesitzung und dann im Wirtshaus, fielen die Fragen über ihn her wie die Wespen über eine Birne. Er ließ das Essen stehen und rannte fuchsteufelswild davon.

Gegen zwei Uhr nachmittags erreichte er das Roßmoos. Beim Zaun begegnete er dem Hüterbuben. »Wie steht's denn mit der Mali?« fragte er.

»Jessas, jessas!« jammerte der Bub. »Das Dirndl liegt noch allweil und kann sich schier nit erholen vom Schrecken. Und kein Wörtl bringt man nit raus aus ihr, sagt die Zenz! Und allweil tut's röhren, nix als röhren! Wirst sehen, Bauer, das Dirndl geht drauf!«

Eine schallende Ohrfeige war der Dank für diese freie Meinung. Mit brennrotem Gesicht schlich der Bub davon, und der Bauer trat ins Haus. Da kam gerade die Zenz über die Treppe heruntergestolpert; sie schien es eilig zu haben; als sie den Bauer in der Stube verschwinden sah, rannte sie ihm kreischend nach. »Da schau, Bauer, da schau, was er ihr gschenkt hat!«

»Wer? Wem? Was?« knurrte der Roßmooser.

»'s Kasermanndl! Der Mali! Ein ganzes Sackl voll Kronentaler hat er ihr gschenkt, fürs kranke Mutterl!« stotterte die Dirn in atemloser Erregung und hielt dem Bauer auf der flachen Hand ein rund strotzendes ledernes Beutelchen hin.

Der Roßmooser machte einen langen Hals und starrte mit großen Augen das Säcklein an.

»Grad jetzt hat die Mali das erste Wörtl gredt davon,« berichtete die Magd, »und sie tät halt bitten lassen, wenn einer nunter ging und tät das Geld ihrem Mutterl bringen! Was sagst, Bauer? So was! So was kann auch noch passieren! Heutigen Tags!«

Der Bauer schien auf die Worte der Dirn nicht zu hören, »Jetzt das is aber gspassig!« Zögernd griff er nach dem ledernen Beutel und betrachtete ihn kopfschüttelnd von allen Seiten. Er wog ihn mit der Hand und setzte ihn auf den Tisch; er nahm ihn wieder auf, kratzte mit dem Fingernagel an dem Leder und roch daran; er öffnete den Zug, stierte die blanken Silbermünzen an – und immer wieder schüttelte er den Kopf. »So was! Das is aber gspassig!« Plötzlich warf er den Beutel auf den Tisch und fuhr auf die Magd los, daß sie erschrocken vor ihm zurückwich. »Marsch, sag ich! Und auffi zum Dirndl! Und richt der Mali aus, sie soll aufstehn und abi- kommen auf der Stell. Der Bauer will's haben!«

Wortlos schlich die Zenz davon; ihren großen, kreisrunden Augen war es anzusehen, daß ihr Verständnis für die Situation auf dem Gefrierpunkt angelangt war.

Als die Tür sich geschlossen hätte, stapfte der Bauer zum Tisch, stemmte die Fäuste in die Hüften und blinzelte wieder den ledernen Beutel an. »Jetzt weiß ich nit, bin ich von allen der Dümmst, oder bin ich der einzig Gscheide?« Er stand mit gerunzelter Stirn; schwere Gedanken schienen sich unter seinem borstigen Haarwald im Kreis zu wälzen. Und heftig schüttelte er den Kopf, wie ein störriger Gaul, den das Kummet drückt. »Na, na, es is ja nit möglich! Es kann ja nit sein! Er is ja doch in der Stadt drin, und er is . . .«

Der Gedankenreihe des Roßmoosers riß jählings ab; ein neuer Einfall war ihm dazwischengefahren. Als gält' es, einen Dieb zu fangen, so hastig eilte er in das anstoßende Zimmer – es war die Stube seines Buben – riß an einem buntbemalten Kasten beide Türen auf und wühlte die hängenden Kleider auseinander. In einem Winkel dieses Kastens pflegte sonst eine doppelläufige Büchse in heimlichem Verwahr zu stehen.

Jetzt war der Winkel leer.

»Da hört sich aber doch alles auf!« stotterte der Roßmooser in Zorn und Verblüffung. Im gleichen Augenblick hörte er einen Schlag am Fenster und das Klirren fallender Glasscherben. Er drehte sich um und stand wie versteinert. Draußen vor dem Fenster sah er einen Kopf mit tief in die Stirn gedrücktem Hut – eine Hand griff durch die zerschmetterte Scheibe herein, drehte den Reiber, stieß das Fenster auf – und in die Stube schwang sich ein junger, schlanker Bursch, angetan wie ein Senn in Arbeitstracht.

»Toni! Bub! Was is denn?« stammelte der Bauer.

Atemlos, keines Wortes mächtig, stand der Bursch vor seinem Vater. Bis an die Hüften war er mit Schnee behangen. Das Gesicht brennend rot wie von angestrengtem Lauf; auf Stirn und Wangen perlender Schweiß. Und an den Ohren, unter dem kecken Schnurrbart und in den Augenwinkeln zeigten sich schwarze Rußflecke, als wäre er mit dem Gesicht in einen Kohlenmeiler gefallen und hätte sich in der Eile schlecht gewaschen. Aber in schmucker Sauberkeit, im reinlichsten und reichsten Sonntagsstaat und in der heitersten Laune einer ruhigen Stunde hätte der Bursch keinen wohlgefälligeren Anblick bieten können als gerade jetzt, in diesem verwitterten und verwüsteten Gewand, in dieser stürmischen Erregung. Er sah sich an wie ein urwüchsiges Bild von Gesundheit, Leben, Kraft und jenem jugendlichen Leichtsinn, der einen blinden Sprung in die lockende Gefahr getan und jetzt das steigende Wasser an den Lippen spürt.

Der Roßmooser freilich hatte in diesem Augenblick wenig Sinn für das malerische Bild seines Buben. «Kreuz Teufel noch einmal!« schrie er mit zornbebender Stimme. »Jetzt red, sag ich!«

Toni drückte die Fäuste auf die nach Atem ringende Brust. »Vater . . . der Jäger . . . is hinter mir!«

Kalkweiß wurde der Roßmooser im Gesicht und taumelte zurück, als hätte er einen Faustschlag vor die Stirn bekommen. Der jähe Schreck schien ihm die Zunge und alle Glieder gelähmt zu haben. Kaum aber hatte er einen scheuen Blick durch das Fenster hinausgeworfen, da kam ihm das Leben wieder. Er stürzte auf seinen Buben zu, packte ihn mit beiden Händen an der Brust – und ehe sich's Toni versah, lag er schon im Kasten zwischen den Kleidern. Der Bauer schlug die Türen zu, drehte den Schlüssel um, zog ihn ab und stieß ihn in die Tasche.

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