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Das Kasermanndl

Ludwig Ganghofer: Das Kasermanndl - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLudwig Ganghofers Gesammelte Schriften
titleDas Kasermanndl
authorLudwig Ganghofer
year1911
seriesDritte Serie in 10 Baenden
volumeSiebter Band
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Verwundert starrte der Geist das Mädel an. Dann plötzlich lachte er lustig auf. Aber gleich wieder wurde er ernst. Er schien zu begreifen, daß es sich um seine Erlösung handle, und das war für ihn doch gewiß eine höchst wichtige Sache. Lange, lange besann er sich.

Mit schwacher Stimme wiederholte Mali die Frage: »Was ist mein Begehr?«

Da blitzten die Augen des Geistes, und es zuckte merkwürdig um seine schwarzen Lippen. »Ein Bussel von einem braven, saubern Dirndl, ich mein', das tät schon was ausrichten bei mir.«

Mali erschrack, daß ihr die gefalteten Hände auseinanderfielen.

Das Kasermanndl seufzte. »Hab ich ein bißl z' viel verlangt? Weißt, ein sündhaften Geist erlösen, das is halt allweil eine schwere Sach. Aber schau, du wärst die richtige, du könntst mir helfen! Ein Bussel von dir, und meine arme Seel is im Himmel!«

Ein kalter Schauer rann über Malis Schultern. Dann drückte sie die Augen zu. Im gleichen Augenblick fühlte sie sich von zwei starken Armen eng umschlungen. Sie hörte einen hellen Jauchzer, so hell, daß die Wände der Hütte klangen. Und plötzlich regnete es heiße, ungestüme Küsse über ihre Lippen und Wangen. Sie wollte um Hilfe schreien, aber ihre Worte erstickten. Sie wollte sich wehren, doch die Arme des Kasermanndl hielten sie fest, und Malis Kraft erlahmte. Sie ließ die Arme sinken und lag mit taumelnden Sinnen an der Brust des Gespenstes, das im Küssen unersättlich schien. Wenn jeder Kuß der Loskauf einer Sünde war, wie viele Sünden mußte das Kasermanndl auf dem Gewissen haben!

Endlich schien der Geist erlöst und reinen Herzens zu sein. Denn er hielt inne im Küssen. Und deutlich zeigten sich weiße Flecken in seinem schwarzen Gesicht. Wie aber sahen Malis Lippen und Wangen aus! Als wäre ihr ein Schornstein- feger ins Gesicht gefallen! »Mein Gott, Dirndl, mein Gott,« stotterte das Kasermanndl erschrocken, »jetzt hab ich dich aber schön zugrichtet! Geh, komm her, laß dich ein bißl sauber machen!« Das Gespenst lief hinter den Herd und zog einen mit Wasser gefüllten Zuber hervor.

Mali aber sah und hörte nicht. Sie fühlte nur, daß sie frei war, und da streckte sie die Hände nach der Tür und wankte ins Freie.

Hinter ihr in der Hütte klang ein helles Lachen und ein Geplätscher von Wasser.

Mit erlöschenden Kräften watete Mali talwärts durch den Schnee. Aber sie kam nicht weit, da hörte sie hinter sich eine rufende Stimme. Und der rötliche Schein einer Fackel glitt über den Schnee, die finstere Nacht erhellend. Mali fing zu laufen an. Doch das Kasermanndl hatte flinkere Beine. Jetzt stand es an ihrer Seite, faßte ihre Hand und sagte mit zärtlichem Klang der Stimme: »Geh, wes- wegen wartest denn nit? Das kannst dir doch denken, daß ich dich jetzt nit allein gehen laß in der Nacht! Schau, wie leicht könnt dir was gschehen!«

Mali wußte nicht: war sie wach, oder war das alles nur ein Traum. Bald heiß und bald wieder kalt überlief es ihre zitternden Glieder. Und unter ihrem Mieder hämmerte das Herz, als wäre plötzlich dem kleinen, ungeberdigen Ding die junge Brust zu eng geworden! Und dieser seltsame Schreck, der sie durchfuhr, als sie angstvoll aufblickte! In der Hand eine lodernde Kienfackel, stand das Kasermanndl neben ihr und guckte sie lächelnd an. Und der Geist hatte ein weißes Gesicht mit roten Lippen und hellen, lustigen Augen. Und mit einem Schnurrbart! Wie doch das fromme Werk der Erlösung solch ein armes Gespenst zu seinem Vorteil verwandeln kann! So wie jetzt, so hatte das Kasermanndl wohl einstmals ausgesehen? Weiß Gott, dieses Gespenst mußte zu seinen irdischen Lebzeiten ein schmucker Bursch gewesen sein!

»Komm, Schatzl, komm!« sagte der erlöste Geist. »Hast ja noch ein weiten Weg bis heim!« Leuchtend hob er die Fackel und leitete das Mädel an der Hand zu einem ausgetretenen Pfad. Wenn das Gehänge steiler und der Schnee tiefer wurde, legte er, um Mali besser stützen zu können, den Arm um ihre Hüfte. Und sie wehrte sich nicht, hielt die Augen geschlossen und ließ sich führen.

Als die beiden den Saum des Bergwaldes erreichten, klang plötzlich aus dem Gehölz herauf eine schreiende Stimme: »Mali! Mali!«

»So schön, da kommen Leut!« brummte das Kasermanndl, halb erschrocken, halb ärgerlich. »Jetzt hat's aber Zeit, daß ich verschwind!« Die Fackel des Gespenstes fuhr in den Schnee, zischend erlosch die Flamme, und Mali stand in schwarzer Finsternis. Zwei ungestüme Arme umschlangen sie, ein heißer Kuß brannte auf ihren Lippen, sie hörte noch ein unterdrücktes Lachen, das sich entfernte, dann war sie allein. Mit wirbelnden Sinnen taumelte sie über den Schnee und schlug, in krampfhaftes Schluchzen ausbrechend, die Hände vor das Gesicht.

»Mali! Mali!« klang es drunten im Wald.

Sie richtete sich auf und lauschte.

»Mali! Mali!«

Nun erkannte sie die Stimme. Es war der alte Senn. Die Leute im Roßmoos hatten wohl Angst um sie bekommen und hatten den Senn geschickt, um sie zu suchen. Als sie nun wieder seine rufende Stimme hörte, antwortete sie mit gellendem Schrei und rannte talwärts auf dem breiten Almweg, bis ihr der Atem verging. Mit brennendem Spahnlicht kam ihr der Senn entgegen. Er mußte sie in den Armen auffangen, sonst wäre sie gestürzt.

»Gott sei Dank, mein Dirndl, weil nur wieder da bist!« stammelte der Alte und stützte die Wankende, während er sie mit sich fortzog. –

Durch den Wald herauf schimmerten vom Roßmoos her schon die erleuchteten Fenster des Hofes.

Drunten, vor der Haustür, stand der Bauer und starrte über das weite Schneefeld gegen den finstern Bergwald, während aus der Stube die murmelnden Stimmen des betenden Gesindes klangen. Die Kälte schüttelte den Bauer, aber er wich nicht von seinem Posten. Unruhig stapfte er auf der Schwelle hin und her, schlug mit den Armen, hauchte in die starren Hände, stampfte mit den Füßen, spähte hinaus in die Nacht und seufzte immer wieder. Manchmal räusperte er sich und griff an die Kehle. Das Zäpflein war ihm hinuntergefallen – wie die Leute von einem zu sagen pflegen, den die Angst um alle Fassung brachte.

Endlich meinte er draußen im Schneefeld zwei näher kommende Gestalten zu erkennen. »Mali!« schrie er mit heiserer Stimme.

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