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Das Kampaner Tal

Jean Paul Richter: Das Kampaner Tal - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas Kampaner Tal
pages561-716
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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503. Station

Pasquill auf den Kaplan – Lobrede auf ihn – der Diamant – Einwürfe gegen die Unsterblichkeit – Eden-Scherze

Wir beide Walzenträger formierten den Nachtrab; ich wollte einen Diskurs anknüpfen, aber Phylax machte wenig aus mir. Höchstens sah er mich für einen windigen Schöngeist an, der sich bloß an Gefühle hält – obgleich Gefühle der Schwamm voll atmosphärischer Luft ist, den sowohl der Dichter auf seinem hohen Parnaß als der philosophische Täucher in seiner Tiefe am Munde haben muß, und obgleich die Dichtkunst über manche dunkle Stellen der Natur ein früheres Licht warf als die Philosophie, wie der düstre Neumond von der Venus Licht bekömmt.

Der Philosoph versündigt sich aber am Dichter noch mehr wie du an den Kantianern, von denen du zu verlangen scheinst, daß sie erträglich schreiben sollen: es sind Einfälle, mein Viktor, aber keine Gründe, wenn du sagst, die Philosophie werde wie eine türkische Dame von Stummen, Schwarzen und Häßlichen bedient; der philosophische Marktplatz sei ein forum morionumWar der Markt in Rom, wo Mißgebildete feilstanden und desto höher weggingen, je ungestalter sie waren., Schönheit sei den Philosophen wie den Heloten untersagt, die man deswegen tötete. Denn es ist wohl klar, daß eine gewisse barbarische, undeutsche, weitschweifige Sprache die Philosophie mehr schmückt als entstellt: Orakel verachten Anmut, Vox dei soloecismus, d. h. ein Kantianer ist nicht zu lesen, sondern nur zu studieren. Es ist ferner eines Philosophen nicht unwürdig, die Sprache statt der Wissenschaft zu bereichern, weil zum neuen Term irgendein anderer die Begriffe wie zu den Ammons-Hörnern die Tiere sucht und findet. Daher bezeichnen die Griechen Wort und Vernunft mit dem nämlichen Ausdruck, der am Ende gar ein Gott wurde. Daher schreibt der Philosoph stets über seine Haustüre: pour l'ondalgieSo schrieb ein Pariser Dentist über seine Haustüre. statt: »Hier wohnt ein Zahnarzt«. Das ist der erste Grund außer einem zweiten, warum der Philosoph, besonders der Kantianer – wie ich an Phylaxen sah – weder Bücher noch Menschen noch Erfahrungen noch Physik, Botanik, Künste, Naturgeschichte zu kennen braucht: er kann und muß das Positive, das Reale, das Gegebene, das unbekannte X entraten, er schafft seinen Term und saugt, wie zuweilen Kinder – sie können darüber ersticken –, an seiner eignen überstülpten Zunge, oder wie neugeborne Fohlen, an seinem Nabel...

Ich muß zur Gesellschaft zurück, Lieber! Da der Hauskaplan mit der größten Gleichgültigkeit gegen mich seinen Spazierstock oder vielmehr Spazierbaum von Polster trug: so wollt' ich ihn einnehmen durch ein Lob auf Kosten – Kants. Ich sagte zu ihm: »Es hat mich frappiert, daß die Philosophen es gelitten haben, daß Kant zwischen ihnen und Künstlern einen solchen Unterschied macht und nur den letztern Genie einräumt. Er sagt im 47. § seiner Kritik der Urteilskraft: ›Im Wissenschaftlichen ist der größte Erfinder vom mühseligsten Nachahmer und Lehrling nur dem Grade nach, dagegen von dem, den die Natur für die schöne Kunst begabt hat, spezifisch unterschieden.‹ Das derogiert, Herr Kaplan, und wahr ists ohnehin nicht. Warum kann denn Kant nur Kantianer, keine Kante machen?In demselben § sagt Kant vorher: »Man kann alles, was Newton in seinem unsterblichen Werke der ›Prinzipien der Naturphilosophie‹ sagt, so ein großer Kopf auch erforderlich war, dergleichen zu erfinden, gar wohl lernen, aber man kann nicht geistreich dichten lernen, so ausführlich auch alle Vorschriften für die Dichtkunst und so vortrefflich auch die Muster derselben sein mögen. Die Ursache ist, daß Newton alle seine Schritte, die er von den ersten Elementen der Geometrie an bis zu seinen großen und tiefen Erfindungen zu tun hatte, nicht allein sich selbst, sondern jedem andern ganz anschaulich und zur Nachfolge bestimmt vormachen könnte, kein Homer aber oder Wieland anzeigen kann, wie sich seine phantasiereiche und doch zugleich gedankenvolle Ideen in seinem Kopfe hervor- und zusammenfinden, darum weil er es selbst nicht weiß und es also auch keinen andern lehren kann.« – Ich hatte anfangs Hoffnung, ich würde mich auf Kant – da er trillionenmal mehr Scharfsinn hat als ich – geradezu wie auf meinen geistigen chargé d'affaires verlassen können; aber bei dieser Stelle (und bei seinen Erklärungen über die Reue, über die Musik, über den Ursprung des moral. Bösen etc.) sah ich, ich mußte selber nachschauen und ihm nicht nach-beten, wie ich anfangs wollte, sondern nach-denken. Doch zurück! Allerdings kann man Newtons Prinzipien »lernen«, d.h. die erfundnen wiederholen, aber die erfundenen Gedichte ja auch; diese kann man freilich nicht erfinden lernen, so wenig als Newtons – Prinzipien. Eine neue philosophische Idee scheint nach ihrer Geburt klärer in den vorigen Keimen und molecules organiques zu liegen als eine dichterische: warum sah sie indessen denn erst Newton? – Auch er und Kant können so wenig wie Shakespeare oder Leibniz entdecken, wie auf einmal aus einer Wolke alter Ideen der Blitz einer neuen springt; sie können ihren Nexus mit alten zeigen (sonst wär's keine menschliche), aber nicht ihre Erzeugung daraus: beides gilt von dichterischen. Kant lehre uns Systeme oder Wahrheiten erfinden (nicht prüfen, wiewohl im strengsten Sinn dieses sich von jenem nur im Grade trennt), dann soll ihm gelehret werden, Epopöen zu erfinden, und ich mache mich dazu verbindlich. Mich dünkt, er vermenge die Schwierigkeit, Ideen zu bilden, mit der untergeordneten, neue zu bilden, die Schwierigkeit des Übergangs mit der Unerklärlichkeit des Stoffs. Ich erschrecke und erstaune über die verhüllte Allmacht, womit der Mensch seine Ideenreihe ordnet, d. h. schafft. Mir ist kein besseres Symbol der Schöpfung bekannt als die Regelmäßigkeit und Kausalität der Ideenschöpfung in uns, die kein Wille und kein Verstand ordnen und erzielen kann, weil eine solche Ordnung und Absicht die unerschaffene Idee ja – voraussetzte. Und in diese Schöpfung hüllt sich das erhabene Rätsel unserer moralischen Freiheit ein. Werden denn neue Systeme durch Syllogismen erfunden, ob man sie gleich dadurch beweiset und erprobt? Kann denn der Zusammenhang einer neuen philosophischen Idee mit den alten ihre Empfängnis besser erklären oder erleichtern als derselbe Zusammenhang, den jede neue dichterische mit alten haben muß, deren Schöpfung vermittelt? – Herr Hauskaplan, ich weiß nicht, an wem hier Kant sich mehr vergriffen, ob an der Wahrheit – oder an sich – oder an seiner hohen Schule. Leibnizens Monadologie, harmonia praestabilita etc. sind eine so reine strahlende Emanation des Genius als irgendeine leuchtende Gestalt in Shakespeare oder Homer. – Überhaupt, Herr Kaplan, ist Leibniz ein genialischer, allmächtiger Demiurg in der philosophischen Welt, ihr größter und erster Weltumsegler, und der dann, glücklicher als Archimedes, in seinem Genius den Standpunkt fand, die philosophischen Universa um sich zu bewegen und mit Welten zu spielen – er war ein einziger Geist, er warf neue Fesseln auf die Erde herab, aber er selber trug keine: ich denke, Sie denken das auch, Herr Hauskaplan!« – Er versetzte, er dächte das nicht; die kritische Philosophie wisse, was sie aus Leibnizens Versuchen die übersinnliche Welt, die Dinge an sich, die zurückgelegte Approximation der bedingten Reihe bis zum Unbedingten darzustellen, zu machen habe, so wie sie Genies würdige – – Kurz ich hatt' ihn eher erbittert als erbeutet.

Karlson, den nicht einmal Amors Fackel oder Binde gegen die philosophische Fackel verblendet, nahm an Gionens Arme soviel Anteil am Kriege, als mit den Ohren zu nehmen ist. – Glücklicherweise hielten wir alle still. Nadinen war ein linsengroßer Diamant aus der Brillantierung ihres Halsgehenkes ausgefallen, und sie suchte im Grase nach dem silbernen versteinerten Funken: ich wundere mich, daß der Mensch allezeit gerade eine Sache an dem Orte, wo er ihren Verlust bemerkt, zu finden hofft. Die Kirwane guckte auf der betropften glänzenden Aue nach dem verlornen verhärteten Tautropfen: als ein lichter Demant vom ersten Wasser war er so leicht mit einem Taukügelchen zu verwechseln, daß ich, als ich eines in einer angesteckten Busenrose Nadinens glimmen sah, anmerkte: »Alles liegt voll weicher Demanten, und wer will den harten ausfinden? Der Tau in Ihrer Vorsteckrose glänzet so schön wie der ausgebrochene Stein.« Sie blickte darnach – und im Rosenkelche lag die gesuchte Perle. Man dachte, ich hätt' es gut gemacht; und ich ärgerte mich, daß ichs dumm gemeint – inzwischen wurde mir darüber doch Nadine nicht feinder, und das war Finderlohn genug.

Da um dieses bunte Rasenstück und Bienen-Zuckerfeld der Adour weniger einen Arm als einen Finger krümmte: so setzte sich die Sozietät unter die Bienen und Blumen hinein, und die Walzenträger legten vorher die Walzen hin. Nadine sagte spielend: »Wenn die Blumen Seelen haben, so müssen ihnen die Bienen, deren Ammen sie sind, wie liebe trinkende Kinder vorkommen.« – »Sie haben«, sagte Karlson, »solche Seelen wie die gefrornen Fensterblumen, oder der Baum von PetitEin in Königswasser aufgelöstes Gold, mit einigen Loten Quecksilber vermengt, entsprießet in der Phiole zu einem Baum mit Laub. , den ich Ihnen einmal gezeigt, oder wie die Rauten des Vitriols oder die Pyramiden des Alauns.« – »Ach Sie zerstören immer, Herr Rittmeister,« (sagte Gione) – »ich und Nadine haben uns wirklich einmal ein Elysium für verstorbene Blumenseelen ausgemalt.« – »Ich«, sagte Wilhelmi ernsthaft, »nehme einen mittlern Zustand der Blumenseelen nach dem Tode an: die Lilienseelen fahren wahrscheinlich in weibliche Stirnen, Hyazinthen- und Vergißmeinnichtseelen in weibliche Augen und Rosenseelen in Lippen.« – Ich fügte bei: »Es kömmt der Hypothese sehr zustatten, daß ein Mädchen in der Minute, da es sich bückt und eine Rose bricht oder umbringt, von der übertretenden Seele merklich röter wird.«

Dann setzten wir froh und liebend unsere schöne Reise wieder fort. Nur in meinen Trage-Kollegen schienen Disteln- und Schlehenseelen gefahren zu sein. Ihn verdroß das Ideenspiel und die Höflichkeit im Gefecht; Karlson gefiel ihm allein.

Der Kaplan sagte endlich zu mir: »Es ist überhaupt keine Unsterblichkeit darzutun als die der moralischen Wesen, bei denen sie ein Postulat der praktischen Vernunft ist. Denn da die völlige Angemessenheit des Willens zum moralischen Gesetz, die der gerechte Schöpfer nie erlassen kann, nie von einem endlichen Wesen zu erreichen ist: so muß ein ins Unendliche gehender Progressus, d. h. eine ewige Dauer diese Angemessenheit in Gottes Augen, der die unendliche Reihe überschauet, enthalten und zeigen. Daher ist unsere Unsterblichkeit nötig.«

Karlson stand bei Gionen still, um uns heranzulassen, und sagte: »Lieber kritischer Philosoph, benehmen Sie doch, ich bitte Sie, diesem Beweise die Kühnheit oder die Dunkelheit, die er für Laien hat. Wie, ist denn die Übersicht, d. h. die Endigung einer unendlichen, d. h. einer nicht endenden Reihe denklich? – Oder wie wollen Sie denn die Unendlichkeit der Zeit mit der Unendlichkeit der moralischen Foderung in Gleichung bringen und wie kann eine in eine unendliche Zeitreihe zerteilte Heiligkeit die göttliche Gerechtigkeit befriedigen, die in jedem Teil dieser Reihe diese Heiligkeit verlangen muß? Und ist denn die wachsende Approximation des Menschen zu dieser Reinheit erwiesen? Werden denn nicht in der endlosen Reihe mit den Tugenden die Fehler zwar nicht größer, aber doch vielzähliger? Und wie verhält sich in der göttlichen Übersicht die unendliche Reihe der Fehler zu der der Tugenden? Lassen wir auch das! Ist denn vor dem göttlichen Auge die moralische Reinheit zwei verschiedener Wesen, z. B. eines Seraphs und eines Menschen, oder zwei verschiedener Menschen, eines Sokrates und eines Robespierre, in zwei gleich langen, d. h. unendlichen Zeitreihen gleich vollendet? Wenn nun in der Übersicht zwischen beiden ein Unterschied nachbleibt, so ist die sogenannte Angemessenheit bei einem nicht erreicht – und es sollte also einer sterblich sein.«

Der Hauskaplan replizierte: »Überhaupt will Kant damit die Unsterblichkeit nicht demonstrieren: er sagt selber, sie sei uns darum so ungewiß gelassen, damit der reine Wille nur durch sich und durch keine eigennützigen Aussichten in die Ewigkeit bestimmet werde.« –

»Sonderbar!« sagte Karlson. »Da wir nun aber diese Endabsicht herausheben, so wäre sie ja eben dadurch verfehlt. Die Philosophen müßten es also wie ich machen und die Unsterblichkeit anfechten zum Vorteil der Tugend. – Es ist ein eigener Zirkel, aus der Unbeweislichkeit eines Satzes seine Wahrheit zu vermuten. Entweder die Unsterblichkeit ist darzutun – und dann ist die eine Hälfte Ihres Satzes nicht richtig – oder sie ist es nicht; dann ist der ganze falsch. Noch dazu: wenn der Glaube an sie die Tugend eigennützig macht: so tuts ja das Erleben derselben in der zweiten Welt noch mehr. – Schreckt denn überdies der Glaube an sie den gemeinen Mann von dem ab, was ihm der Beichtvater verbeut und vergibt? So wenig als der erste Schlagfluß den Trinker von dem Wege zum zweiten.«

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