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Das Kampaner Tal

Jean Paul Richter: Das Kampaner Tal - Kapitel 26
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas Kampaner Tal
pages561-716
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Der kleine Gerg, dessen Deszendent ich bin – er ist mein Urgroßvater –, tut kund, daß mein Ururgroßvater hier vor Tisch bete und daß er selber der kleine am Tisch stehende Junge sei (die Eltern sitzen schon), dessen Enkel ich, wie gesagt, nach dem Taufscheine des Traumes, bin. Schon in meiner Kindheit, da ich noch die Legende oder Randschrift dieser Platte auswendig lernen mußte, ging meine Phantasie vergnügt in dieser gezeichneten Stube auf und ab und stieß ihr Fenster auf, dessen Flügelscheiben wie in Jena auswärts laufen. Und diese kosmopolitische Phantasie, die alle Menschen in meine Gevatter, Gebrüder, Geschwister, Zech- und Schmaus-Schwestern und Brüder, Konviktoristen und Litis-Konsorten verwandelt, geht noch bis auf diesen Geburtstag mit mir durch die Gassen und Dörfer. Ich wollt' auch lieber sterben, als mich mit dem dünnen engen, keinen Grad langen Bogensegment von geliebten Menschen behelfen und beruhigen, das uns Schicksal und Wert aus dem unermeßlichen Zirkel der Gebrüder Menschen ausschneiden. Oder darf ein Menschenherz so enge sein, daß nichts darin aufzustellen ist als ein Ehebette und eine Wiege samt einem alten Großvater-Stuhl? Und die Arme des innern Menschen sollten nicht mehrere Wesen umschließen als die Arme des äußern? Und es sollte keine Möglichkeit vorhanden sein, die Komitee oder den Ausschuß von 20 oder 30 Menschen, worauf unser Verhältnis bei dem Reichtum von 1000 Millionen Seelen unsern liebenden Anteil einengt, wenigstens ansehnlich zu verstärken? – – Das find' ich nicht: kann man denn nicht (es ist doch etwas) sich auf der Gasse zum Spill- und Schwertmagen und Vetter eines jeden, dem man begegnet, ernennen und jedem mit der Phantasie zwischen seine 4 Pfähle, auf seine 4 Stuhlbeine und in seine 4 Bettpfosten nachfolgen? Kann man nicht mit den Blau- oder Grünröcken, die mit Kommißbrot unter dem Arm vom Proviantbäcker herkommen, und mit dem Tuchmacher, der an einem so einträglichen Markttag sich schon um 3 Uhr seinen Karpfen im Fisch-Hamen abholt, und mit dem vornehmen Schlafrocke, der sein Gartenbeet unter Aussichten eines erfrischenden Salats übersprengt, ungeladen und fröhlich essen im Kopfe und sympathisieren? – Geh' ich wohl vor einem geputzten Lehrjungen, der heute Hoffnung zur Gradual- und Promotions-Ohrfeige hat und der mir morgen als vollendeter klassischer Lehrpursche begegnen wird, jemals vorbei, ohne mich mit ihm (phantasierend) zu seinem wohllebenden Abendgelag und Lustcorpo einzufinden? Ich freue mich mit den Kindern, die aus der Schule herausbrausen, auf die erste Erholungsstunde nach einer so langen Sitzung; – mit dem gravitätischen Kindesvater auf den lärmenden Abend voll apokryphischer Taufwasser – mit der Magd auf das aus der Kirche zurückmüssende Taufgefolge zur genauern Kirchenvisitation eines jeden Lappen; – mit dem Schulmeister, der ein entsetzliches Dividierexempel anschreibt, das zuletzt durch Ziffern ein Haus, ein Schiff oder einen Esel geben soll, freu' ich mich auf die Entwickelung des Letztern; – mit der Fratschler- und Pfeffernuß-Frau, deren Sparofen, tragbare Küche und petit souper immer ein Topf ist, tret' ich im Vorbeigehen in Handelskompagnie und bringe (in Gedanken) als ihr Associé und Maskopist schon einiges vor mir, wenn unsere Handlung nur 1 Pfennig reinen Profit von dem zurücklegt, was ich der Frau abkaufe – Und so laufen mir auf jeder Gasse Freudenströme und Paradiesflüsse entgegen – Lustwälder und Glückstöpfe tanzen vor mir hin – und die Stadt Hof ist mein himmlisches Jerusalem und die Menschheit meine Duz- und Amtsbrüderschaft.

Nur hüte sich ein solcher Seliger, die Augen oder Phantasien einem aufstoßenden Exekutions-Pedelle in die Arbeitsstuben der Armut, oder einem Arzte in die Marterkammern der Krankheit nachzuschicken....

Aber weiter! Hier wird, wie gesagt, der zweite Freudenstock dem Leser aufgetischt, und auf dem Stock ist es gleichfalls aufgetischt. Es soll alles, nach Anleitung meines Wurfbleies und meiner Leuchtkugel – nämlich des kleinen Lettern-Gergs –, besehen und beschrieben werden. Der Eßtisch ist ein zweischläfriger sogenannter Bettisch: das beweiset nicht nur die untere Tisch-Gardine, sondern auch der herrliche Faltenwurf und das Segelwerk des Bettfirmaments oder Palankins, womit der Gevatter Serenissimus meinem Ururgroßvater ein kleines Angebinde und zugleich ein Angedenken an seine Bettmeisterei – und vielleicht an den Kasus im 10ten Gebot – hat geben wollen. So sagt Gerg. Hinter Gergen selber steht auf der Platte seine Spielkameradin, eine demütige niedergequetschte Lazarussin, die der wohltätige Künstler an einem so frohen Tage in die Tischnachbarschaft seines Sohnes gezogen. Ihr Hunger ist größer als ihre Andacht, und die Bewegungen ihres Herzens sind nicht so feurig als die peristaltischen ihres Magens. Gerg, der in reifern Jahren mein Urgroßvater wurde, hebt die betenden Hände zu hoch hinaus, weder aus Andacht noch Ziererei, sondern weil er einmal, wie es Kinder machen, ein Bischof in partibus werden will und deswegen jeden Sonntag diesen Bett-Tisch besteigt und da herab ermahnt. Daher wurd' er im ganzen Krönleinschen Hause nur der kleine Bischof genannt.

Nun schaue das Publikum meine Ururgroßmutter an, die Ex-Silberdienerin. O Regine, wärest du immer die Königin deiner Neigungen und treu und gut geblieben, so hättest du nicht nötig, meinen Ururgroßvater mit solchen abbittenden Blicken, mit diesem mehr ihm als dem Himmel zugewandten Haupte anzusehen! Welche Flamme der Geburtstags-Wünsche! »Lieber Himmel! er halte mir meinen alten ehrlichen Bettmeister noch auf lange lange Jahre; raffe lieber mich weg als den Lorenz!« das betet sie vor der Suppenschüssel. – Besser, tausendmal besser als auf den vorigen Stöcken, das ist sie gewißlich auf diesem. Erstlich ist nur – ein Kind da. Zweitens ist mein kleiner Urgroßvater und das Tischbette so sauber angeputzt, der Vorhang so rein abgestaubt und niedlich aufgebunden und das ganze Zimmer und Gedeck in solcher Ordnung, daß die gleiche des Herzens dadurch so gut wie bewiesen ist: in den Herz- und in den Stubenkammern räumen die Weiber miteinander auf. Drittens sieht mein Ururgroßvater ungemein fröhlich, und die Großmutter wie eine bereuende Magdalene aus: sie hat ihn – so leicht ihrs gewesen wäre – nicht einmal beredet, außer der pauvre honteuse und Pfründnerin einen Gast oder Gastfreund ihres Herzens zum Schmause zu laden, oder nur einen lustigen Menschen und Schmarotzer, der dem andern so lange redlich anhängt und dient, bis er sich angefüllt, wie Schröpfköpfe von selber abfallen, wenn sie Blut genug gezogen. So wie meine Ururgroßmutter ihren Mann hier ansieht, tritt sie immer höher über jene Weiber hinauf, für welche die Hochzeitglocke gerade das Widerspiel des katholischen Wandelglöckchen ist und denen jene Glocke die Verwandlung des Gottes in einen Brotherrn ansagt, indes diese die Transsubstantiation des Brotes in einen Herrgott verkündiget.

Ich bin darauf gefasset, daß die Rezensenten – und vorzüglich die Rezensentinnen – mir öffentlich vorwerfen: ich würde in der 12ten Platte Reginen ganz anders zensieren, wäre sie nicht meine Ururgroßmutter. Aber ich versetze: umgekehrt.

Auf dem Bettisch treffen wir zwei Couverts für das Kinderpaar, aber nur eines an für das Ehepaar. Wie hold! Schon Linné erzählt in seinem schwedischen ReisejournalLinnäus' Versuch einer Natur-, Kunst- und Ökonomiehistorie, aus Reisen durch einige schwed. Provinz. gesammelt., daß man sonst in der Provinz Schonen einen Teller, so lang als die eine Tafelseite, ausgehobelt und daß man aus ihm – es konnte sich kein sonderlicher Unterschied zwischen dem prolongierten Teller und einem Troge ergeben – zu schmausen pflegte. Noch bekannter ist und noch schöner dazu, daß in der schönen erotischen Zeit der französischen Ritterschaft allzeit Geliebte und Ritter aus einem Teller aßen. – Und auf dem 2ten Freudenstock haben wir den neuesten Fall: meiner Ururgroßmutter fehlt der Teller. Vom Speisopfer selber ist nichts herauszubringen als die Suppenschüssel und ein Vorleglöffel, der für mich eine Suppenschüssel wäre, und eine Semmel in Gestalt einer Brille oder 8.

Jetzt sehe man aber meinem kraushaarigen Intendant des lits et meubles noch einmal ins offne beglückte Gesicht und behalte, wenn das Buch aus ist, die aufrichtige Gestalt im Kopf, die wie ein Wiener Bankozettel außen nichts hat als was innen steht. Er verrichtet hier mit der Mütze über der rechten Hand sein Dankgebet ganz aufgeräumt; er setzt immer voraus, er hab' es nächstens noch besser, und wenn nichts daraus wird, hofft er gerade noch einmal so viel. Er hält das Leben und die Gesellschaft nicht für ein Whistspiel, bei dem eines verkehrten Blattes wegen neu gegeben werden muß, sondern für ein Piquetspiel, worin man das verkehrte Blatt ruhig nimmt und bestens ausspielt. Ihm ist Einsamkeit und Gesellschaft recht, ja nicht einmal unter der Menge ist er einsam, worin man sonst am wenigsten Gesellschaft hat, wie man auf dem Meere am leichtesten verdurstet.

Was wird mein guter Ururgroßvater nach dem Essen an einem solchen Tage gemacht haben? Wahrscheinlich diesen zweiten Freudenstock. Dann wird er, vermut' ich, mit meinem Urgroßvater nicht lange vor dem Abendessen ein wenig ins freie grüne Feld gegangen sein, um sich den zweiten oder dritten Appetit zu machen und überhaupt um den Zucker eines solchen frohen süßen Tages immer dicker einzusieden und zu raffinieren. ErDa ich doch auch Leser haben kann – so wenig ich sie wünsche –, welche entweder den gezeichneten Inhalt des weimarschen Blattes oder gar die Existenz des Blattes für eine Lüge halten – zumal da jetzt das Blatt in der herzoglichen Bibliothek wirklich fehlt –: so merk' ich für diese an, daß der Mann, der die Holzschnitte in den lutherischen Katechismus geliefert, notwendig am Leben gewesen sein muß, er mag geheißen haben, wie er will, und daß ich also, gesetzt er war weder Intendant des lits es meubles noch mein Ururgroßvater, doch immer oben im Texte kein Hirn-, sondern ein Natur-Gespinste und einen wirklichen Formschneider und Menschen anrede. hat meinen Beifall, daß er auf den sogenannten Kirchberg (man sieht ihn und den Turm und einen Flügel von der Kirche recht gut aus der 12ten Platte) mit den beiden Kleinen wallfahrtet: dort auf dem Berge kann er die Sonne, die den ersten Frühlingstag vorübergeführt und verschönert hat, am schönsten und mit höhern und erhabnern Seufzern, als die tiefe Bühne verdient, hinter diese fallen sehen. Vom Kirchberge gleichsam über die gesunkne Sonne getragen, konnt' er leichter über das nachdenken, was dieses Theater und unsere Rolle und die fünf Akte eigentlich sind – was besonders der Johannis-Beerwein der hiesigen Freude ist, der, wie physischer, weder durch einen Weinheber noch Zapfhahn läuft, sondern aus einer engen Federspule rinnt und den man auf der Freiredoute des Lebens in die Körpermaske wieder mit einer Federspule auftrinkt. – – Letzteres passet auf einen Schreiber wie ich noch mehr, weil für ihn immer nur Federspulen (eigne und fremde) die Saugestachel und Stechheber des Palmsekts und Glühweins des Lebens sind. Du konntest auf dem Kirchberge, zumal nach Sonnenuntergang, den Diameter deiner Vergangenheit, die zum Punkte der Gegenwart einkroch, übermessen und den ganzen weiten Nebel deiner Zukunft gleichfalls in diesen Punkt, in diesen Tropfen zusammendrücken und dein Ich gleichsam für eine feste Ewigkeit ansehen, an der die Zeit zerschmilzt – – O hast du das alles getan, nämlich gedacht? Hast du erwogen, daß die irdischen Buchdruckerstöcke und Anfangsleisten und Finalstöcke unserer hiesigen Taten bald zerbröckeln, aber nicht der Geist, der sie gebraucht, und kein Gedanke, den sie reflektieren, und daß du, verstäubter Formschneider, für eine höhere Hand selber ein Formbrett bist? – hast du untergesunknes Geschöpf an diesem Tage und auf diesem Berge nicht bloß auf deinen jetzigen Hafen der Erden-Ruhe, dessen Sperrketten dein guter Genius zersprengte, sondern auch auf die Goldküste des verhüllten Otaheite frohe Blicke geworfen, an das uns die irdischen Orkane und Wogen antreiben? – –

Aber du bist nun auseinander, oder vielmehr das Formbrett deines Leibes ist es – die Zeit hat dich, wie mein Traum, in ihrem Spiritus-Stundenglas geschmolzen – allein hab' ich nicht jetzt selber über deinen Geburtstag meinen vergessen und der Leser seinen? Und haben wir daran gedacht, daß alle unsere Entzückungen und Hoffnungen nur erquickende Töne sind, die uns im hiesigen absterbenden Leben umfließen, wie den Menschen, wenn ihm alle Sinnen brechen, oft Harmonien umringen, die nur dieser bleiche hört, damit vor ihm zugleich die Erde und der letzte Wohllaut hold-verbunden auseinanderzittern?

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