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Das Kampaner Tal

Jean Paul Richter: Das Kampaner Tal - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas Kampaner Tal
pages561-716
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Das Kampaner Tal

Ich schlug häufig in der Destillation über den Helm das Phlegma der Erdkugel nieder, die Polarwüsten, die Eismeere, die russischen Wälder, die Eisberge und Hundsgrotten, und extrahierte mir dann eine schöne Nebenerde, ein Nebenplanetchen, aus dem Überrest: man kann eine sehr hübsche, aber kleine zusammengeschmolzene Erde zusammenbringen, wenn man die Reize der alten exzerpiert und ordnet. Man nehme zu den Höhlen seiner Miniatur- und Dito-Erde die von Antiparos und von Baumann – zu den Ebenen die Rheingegenden – zu den Bergen den Hybla und Tabor und Montblanc – zu den Inseln die Freundschaftsinseln, die seligen und die Pappelinsel – zu den Forsten Wentworths Park, Daphnens Hain und einige Eckstämme aus dem paphischen – zu einem guten Tal das Seifersdorfer und das Kampaner: so besitzt man neben dieser wüsten schmutzigen Welt die schönste Bei- und Nachwelt, ein Dessertservice von Belang, einen Vorhimmel zwischen Vorhöllen. – –

Ich habe absichtlich das Kampaner Tal mit in meinen Extrakt und Absud geworfen, weil ich keines weiß, worin ich lieber aufwachen oder sterben oder lieben möchte als eben darin: ich ließe das Tal, wenn ich zu sprechen hätte, nicht einmal mit den Tempe- und Rosentälern und Olympen verschütten, höchstens mit Utopien. Den Lesern ist das Tal schon hinlänglich aus ihren geographischen Schulstunden und aus den Reisen Arthur Youngs bekannt, ders fast noch stärker lobt als ich.B. I S. 76 in der deutschen Übersetzung. Übrigens brauch' ichs niemand zu sagen, daß das Tal selber im Departement der obern Pyrenäen liegt.

Daher stieg – das muß ich annehmen – im Juli 1796 die Glücksgöttin von ihrer Kugel auf unsere und füllte meine Hand – statt mit ihren Kunkellehnen und Mußteilen und Goldnen Kälbern und Vliesen – mit weiter nichts als mit ihrer eignen und führte mich daran – daraus erkannt' ich die Göttin – ins Kampaner Tal.... Wahrlich ein Mensch braucht nur hineinzugehen, so hat er (wie ich), mehr, als der Teufel Christo und Ludwig XIV. bot und den Päpsten gab.

Die Probe eines Genusses ist seine Erinnerung – nur die Paradiese der Phantasie werden willig Phantasie und werden nie verloren, sondern stets erobert – nur die Dichtkunst söhnet die Vergangenheit mit der Zukunft aus und ist die Leier Orpheus', die diesen zwei zermalmenden Felsen zu stocken befiehlt.Bekanntlich stießen die zwei symplegadischen Felsen immer gegeneinander und zertrümmerten jedes durchfliehende Schiff, bis Orpheus' Töne sie zu ruhen zwangen.

Wie bekannt, macht' ich mit Herrn Karlson – denn dem ästhetischen Publikum ist wahrlich an wirklichen Geschlechtsnamen wenig gelegen, da es als literarisches Zent- und Fraisgericht wahre Namen stets auf den Fuß erdichteter behandelt, aber den existierenden Charakteren selber, wenigstens denen von Gewicht, kann daran liegen, nicht durch Lesezimmer und kritische Gerichtsstuben wund geschleift zu werden – bekanntlich, sag' ich, macht' ich anno 96 mit meinem Freund Karlson (er ist Titular-Rittmeister in *** Diensten) eine Flugreise durch Frankreich. Fast von Meilenstein zu Meilenstein fertigte ich an meinen Freund Viktor die besten epistolarischen Stundenzettel ab. Als ich ihm das nachfolgende Tal-Stück zugesendet hatte, setzte er mir so lange zu, bis ich ihm versprach, diesen illuminierten Nachstich der Natur auch der Drucker- und Buchbinderpresse zu gönnen, nicht bloß der Briefpresse allein. Das tu' ich denn. Ich weiß schon, mein lieber Viktor sieht, daß in unsern Tagen den armen Menschen-Raupen kein grüner Zweig zur Spinnhütte mehr gelassen wird, und daß uns feindliche Täucher das in das Totenmeer fallende Ankertau zerschneiden wollen: daher macht er aus dem Gespräche über die Unsterblichkeit mehr als aus dem gezeichneten Tale, in dem mans hielt; das seh' ich daraus, weil er mich das Widerspiel des Claude Lorraine nennt, der nur die Landschaften selber machte, die Menschen dazu aber von andern malen ließ. Wahrlich ein solches Tal ist es wert, daß man da in die Stickluft des Grabes das Gruben- und Sabbatslicht der Wahrheit statt seines Ichs hinunterlässet, um zu sehen, ob das Ich in einer solchen Tiefe noch atme.

Ich bitte aber die gelehrte Welt, das Geschenk dieses Briefs für kein Pfand zu halten, daß ich ihr auch meine andern Briefe über Frankreich überlassen werde: was ich darin etwa von echtem statistischen, geographischen Bauholz verwahre, hat schon Herr Fabri in Händen, den ich ausdrücklich gebeten, die Materialien zu verbauen, ohne den Lieferanten zu nennen.

Ich habe scherzhaft meine Briefe an Viktor in Stationen zerfället: fünfhundert Stationen unterschlag' ich, wie natürlich, und fange mit der 501ten an, worin ich im Tale erscheine:

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