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Das Kampaner Tal

Jean Paul Richter: Das Kampaner Tal - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas Kampaner Tal
pages561-716
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Drittens macht' ich Hoffnung, mich über Herrn von Thümmel aufzuhalten. Ich wollt' aber, ich hätte lieber versprochen, ihn zu loben. Warum durft' es der böse Feind so karten, daß du, lieber Th., ehe du nach deiner Ankunft in den großen Korrelationssaal oder das Odeum oder Beigangsche Museum und bureau d'esprit des literarischen Publikums einträtest, wo alles auf dich und deine Bijouterien und auf die Blitze deiner Ringe und auf deine vollendete Ausbildung hinsah, ich sage, warum durft' es der Teufel so spielen, daß gerade vorher, ehe du herrlich ins Museum hineinschrittest, unten an der Haustüre – denn die Wege können auf einer so langen Reise unmöglich so reinlich sein wie eine belgische Stallung – kein einziger Dekrotteur zu ersehen und zu erschreien war? – Es ist ein verdammter Streich. Denn jetzt wandelst du mit deinen Halbstiefeln und ihrem boue de Paris im Museum herum, und keine Dame, die nur einigermaßen weiß angezogen ist, kann sich – denn wir Männer nehmen es nicht genau – zu dem Manne hinsetzen, der sie ebensosehr belehren als amüsieren könnte und in dem ein verschwenderischer Genius so viel Witz und Ton und die feinste Laune, deren Genuß und noch mehr deren Nachahmung den Deutschen noch ein halbes Säkulum fremde bleiben werden, mit dem Reichtum des Gefühls und der Sprache und der Kenntnisse verbunden hat. – Ist das nicht zu hart gegen ein Geschlecht, das du selber niemals hart antrafest?

Man betrachte meinen insolventen Revisor: er hat wenigstens einige Pfennige dem Dekrotteur zugewendet und erscheint auf allen seinen 10 Stöcken recht sauber. Die größte Genialität ist so leicht mit der größten Heiligkeit ihrer Anwendung zu vermählen, daß der glänzende unzugängliche Montblanc unsers Parnasses, Goethe, der nun zergliedert, was er sonst erschuf, Blumen und Licht, in der ganzen Sammlung seiner Werke, die Göschen in Leipzig verlegt, sich nicht ein Wort entfahren lassen, das nicht ich oder Rousseau von der Kanzel ablesen wollten. Ja obgleich die Naphthaquelle eines leuchtenden Witzes am ersten zu jenem Fehler führt: so folgte doch der genialische Kommentator Hogarths – der deutsche Repräsentant des ganzen goldnen Alters der Königin Anna, wenn ich so sagen darf – mehr dem Imperativ seines Ichs als dem Indikativ seiner leichtsinnigen Figuren.

Nun hab' ich zu loben, versprochenermaßen. –

Und zwar erstlich die Reginen, nämlich die Weiber, die wie meine Regina verfahren. Eine gute Silberdienerin liebt ihren Revisor ungemein und möcht' ihn, wenn sie könnte, bei sich tragen wie einen Strickbeutel: das geht aber nicht, und daher sinnt sie auf Mittel und Wege, ihn wie Uhren (wiewohl die Schweiz nur eine gestattet) doppelt zu haben, indem sie sich nach einem Repräsentanten und chargé d'affaires desselben umtut. Schon Franklin riet den Europäern, zu nachts die Betten zu wechseln, um besser zu träumen: man kann dem Amerikaner auf viele Arten hierin zu Gefallen leben. Haller bemerkt, daß man im Zorn oft doppelt seheThes. medico-pract. coll. Hall. T. I.: aber heftige Liebe ist ein noch besserer Doppelspat und zeigt den Gemahl leichter zweimal; und da man nach den TheologenD. h. nach einigen Monotheleten; andere Monotheleten sagten hingegen, der menschliche und der göttliche Willen wären zwar da, wirkten aber vereint – andere, beide wären einer geworden. Mosheims Kirchengeschicht. 3. Teil. drei Willen auf einmal haben kann, einen substantiellen und zwei natürliche: so kann eine Frau, und wenn sie zehn natürliche Willen hätte, doch den substantiellen dem Gemahle aufbehalten. Ich dringe aber nur auf drei Willen, welches das wenigste ist, was ich fodern kann: denn wenn z. B. am Ende des 14. Jahrhunderts drei Päpste auf einmal die Kirche oder christliche Braut beherrschten, einer in Rom, einer in Frankreich und einer in Spanien: so seh' ich nicht, warum in einer kleinern Familie nicht, wenn nicht drei allerheiligste, doch drei allerseligste Väter sein können, die sich mehr mit Beatifikationen als Kanonisationen befassen.

Folglich ist das Duplieren und Rikoschettieren des ehelichen Balles, des Herzens, weiter nichts Bessers und nichts Schlechters, als was jeder Kommentator von Holzplatten zum sechsten Gebot billigen kann und wird. Ich verhoffe, was von Weibern gilt, das gelte auch von uns Männern und stärker dazu: fällt denn darum der Gemahl – und wohin denn am Ende? –, wenn er die Gemahlin doppelt sieht, z. B. sie in seinem Museum und nachher gleich darauf ihre Milchschwester – Mitmeisterin – Maskopeischwester und Reichs-Vikaria etwan in der zweiten Seitenloge oder im farnesischen Palast oder in der Universitätskirche, oder wo es sei, ich frage, ist denn diese Verdoppelung ein Zeichen des Falles, wie etwan nach Haller ein Schieferdecker, vor dem die Gegenstände verdoppelt erscheinen, zu stürzen fürchten muß? – Ist nicht höchstens die Verdoppelung selber der Fall?

Ich erinnere mich, daß ich zweitens mich anheischig gemacht, die Ehebrüche zu erheben, sowohl die doppelten als die einfachen. Aber ich breche ganz keck das Wort.

Ich habe ohnehin den Erdball noch zu rühmen: manches Gute, was ich von diesem vorbringe, kömmt dann wohl auch seinen Ehebrüchen zustatten.

Ich fange demnach an, mein drittes Versprechen zu halten. Ich nehme für bekannt an, daß wir alle sagen: der heilige, der keusche Mond; ein Beiwort, das sein weißer reiner Strahl, seine Kälte und seine mythologische Verwandtschaft mit Dianen verdienen. Nun hab' ich oft am Tage, wenn es Neumond war, hinauf in den Himmel geschauet, wo er unweit der Sonne, obwohl ungesehen, stehen mußte. Einmal tat ich gar mit den Springfüßen der Phantasie selber einen Sprung in den Mond. Ich fand natürlich alles droben bestätigt, was ich hier schon aus Astronomien wußte, daß es im Neumond auf der Seite, wo ich landete, Nacht war und daß ich, wenn ich auf die unter der Sonne im Feuer stehende Erde blickte, dieses Tageslicht in solcher Ferne aus dem finstern Mond für ein zauberisches, dem Mondlicht gleiches Erdlicht nehmen mußte. Ich spazierte ungemein vergnügt auf der magischen Mondscheibe auf und nieder: denn ich hatte auf der rechten Seite die schönsten Mondsgebirge vor mir – die niedrigsten bestehen aus lauter Gotthardsbergen und Montblancs –, auf der linken mitten in einer überblümten Ebene eine ungeheuere trockne Bucht, ungefähr wie ein rein ausgeschöpfter Ladogaischer See, und über mir das erhabenste tiefste Blau. Ich fand den Himmel dort noch erhabener und dunkler als auf den Alpen; und schreib' es der ungemein dünnen Bergluft (unsere ist dagegen Leinöl) zu, die nicht einmal drei silberne Sommerwölkchen tragen kann. Am meisten aber glänzte am blauen Himmelsbogen, gleichsam wie an einer blauen Schärpe ein breites silbernes Schärpenschloß (Ceinturon), unsere schimmernde Erde vor, die vielleicht an die Peripherie eines starken Spulrads reichte, wenn sie solche nicht überstieg. Ich letzte mich nicht lange an der reinen weißen Voll-Erde, als ein Selenit und eine Selenitin (sie wurden bald nach meiner Abreise kopuliert) in den feuchten duftenden Blumen daherwateten. Er war ein guter bukolischer Dichter und hatte droben »Aussichten in die Ewigkeit«Nach den ältesten Philosophen und nach den neuesten nordamerikanischen Wilden ist jedes Ding zweimal vorhanden, das erste Exemplar ist auf der Erde, das zweite im Himmel. Daher setzt der Lavater auf der Erde einen im Monde voraus, und ihre Aussichten unterscheiden sich in nichts im als Standort. herausgegeben, sie war seine Leserin. Der Mann im Mond und die Jungfer im Mond hatten wegen ihrer Bergluft viele Ähnlichkeit mit Schweizern, besonders hatten sie von ihnen jene freudige unbefangne Offenheit des Gesichts, die ein stilles Leben und ebenso viele Freuden als Tugenden voraussetzt und die mir niemals erschien, ohne vor meiner glücklichen Seele auf einmal alle Jugendjahre und Jugendträume und ein ganzes Arkadien aufzuschließen. Die Jungfrau blickte, selig bewegt von Lieben und Sehnen, nach der lichten Vollerde: denn es gibt auf keiner Welt ein Leben, das nicht eines zweiten bedürfte, und auf allen Kugeln drückt die enge Fruchthülle und Samenkapsel aus harter Erde das ewige Herz. Der Jüngling sagte sanft zu ihr: »Wohin sehnest du dich, Teuere?« – Sie versetzte: »Ich weiß es nicht – nicht wahr, du glaubst, daß wir nach dem Entschlafen auf die schöne selige Erde kommen?« – Der bukolische Dichter sagte: »Ja wohl hab' ichs in meinen Aussichten in die Ewigkeit nicht ohne alle Schärfe bewiesen. Denn hier auf dem verglaseten Mond voll Krater, gleichsam voll Gräber der Vorwelt, da ist unsere Heimat nicht – dort droben aber auf der reinen keuschen Erde sind wir zu Hause. Schaue den silbernen funkelnden GürtelDucarla bewies, daß die Sonne über alle Länder, durch deren Scheitelpunkt sie geht, einen 200 Meilen breiten Gürtel von Regenwolken ziehe, der sie, wie ein Saturnusring, immer, nur an andern Zonen, umschlinge. Lichtenbergs Magazin usw. 3tes Heft. an, womit sie aufgeschmückt durch die Sterne zieht, gleichsam ein Kranz aus weißen Rosen, eine um sie herumgewundene verkleinerte Milchstraße. Prächtig, prächtig! Dort auf der stillen Erde, meine Liebe, da hören die Mängel der Seele auf – dort wird das reine Herz nur sanft erwärmt und nie befleckt und nicht erhitzt – dort sind die Tugenden, die Freuden und die Wahrheiten drei ewige Schwestern, und sie kommen immer Arm in Arm zum Menschen und fallen ihm verknüpft ans Herz...«

Die Seleniten hörten hier etwas hinter sich seufzen: das tat ich. Es war mir nicht gut mehr möglich, mich zu verbergen; ich trat also mit verstörtem Gesicht vor den bukolischen Dichter und sagte: »Gegenwärtige Person ist selber ein Terrener, reiset gerade aus der teutschen Erde her und ist ein Himmelsbürger aus Hof in Voigtland. Aber teuerste Selenitin, bei uns droben siehts windiger aus, als man allgemein im Monde präsumiert. Diebe – Diebswirte – Sabbats- und Wochentagsschänder – personae turpes – Yahoos – langatmige kurzsichtige gekrönte Gibbons – verschiedene, die nichts tun – mehrere, die nichts denken – Grobiane und selber Rezensenten, die nicht immer alles überlegen, was sie schreiben.... das sind einige von den Seligen und Vollendeten, unter denen die Erde das Aussuchen hat. Der weiße Rosenkranz um unsern Globus, der Sternengürtel, dessen Sie beide oben erwähnten, ist aus Wolken und Platztropfen geknüpft. Und die vielen ErdfleckenSo erscheinen dem Monde die Meere der Erde. , die wir sehen, können nicht wie die Mondsflecken den Namen großer Gelehrten führen, sondern die Namen großer Spitzbuben, weil wir unsere Erdflecken zu Leber- und Sommerflecken unsers innern Menschen machen und besagte Flecken mit Wasserschlitten befahren, die entweder Menschen oder Waren oder Leben stehlen sollen, daher wir die Einteilung in Sklaven-, Kaper- und Kriegsschiffe wirklich haben. Bester bukolischer Dichter, beste bukolische Dichterin, was endlich die reine keusche Erde anlangt, so wissen Leute, die darauf wohnen, am besten, was daran ist; wiewohl es doch manchem von Adel schwerer fällt, seine Ehe als sein Wort zu brechen; inzwischen fehlt es auch uns an Großen nicht, die bis zur Ausschweifung Ausschweifung hassen, ich meine damit die – Elefanten. Sollten Sie beide einmal wirklich in unser himmlisches Zion, wozu wir schon die Zionswächter besitzen, nach dem Sterben ziehen: dann.....«

Dann zog ich selber ins Zion zurück. Denn der Postbediente brachte mir die Zweibrücker Zeitung, die aber diesesmal wider ihre Gewohnheit nicht sonderlich interessierte, sondern bloß (entsinn' ich mich recht) eine tote Nomenklatur von Guillotinierten und von zergliederten polnischen Provinzen auftischte. –

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