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Das Kampaner Tal

Jean Paul Richter: Das Kampaner Tal - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas Kampaner Tal
pages561-716
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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VI.
Holzplatte des sechsten Gebots

Das Fußwaschen am grünen Donnerstag – der Gesang im Bade – Tadel der Ausleger, der Zweideutigkeiten und Thümmels – Lob der Reginen, der Ehebrüche und des Erdballes

Nicht bloß physisch, auch moralisch gingen auf den bisherigen Platten nur Aschermittwoche, Fastensonntage und Passionstage für unsern Lorenz auf: hier auf der sechsten erlebt er endlich einen grünen Donnerstag, ja wie er uns sagen wird, eben an einem grünen Donnerstag kam er wieder auf einen grünen Zweig. Wir verließen ihn auf dem vorigen Formbrett ohne Aussicht auf eine ruhige Stelle im Staat, auf eine Ferien-Bett-Stelle, ohne Kinder, ohne Geld, ohne Mittler und Protektor, falls ihn der ausgeprügelte Altist gerichtlich verfolgte (denn der Bischof war lieber sein ehelicher Frostableiter als sein gerichtlicher Blitzableiter und blies mit dem Musikanten in ein Horn). So betrübt sah es noch auf der vorigen Seite mit unserem Hiob aus, dessen Leidenkelch überlief: jetzt hat der Kelch ein Loch.

Der rechte Schenkel des RevisorsSechste Gesichtslänge. berichtet uns, daß es hier auf der Platte Nacht ist, weil der kleine Lichtabfall von den Sternbildern nicht viel sagen will. Lorenz kömmt zuvor und sagt, wenn er den Erebus oder die zwölfzöllige Finsternis auf dem Buchsbaum (diese und die folgenden Platten sind davon) hätte zeigen wollen, so hätte kein Mensch die Leute in der Finsternis gesehen; und er opfert als Gegenfüßler der Großinquisitoren lieber die Finsternis als die Menschen auf.

Es war, fährt er fort – meine Quelle ist der rechte Schenkel –, am grünen Donnerstage nachts (denn Ostern fiel spät), als seine Regina, die an nichts dachte, ein kaltes Fußbad, unweit der fürstlichen Platteforme, gebrauchen wollte, im Schloßgraben. Vor der Welt schwimmt der Graben auf dem Stock.

Ich glaube, ich habe oft genug an katholischen und andern Höfen die Fürsten am grünen Donnerstag 12 Armen die Füße waschen sehen, um wenigstens folgendes vorzutragen. Bekanntlich werden dort nicht nur – wie gewöhnlich – die zwölf Apostel durch zwölf Arme repräsentiert, sondern auch – wie noch gewöhnlicher – die zwölf Arme durch zwölf Hofleute.Es soll den Sinnen des gekrönten Wäschers der Anblick und die Manipulation wirklicher Bettler und Krüppel ersparet werden. Dem Hofmann ist es an grünen und an gelben und welken Donnerstagen etwas Gewohntes, vor Serenissimo den Armen und Lazarus (im Himmel) zu machen: der Oberhofmeister stellet sich also wie andere Bettler blind – der zweite Kammerherr lahm – der Minister taubstumm (taub hinab-, stumm hinaufwärts) – der fremde Ambassadeur hat keine Nase (der Höcker hinten ist keine), wiewohl sein Hof ihm von beiden, was er braucht, zuschickt – und jeder fallite und insolvente Hofbediente spielt auf dem fürstlichen Wäschzettel leicht die Armenrolle. Nachher wenn ihnen derjenige die Füße gewaschen – d. h. bloß getrocknet – hat, dem sie seine so oft gelecket haben, und wenn sie, ungleich der schwarzen Wäsche, die man vor dem Einfeuchten flickt, nach demselben ausgebessert worden: so kömmt alles wieder in den rechten Gang, die Armen werden wieder, wie andere Schafe, ordentlich nach dem Waschen geschoren, und der Staatskörper wird wie Raupen, die man flach quetscht, und Waren so gepresset, daß er sich konservieren muß. Sind es noch dazu geistliche Wäscher (Goldwäscher), so sind sie ganz das Widerspiel der ägyptischen Priester, die sich von heiligen Tieren nur sättigen, nicht kleiden, ihnen nur das Fleisch nehmen durften, nicht die Haut; denn jene verschlingen ihre Sassen nicht, sondern enthülsen sie bloß, sie nehmen ihnen nur das Mark, ohne welches nach den neuern Erfahrungen die Bäume recht gut fortkommen, ja eigentlich nur das Blut, ja wenn man noch billiger urteilen will, ziehen sie ihnen nichts vom Leibe als das Hemd und nicht wenige gar nur den Rock.

Aber auf die sechste Platte zurück! Während Regina als Arme und Königin zugleich an sich das liturgische Donnerstagswaschen verrichtet, fängt oben auf einem italienischen Dach ein gekrönter Herr an zu harfenieren. Es wäre zu wünschen, der rechte Schenkel wäre über Titel und Wappen des Harfners nicht so kurz weggegangen: es nötigt mich, den Musik- und Landesdirektor in meiner Erklärung bloß unter dem weiten Namen des Serenissimus aufzuführen und zuweilen (ich wechsele) unter dem Namen Silluk.Der Silluk und Athnach sind, wie bekannt, die 2 Zare unter den hebräischen Akzenten, dann kommen 4 Tetrarchen und dann 6 Pfalzgrafen (comites), 7 Generale oder Heptarchen: die Anzahl ihrer Untertanen ist so stark wie sie, nämlich sieben; also erreicht in der Grammatik wie in kleinen Staaten die Zahl der Gemeinen oft die Zahl der Offiziere. – Indes nun der Silluk oben ohne sein Wissen der Flußgöttin ein Ständchen brachte – er konnte sie nicht sehen, sagt der Revisor auf seinem Schenkel –, fiel die Spitzbübin als erste Sängerin in seine Symphonien leise ein. Der Silluk kam außer sich und pausierte und guckt (man betrachte ihn auf dem 6ten Stock) staunend geradeaus. Regina ist recht froh, daß die Nacht nicht so hell ist wie nach Damascenus die erste Weihnachts-Nacht, denn die Finsternis zeugt schon nach den HeidenHygin. Praef. p. 1. (und auch diesesmal) die Enthaltsamkeit, die Nemesis, die Euphrosyne, das Mitleiden und die – Freundschaft: trotz der Finsternis bringt Regina das Badekleid in Ordnung und pausiert auch. Serenissimus harpeggiert einige Moll-Akkorde auf der Spitzharfe bloß diminuendo, um herauszubringen, was da unten singe. Der weibliche Badgast, der (ich sag' es noch einmal, es war pechfinster) von seinem Gesicht keinen Gebrauch machen konnte, so vorteilhaft der Gebrauch auch gewesen wäre, da der Gast wie sein Geschlecht und Abdera den Beinamen schön führte, der Gast griff zur Kehle und sang hinauf: Regina tat in der Finsternis ihr Herz und ihren Mund auf (wie mehrere ihres Geschlechts, so wie ich junge Vögel in meiner Kindheit nicht eher zum Aufsperren des Schnabels brachte, um sie zu ätzen, als bis ich sie in einen finstern Winkel gesetzt) und reichte eine gesungne Supplik um besseres Brot für ihren Revisor ein. Ich kann mir das Erstaunen des musikalischen Silluks recht gut denken. Er winkt die Diskantistin zu sich hinauf.... so steht wenigstens auf dem Schenkel, wiewohl mir das mit der vorigen Finsternis nicht recht zu harmonieren scheint. Die Silberdienerin tut das ohne Bedenken: sie kann droben das Glück ihres Lorenz machen, und darin sucht sie ihr eignes. – Manches weibliche Herz ist kein Magnet, sondern ein magnetisches Magazin von Knight, das aus 240 künstlichen Magneten besteht und entsetzlich zieht und trägt. Der große Mogul nimmt bekanntlich keine Supplik ohne ein angebognes Präsent an: es ist zu vermuten, daß der Silluk zu dem abgesungnen Bittschreiben die Beilage eines Geschenkes begehrte und daß hier der Fürst, wie in Sina, zugleich der Bischof war. Ja es ist die Frage, ob er von Reginen nicht die Huldigung nachfoderte, die bei den Hebräern im Küssen bestand.1. Sa. X. 1. Ps. II. 12. Warnekros hebräische Altertümer. –

Der historische Schenkel fasset sich über den Rest zu kurz und sagt im allgemeinen, daß der Harfner seine untertänige Sassin und Silberdienerin mit Schwüren entließ, für ihren Mann mehr zu tun, als er sich nur je träumen lassen. Das gebe der Himmel! Jetzt erwarten ich und der Salzrevisor, was denn nun der ausgestäupte Kontraaltist zu tun gedenke, und die größten Revolutionen stehen gegenwärtig auf den nächsten Stöcken bevor. –

Da ich mir jetzt einbilde, die Nacht, die über dem 6ten Holzschnitt hing, weggetrieben, wenigstens illuminiert zu haben – wiewohl ich doch aus Verstand immer so viel Finsternis stehen lassen mußte, als die Juden verlangen, um darin das Osterlamm zu genießen, so wie die Griechen der Nacht Hahnen (die Christen Hennen) opferten –, ich meine, da ich diese Platte nicht unglücklich beschattet und beleuchtet habe: so dürfte es, hoff' ich, von christlichen Gelehrten zu erwarten sein, daß sie deswegen keinen Teufels-Lärm anfangen, wenn ich nun nach getaner Arbeit mich an betrachtenden Ausschweifungen oder an ausschweifenden Betrachtungen zu erholen suche, die allgemeiner, vom Gegenstande des 6ten Stocks und Sinns abgelegner und im ganzen erbaulich sind, ich meine, man würde es mir nachsehen, wenn ich mich jetzt unterfinge, drei Dinge zu loben und drei Dinge zu tadeln. – Die gelobten sind. 1) die Reginen – 2) die Ehebrüche – 3) der Erdball; die getadelten sind: 1) die Ausleger – 2) die Zweideutigkeiten – und 3) Herr v. Thümmel.

Ich beginne wie Eltern und Menschen mit Tadeln –

Die Ausleger vor mir hab' ich zuerst zu tadeln. Alle, die ich nachgelesen oder als Kind auf der Schulbank gehöret habe, geben den Nachtmusikanten auf dem welschen Dach für den Psalmisten David aus und die badende Bittstellerin für die Bathseba. Weswegen tun sie das? hat in diesem Spiele mehr ihre Einfalt oder ihre Spitzbüberei die Hand? Ich sorge, letztere. Einfalt ists gar nicht: sie sehen recht gut wie der Leser ein, daß der Formschneider nicht den alten David mit einer Davidsharfe und seiner vierpfündigen Krone werde aufs Dach herausgenagelt haben, damit er der Magdalene im Fußwaschen Bußpsalmen vorklimpere. Die Rabbinen verbieten aus einem sehr feinen Gefühl, lange die weibliche Kleidung anzusehen; und dem gekrönten Herrn, der da oben vom Altan herunterguckt, wird der Anblick der – Kleidung erspart: sieht diese Feinheit des Gefühls dem alten David ähnlich, der leider gegen zwei benachbarte Gebote zu oft den Sultan spielte? – Hingegen einem neuern zärtern Herrn sieht das gleich. Aber Schelmerei und Spitzbüberei neuerer statistischer Exegeten bricht durch die ganze Version des Stocks hindurch, wenn sie einen oder den andern spätern Silluk, den sie ganz gut kennen, für einen David ausmünzen wollen. Sie möchten uns gar zu gern bereden, daß Serenissimi, gleich dem Psalmisten und überhaupt wie alle orientalische Dynasten und Hospodars, dafür halten, alles, worüber ihr Zepter reicht, besonders Weiber, sei ihnen verfallen, wie etwan dem, der den Gehenkten löset, alles gehört, was der Radius seines Schwertes umzirkelt; und daß sie bloß deswegen nach ihrer Rolle so sehr naschten wie die Einwohner von Aix sonst nach der Rolle des Teufels, wenn die Passion tragieret wurde, weil nach dem dortigen Gebrauch der mimische Satan alles behalten durfte, was er mit seinen Krallen erraffte.L'art d'orner l'esprit en l'amusant par Pittaval, I. P. Allerdings weiht der Papst den Fürsten am Sonntag Laetare güldne Rosen; aber die schönsten, die weiblichen, würde der alte Herr dadurch entweihen. Der Ausleger, welcher Fürsten zum David herabsetzen will, hat vielleicht nie bedacht, daß Thronen Bergen gleichen, auf denen sich von jeher das Beste in der Welt aufhielt, z. B. (ich nenne die ungleichartigsten Dinge) die schönsten Blumen – der beste Honig daraus – alte Städte – Metalle – Gräber berühmter Männer – die beste Schafweide – die beste Viehzucht – die Römer von Range – die Freistädte – und in Japan die – – Hochzeiten.

Zweitens hab' ich hart mitzunehmen die Zweideutigkeiten. Der Schmutz vermehret zwar das Gewicht der Einfälle und der Dukaten um zwei bis drei Asse, es ist aber besser, das Gold für Kot anzusehen als den Kot für Gold. Ich verachte schon darum alle unsittlichen Zweideutigkeiten, weil es viel leichter ist, sie zu erfinden als zu vermeiden, in welchen letztern Fall unser unkeusches Jahrhundert jeden Autor setzt. Ich bat einmal einen Herrn von vieler Lebhaftigkeit, der keine andere Venus Urania sich denken konnte als die à belles fesses, mir unter allen Möbeln und Nippes meiner Zimmer (ich machte sie alle auf) ein einziges Stück zu zeigen, wobei er nichts dächte. Er suchte darnach, er fand aber keines.

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