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Das Kampaner Tal

Jean Paul Richter: Das Kampaner Tal - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas Kampaner Tal
pages561-716
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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V.
Holzplatte des fünften Gebots

Beschreibung der gegenwärtigen Platte – Bestimmung der Bücherverbote

Da haben wir den Teufel! Der Salzrevisor hat sich erboset und sich des Lautenfutterals statt eines Stab Sanfts bemächtigt und holt nun mit dem Streit- und Waldhammer aus, um damit den Schlafredner wie einen Baum anzuplätzen und zu signieren. Sonach schlägt die Laute den Lautenschläger durch eine Transversalschwingung. Das Langkinn liegt auf dem Feldbette der Erde als Sanskulott oder gallus togatusGallia togata hieß bekanntlich das Gallien, dessen Einwohner die römische Toga annahmen; Gallia braccata hieß das behosete, das in seinen alten Sitten und Hosen blieb., indes der Holzschneider und Streithahn, angekleidet als gallus braccatus, den Sturmbalken mit einer Schnelle rückwärts schwingt, daß er den Rauch des einen Wachfeuers umweht, so wie der steilrechte des zweiten Feuers sich bücken wird, falls – er den Lautenzug dieser Kniegeige (wie aber auf dem Holzschnitt nicht zu fürchten) niederbringen sollte. Übrigens weiß schon unser Artist, daß das Futteral wie Tanzhandschuhe nur einmal zu gebrauchen ist und nichts zerschlägt als sich; damit wirft er aber auf seinen sanften, von Windstille und einiger Knalluft beherrschten Charakter ein reizendes Licht, und man bleibt ihm gut.

Was soll ich aber von stumpfen Auslegern denken, die niemals Krönleins NabelDer Anfang der fünften Gesichtslänge und Deklination des Menschen. überlesen haben und die aus Einfalt den schönen Revisor mit der langen Tastatur zum Kain und den häßlichen Altisten zum Abel ummünzen? Ja, da sie sich auch ohne die Sektionsberichte und Affichen des Nabels hätten vorstellen können, daß man Konfirmanden und Buchstabierschützen nicht mit ihren zarten weichen Fühlfäden vor das Schlachtfeld eines kopierten Brudermords stellen werde, was soll ich da von solchen harten inkrustierten Auslegern für eine Auslegung geben? – Gar keine geb' ich; – und es ist auch keine einem Manne wie mir anzumuten, der schon, wenn er nur von Ameisen- und Krötenöl und von Kaviar und von Pfunden zerquetschter Kochenillen und von Ameiseneiern in Kannen lieset, gern nicht weiter darüber denken und es sich nicht auseinandersetzen will, wie viele kleine Welten unser Bedürfnis zermalmen muß, um unsern Mikrokosmus weich zu betten auf Schlachtfelder.

So weit der Nabel! – Was ich noch nachbringe, gehört zwar nicht zur Sache, aber doch zur Nebensache. Viele Leser, besonders die Juristen hab' ich jetzt über die peinlichen halsgerichtlichen Nachwehen dieser Lautenschlägerei unruhig gemacht; – und in der Tat greift diese fünfte Kriegs- und Holzplatte in alle künftige ein: aber eben darum heitere ich nicht ohne Absicht bange Leser mit Allotrien auf, die ich nun anfange.

Eine solche Nebensache oder ein Allotrium scheint es mir zu sein, wenn ich sage, daß aus dem Revisor ein guter Offizier wäre zu machen gewesen. Unter einem guten Offizier, der der Primas der Prima Plana zu sein verdient, versteh' ich einen, der Geduld und Feuer genug hat, einen Gemeinen hinlänglich auszuprügeln. Denn aus einem solchen Friedens-Maneuvre macht sich auf seine Kriegsmaneuvres der Schluß leicht, d. h. aus der triumphierenden Kirche auf die streitende; denn ein Lieutenant, der einen landesherrlichen Füselier schon mit bloßem Stock erschlägt, kann doch der Mann nicht sein, dem es schwer fällt, einen feindlichen mit dem Degen zu erstechen – ist sonst alles gleich. – Daher lässet man eben der Prima Plana mäßiges Fuchteln zu, nach einem alten Grundsatz der Jägerei, die noch früher Hetzhunde an zahmen Schweinen für wilde Sauen einhetzt.

Sonst dacht' ich freilich, Krönlein und Raupert schlössen in dieser Gruppe etwan einen Bund von Belang. Denn ich habe auf Exerzierplätzen und auf menschlichen Tränkherden es oft gesehen, daß die Bündner einander blutig schlugen, um einer schönen Sitte der alten Welt zu folgen, worin Personen, die eine lebenslange Freundschaft knüpfen wollten, einander die Adern aufschlitzten und ihr Blut vermischten. Und dieser Vermischung begegn' ich in Schenken täglich; wiewohl der Staat solche enge Eidesgenossenschaften niemals duldet, weil schon die Römer Bündnisse im Staate verwarfen und weil sogar die deutschen Kaiser (z. B. Karl V. nach Möser) eben darum kaum Brandassekuranzgesellschaften leiden wollten.

Aber das ist bunter Zerstreuungs- oder Diffusionsraum genug für Leser, die die schwere Armfeile und Tangente des Künstlers ängstigt – und es ist nicht zu früh, wenn wir von der fünften Platte in die sechste eilen, sobald wir nur folgende drei Seiten überlaufen haben. – Auf diesen stell' ich bloß die Betrachtung über die Seiten an, womit ich glänze; und darunter ist wohl dieser Kommentar am wenigsten auszulassen, durch welchen ich, wenn nicht die 10 Gebote oder Holzschnitte heller erkläre, doch weiter verbreite. Wenigstens kann mein Kommentar doch die 10 Gebote auf tafelfähige Schmerbäuche – d. h. auf deren Gilets als Stickerei –, auf Fächer, in Taschenkalender als 12 Monatskupfer, abbossiert in Bilderuhren als 12 neue Stundenfiguren bringen, einstweilen sag' ich, bevor eine Zensurkommission – wozu noch schlechte Hoffnung vorhanden ist – so viel Einsicht hat, daß sie besagten Katechismus verbeut. Was helfen aber dem Staate alle Zensurkollegien, wenn man gerade den besten Büchern das Privilegium des Verbots entzieht oder gar elenden und schädlichen es gewährt? Wenn der Endzweck der Bücherverbote ist – wie man wenigstens hoffen muß –, für Werke, vor denen vielleicht das überladene Publikum blind vorbeigelaufen wäre, durch die Lärmtrommel des Verbotes anzuwerben – wenn ein guter index expurgandorum die Früchte des Erkenntnisbaums eben wie der Rabe die Eicheln unterscharren soll, weil sie nach diesem Verdecken nur früher aufkeimen – daher sogar der index sich selber verbieten muß, welches auch (nach Nicolai) an einigen Orten geschieht –: so müßte, däucht mich, dieses wichtige Privilegium, dieser gelehrte Adel und Orden pour le merite mit einiger Auswahl der Subjekte erteilet werden; nicht aber, wie der Wiener index tut, dem ganzen Meßkatalog in Pausch und Bogen, wie einmal Theresia die ganze Wiener Kaufmannschaft adeln wollte. Ganz schlechte oder schädliche Werke müßten nie verboten werden, da das Verhehlen oder die Maske, wie bei den römischen Akteurs, die Stimme lauter macht. Ganz meisterhafte haben zu ihrem Fortkommen der Gnadenmittel und Diebsdaumen der Zensur nicht nötig: die sympathetische Dinte, womit sie geschrieben sind, tritt schon durch die bloße Lebenswärme des Lesers, ohne Scheiterhaufen brände der Zensur, leserlich vor. Aber mittelmäßigen Werken, die viel nützen, aber wenig schimmern, und Werken und Zeitungen, die der Staat monatlich für das Volk schreiben lässet, so vielen tausend Predigtbüchern und Heilsordnungen, solchen müßte das Privilegium und Belobungsschreiben des Verbots nicht abgeschlagen werden; ein solches Großkreuz und Ordenszeichen, das ja dem Staat nichts kostet, brächte manchen literarischen Krüppel weiter und in bessere Gesellschaft. So wird auch die Bude der Tuchmacher mit dem Tuche der Schwarzröcke überzogen, weil Verschatten verschönert. Ist denn die disciplina arcani bei den ersten Christen nicht jetzt wieder nötig, die nicht bloß ihre Religionsschriften wie sibyllinische verbargen, sondern sogar aus ihren Sakramenten heidnische MysterienBesonders das Abendmahl gaben die Kirchenlehrer für eleusinische Mysterien aus, um es in Achtung zu setzen; und erschufen die Ähnlichkeiten des Stillschweigens und der drei Grade, der Reinigung, der Initiation und der Epopsie. Casaubon. Exercitat. ad. ann. Baron XVI. 43. machten?

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