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Das Kampaner Tal

Jean Paul Richter: Das Kampaner Tal - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas Kampaner Tal
pages561-716
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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IV.
Holzplatte des vierten Gebots

Der schlafende Cicero und clairvoyant – harmonia praestabilita

Es gibt zu denken und ist merkwürdig, wie sehr meine schon im dritten Gebote gefällete Prophezeiung hier im vierten in Erfüllung geht. Man erinnert sich, daß ich weissagte, auf der nächsten Holzplatte dürften wir vielleicht manche Kirchleute über der Ausmauerung eines Sparrwerks betreten, das sie neben der Kanzel zusammengenagelt. – Und so glücklich sind wir jetzt.

Ich schlage mich hier nicht lange mit meinen Vorgängern herum, welche den da unten liegenden Herkules, nämlich den Lautenisten, für den bezechten Erzvater Noah, das gebückte Männchen Krönlein für den satirischen Ham (bevor dieser und sein ganzer Erb- und Weltteil in den Färbkessel und in die Rußhütte geworfen wurden) und den Landstand und die Silberdienerin, der jener in der kalten Nacht einen Nacht- und Bischofsmantel der Liebe umwirft, für Sem und Japhet genommen haben: soll sich ein ernsthafter Mann mit der Rasur solcher geschraubter Traumdeutereien befangen?

Ich und das Publikum wenden unsere literarische Zeit besser an, wenn wir den Magen des Revisors – die fünfte Gesichtslänge – studieren und dieses Glied für unser Dionysius-Ohr und Souffleurloch halten. Der Kriegs- oder Friedensschauplatz ist wieder das Lustlager. Es ist Nacht und ziemlich stockfinster. Regina und Raupert haben sich unter diese MarquiseSo heißet ein Offizierszelt. beschieden. Gewisse Damen gleichen dem mechanischen Genie Earnshaw; dieser lernte in kurzer Zeit Uhren, Orgeln, optische Instrumente, Särge, Kleider, euklidische Demonstrationen machen; nur eines war ihm niemals beizubringen – einen Korb zu flechten. So verstehen gewisse Weiber alle schönen und schwarzen Künste, die besten Sprachen und Sitten, können alles binden und flechten, Zöpfe, Blumensträußer, Netze, Strohseile, Fallstricke, – aber einen Korb, das haben sie nicht in ihrer Macht, und wollte man ihnen jeden Korb mit Herzen und mit Assignaten füllen. – Inzwischen hört die schlaue Silberdienerin den Holzschneider, dessen Gang sie kennt, gegen die Marquise aufmarschieren. Weder Flucht noch Exküse stehen ihr frei; sie kann nichts mehr tun als eine – Bitte an ihren Lieblingsschriftsteller Raupert, er solle sich schlafend anstellen und im Schlafe plaudern, und sie wolle sich bücken und stellen, als behorche sie sein Träumen.

Das tat er gern. Als der Artist näher vorschritt: so winkte ihm die Frau mit großen Bogenlinien der Arme – der Finsternis wegen waren diese Fraktur-Winke vonnöten –, leise in die Marquise einzutreten, weil es was zu hören gebe. Der gutherzige kurzsichtige Brot- und Eheherr schlich auf den Daumen der Füße herbei. Der Kontraaltist Noah – denn Noah hieß er wirklich in seiner Jugend, weil er in einem biblischen Schuldrama diese alttestamentliche Rolle durchgespielt und durchgetrunken hatte, und dieses hat auch vermutlich viele Ausleger der Holzschnitte mit auf den Irrweg verlockt – der Erzvater also stellte sich, als ging' er in seinem magnetischen Schlafdiskurse weiter und sagte: »Bruder, das wollt' ich eben, der Revisor führe zum Teufel! Ich setze seinem Weibsbild nach, es ist aber schwer zu fangen, und der alte Narr trägt sie immer in der Tasche bei sich. – Vorgestern? – Nein, du irrest. – Dann? – Ja, mache du's erst; aber ich kenne den Narren völlig. Und muß ich dir sagen, der Bischof ist wohl nicht der Mann dazu....

Es macht Gedanken – die auch geäußert werden sollen –, daß der, der jetzt zum Kolloquium wie der vierte Mann und Engel in den feurigen Ofen der drei Leute trat, der Landstand selber war. Und die Gründe meines Verdachts sind der Verfolg: Regina schickte dem Bischof die stärksten mimischen Befehle des Stilleseins unhöflich entgegen – der Erzvater fing auf einmal an, den Landstand zu schmähen und gleich darauf gegen das kleine Akzessit-Töchterchen (das wir vorigen Sonntag auf der 3ten Platte bleich und jung hinter der Kanzel angeschauet) entsetzlich loszuziehen, und zwar dergestalt und in solchen Wendungen, daß Reginen und selber dem Bischof in partibus keine andere dezente Zuflucht übrig blieb als die, aus dem Zelte eine verschämte Flucht in die Finsternis, so weit der Spitzbube zu hören war, mutig zu nehmen. Ist das und noch viele andere Dinge, zu deren Rapport Zeit fehlt, noch nicht geschickt, in einem Leser des 18ten Jahrhunderts klügere Vermutungen aufzuwecken, als in einem Ehemann des 17ten aufsprangen? Letzterer dankte dem Himmel, als er seine Gebenedeite, die (nach ihm) gleich den TürkinnenJournal de lecture n. II. p. 187. zwar Hühner, aber nicht Hähne unverschleiert füttern kann, mit dem Landstand unter dessen zweischläfrigen Schlafpelz laufen sah; aber was sprechen Leser dazu, die in Paris und Rom gelebt? Ist es denn solchen noch dunkel, daß dreifache Spitzbüberei hier webe und spinne? – Ist diesen erst ein SchwortzGera hieß nach vielen Altertumsforschern sonst Schwortz, von den Sorben oder Schworzen (Schwarzen), weil diese über das schwarze Meer herkamen; aber Longol sagt in seinen »Longolischen Beschäftigungen«, er widerleg' es irgendwo. vonnöten, das ihnen es mit schönen Lettern vor die Augen druckt, daß ganz gewiß der Lautenist nichts als eine vom Bischof in partibus gedrehte Zwirnmühle und Spinnmaschine ist, womit der Landstand seine Fallstricke um Reginen spinnt und legt – daß aber der Lautenist den Bedienten gleiche, die in der Mietkutsche, die sie zu bestellen hatten, selber gefahren kommen – daß er heute die Silberdienerin unter die Marquise bestellen sollen, daß ers aber vermutlich einige Viertelstunden zu bald getan, um dem Landstand durch eine frühere Originalität keine Ehre mehr zu lassen als die einer Kopie? – –

Um vieles glaublicher wird die Hypothese, daß wir das neue Paar vor unsern Augen davongehen sehen: denn das lässet präsumieren, daß die Dienerin und der Kirchendiener Menschen sind, die gewiß (nach einer unedlen Phrasis) der Teufel reitet. Des heiligen Xavers Mütze macht bekanntlich Gemahlinnen – und Johannis V. und Peters II. Frauen trugen solche – fruchtbar, und zwar mit Knaben: nun hatte die arme Sara-Wüste, Regine, nichts Nähers aufzusetzen bei der Hand als die Bischofs-Mütze, und das (so war ihr Schluß) möchte ihr guttun. Absolut unmöglich ists nicht, da ich täglich Bischöfe die Abkömmlinge ihrer Infuln- und Wunderkräfte gleich Pasquillen erstlich vervielfältigen, zweitens anonym versenden sehe. Übrigens fehlte unserer Silberdienerin zu einer Weltdame im verbrauchten Sinn nichts als eine – Residenz. Weltdamen ist aber Lykurgus' Gebot nicht neu, nie lange gegen einen Feind zu kriegen, sondern lieber (zum Vorteil des Muts) die Gegner zu wechseln. – Der Gegner, der Bischof, ist ein guter Herr: Ideen (geistlichen) stellt er ewig nach. Da nämlich nach Hemsterhuis Schönheit das ist, was die größte Anzahl Ideen in der möglich-kleinsten Zeit erweckt, so muß ein geistlicher Herr, ein Kanonikus, ein Nuntius, ein Kardinalbischof, ein Kardinalpriester sich nach Schönheiten umtun und sich Gegenstände auslesen, die ihn, da er wenig Zeit hat, mit einem Überschwang von Ideen auf einmal versorgen.

Ich fahre aber im Extrakte aus dem Protokoll des Krönleinschen Magens fort. Entweder wurde der Lautenist der liegenden und gesprächigen Rolle müde, oder er gönnte dem Landstand die seinige nicht: kurz er fing an, sowohl den Bischof als den Zuhörer Halunken zu nennen, dann Teufelsbraten, dann Schlafmützen, dann gar Fratzen und Tröpfe. Dieses Namenregister führte zwischen dem gefirmelten Revisor und dem Wiedertäufer eine Erkennung herbei, die der Künstler nicht für unwürdig hielt, einen eignen Holzschnitt, den des fünften Gebots, zu füllen.

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