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Das Kampaner Tal

Jean Paul Richter: Das Kampaner Tal - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas Kampaner Tal
pages561-716
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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III.
Holzplatte des dritten Gebots

Parität der Religionen in der Kleidung – Spitzbübinnenstreiche

Wäre nicht mehr aus der menschlichen Brust überhaupt als aus der Brust der Federzeichnung – der dritten Gesichtslänge – zu lesen: so stände die Sache schlimm und diese Geschichte still. Ich will aber vorher den Leser ins Relatorium und in die Avisfregatte der dritten Gesichtslänge führen und dann erst selber ein Wort reden.

Auf gegenwärtigem historischen Tableau treffen wir den Landstand auf der Kanzel an: er zankt darin. Alle Ausleger vor mir konnten sich aus seiner lutherischen Draperie nicht herauswickeln: besonders drücken die zwei Schmutztitelblätter des Überschlags, diese geistlichen Halsfloßfedern und Herzblätter, das exegetische Kollegium nieder. Ich schäme mich nicht, es öffentlich geständig zu sein, daß ich noch vor einigen Jahren mich mit dem Künstler über diesen Anzug überwarf. Er hat auf allen seinen Holzschnitten seine stehende Truppe so gut bekleidet, daß sie mit keinem Volk und Zeitalter zu verwechseln ist – und eine solche Garderobe de fantaisie, eine solche indeklinable, poetische Einkleidung und Tracht ist eben das hohe Idealische, was jeder Narr kennt, aber nicht malt. Warum wirft sich aber gerade hier der Gewändermaler in die Wirklichkeit hinein und drapiert lutherisch? Er muß eine größere Schönheit erwuchern können, als er verstößet: sonst tät' ers unmöglich. Der Verfasser dieser Erklärung und Periphrase glaubt seinen Künstler nicht weit von seiner Spur zu verfolgen, wenn er mutmaßet, daß der Holzschneider ein Fuchs ist und gern seinen Krypto-Papismus verdeckt. Hier überdeckt er ihn mit Kanzelholz. Dadurch nämlich, daß er den Landstand wie einen Grenzgott oder einen geflügelten Genius mit der untern Hälfte in das hölzerne Kanzelhulfter steckt, hält er sich die Zeloten vom Leibe, und indem er sie mit dem SeraphinNach Lichtenberg zerschneidet man in Frankreich die Tauben quer in zwei ungleiche Stücke, das mit den Beinen heißer culotte, das andere seraphin. dieser Kanzeltaube, gleichsam mit der menschlichen Oberwelt voll oberer Seelenkräfte, die er lutherisch bekleidet, abspeiset und fortschickt, schafft er sich Platz, der Culotte und Unterwelt des Bischofs das Pallium umzuhängen und kurz die Hälfte des Mannes so katholisch zu machen, als er nur will. Ja einen, der ihn darüber zur Rede setzen wollte, könnt' er noch dazu einen Narren heißen und ihn bitten, er solle ihm doch das verfängliche Pallium zeigen; – und das wäre ihm wegen der Kanzel nicht tulich. – Schieß' ich fehl: so ist mir doch die Moral nicht zu nehmen, die daraus abfließet und welche gewisse alte Ketzer (die Paterniani) so ausdrückten: Gott hat die obern Teile des Menschen gemacht, und der Teufel den Rest. Die in der Kanzel verborgne Stalagmite, wächst der sichtbaren Stalaktite entgegen und türmet sich auf durch sie. Die Nebel, die die unterste Erdschicht des Menschen aushaucht, steigen öfter, als sie fallen, und machen also den Himmel öfter naß wie blau.

Ich will vorher die Volksmenge in der Kirche des Holzschnittes summieren und sortieren, die so viele Mann stark ist, als die Philister goldne Mäuse bekamen, fünf. Der Bischof in partibus schießet mit Kanzel-Spitznamen und mit einem geistlichen Pereat auf den fatalen grinsenden Kontraaltisten herunter und schauet als ein Gegenfüßler Lavaters – der, wie er schreibt, in seiner Predigt allzeit das beste Gesicht als point de vue im Auge behält – gerade das schlimmste an. In Kinderlehren hingegen, schreibt Lavater, fass' er immerfort das einfältigste ins Auge, um faßlicher zu sein: das hätt' er aber nicht ruchbar machen sollen, weil sonst ein Zürcher, den er oft in den Kinderlehren betrachtet, ihn wegen optischer Injurien belangen und überhaupt ihm kein sonderliches Gesicht entgegenschneiden wird; der Verfasser dieses Blatts bittet sich daher, wenn er nach Zürch kömmt, vom physiognomischen Fragmentisten die Gefälligkeit aus, ihn unter dem Katechisieren nicht anzusehen. – Das unten neben dem Salzrevisor niedlich zusammengefaltete Geschöpf mit gekreuzten Händen ist seine Frau. Wie gesenkt und versunken, horchend und erblindet sie dasitzt, als Kreuzdame und Kreuzträgerin! Wer säh' es der Spitzbübin an, daß sie eine ist und aus einer Hausehre gern durch Beistand ihres rechten Nachbars eine ganz kleine Hausschande werden möchte? Davon merkt aber der Revisor nichts, der Tag und Nacht sich auf die Befolgung der Navigationsakte rüstet und freuet, wodurch der Staat dem Manne (wie der englische jedem Volke) befiehlt, nur eigne Landesprodukte nur auf eignen Schiffen einzubringen. Ja Krönlein hat einen fünften Gang in diese laute Mühle des göttlichen Samens eingebaut, nämlich die weibliche Figur an der Kanzel, weil er sich einbildete, er verstoße gegen seine verschämte Frau, wenn er sie allein in eine Kirche voll Männer oder in ein Mönchskloster setze und schnitze, da Mädchen wie erdrosselte Krammetsvögel allzeit paarweise in die Häuser kommen.

Schön deutet der Künstler die Jahrszeit der Geschichte an, daß es nämlich der Frühling sei, der vor sich erst die Frühlingsreife vorausschickt und statt des Stachelbeereneises, statt des Rosen- und Äpfeleises bloß Wasserpflanzeneis in Weihern auftischt: unser Holzschneider tut es bloß durch einen Holzhacker, den das Publikum aus der Kirche in dem Kirchhof neben dem Gebeinhaus zwei Schwefelhölzer für die Sakristei zerspalten sieht. Ich vermute, der Kantor hackt.

Nun wird es Zeit, zu erklären und zu erraten, was eigentlich die fünfspännige Kirchenversammlung vornimmt. Der Holzarbeiter scheint hier, wie Geßner in der Ratsversammlung, zu zeichnen – und mit der linken Hand wie Holbein; aber auf dem alten Stempel, der statt des Holzschnittes neben meinem Dintenfaß steht, ist es doch die rechte. – Der Landstand wetterleuchtet und donnert gegen alle Sünden, die ihm – entgehen: er hält dem höhnenden Raupert die Nachbarschaft des 5ten und 6ten Verbots vor und meint die nächtliche Attacke. Die Brust des Feder-Konterfeies erzählt es weitläuftig genug, wie sehr der Bischof die arme Menschenbrust wie die der pommerschen Gänse behandelt, die man allein an dem Tiere schwärzet, d. h. räuchert. Auf der Kanzel sagen die Geistlichen: damnamus, in Visitenstuben gleich ihren Zuhörern nur: namusSemler im I. T. seines Auszugs aus der Kirchengeschichte (p. 498) erzählt, daß die Väter, die zu Soissons ein Konzilium über Abälard und sein Buch de trinitate hielten, so voll waren, daß sie weiter nichts von damnamus sagen konnten als namus. Feine Leute sagen allzeit nur namus; es ist aber noch schlimmer., und sie setzen dort gleich Rezensenten keinem Kopf einen Lorbeerkranz auf als einem Totenkopf, und die Nachmittags- oder Leichenpredigt ist die Antikritik der Vormittags- oder Bußpredigt.

Der Gesetzprediger schlägt mit dem Gesetzhammer und Zainhammer auf den Lautenschläger Raupert und sagt ihm verblümt, er fahre zum Teufel; aber Raupert ist lieber einer. Der Seelenhirt stellt der Gemeinde, wenigstens dem Kontraaltisten, die schwarzen und brünetten und bunten Laster vor; aber ich sage voraus, es hilft nichts, und auf dem nächsten Holzschnitte wird sichs zeigen. Die Menschen glauben, Laster sind wie die Bandwürmer, die jeder im Gedärme bei sich führt und die nur schaden, wenn sie überhand nehmen. – Und hier ist überhaupt der Mensch im ganzen zu empfehlen. Wie nämlich die Professionisten ihr Handwerk nicht niederlegen, wenn ihnen der Arzt und ihr Schicksal einige medizinische Schädlichkeit desselben zeigen, sondern wie jeder, um nur Brot zu haben und zu schaffen für andere, sich gern der notwendigen Verderbnis preisgibt, z. B. der Schuster den Infarktus – der Friseur und Müller der Lungensucht – der Hammerschmied der Blindheit – der Kupferschmied der Taubheit – der Bleiarbeiter der Kelchvergiftung: so darf man, hoff' ich, annehmen, daß die meisten Menschen stark und entschlossen genug sind, sich von ihrem Gewerbe nicht durch die moralische Erkrankung, worein es sie unvermeidlich stürzet, trennen zu lassen; springt denn der Gesandte und sein Sekretär von seinem wichtigen Posten ab, weil er sich dabei der Mundfäule und den Mundschwämmen der Unwahrheit aussetzen muß? Oder treibt das inflammatorische Fieber des Zorns, die Dörrsucht der Habsucht, die Obstruktion oder der Brustkrebs der Heuchelei den mutigen Mann aus seinem Zelte, aus seinem Kramladen, von seiner Kanzel?

Übrigens gehört der Bischof auf der in Holz geschnittenen Kanzel unter jene Leute von feinem Gefühl, die einen größern Genuß in dem Predigen und Überdenken der Moral zu finden wissen als in dem Ausüben derselben und die also letzteres nicht sonderlich schätzen und treiben. Ich achte sie so sehr wie jenen Musik-Kenner, der, wie Monboddo erzählt, gute Partituren nur vor sich still in die Hand nahm und schweigend mit den Augen überhörte und der so der herrlichsten Symphonien, ohne nach einem einzigen Instrument zu greifen, durch bloßes Lesen habhaft wurde.

Die Silberdienerin ist, wie oben gedacht, eine Spitzbübin und Wilddiebin der Herzen meines Geschlechts, und ihr hab' ichs Dank zu wissen, daß die Geschichte auf der Platte des dritten Gebotes nicht stockt. Sollte denn ein Leser so verblendet sein, als der Eheherr und Porträtmaler wirklich war, daß er nicht Lunten witterte, warum dieses Rosenmädchen, das ein Dornenmädchen ist, so still und dem Kontraaltisten so abgewandt, aber doch so nahe sitzt? Offenbar redet oder singt oder winkt die Kirchenräuberin (mit der weiblichen Fernschreibekunst) etwas mit dem Langkinn ab, was in den nächsten Holzschnitten Folgen haben kann. Darüber wird sich sprechen lassen; ich aber versehe mir von einer solchen Plagiaria, die uns alle zu ihrem Musteil und ihrer Gerade schlägt, zwar keinen sabinischen Jungfernraub, aber doch Männerraub und wenig Gutes. – –

Die Ausleger, die immer Juden in den Christen dieser Platten suchen, sollen mir doch auf dieser etwas Beschnittenes aufweisen. Oder wollen sie annehmen, der in Holz geschnitzte Schauplatz des Sonntags sei Frankfurt am Main, worin nach einer Ratsverordnung vom 23. Febr. 1756Neues Genealogisch-Schematisches Reichs- und Staatshandbuch vor das Jahr 1757. kein Jude auf der Gasse erscheinen darf, ja wo die armen Schelme ihre Briefe so auf die Post abgeben müssen, »daß sie damit« (ich brauche die Wendungen des Dekrets) »den geraden Weg die Zeil hinauf und an der Hauptwache vorbei bis an die Bockenheimer Gasse, sodann zu dem Hessen-Kasselischen Postwagen den Weg hinter denen Predigern her nach dem Hayner-Hof zu halten und sonsten weder zur rechten noch zur linken Hand auszuschweiffen haben«? Ist das nicht toll, ich meine das Erklären? –

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