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Das Kampaner Tal

Jean Paul Richter: Das Kampaner Tal - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas Kampaner Tal
pages561-716
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Gione unterbrach mich jetzt schon: »Und jeder Tugendhafte und jeder Weise ist zugleich auch ein Beweis, daß er ewig lebe.« – »Und jeder,« fügte Nadine schnell hinzu, »der unverschuldet leidet.«

»Ja, das ists,« sagt' ich gerührt, »was unsere Lebenslinie durch die lange Zeit hindurchzieht. Der Dreiklang der Tugend, der Wahrheit und der Schönheit, der aus einer Sphärenmusik genommen ist, rufet uns aus dieser dumpfen Erde heraus und rufet uns die Nähe einer melodischen zu. Wozu und woher wurden diese außerweltlichen Anlagen und Wünsche in uns gelegt, die bloß wie verschluckte Diamanten unsere erdige Hülle langsam zerschneiden? Warum wurde auf den schmutzigen Erdenkloß ein Geschöpf mit unnützen Lichtflügeln geklebt, wenn es in die Geburtsscholle zurückfaulen sollte, ohne sich je mit den ätherischen Flügeln loszuwinden?« –

Wilhelmi sagte bewegt: »Ich träume selber gern im Schlafe dieses Lebens den Traum von einem zweiten. Aber könnten unsere schönen geistigen Kräfte nicht uns zur Erhaltung und zum Genusse des jetzigen Lebens verliehen sein?«

»Zur Erhaltung?« (sagt' ich) »Also wurde ein Engel in den Körper gesperrt, um der stumme Knecht und Einheizer und Frater Kellner und Frater Küchenmeister und Türwärter des – Magens zu sein? Waren nicht Tierseelen imstande, die Menschenleiber auf den Obstbaum und auf den Tränkherd auszutreiben? Soll die ätherische Flamme den körperlichen Kanonen- oder Zirkulierofen mit Lebenswärme bloß gehörig ausbrennen und backen, den sie ja verkalkt und auflöset? Denn jeder Erkenntnisbaum ist der Giftbaum des Körpers und jede Verfeinerung eine langsame Kelchvergiftung; aber umgekehrt ist das Bedürfnis der eiserne Schlüssel zur Freiheit – der Magen ist der mit Düngersalz gefüllte Treibscherben der Blüte der Völker – und die verschiedenen tierischen Triebe sind nur die erdigen beschmutzten Stufen zum griechischen Tempel unserer Veredelung.

Zum Genusse, sagten Sie noch – d. h. wir bekamen zum Futter des Tiers den Gaumen und Hunger des Gottes. Der Teil, der an uns von Erde ist und der auf Wurmringen kriecht, ja dieser lässet sich allerdings wie der Erdwurm mit Erde füllen und mästen. Die Arbeit, der körperliche Schmerz, der Heißhunger der Bedürfnisse und der Tumult der Sinne verdrängen und ersticken bei Völkern und Ständen den geistigen Herbstflor der Menschheit: alle jene Bedingungen der irdischen Existenz müssen erst abgetan sein, ehe der innere Mensch die Forderungen für die seinige machen kann. Daher kömmt den Unglücklichen, die noch die Geschäftsträger des Körpers sein müssen, die ganze innere Welt nur wie ein Luft- und Spinnengewebe vor, wie einer, der nur in die elektrische Atmosphäre anstatt an den Funken selber gerät, durch ein unsichtbares Gespinst zu greifen meint. Ist aber einmal unser notwendiger Tierdienst vorbei, der bellende innere Tierkreis abgefüttert und das Tiergefecht ausgemacht: dann fodert der innere Mensch seinen Nektar und sein Himmelsbrot, der sich, wenn er nur mit Erde abgespeiset wird, alsdann in einen Würgengel und Höllengott verwandelt, der zum Selbstmord treibt, oder in einen Giftmischer, der alle Freuden verdirbt.Dieses gilt am meisten von den höhern und reichen Ständen, worin bei so vielen die Saturation der fünf Kamelmägen der fünf Sinne und die Verhungerung der Psyche sich mit einem ekelhaften Ekel am Leben und mit einer widrigen fleischlichen Vermischung höherer Wünsche und niederer Lüste beschließet. Der Wilde, der Bettler, der Kleinstädter übertreffen sie weit am Sinnengenuß, da an diesem wie an den Häusern der Juden (zum Andenken des ruinierten Jerusalems) immer etwas unvollendet gelassen werden muß und da eben Arme noch zu wenige Foderungen des erdigen Menschen befriedigt haben, um von den Foderungen des ätherischen überlaufen und gepeinigt zu werden. Denn der ewige Hunger im Menschen, die Unersättlichkeit seines Herzens, will ja nicht reichlichere, sondern andere Kost, nur Speise statt Weide: bezöge sich unser Darben nur auf den Grad, nicht auf die Art, so müßte uns wenigstens die Phantasie einen Sättigungsgrad vormalen können; aber sie kann uns mit der gemalten Auftürmung aller Güter nicht beglücken, wenn es andere als Wahrheit, Tugend und Schönheit sind.«

»Aber die schönere Seele?« sagte Nadine. Ich antwortete: »Diese Unförmlichkeit zwischen unserem Wunsche und unserem Verhältnis, zwischen dem Herzen und der Erde bleibt ein Rätsel, wenn wir dauern, und wäre eine Blasphemie, wenn wir schwinden. Ach wie könnte die schöne Seele glücklich sein? Fremdlinge, die auf Bergen geboren sind, zehret in niedrigen Gegenden ein unheilbares Heimweh aus – wir gehören für einen höhern Ort, und darum zernaget uns ein ewiges Sehnen, und jede Musik ist unser Schweizer-Kuhreigen. Am Morgen des Lebens sehen wir die Freuden, die den bangen Wunsch der Brust erhören, von uns entfernt aus späten Jahren herüberschimmern; haben wir diese erreicht, so wenden wir uns auf der täuschenden Stätte um und sehen hinter uns das Glück in der hoffenden kräftigen Jugend blühen und genießen nun statt der Hoffnungen die Erinnerungen der Hoffnungen. So gleicht die Freude auch darin dem Regenbogen, der am Morgen vor uns über den Abend schimmert und der abends sich über den Osten wölbt. – Unser Auge reicht so weit als das Licht, aber unser Arm ist kurz und erreicht nur die Frucht unsers Bodens.«

– »Und daraus ist zu folgern?« fragte der Kaplan.

»Nicht daß wir unglücklich, sondern daß wir unsterblich sind und daß die zweite Welt in uns eine zweite außer uns fodert und zeigt. Ach was könnte man über dieses zweite Leben, dessen Anfang schon so klar im jetzigen ist und das uns so sonderbar verdoppelt, nicht sagen! Warum ist die Tugend zu erhaben, um uns selber und – was noch mehr ist – andere (sinnlich-) glücklich zu machen? Warum nimmt mit einer gewissen höhern Reinheit des Charakters das Unvermögen zu, der Erde, wie man sich ausdrückt, Nutzen zu schaffen, wie es nach Herschel Sonnen gibt, denen Erden fehlen? – Warum wird unsere Brust von dem langsamen Fieberfeuer einer unendlichen Liebe für einen unendlichen Gegenstand ausgetrocknet und ausgehöhlt und endlich gebrochen und nur von der Hoffnung gelindert, daß diese Brustkrankheit wie eine physische einmal die Eisstücke des Todes überdecken und heben?« –

»Nein,« sagte Gione mit einem bewegtern Auge als Tone, »es ist kein Eis, sondern ein Blitz – wenn das Herz als Opfer auf dem Altare liegt, so fällt das Feuer vom Himmel und zerlegt es, zum Beweis, daß ihm das Opfer wohlgefallen.«

Ich weiß nicht, warum sie gerade mit dieser beruhigten Stimme meine ganze Seele – nicht bloß meine Schlußkette – so schmerzlich zerriß. Sogar Nadinens Augen, die über die eignen Erinnerungen siegten, wurden durch die schwesterlichen naß, und sie hob – ob sie gleich sonst ekler und furchtsamer als Gione ist – vorübergehend von einem Kartoffelstock, der aus einem Garten herausstand, einen großen, unter dem haarigen Laube hängenden Nachtschmetterling ab und zeigte ihn uns mit einem festen Munde, den ein Lächeln erweichen sollte. Die Phaläne war der sogenannte Totenkopf; ich strich die wie an einem Geier gesenkten Flügel und sagte: »Sie ist aus Ägypten gebürtig, dem Lande der Mumien und Gräber, und trägt selber ein memento mori auf dem Rücken und ein Maestoso und Miserere im Klage-Rüssel.«

»Inzwischen ist sie ein Schmetterling und befliegt ihre Nektarien, und das wollen wir Tagvögel auch tun«, sagte gut Wilhelmi; aber gerade dieses Wort nahm er mir ordentlich aus dem Mund.

Auf Gionens Angesicht stand wieder sinnende Ruhe, und sie wurde mir durch die Stille ihres Grams unendlich schön und groß. Du sagtest einmal: die weibliche Psyche muß nie, obwohl glühend-zerstochen, krampfhaft mit den Flügeln um sich schlagen, weil sie sonst, wie andere Schmetterlinge, den Schmuck derselben zerschlägt; ach wie wahr ist das! – –

Nadinens Augen glänzten selten, ohne endlich zu tropfen, und jede wehmütige Regung hielt lang' in ihrem Herzen an, eben weil sie sich vorher lange vor ihr hütete. Sie glich überhaupt den Quellen, die die entgegengesetzte Temperatur der Tagszeit annehmen und die gerade der kühlende Abend erwärmt. Sie sagte gerührt zu mir (und suchte mit ihrer Hand in ihrer linken Tasche): »Ich kann Ihnen Verse zeigen, die Ihre Prosa beweisen.« Unter dem Suchen und Stehen blieb sie und ihr Führer, Wilhelmi, zurück. Er erriet eher als ich, daß sie mir aus ihrem Souvenir etwas geben wolle. Er nahm sogleich, als sie statt desselben mein Skolopender-Gefängnis herausbrachte, verbindlich das Wort: »er habe zwar nicht mit den Händen, aber doch mit den Blicken zum Diebstahl mit geholfen und bitte als Hehler um Gnade.« Die ernste Stimmung vertrug kaum die ernste Entschuldigung dieser Unbedachtsamkeit; ich sagte: »Ich wollte einen mehr vergeblichen als verzeihlichen Scherz einleiten; aber ich....« Sie schlug mir, ohne mich ausreden zu lassen, weich und unverändert – ich rechne ein strafendes und ein vergebendes Lächeln ab – das Blatt im aromatischen Buche auf, das des edeln Karlsons Trauergedicht auf den Untergang der hohen Gione enthielt, dessen prosaischen Nachhall ich dir aus meinem prosaischen Gedächtnis hier willig gebe:

Die Klage ohne Trost.

»Was ist das für ein Gewölke, das wie die Wolken der Wendekreise nur von Morgen gegen Abend fliegt und dann untergeht? Es ist die Menschheit. – Ist das der Magnetberg, mit den Nägeln angerissener zerbrochener Schiffe überdeckt? Nein, es ist die große Erde, von den Knochen zertrümmerter zerfallner Menschen bestreuet.

Ach warum hab' ich denn geliebt? Ich hätte nicht so viel verloren.

Nadine, gib mir deinen Schmerz: denn die milde Hoffnung ist darin. Du stehest neben deiner zermalmten Schwester, die unter dem Leichenschleier zerrinnt, und blickest auf zu den zitternden Sternen und denkst: droben da wohnst du, Gute, und auf den Sonnen finden wir die Herzen wieder, und die kleinen Tränen des Lebens sind vergangen.

Aber meine stehen fest und brennen im wunden Auge fort. Meine Zypressen-Allee ist nicht offen und zeigt keinen Himmel. Das Menschenblut malet auf den Leichenmarmor die flüssige Gestalt, die ein Mensch genannt wird, wie Öl auf Marmortafeln zu Wäldern gerinnt: der Tod wischt den weichen Menschen weg und lässet den Grabstein zurück. Ach Gione, ich hätte einen Trost, wärest du nur weit von uns allen in eine bewölkte Wüste geworfen, oder in die Schachte der Erde, oder hinauf in die entfernteste Welt des Äthers – aber du bist vergangen, du bist vernichtet. Deine Seele ist gestorben, nicht nur deine Hülle und dein Leben.

O sieh her, Nadine, hier auf dem Richtplatz der Zeit liegt mit der Totenfarbe der Geisterwelt der zerknirschte Engel. Unsere Gione hat alle ihre Tugenden verloren, ihre Liebe und Geduld und ihre Stärke und ihr ganzes großes Herz und den weiten reichen Geist: der Wetterstrahl des Todes hat den Diamant zerschmolzen, und die wächserne Statue des Körpers zerfließet nun langsam unter der Erde.

Nimm die schöne Hülle eilig weg, Schlange der Ewigkeit, die, wie die große Schlange, den kleinen Menschen anfangs vergiftet und endlich verschlingt.

Aber ich, Gione, stehe noch stark mit dem unvernichteten Schmerz, mit der unvernichteten Seele an deinen Ruinen und denke dich weinend, bis ich verschwinde. Und meine Trauer ist edel und tief, denn sie hat keine Hoffnung.

Mit der Sonne steige gleich dem NeumondDer Neumond geht allezeit mit der Sonne, obwohl ungesehen und verfinstert auf. deine unsichtbare Schatten-Gestalt am Himmel herauf in meinem Geist!

Und das Schöpfrad der Zeit, das mit unzähligen Herzen aufsteigt und sie voll Blut schöpft und das sie ins Grab ausleeret und sterben lässet, gieße meines nur zögernd aus: denn ich will lange um dich Schmerzen haben, du Vergangene!«

*

Ich kann dir nicht sagen, geliebter Viktor, wie abscheulich und gräßlich mir der ewige Schnee eines vernichtenden Todes jetzt neben der edeln Gestalt vorkam, die er überdecken sollte; wie abscheulich der Gedanke: diese nie beglückte unschuldige Seele hätte der letzte Tag, wenn Karlson recht hatte, aus den Gefängnissen über der Erde in das dumpfe unter ihr geführt. Der Mensch trägt seine Irrtümer wie seine Wahrheiten zu oft nur in Wortbegriffen und nicht in Gefühlen bei sich; aber der Bekenner der Vernichtung stelle sich einmal statt eines sechzigjährigen Lebens eines von 60 Minuten vor und sehe dann zu, ob er den Anblick geliebter edler oder weiser Menschen als zweckloser stundenlanger Lufterscheinungen, als hohler dünner Schatten, die dem Lichte nachflattern und im Lichte sogleich zerfließen und die ohne Spur und ohne Weg und Ziel nach einem kurzen Schwanken hinaus in die alte Nacht verrinnen, ob er diesen Anblick ertragen könnte: nein, auch ihn überschleicht immer die Voraussetzung der Unvergänglichkeit, sonst hinge immer über seine Seele, wie an dem heitersten Himmel über Muhammed, eine schwarze Wolke, und unter der Erde liefe überall mit ihm wie mit dem KainDas erste ist eine christliche Sage, das andere eine rabbinische. ein ewiges Beben.

Ich fuhr fort, aber alle Schlüsse waren jetzt zu Gefühlen verdichtet: »Ja dann, wenn alle Wälder dieser Erde Lusthaine wären, alle Täler Kampaner, alle Inseln selige, alle Felder elysische und alle Augen heiter, ja dann – – nein, und auch dann hätte der Unendliche unserm Geist durch diese Seligkeit den Eid ihrer Dauer getan – aber jetzt, o Gott, da so viele Häuser Trauerhäuser, so viele Felder Schlachtfelder, so viele Wangen bleich sind, da wir vor so vielen welken – roten – zerrissenen – und geschlossenen Augen vorübergehen: o! könnte jetzt die Gruft, dieser rettende Hafen, bloß der letzte einschlingende Strudel sein? Und wenn endlich nach tausend tausend Jahren unsere Erde an der nähern Sonnenglut ausgestorben und jeder lebendige Laut auf ihr begraben wäre, könnte da ein unsterblicher Geist auf die stille Kugel niederschauen und den leeren Zeremonien- und Leichenwagen ziehen sehen und sagen: ›Drunten flieht der Kirchhof des armen Menschengeschlechts in die Krater der Sonne – auf dieser Brandstätte haben einmal viele Schatten und Träume und Wachsgestalten geweint und geblutet, aber nun sind sie alle längst zerschmolzen und verraucht – fliehe hin in die Sonne, die auch dich auflöset, stumme Wüste mit deinen eingesognen Tränen und mit dem vertrockneten Blute!‹ – Nein, der zerstochene Wurm darf sich emporkrümmen gegen den Schöpfer und sagen: ›Du hast mich nicht zum Leiden schaffen dürfen.‹«

»Und wer gibt dem Wurm das Recht zu dieser Forderung?« fragte Karlson.

Gione sagte sanft: »Der Allgütige selber, der uns das Mitleiden gibt und der in uns allen spricht, um uns zu beruhigen, und der ja allein in uns die Ansprüche an ihn und die Hoffnungen auf ihn erschaffen hat.«

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