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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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4

Nach einer geraumen Weile nahm er wieder das Wort.

»Ich schaute auf, um mich.

Ich lag auf der Rasenbank eines schmalen, aber tiefen Flusses. Mir zur Seite stand mein Mustang, neben diesem ein Mann, der, die Arme gekreuzt, eine strohgeflochtene Weidmannsflasche in der Hand hielt. Mehr konnte ich nicht ausnehmen, denn ich war zu schwach, mich aufzurichten. In meinen Eingeweiden brannte es wie höllisches Feuer. Die Kleider, die mir naß am Leibe klebten, waren ein wahres Labsal.

›Wo bin ich?‹ röchelte ich.

›Wo Ihr seid, Fremdling? Wo Ihr seid? Am Jacinto, und daß Ihr am – und nicht im Jacinto seid, ist, rechne ich, nicht Eure Schuld –. Damn it! Sie ist's nicht. Seid aber am Jacinto und auf 'm – wenn auch nicht im Trocknen.‹

Des Mannes höhnisches feindselig rohes Lachen hatte etwas so unbeschreiblich widerwärtig Zurückstoßendes, daß es mir Schmerzen in den Ohren verursachte, jedes Wort, das an die Ohrenfelle anschlug, schmerzte. Wenn mir die halbe Welt für einen freundlichen Blick geboten worden wäre – er wäre mir nicht möglich gewesen, mit solchem Grausen und Abscheu erfüllte mich dieses gräßliche Hohnlachen.

War es der äußerst gereizte, im Abschnappen begriffene Zustand meiner Nerven, war es ein sonstiger Umstand, der dieses gräßlich diskordante Lachen so unsäglich widerwärtig auf mich einwirken ließ, soviel kann ich mit Bestimmtheit versichern, daß, als das letzte Wort meine Ohren zerriß, mir auch der gräßliche Charakter des Lachers mit einer Deutlichkeit, einer Klarheit vor den Augen stand, in der ich in meinem ganzen Leben keinen Charakter, selbst die längst bekannten befreundeten durchschaut. Ich wußte, daß er mein Lebensretter, daß er es gewesen, der mich aus dem Flusse gezogen, in den ich köpflings über den Hals meines Mustangs gestürzt, als dieser wütend vor Durst über die Rasenbank in das Wasser hinabsprang; daß ich ohne ihn unfehlbar ertrunken sein mußte, selbst wenn der Fluß nicht so tief gewesen wäre; daß auch er es war, der mich mit seinem Whisky aus der tödlichen Ohnmacht zum Bewußtsein zurückgebracht. Aber wenn er mir zehn Leben gerettet hätte, ich vermochte es nicht, den unsäglichen Widerwillen zu überwinden. Es war mir nicht möglich, ihn anzusehen.

›Scheint nicht, daß Euch meine Gesellschaft zweimal lieb ist‹, grinste er mich höhnisch lauernd an.

›Eure Gesellschaft nicht lieb? Habe seit mehr als hundert Stunden keine menschliche Seele gesehen, keinen Bissen, keinen Tropfen über die Zunge gebracht.‹

›Hallo! da lügt Ihr‹, brüllte er lachend. ›Habt ja einen Mundvoll aus meiner Flasche genommen – zwar nicht eigentlich genommen, aber ihn doch den Rachen hinabgeschüttet. Und wo kommt Ihr her? Das Tier da ist nicht Eures?‹

›Mister Neals!‹ gab ich zur Antwort.

›Wessen ist es?‹ fragte er nochmals lauernd.

›Mister Neals!‹

›Sehe es am Brand. Aber wie kommt Ihr von Mister Neal her an den Jacinto? Sind gute siebzig Meilen quer über die Prärie zu Neals Pflanzung. Habt doch nicht mit seinem Mustang Reißaus genommen?‹

›Verirrt, habe seit vier Tagen keinen Bissen über die Zunge bekommen.‹

Mehr vermochte ich nicht herauszubringen, Schwäche und Abscheu schlossen mir den Mund. Die Sprache des Mannes verriet eine Verwilderung, eine Entmenschtheit, die alles weit überstieg, was ich derart je gesehen und gehört.

›Vier Tage nichts über die Zunge gebracht, und in einer Texas-Prärie, und Inseln auf allen Seiten!‹ lachte der Mann. ›Ah, sehe es, seid ein Gentleman, sehe es wohl – war auch eine Espèce von einem. Dachtet, unsere Texas-Präries wären Eure Präries in den Niederlassungen drüben oder den Staaten droben. Ha, ha! – Und Ihr wußtet Euch gar nicht zu helfen?‹ lachte er wieder. ›Saht Ihr denn keine Bienen in der Luft, keine Erdbeeren auf der Erde?‹

›Bienen? Erdbeeren?‹ wiederholte ich.

›Ei, Bienen, die in hohlen Bäumen hausen; ist unter zwanzig hohlen Bäumen immer sicher einer, der voll ist, versteht Ihr, voll Honig. Und Ihr habt keine Bienen gesehen? Kennt aber vielleicht die Tiere nicht, denn sind nicht ganz so groß wie Wildgänse oder Truthühner; aber die Erdbeeren kennt Ihr doch, wißt doch auch, daß sie nicht auf den Bäumen wachsen.‹

Alles das sprach der Mann, den Kopf halb über den Rücken zurückgeworfen, höhnisch lachend.

›Und wenn ich auch Bienen gesehen, wie hätte ich ohne Axt zu ihrem Honig kommen können – verirrt, wie ich war?‹

›Wie kam es, daß Ihr Euch verirrtet?‹

›Mein Mustang – ausgebrochen.‹

›Verstehe, verstehe. Seid ihm nachgeritten, die Bestie hat ihren Kopf aufgesetzt, wie sie es immer tun, Euch zum besten gehalten. Verstehe, verstehe; aber was wollt Ihr nun? Was habt Ihr vor?‹

Noch immer sprach der Mann mit halb über den Rücken geworfenem Kopfe, wie als scheue er meinen Blick.

›Ich fühle schwach und matt zum Sterben – dem Tode nahe – zu Menschen will ich, in ein Haus, eine Herberge.‹

›Zu Menschen?‹ sprach der Mann mit einem höhnischen Lächeln. ›Zu Menschen?‹ brummte er, einige Schritte seitwärts tretend.

Ich vermochte es kaum, den Kopf seitwärts zu drehen, aber die Bewegung des Mannes war mir aufgefallen, und ich bezwang mich. Er hatte ein langes Messer aus dem Gürtel gezogen, das er spielend angrinste. Erst jetzt konnte ich ihn näher beschauen. Ein gräßlicheres Menschenantlitz war mir nie vorgekommen. Seine Züge waren die verwildertsten, die ich je gesehen. Die blutunterlaufenen Augen rollten wie glühende Ballen in den Höhlen. Sein Wesen verriet den wütendsten innern Kampf. Er stand keine drei Sekunden still. Bald vorwärts, bald rückwärts, wieder seitwärts schießend, schien es ihm nicht Ruhe zu lassen, spielten seine Finger wie die eines Wahnsinnigen mit dem Messer. In seinem Innern ging zweifelsohne ein Kampf vor, der über mein Sein oder Nichtsein auf dieser Erde entschied. Ich war jedoch vollkommen gefaßt; in meiner Lage hatte der Tod nichts Qualvolles; hing ja mein Leben selbst an einem bloßen Faden! Die Bilder der Heimat, meiner Mutter, meiner Geschwister, meines Vaters tauchten noch einmal vor meinen Augen auf, und dann wandte sich mein Blick unwillkürlich zu dem droben! Ich betete.

Er war noch mehr zurückgetreten. Ich zwang mich, soviel ich es vermochte, und schaute ihm nach. Wie ihm meine Blicke folgten, trat mir dasselbe grandiose Phänomen, das ich am ersten Tage meiner Verirrung gesehen, abermals vor den Gesichtskreis. Die kolossale Silbermasse stand keine zweihundert Schritte vor mir. Er verschwand dahinter, kam aber nach einer Weile langsam und schwankend wieder hervor. Wie er sich mir jetzt näherte, trat mir allmählich sein Totalbild vor Augen. Er war lang und hager, aber starkknochig gebaut. Sein Gesicht, soviel der seit Wochen nicht geschorene Bart davon sehen ließ, war sonnen- und wettergebräunt wie das eines Indianers, aber der Bart verriet weiße Abstammung. Die Augen waren jedoch und blieben gräßlich, wurden es mehr, je länger man sie sah. Die Furien der Hölle schienen sich in diesen Augen umherzutreiben. Die Haare hingen ihm struppig um Stirn, Schläfe und Nacken herum. Inneres und Äußeres erschienen desperat. Um den Kopf trug er ein halb zerrissenes Sacktuch mit braunschwarzen dunklen Flecken. Sein hirschledernes Wams, seine Beinkleider und Mokassins hatten dieselben Flecken. Ohne Zweifel waren es Blutflecken. Das zwei Fuß lange Jagdmesser mit grobem hölzernem Griffe hatte er wieder in den Gürtel gesteckt, dafür aber hielt er jetzt eine Kentucky-Rifle in der Hand.

Meine Miene, meine Blicke mochten Abscheu verraten, obwohl ich mir alle Mühe gab, ruhig zu scheinen. Nach einem kurzen Seitenblicke grollte er.

›Scheint nicht, als ob Ihr viel Gefallen an meiner Gesellschaft findet. Sehe ich denn gar so desperat aus? Ist mir's denn gar so leserlich auf der Stirn geschrieben?‹

›Was soll Euch denn auf der Stirn geschrieben sein?‹

›Was? Was? So fragt man Narren und Kinder aus.‹

›Ich will Euch ja nichts ausfragen, aber als Christ, als Landsmann, bitte, beschwöre ich Euch –.‹

›Christ!‹ unterbrach er mich hohnlachend, ›Landsmann!‹ – schrie er, den Stutzen heftig zur Erde stoßend.

›Das ist mein Christ!‹ schrie er, diesen emporreißend und Stein und Schloß prüfend, ›der erlöst von allen Leiden, ist ein treuer Freund. Pooh! vielleicht erlöst er auch Euch, bringt Euch zur Ruhe.‹

Die letzten Worte sprach er abgewandt, mehr zu sich.

›Machst ihn ruhig, so wie den – Pooh! – Einer mehr oder weniger. Vielleicht vertreibt der das verdammte Gespenst.‹

Alles das war zur Rifle gesprochen.

›Verrätst mich auf alle Fälle nicht‹, – fuhr er fort. – ›Ein Druck –!‹

Und so sagend warf er das Gewehr vor, die Mündung in gerader Richtung gegen meine Brust.

Ich zitterte nicht, von Furcht konnte keine Rede mehr sein. An der Schwelle des Todes verliert dieser seine Schrecken, und ich war an seiner Schwelle, so sterbensschwach! Es brauchte keinen Schuß, ein leichter Schlag mit dem Kolben löschte den Lebensfunken mit einem Male aus. Ruhig, ja gleichgültig sah ich in die Mündung hinein.

›Wenn Ihr es bei Eurem Gotte, meinem und Eurem Schöpfer und Richter verantworten zu können glaubt – tut, wie Euch gefällt!‹

Meine ersterbende Stimme mußte wohl einen tiefen Eindruck in ihm hervorgebracht haben, denn er setzte erschüttert das Gewehr ab starrte mich mit offenem Munde an.

›Auch der kommt mit seinem Gott!‹ murmelte er. ›Gott! und meinem und Eurem Schöpf-er – und Rich-ter!‹

Er vermochte es kaum, die Worte herauszubringen, und als er sie jetzt wiederholte, schienen sie ihn zu würgen, ihm die Kehle zusammenzuschnüren.

›Sei-nem und – mei-nem Rich-ter!‹ stöhnte er wieder. ›Ob es wohl einen Gott, einen Schöpfer und Richter gibt?‹

Als er so murmelnd stand, wurden ihm die Augen starr.

›Gott!‹ wiederholte er in demselben gedehnt fragenden Tone – ›Schöpfer! Richter!‹

›Tut das nicht!‹ schrie er plötzlich. ›Bringt keinen Segen, was Ihr vorhabt! Bin ein toter Mann! Gott sei mir gnädig und barmherzig! Mein armes Weib, meine armen Kinder!‹

Die letzteren Worte waren so entsetzlich, aus tiefster Brust heraus gestöhnt! Die Rifle entfiel seinen Händen, zugleich schlug er sich so rasend auf Stirn und Brust. Der Mann wurde mir jetzt grausig, wie er, gepeitscht von den Furien seines Gewissens, umherschlug. Er mußte Höllenqualen ausstehen, der böse Feind schien in ihm zu toben.

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