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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Das Paradies der Liebe

Und wie sie sich nun so eilig, hastig um die Hütte herum der Tür zuzogen und vor dieser wieder wie zagend hielten und mit klopfenden Herzen die Klinke zugleich erfaßten und dann wieder fahren ließen und die Blicke scheu zur Erde senkten, dann abermals die Hände hoben und an den Drücker legten, wogte ihr der Busen, zitterten ihm alle Glieder so fieberisch! Sie waren zu schauen wie zwei Kinder, die soeben von einer verpönten Näscherei verscheucht der Strafe entgegenrennen.

Jetzt aber dem Impulse, der sie getrieben, nachgebend, legten sie nochmals die Finger an die Klinke, drückten diese und die Tür auf, schauten in die Stube hinein. Kein Vater, kein Kapitän Murky war mehr da, die alte Josepha schlummerte ruhig.

Wie erleichtert schöpften sie zugleich Atem, schauten einander an, ihre Hände verschlangen sich.

»Edward!« lispelte sie, »sieh nur, wie du jetzt wieder glühst und wie bleich du zuvor warstSieh nur, wie du jetzt wieder glühst und wie bleich du zuvor warst: Es ist wohl kaum nötig zu bemerken, daß der Genius der englischen Sprache kein Sie oder Du zuläßt und daß der Verfasser, wenn er seine Personen mit Du oder Sie anreden läßt, bloß dem der deutschen Sprachweise huldigt. Übrigens weiß wieder jeder mit der englischen Sprache Vertraute, daß heißt Gebildete, – und bloß Gebildeten sind diese Bücher verständlich, den Ungebildeten oder Halbgebildeten werden sie schwerlich befriedigen, – daß der Amerikaner sowie der Brite in seine Abbreviaturen sowohl als in seine Sprachweise wieder einen Ton zu legen versteht, der das Zutrauliche, Zärtliche und wieder Gemessene oder Derbe ebensogut auszudrücken vermag als das deutsche Du oder Sie. Hier ein Beispiel. So klingt es ganz anders, wenn man sagt: you shall not do that und ye s'hant do that oder you shall not – und ye s'hant. Aus dem ersteren klingt gemessener Befehl heraus, aus dem letzteren traulicher Scherz.

»Und geradeso war es mit dir, teure Alexandrine!«

»Weißt du?« lispelte Alexandrine, »ich fürchtete, in diesem Augenblick Papa zu sprechen.«

»Und so ich«, versetzte er.

»Aber warum?« fragte sie naiv, »Papa ist doch so gut, er liebt uns beide so sehr.«

»Glaubst du, Alexandrine?«

»O gewiß!«

»Ich weiß mich nicht zu fassen, ich fühle wie im Traume. Zuweilen kommt es mir vor, als ob mein Glück noch immer nicht möglich, als ob das Ganze ein bloßer Traum wäre.«

»Und ganz so fühle ich. Sieh nur, ich zittere an allen Gliedern.«

»Und so tue ich.«

»Was ist das?« fragte sie naiv.

»Liebe, Süße!«

»Es muß wohl Liebe sein«, sprach sie leise und verschämt die Augen zu Boden schlagend, »denn ich fühlte so nie zuvor.«

»Ah, du liebtest aber auch nicht wie ich. Seit ich dich zuerst sah, war die Welt für mich keine Welt mehr, du warst mir die Welt. Sinne, Verstand, Herz – alles war hin. Blind verließ ich Paris; ich sah nichts, hörte nichts, dachte an nichts als dich.«

»Und so tat ich, ich dachte an nichts als –«

»Dich.«

»Dich.«

»Aber ich liebte doch mehr!« rief er zärtlich.

»Nein, ich liebte mehr!« wieder sie.

Und jetzt stritten sie, wer mehr liebte, und er und wieder sie wollte mehr geliebt haben, und er wies ihr nach, wie er mehr geliebt, und sie wieder hörte ihn so entzückt an.

»Mein Edward!« lispelte sie mit ihrer süßen Glockenstimme, die Augen verschämt zu ihm aufschlagend.

»Meine Alexandrine!«

»Ich fühle so glücklich! So glücklich! Ich kann es nicht aussprechen.«

»Und so kann ich nicht. Ich fühle, als ob das Herz mir zerspringen müßte. Es droht mir zu zerspringen.«

»Gerade so ist's mir«, lispelte sie wieder.

»Ah, weißt du noch, wie du im Salon General Caß' neben dem besternten Edelmanne standest?«

»Es war der Marquis Mont Brissac, der Vater Gabrielens; du fielst ihm auf. Er fragte mich nachher, wer der augezeichnete junge Mann wäre. Und weißt du, daß ich ihn recht lieb dafür hatte?«

»Ja, aber weißt du, daß ich sehr eifersüchtig auf ihn war?« versetzte er wieder, »er ließ dich so gar nicht aus den Augen.«

»Natürlich, er war mein Kavalier, denn Marigny konnte nicht kommen.«

»Ja, aber er folgte dir so ängstlich auf allen Schritten.«

»Tat er's?« lächelte sie, »ich bemerkte es nicht. Ich sah nur die Komtesse, die dich so gar nicht aus den Augen ließ.«

»Tat sie? Ich bemerkte es nicht, aber Marigny, der junge Marigny – oh, ich war doch so wütend auf ihn.«

»Warst du?« lachte sie wieder. »Der gute Marigny! Er ist so furchtsam, seinen eigenen Schatten fürchtet er. Jede Welle, die über Bord schlug, machte ihn erbleichen. Er ist doch gar zu furchtsam. Weißt du, ich liebe Mut am Manne.«

»Und ich Zartheit am Weibe. Wer gleicht aber dir an Zartheit, Schönheit, Seelengüte? Aber weißt du, ich habe sie recht gerne, diese altadeligen Franzosen.«

»Auch ich«, fiel sie ein, »und das ist doch seltsam, sie sind doch so streng royalistisch.«

»Und wir streng republikanisch; aber die Extreme berühren sich immer am liebsten.«

Und ohne es zu wissen, saßen sie nun wieder auf der heimlichen Holzbank hinter der Hütte unter dem Chinabaume. Redbirds und Mockingbirds jubelten oben in den Blüten, aber sie hörten sie nicht, sahen sie nicht. Sie hatten nur Augen, Ohren füreinander.

»Alexandrine!« hob er wieder an, »ich liebe dich, liebe dich so unendlich, so unsäglich.«

»Ah, du kannst nicht mehr lieben als ich«, versetzte sie zärtlich.

»Jawohl! Jawohl!«

»Ja nein! Ja nein!« bejahte und verneinte sie wieder. Und so stritten sie sich, wer mehr liebte, und sagten sich's zehnmal, zwanzigmal, fünfzigmal. Jedesmal hörten sie es mit neuem Entzücken. Sie wurden zuletzt so mutwillig, sie küßten sich die Hände, die Fingerspitzen. Er pries die Schönheit ihrer Hände, sie wollte die seinigen schöner finden. Er verglich ihre Augen mit dem tiefblauen Himmel, sie die seinigen mit dem zarten Dufte des indianischen Sommers.

Sie sprangen auf, um Papa zu suchen, vergaßen aber unter lauter Getändel den lieben Papa. Sie waren durch das Negerdorf gegangen, sie wußten es nicht, vor dem Quartiere, wie das Herrenhaus genannt wird, vorbeigekommen, auch das wußten sie nicht, in den Garten getreten, den sahen sie nicht, denn er war, die Wahrheit zu gestehen, mehr Wildnis als Garten; Phelim, unter dessen Aufsicht er stand, hatte in einige der schönsten Parterres seine geliebten irischen Kartoffeln gepflanzt. Doch gab es noch einige schöne Partien, ein Wäldchen von Orangen- und Zitronenbäumen, Grotten mit Rasenbänken und anderen Bänken. Auf eine derselben setzten sie sich, um sich abermals und abermals zu sagen, wie unendlich sie sich liebten, und dann tanzten sie wieder zugleich auf, um Blumen zu pflücken und sich zu beschenken, und als er die Rose, die sie ihm den Tag zuvor geschenkt, aus seinem Busen und dem grünen Seidenpapier zog, in dem er sie aufbewahrt, haschte sie darnach und bat ihn, die verwelkte doch wegzuwerfen; er aber versicherte sie, daß sie, solange er lebe, nicht von seinem Herzen kommen, in Gold gefaßt, zunächst diesem ihren Platz haben sollte. Und sie hüpfte nun wieder zu einem der Blumenbeete und pflückte ihm einen Strauß, und er ihr einen, und dann setzten sie sich, und sie bekränzte ihn und er sie. Und während sie sich so bekränzten, mußte er ihr wieder erzählen aus seinem Leben, sich ausfragen lassen – Liebe ist argwöhnisch – und darüber verging eine Stunde, und eine zweite – dritte; die Mittagsglocke läutete, sie hörten sie aber nicht, der Vater stand ihnen zur Seite, sie sahen ihn nicht. –

Auf einmal verfiel sie in ein tiefes Sinnen.

»Weißt du, Edward!« rief sie plötzlich lebhaft, »heute kann ich nicht ins Paradies hinauf, unmöglich. Ich weiß nicht, aber heute könnte ich deinem spottenden Onkel nicht unter das Auge treten. Du mußt heute allein hinauf, teurer Edward! Ich kann nicht, ich muß mich fassen, das Glück ist zu groß!«

»Zu groß!« rief er wie berauscht, »aber warum muß ich«, seine Stimme zitterte, »warum muß ich dich verlassen?«

»Oh, du mußt, tu es, süßer Edward!« bat sie, ihn mit ihren schönsten Blumen bekränzend, »tu es. Ich will, ich muß mit Papa reden, mich ihm offenbaren, an seinem Busen meine Freudentränen weinen.«

»Aber wir wollten es ja zusammen tun, wir wollten es ja schon tun.«

»Ja, aber weißt du, ich war doch – ich fühlte so – so. Es war doch gut, daß er nicht in Josephens Hütte war; aber jetzt müssen wir gleich zu ihm.«

»Gleich wollen wir!« rief er etwas langsamer, aber wie er so rief, hielt er sie wieder mit beiden Armen umschlungen, ließ sie nicht vom Platze.

»Wir müssen, Edward! Zu Papa; sieh, der Papa ist so wohlwollend, gut!«

»Gott segne ihn!« sprach gerührt Edward.

»Gott segne ihn!« fiel sie ein.

»Gott segne ihn!« riefen sie beide, die Hände faltend.

»Gott segne auch euch, Kinder!« sprach hier mit einer Träne im Auge der Papa. »Gott segne euch und beschütze euch! Und liebt euch und bleibt euch getreu!«

»Vater!« riefen die beiden zugleich, sich vor dem Vater auf die Knie werfend.

»Kinder!« rief der Vater, die Hände auf sie legend, »Gott segne euch, und liebt euch, wie Er alle seine Kinder liebt, und bleibt solche Kinder!«

Die Kinder schluchzten, der Vater hob sie zu sich empor, drückte sie an seine Brust.

Weder heute noch den folgenden Tag gingen sie ins Paradies zurück; die Kajüte war ihnen zum Paradiese geworden.

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