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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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»Wissen Sie, Miß Murky«, fiel er, der Unterhaltung zart eine andere Wendung gebend, ein, »was ich jetzt wünschte?«

»Was?«

»Daß einige unserer abolitionistischen französischen Freunde da wären, dieses herrliche, patriarchalische Gemälde zu sehen.«

»Warum?«

»Sie würden von ihren antisklavischen, ich möchte sagen, antisozialen Ideen zurückkommen. Wie oft wurde mir nicht die Sklaverei, die empörende Behandlung unserer Sklaven vorgeworfen!«

»Ich habe nie einen solchen Vorwurf gehört«, versetzte wieder ruhig sie, »aber wenn ich auch hätte, er würde mich kaum bewogen haben, mir über diesen Punkt den Kopf zu zerbrechen. Wir haben sie einmal, diese Sklaverei, und selbst wenn sie ein Übel wäre, würde ich eher zu versöhnen, zu vermitteln, als dagegen zu kämpfen suchen.«

Er schaute sie erwartend an.

»Uns Weibern steht das Ankämpfen gegen bürgerliche oder politische Verhältnisse nicht wohl an, unsere Rolle ist eine versöhnende.«

»Sie haben recht!« versetzte er. –

Der Wagen hielt nun. Der General sprang aus und half ihr absteigen. In dem Augenblicke gingen die Jalousien der südlichen Galerie auf, und Kapitän Murky trat heraus. Wie die beiden Liebenden ihm entgegeneilten, die dargebotene Hand erfaßten, weilten seine Blicke forschend auf ihr. Die Spuren der Tränen waren nicht ganz verwischt.

»Alexandrine!« sprach er in liebevollem, besorgtem Tone.

»Vater!« erwiderte sie etwas betroffen.

Der Vater schaute noch einen Augenblick sie, dann den General an. Die innige Harmonie, die zwischen beiden aufleuchtete, schien ihn wieder zu beruhigen.

»Meine teure Alexandrine! fühlst du ganz wohl – glücklich?«

»Ganz wohl und glücklich!« versetzte sie, und abermals perlte ihr eine Träne aus den Augen.

»Und Sie, General?«

Der General erfaßte die Hand des Kapitäns und drückte sie an die Lippen.

»Eigentlich, mein lieber General«, sprach nach einer kurzen Pause der Kapitän, »sollte ich Sie ein bißchen ausschelten wegen Ihrer gestrigen oder heutigen Desertion.«

»Ich habe es schon getan, Papa!«

Und sie lächelte, während die Träne noch perlte, entzückt den Vater, wieder den General an.

»Du hast recht getan, Alexandrine, und mir die Mühe erspart. Du weißt, ich tue es nicht gerne. Aber lassen Sie es sich gesagt sein, tun Sie es nicht ein zweites Mal, unsere Nachtluft läßt nicht mit sich scherzen.«

»Ich will es nicht mehr tun.«

Er nickte freundlich, und Arm in Arm gingen sie der Galerie zu, deren sämtliche Jalousien mittlerweile aufgerollt waren.

Diese bot freilich einen ganz anderen Anblick dar als die westliche und nördliche. Zwar war auch hierin noch nicht alles in Ordnung; Blumentöpfe und Ottomanen und Sessel standen noch nicht an ihrem rechten Platze, konnten aber leicht darauf gebracht werden.

»Ich habe die Anordnung dieser Galerie ganz dir überlassen wollen, sowie des Drawing-room«, hob wieder der Kapitän an. »Da hat dir Freund Duncan die Anfänge zu einem kleinen Konservatorium gesendet«, fuhr er fort, auf mehrere Reihen von seltenen Pflanzen und Blumen in zierlichen Fayencetöpfen deutend. »Bist du nicht froh?«

Sie hatte aber bereits die holden Kinder Floras begrüßt, war von Blume zu Blume geeilt.

»Er ist ein lieber, lieber Mann!« rief sie.

»Ein sehr guter Gedanke!« fiel der General ein.

»Das soll nun meine erste Unterhaltung sein«, rief wieder sie, »die Blumen und Pflanzen zu ordnen.«

»Darf ich helfen?« fragte eifrig der General.

»Wir wollen sie zusammen ordnen«, beruhigte sie ihn.

»Zuvor mußt du aber noch das Drawing-room sehen. Es sind Leute da, die auf deine Befehle harren.«

»Auf meine?« rief sie verwundert.

»Auf wessen sonst? Bist du nicht die Frau vom Hause, die Herrin, der wir uns alle fügen müssen?«

»Wie du nur so sagen kannst, Papa!«

»Ganz im Ernste, Alexandrine, sag ich's, ganz im Ernste!« versicherte der Papa. »Aber jetzt, liebes Kind! schau einen Augenblick hinüber; auch in deinem Schlafkabinette ist noch ein und das andere zu ordnen, und, wie gesagt, im Drawing-room warten die Leute auf dich.«

»Willst du nicht mitkommen, Papa, mich mit deinem Rate zu unterstützen?«

»General Morse wird so gut sein«, versetzte freundlich der Vater, »ich will unterdessen in die Apotheke, um für Josepha eine Arzneieine Arznei zu bereiten: In der Regel haben Pflanzungen nicht nur Hausapotheken, sondern die größeren auch eigene Ärzte. Von den weniger bedeutenden vereinigen sich gewöhnlich mehrere, um einen Arzt ausschließlich für sich und ihre Sklaven zu unterhalten. Dasselbe ist der Fall mit Predigern. Auf jeder größeren Pflanzung befindet sich eine Hauskapelle, in der der Hausgottesdienst gehalten wird. Wenn kein Prediger da ist, verrichtet der Hausherr, im Fall er Mitglied der Episkopalkirche ist, den Gottesdienst. Auf den Pflanzungen, die sich in der Nähe einer Stadt befinden, erhalten die Neger an Sonntagen ihre Pässe, um den Gottesdienst in der Stadt zu besuchen. Häufig tritt der Fall ein, daß Prediger zehn und zwanzig Meilen herbeigeschafft werden, um die Leichenpredigt für einen abgeschiedenen Schwarzen zu halten. zu bereiten. Sie ist krank.«

»Wie, die arme Josepha krank?«

»Seit vorgestern«, versetzte der Vater, »es geht ihr aber besser, ich war soeben bei ihr. Ich wollte dir gestern nichts davon sagen, sie war schlimm daran. Ich würde sie sehr ungerne verlieren.«

»Darf ich mit dir, sie zu besuchen?«

»Wenn du willst.«

»Und ich auch?« fragte der General.

»Wenn Sie wollen.«

Und während nun der Kapitän in die Hausapotheke ging, eilten die beiden dem Drawing-room zu. Zuvor warf sie aber noch einen Blick in ihr Schlafkabinett, in das er jedoch, obwohl es an die Galerie anstieß, nicht zugelassen wurde. Dafür wies sie ihn ins Drawing-room, welches zwar ursprünglich ziemlich kajütenmäßig ausgesehen haben mußte, denn die Wände waren mit Louisiana-Kirschholz, die Dielen mit anderen einheimischen Holzarten parkettiert, was allerdings ein etwas schweres, nordisches Aussehen verlieh; aber ein paar in die Balkenwände neu eingeschnittene Flügeltüren, die in die Galerie hinausführten, versprachen, diesem Übelstande recht gefällig abzuhelfen. Sie waren von ihr angegeben worden, und sie war recht begierig zu sehen, wie sich die bereits eingesetzten Türpfosten ausnehmen würden. Aber während sie einen Blick in ihr Kabinett geworfen, hatten Phelim und die ganze Schar schwarzer und weißer Angehörigen ihre Anwesenheit ausgemittelt, und alle kamen gesprungen, um die teure Missus zu sehen. Phelim tanzte mit einem Rundsprunge auf sie zu, die anderen erfaßten, da er ihre beiden Hände bereits im Besitz hatte, sie am Kleide, um dieses wenigstens zu küssen. Es war ein Jubel, ein Frohlocken, dem man es wohl ansah, daß er aus dem Herzen kam. Sie wies keine der Huldigungen, so ungestüm sie auch waren, zurück, empfing alle mit hinreißender Güte; und doch war wieder etwas so wahrhaft Ladymäßiges in dieser Güte, daß Schwarze und Weiße allmählich wieder zu sich kamen, ja der rotnasige Phelim dem General bei Jasus und bei St. Patrick zuschwor, sie sei die erste Lady, und keine zweite gäbe es, weder in Irland noch anderswo, und wer es nicht glaube, der solle verdammt sein.

Und jetzt wandte sie sich wieder, um den Arbeitern nachzusehen, hier Winke zu geben, dort Zufriedenheit auszudrücken! Gerade hielt sie mit ihrem Begleiter vor dem Fenstergesimse, als der Kapitän eintrat.

»Papa!« rief sie lebhaft, »höre nur, du weißt, diese Arabesken hier wollte ich vergoldet haben, und siehe, wie jetzt der General einen Blick auf sie wirft, findet er, daß sie vergoldet sein müssen. Ist das nicht artig?«

»Sehr artig!« versetzte gemütlich der Kapitän. »Aber jetzt wollen wir zu Josephen, wenn ihr es zufrieden seid.«

»Gewiß!« fielen die beiden ein.

«Bei Jasus! einen Augenblick Geduld, Hinnies!« schrie hier Phelim. »Phöbe und Psyche haben Kinderwäsche, will nur zuvor sehen, ob sie fertig sind.«

»Sei so gut!« ermunterte sie ihn.

Er sprang fort, kam aber sogleich mit der Nachricht zurück, daß sie fertig und der Weg nun offen sei.

Das Negerdorf war ein anderer reizender Zug in diesem südlichen Gemälde, der Hintergrund gleichsam, der aber erst dem Vordergrunde seine eigentümliche patriarchalische Betonung verlieh. Es bestand aus zwei Reihen von Hütten; jede dieser Hütten hatte einen Chinabaum vor der Tür, in dessen DoppelgrünDoppelgrün: Der Pride of China hat ein doppeltes Grün, ein lichtes und ein dunkles. Die Blätter, die sich in Gestalt winziger Parasole an den Zweigen ansetzen, wachsen nämlich den ganzen Sommer hindurch nach und geben so dem ohnedem herrlichen Baume eine eigentümliche Frische. das Häuschen wie begraben lag. Die meisten hatten so wie das Herrenhaus kleine Galerien, auf denen hie und da die Patriarchen des schwarzen Völkchens saßen, ihren 'bacca rauchend, während die Mütterchen, ihnen vorplappernd, Gemüse putzten oder sonstige leichte Arbeiten verrichteten. Sowie aber die drei, gefolgt von Phelim und sämtlichen Kindern, am Eingange des Dorfes anlangten, erhoben sich auch alle die Uncles und AuntiesUncles und Aunties: Die Schwarzen beiderlei Geschlechts unter vierzig Jahren werden durchgängig in den Vereinigen Staaten Boys oder Girls, Buben, Mädchen, die Alten wieder Aunties, Uncles, Tantchen, Onkelchen angeredet, eine Anrede, die immer im zärtlich liebevollen Tone gegeben und angenommen wird. , warfen Pfeifen und Gemüse weg und brachen auf, um den lieben Massa und Missus zu begrüßen.

Es war wirklich rührend zu schauen, mit welcher Hast, welchem liebenden Verlangen die achtzig- und neunzigjährigen Alten herbeitrippelten und mit welcher Güte, Zärtlichkeit sie alle empfing, diesen streichelte, jenen beschenkte, einen dritten tröstete, einer vierten abzuhelfen versprach. Der Kapitän schien ganz vergessen, keiner und keine beachtete ihn. Sie ließen ihn ungehindert der Hütte Josephens zugehen, in der er schon eine geraume Weile war, ehe Alexandrine ihn vermißte. Jetzt eilte sie ihm mit ihrem Schatten, dem General, nach.

Wie sie in die Tür eintrat, kreischte auch die Kranke vor Freude auf und wollte ihre teure Missus, nur die teure Missus, die sie als Kind gewiegt, auf den Armen getragen, nochmals in die Arme schließen.

Man hat im Norden keinen Begriff von der Liebe und Zärtlichkeit, mit der unsere Schwarzen an ihren Herren und Frauen, diese wieder an ihren Angehörigen hängen; es ist wohl das liebevollste Band, das Abhängige und Unabhängige heutzutage umschließt, denn es ist von Kindheit an in die Naturen eingewoben. Hier allein herrscht noch etwas von jenem alttestamentarischen Verhältnisse, das leider heutzutage verschwunden, nur in den Lettern der heiligen Bücher noch erscheint.

Der junge General fühlte so bewegt, daß er es nicht länger auszuhalten vermochte. Tränen kamen ihm in die Augen, er trat erschüttert zurück, eilte, Tränen und sich zu verbergen.

Hinter der Hütte erhob sich schützend eine Pride of China, ihr blütenreiches Gezweige über das Dach hinbreitend. Auf die Bank, die unter dem Baume angebracht war, warf er sich hin, um über die Szenen der letzten zwei Tage, sein unsägliches Glück, den unendlichen Reichtum ihrer Güte, Milde, und was wir milk of human kindness nennen, ungestört Freudentränen Lauf zu lassen. Er wußte sich nicht mehr zu fassen, er mußte seinem vor Freude und Wehmut gepreßten Herzen Luft machen. Er hielt sich beide Hände vor das Gesicht, um ungehindert ausweinen zu können.

Eine zarte dritte zog ihm diese weg. Sie, in ihrem schönsten Liebreize Engel und Grazie zugleich, stand vor ihm, sah ihn zärtlich an, sprach aber nicht; nur schlug ihr Busen bewegter.

Unwillkürlich glitt er von der Bank herab auf die Knie, die er umfaßte; aber eine Weile vermochte er kein Wort hervorzubringen.

»Alexandrine!« schluchzte er endlich; »Alexandrine! Herrliche! Engelgleiche! Ich kann es nicht länger verbergen, ich muß reden, es würde mich erwürgen. Seit ich Sie zum ersten Male in Paris sah, seit dieser Zeit öffneten sich mir die Tore des Paradieses.«

Sie sprach nicht.

»Ich liebte, ich liebte Sie beim ersten Anblick, jetzt, jetzt bete ich Sie an. Ich kann nicht ohne Sie leben. Ich bin Ihrer nicht würdig, ich weiß es; aber, so helfe mir Gott! ich kann nicht ohne Sie sein.«

Sie ließ sich auf der Bank ihm zur Seite nieder, sprach aber noch immer nicht, nur der Busen hob sich stärker.

»Sie reden nicht? Sie schweigen? Sie verstoßen mich?« schluchzte er. »Hat Sie mein kühnes Geständnis beleidigt?«

Er ergriff die Hand, preßte sie an die Lippen. Wie er sie so preßte, fühlte er den leisen Widerdruck.

»Alexandrine!« rief er plötzlich mit leuchtenden Augen. Sie schwieg noch immer: aber jetzt kam eine Träne, eine zweite – dritte; der Engelskopf senkte sich ihm auf Nacken und Brust.

Er umschlang sie, wagte es, einen Kuß auf die Korallenlippen zu drücken.

Sie hatte die Augen geschlossen, er fühlte aber den erwidernden Druck der Lippen.

Jetzt sprang er auf, an ihre Seite.

»Alexandrine!« flehte er, »Alexandrine!«

»Edward!« versetzte sie.

»Wollen Sie, wollen Sie«, flehte er, »mein sein?«

»Dein sein!« flüsterte sie.

Eine Weile saßen sie sprachlos, im Gefühle ihres Glückes schauten sie einander mit trunkenen, schwimmenden Blicken an, dann erhoben sie sich, um den Vater zu suchen.

 

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