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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Der Abend

Endlich waren die Gäste gegangen und er allein mit Alexandrinen. Allein mit Alexandrinen! Welch eine unaussprechliche Seligkeit lag nicht schon in dem bloßen Gedanken. Das höchste Ziel seiner sehnlichsten Wünsche, nach dem ihm Herz und Pulse seit Monaten geschlagen – eine Stunde, nein, keine Stunde, nur eine Minute, um sich ihr zu Füßen zu werfen, ihr seine unsägliche Liebe zu bekennen – war endlich erreicht; Vater und Onkel waren gleichfalls fort, die Freunde zur Gartenpforte, vielleicht weiter zu begleiten, sie beide ganz allein, der Augenblick so günstig! Der stille, üppig reiche, wie zur Liebe geschaffene Saal, die dunkelhelle magische Beleuchtung, in der die klassischen Formen des herrlichen Wesens so zauberhaft hervortraten! Nie war sie ihm so unsäglich reizend erschienen. Welche unaussprechliche Grazie in jeder ihrer Bewegungen, welche Musik der Sprache, als sie ihre Gäste verabschiedete, welche Würde und doch wieder Natürlichkeit, Anspruchslosigkeit! Es hatte ihn gedrängt, mehr als einmal getrieben, sich trotz Marinekapitän und spottendem Onkel zu ihren Füßen zu werfen, kaum daß er imstande gewesen, sich zurückzuhalten. Und jetzt! – Sein Herz pochte, sein Gehirn brannte, sein Blut kochte fieberisch in den Adern, aber die Zunge klebte ihm wie am Gaumen, die Glieder schienen ihm ihren Dienst zu versagen. Er versuchte es, zu reden, sich vor ihr auf die Knie niederzuwerfen, es war ihm nicht möglich, es hielt ihn wie mit unsichtbaren Banden gefangen. Jede seiner Bewegungen war so ungelenk, gezwungen, eine Beklemmung über ihn gekommen, wie er sie nie gefühlt, nicht im Getümmel der Schlacht, nicht im Gewirre der Pariser Salons! Er vermochte es kaum, den Blick zu ihr zu erheben.

Sie wieder schien seine seltsame Verwirrung nicht zu bemerken, war so unbefangen geschäftig! Doch horchte sie jetzt.

Durch die teilweise offenen Fenster rauschte das Gemurmel der Wellen des Mississippi herüber, vom Springbrunnen vor der Villa klatschten die niederfallenden Wasserstrahlen herein.

Sie trat zu einem der Fenster, sah wonnig hinaus und wandte sich dann zu ihm:

»Haben Sie auch so herrliche Abende in Texas?«

»Was ließe sich mit einem solchen Abende vergleichen!« rief er.

Und wie berauscht von ihrem Anblicke an ihre Seite eilend, taumelte er wieder zurück, warf sich auf eine Ottomane, stand wieder auf, näherte sich ihr wieder!

»Miß Alexandrine!« rief er endlich.

»General Morse!« antwortete sie.

»Ich bin – ich bin –!«

»Was sind Sie?«

»Oh, ich fühle – ich wollte, daß –«

»Sehen Sie nur, Papa kommt, er wirft Kußhändchen. Papa! wir kommen, Papa!«

»Nimm aber den Hut, Alexandrine!« rief dieser aus dem Garten herauf, »es ist kühl.«

Den Hut nahm sie nicht, aber dafür haschte sie ein Tuch von der Ottomane auf, das sie mit so naiver Grazie um das idealische Köpfchen wand, daß er wieder entzückt ausrief:

»O Alexandrine! Sie werden mich noch wahnsinnig machen!«

Sie hörte ihn aber nicht, sondern griff nach dem Schal und bat ihn zu kommen, um den Papa nicht warten zu lassen. – Ein wunderlieblicher Abend! Noch funkelte tief im Westen das Purpurrot der untergegangenen Sonne, das höher hinauf in das lichtere Karmoisin verschmelzend, zu beiden Seiten dunkelgrüne und goldgelbe und lichtblaue Delphine schwimmen ließ, während hoch oben die lichtgesprenkelten Wölkchen gleich zahllosen Mackerels sich in des Schöpfers unendlichem Luftmeere herumtrieben.

»Ein entzückender Abend!« rief Alexandrine dem Papa zu.

»Aber doch kühl, mein Kind!« meinte der kopfschüttelnde Papa, »ich fühle wirklich kühl!«

»Nur eine Viertelstunde!« bat sie.

»Wohl, eine Viertelstunde, aber nicht länger, denn die Nachtluft ist gefährlich. Ich will euch im Hause erwarten.«

»Papa!« rief sie, »wenn du gehst, dann gehen wir auch.«

Die Worte schienen dem General tief ins Herz zu schneiden; er zuckte zusammen.

»Wollt ihr mich mit Gewalt hier haben?« fragte mild der Papa.

»Papa!« rief sie vorwurfsvoll, beide Hände um seinen Hals schlingend.

Er küßte sie zärtlich auf Stirn und Wangen, während der arme General so beklommen zur Seite stand. Es war ihm wieder, als ob seine schönsten Hoffnungsstrahlen erbleichten; er fühlte so verlassen, überflüssig! Aber jetzt wandte sich der Vater zu ihm, und in demselben Augenblicke reichte ihm die Tochter so traulich den Arm, und diese stille Sprache tat seinem Herzen wieder so wohl!

»Vater!« flüsterte Alexandrine, »wie bist du so gut, so mild, Vater!«

»Gut können wir zu jeder Stunde unseres Lebens sein, sollten es wenigstens sein, mild aber können wir nicht immer sein, dürfen es auch nicht immer sein, liebes Kind! Zur milden Stimmung gehört die Abendstunde. Diese Abendstunde, General«, er wandte sich jetzt zugleich an diesen, »übte schon in meiner Kindheit einen ungemeinen Einfluß auf mich. Wenn ich den ganzen Tag hindurch hart war oder es sein mußte, zwang mich der Abend, weich zu werden. Schon als Matrosenjunge, umhergetost von Sturm und Wogen, wenn ich des Abends im Mastkorbe der untergehenden Sonne nachsah, kamen mir bessere Gefühle, meine Mutter, unser silbergrauer Prediger traten vor meine Phantasie.«

»Auch mir ging es so«, fiel andächtig der General ein, »es ist die Stunde, in der sich schützende Engel nähern, das sündige Getriebe der Welt ruht, die Stimme des Höheren tönt in uns wider, durchdringt uns im Gesäusel der Lüfte, im Gemurmel der Wogen.«

»Horch!« rief hier Alexandrine.

»Es ist das Tosen der Mississippiwogen«, sprach der Vater, »der Nebel senkt sich und mahnt uns, daß es Zeit ist, unter Dach zu gehen.«

Sie gingen – Arm in Arm. Im Saale angekommen, nahmen sie Platz auf zwei zusammengerückten Sofas. Der Kapitän war sehr gütig, seine Sprache mild väterlich. Diese Sprache hatte etwas eigentümlich Sanftes, der Ton seiner tiefen Baßstimme etwas weiblich Melodisches. Selten hatte er so viel wie an diesem Abende gesprochen. Der General gewann offenbar eine Zuversicht, die er zuvor nicht hatte. Vielleicht trug der Umstand dazu bei, daß das Halbdunkel des Saales die peinlichen Züge des Vaters der Geliebten weniger deutlich erscheinen ließ. Bisher wenigstens war dem jungen Manne, sooft er in dieses Gesicht gesehen, das Wort auf der Zunge kleben geblieben. Jetzt sprach er heiter, offen, ging vertraulich in seine Privatverhältnisse ein; der Kapitän hörte ihn mit Teilnahme an. Die letzte Scheidewand, die etwa die beiden noch trennte, brach sichtbar nieder; sie begannen sich zu schätzen. Alexandrine lauschte selig wie ein Kind. Offenbar erfüllte die Achtung, die die beiden Geliebten sich zollten, ihr Herz mit Wonne.

Eine Stunde war so nach der anderen verstrichen; im anstoßenden Speisesaal ward das leichte Nachtessen aufgetragen. Die Diener meldeten, daß die Pferde gesattelt ständen, aber der Bankpräsident war noch immer nicht zurück. Der Kapitän begann etwas unruhig über das lange Ausbleiben des Freundes zu werden.

»Es ist Zeit, daß ich gehe«, sprach er, sich vom Sofa erhebend, »aber allein dürfen wir dich doch auch nicht lassen, Alexandrine?«

Das Herz des Generals schlug wieder höher bei diesen Worten. Würde ihm das Glück so sehr lächeln, mit der Angebeteten die Nacht unter einem Dache zuzubringen? Er zitterte vor dem wonnevollen Gedanken.

»Oh, du kannst mich immer allein lassen, Vater, wenn du das allein nennst, in einer Cottage zu sein, in der fünfzehn dienstbare Geister mit uns sind. Ich kann ja bloß meine Betsy oder Margaret rufen.«

»Wie du willst, liebes Kind!« versetzte gleichmütig der Vater, »nur muß ich jetzt fort. Aber es könnte ja auch unser Freund, der General, einstweilen als dein Beschützer bei dir bleiben? Ich finde schon den Weg allein nach der Kajüte zurück.«

»Um keinen Preis, um keinen Preis darfst du allein hinab. Nicht wahr, General! Sie lassen Papa nicht allein zurück?«

Es war etwas ängstlich Heftiges, beinahe Wildes in ihrem Tone; dazu schaute sie den General so erschrocken, ängstlich an.

»Sie werden doch Papa nicht allein gehen lassen?« fragte sie wieder.

»Um keinen Preis!« rief er in schmerzlichem Tone, »um keinen Preis! Sie erlauben, Kapitän Murky!« setzte er erblassend hinzu, »daß ich Sie nach Ihrer Pflanzung zurückbegleite?«

Jetzt lohnte ihn wieder ein herzlich seelenvoller Blick. Er aber schlug die Augen nieder.

»Wir wollen«, sprach der Kapitän, »noch eine Viertelstunde warten, vielleicht kommt Duncan. Aber morgen, vergiß nicht, Alexandrine, mußt du zeitig in die Kajüte hinab, wenn du deine Zimmer eingerichtet haben willst, wie du willst, und nicht, wie andere Leute wollen.«

»Du kommst aber doch, mich abzuholen, Papa?«

»Ich kann nicht, Alexandrine! Aber General Morse wird so gut sein.«

»General Morse?« fragte überrascht und sanft errötend Alexandrine.

General Morse aber faßte, noch mehr überrascht, die Hand des Kapitäns und drückte sie an die Lippen.

»Wohl, wenn ein General sich so weit herablassen will, der Tochter eines armen Seekapitäns diese Ehre zu erweisen«, sprach sie schalkhaft, »müssen wir uns wohl fügen, nur sind wir dann doch so frei, uns vorläufig auszubitten, Se. Tapferkeit mögen auch ein bißchen amüsant sein; heute wenigstens, wo waren sie?«

»Im Paradies!« sprach der eintretende Onkel.

»O mein allerliebstes Gold- oder vielmehr Geldmännchen!« lachte sie, »wissen Sie, daß ich Ihnen ein kleines Kapitel über Ihr langes Ausbleiben lesen muß?«

»Wenn Sie mir ein recht schönes lesen«, lachte der Goldmann, »so verspreche ich Ihnen dafür etwas.«

Er hielt einen Brief empor.

»Ein Brief von Theresen?«

»So ist's, eine Epistel oder vielmehr ein dicht beschriebener Bogen. Señorita Hualero schreibt mir, daß sie erst in acht Tagen zurückkommen werde. Es muß ihr bei unseren Louisiana-Dons außerordentlich gut gefallen.«

»Nun gute Nacht, Papa! Und auch Ihnen, tapferer General!«

Er haschte nach ihrer Hand, sie zu küssen; sie aber hatte bereits beide um den Hals des Vaters geschlungen.

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