Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Sealsfield >

Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

Das Diner

Die Tafelgesellschaft bestand, nebst den vier Freund, bloß noch aus dem Bankdirektor, dem Besitzer einer benachbarten Pflanzung – der früher Korvettenkapitän gewesen, seit mehreren Jahren aber seine Kommission in die Hände des Staates zurückgegeben und dafür Pflanzer geworden, und seiner Frau. Die Wahl der Gäste war sonach eine recht glückliche, auch bewies sie nebstbei, daß Uncle Dan trotz kalter Spottsucht warm geliebt haben mußte, denn passender für Ned konnte er kaum gewählt haben: der Bankdirektor dachte an nichts als Madeiras und Lafittes, der Seekapitän war viel zu frank und frei, um second thoughts Raum zu geben, und so konnte er ungestört seines Glückes genießen, wenn ihn nur der Onkel in Ruhe ließ. Aber seit Kapitän Murky selbst so entschieden Partei für ihn genommen, war er auch ihm sichtlich ans Herz gewachsen, obwohl er sich auch jetzt nicht ganz überwinden konnte, dann und wann einen Seitenhieb auszuteilen: der Junge, wie er den Neffen nannte, benahm sich für einen General denn doch gar zu queer, die Nachwehen des Sturmes, der seit zwei Monaten in ihm gehaust, schlugen noch gar zu ungestüm über Bord heran, was einem vernünftigen Mädchen wie Alexandrine denn doch unmöglich gefallen konnte.

Vielleicht irrte er aber, der sonst so scharf sehende Onkel, denn die zartfühlende Jungfrau weiß sehr wohl zwischen angeborener – oder zur zweiten Natur gewordener Leidenschaftlichkeit und wieder der zarten Aufgeregtheit eines sonst gelassen männlichen Sinnes zu unterscheiden; und es war denn doch ein großer Unterschied zwischen dem wilden Ungestüm eines tollen Brausekopfes und der interessanten Verkehrtheit unseres jungen Generals, der über dem Glück, an ihrer Seite zu sitzen, so anmutig sich und andere vergaß, daß er zu seiner Suppe Gabel und Messer nahm, mit denen er wahrscheinlich eifrig zerlegt haben würde, wenn ihm nicht Alexandrine den Löffel unterschoben hätte. Sie geriet, die Wahrheit zu gestehen, in einige Verlegenheit über diese seine Zerstreuung, besonders als ihr Vater sein Glas hob, um mit ihm Madeira zu trinken, und er zum Senffläschchen griff, aber diese Verlegenheit hatte etwas so eigentümlich Süßes! Wie ihr seelenvoller Blick auf ihm haftete, ihn zu mahnen schien, ja doch keine Blöße mehr zu geben, wurde im holden Bewußtsein, selbst eine Blöße gegeben zu haben, dieser Blick so verwirrt, sie schlug so errötend die Augen auf den Teller! Er wußte offenbar nicht sogleich, was das Ganze zu bedeuten habe, aber allmählich begannen ihm doch die Augen zu leuchten, plötzlich wurde sein ganzes Wesen so verklärt! Er hätte vor ihr auf die Knie niedersinken mögen.

Der Korvettenkapitän erzählte unterdessen von einer Hirschjagd, der er den Tag zuvor beigewohnt und bei der ihm, dem abgehärteten Seemann und Jäger, etwas zugestoßen, das er kaum möglich gedacht hätte. Hinter einem Baume aufgestellt, habe er, sein Gewehr schußfertig im Arme, auf das Rotwild gelauert, das lange auf sich warten lassen, endlich aber durch das Gebell der Hunde angekündigt durch das Dickicht brach. Plötzlich sah er jedoch statt eines Hirsches deren zwei, und zwar den letzten in ungeheurem Satze an ihn heranspringen. So übermannend habe dieser Anblick auf ihn eingewirkt, daß er, zitternd an allen Gliedern, nicht abzudrücken vermocht.

Er wandte sich hierauf mit der Frage an den General, ob Rotwild auch in Texas häufig sei.

»Sehr häufig!« war die kurze Antwort.

Ob er ein Liebhaber von der Jagd sei?

»Nicht sehr!« versetzte noch kürzer der General.

»Schade!« meinte der Seemann, »wir haben hier eine noch ziemlich gute Jagd, besonders im nördlichen Teile des Staates, und ich würde es mir zum Vergnügen rechnen –«

»Wenn Sie doch gehen sollten«, flüsterte ihm mutwillig Alexandrine zu, »so bitte ich, ja Papa und Ihren Onkel daheim zu lassen. Auf alle Fälle ist es bei der Geistesabwesenheit gewisser Leute rätlich.«

»Ich fühle berauscht!« murmelte er ihr wie aus dem Schlafe erwachend zu.

»Der Onkel sieht herüber!« mahnte sie.

Die Drohung mit dem Onkel schien ihn wieder nüchtern zu stimmen, wenigstens versuchte er es, sich zusammenzunehmen, der Unterhaltung Geschmack abzugewinnen, was ihm unter anderen Umständen nicht so leicht geworden sein dürfte, denn sie war einigermaßen trivial. Der Bankdirektor phantasierte über das Thema einer neu erfundenen Austernpastete, der die so weit und breit gerühmte Straßburger Gänseleberpastete nicht die Schuhriemen aufzulösen würdig sein sollte.

»Austern-, Gänseleberpasteten und Schuhriemen!« murmelte der General Alexandrinen zu, »welche interessante Zusammenstellung!«

»Ich bin wieder eine so ganz gewöhnliche Seele«, versetzte sie heiter, »daß ich diese Zusammenstellung nicht so ganz uninteressant finde, vorausgesetzt, daß sie jemanden glücklich macht.«

Sie sprach die Worte in nichts weniger als verweisendem, vielmehr einem gefälligen, anspruchslosen Tone, und in demselben Tone ging sie auch in die Unterhaltung ein, hörte die weitschweifige Aufzählung der Ingredienzien einer solchen Austernpastete mit einer so sichtlichen Teilnahme an, wußte mit so zarter Sympathie für die Schwachheit des alten Gourmands seine Blößen zu decken, daß die triviale Unterhaltung allmählich einen Reiz gewann, der sie zuletzt brillant darstellte. Es war ein so eigentümlicher Zauber, den sie allem zu erteilen wußte, die prosaischste Unterhaltung bekam, sowie sie nur mit einer Bemerkung daran teilnahm, etwas von jener Geistesfrische, Helle, in der sich ihr eigenes Wesen so lauter und rein spiegelte.

Sie schien in der Tat zum Repräsentieren wie geboren, und es lag in der Art und Weise, wie sie die Stuhlherrin repäsentierte, etwas so hinreißend Brillantes! Und wenn dann ihr Blick auf dem Vater weilte und ihm liebend in die Seele drang, trat auch wieder der ungeheure Reichtum dieses Gemütes so klar und deutlich hervor! Sie mußte ihn wohl über alles lieben, diesen Vater, er ihr alles sein, denn ihre Mutter war ihr bereits im achten Jahre gestorben und sie so ganz an den Vater angewiesen. Mit diesem hatte sie vier Jahre gelebt, ehe sie noch nach Frankreich überging. So hatten sich ihre Jugendverhältnisse sehr glücklich gestellt. Des Vaters herrliches Bild, sein hoher Lebensernst, sein für alles Edle glühender Eifer – in ihr jugendliches Gemüt versenkt, war der leichte Sinn der Töchter Frankreichs nicht imstande gewesen, die edle Amerikanerin zu sehr zu verflüchtigen; nur die Frische, die sprudelnden Lebensgeister, die sonnige Helle hauchte er ihr gleichsam an.

Sie war wirklich ein seltenes Mädchen, und wie sie sich jetzt mit der Gattin des Kapitäns von der Tafel erhob, um in das Drawing-room überzugehen, ward auf allen Gesichtern eine gewisse Leere, etwas wie Trostlosigkeit bemerkbar, die besonders an unserem General kläglich hervortrat. Er stand auf, schwankte hin und her – in seiner Geistesabwesenheit würde er wahrscheinlich zum Fenster hinausgesprungen sein, wenn nicht der Onkel endlich von der Tür gewichen wäre. Es trieb ihn hinaus ins Freie, er mußte sich sammeln, denn zu heftig war der Sturm seiner Empfindungen. Er fühlte wie berauscht, das Blut strömte ihm fieberisch durch die Adern!

Töne weckten ihn plötzlich aus seinen Phantasien. Er horchte. Nur sie vermochte solche Töne hervorzubringen. Er sprang auf das Landhaus zu; in wenigen Sekunden stand er an ihrer Seite.

Sie sang mit Begleitung des Pianoforte das Lied: Tell me not of hoarded gold.

»Wunderschön!« rief er.

»General Morse! Sie sind es?« rief sie überrascht.

»Ich bin es!«

»Ich glaubte Sie draußen in den Irrgängen herumschwärmend!«

»Ihre Stimme rief mich!«

»Lieben Sie Musik?«

»Über alles!«

»Singen Sie?«

»Ich brumme!«

Sie schlug Rossinis ›Mohr von Venedig‹ auf. Den gefangenen Mexikaner, der ihm Unterricht im Singen und der spanischen Gitarre gegeben, im Herzen segnend, sang er mit ihr. Seine ganze Seele lag in seinem Gesange. Alexandrine war verwirrt, die Frau des Kapitäns erhob sich, sah verlegen zum Fenster hinaus.

Jetzt bat sie ihn, etwas allein zu singen.

Er ergriff die Gitarre und sang:

Deep in my soul that tender secret dwells,
Lonely and lost to light for evermore –
Save when to thine my heart responsive swells,
Then trembles into silence as before,
Then trembles into silence as before.

There, in its centre, a sepulchral lamp,
Burns the slow flame, eternal – but unseen,
Which not the darkness of despair can damp,
Though vain its ray as it had never been.

Remember me – Oh! pass not thou my grave
Without one thought whose relics there recline:
The only pang my bosom dare not brave
Must be to find forgetfulness in thine.

My fondest – faintest – latest accents hear:
Grief for the dead not virtue can reprove;
Then give me all I ever asked – a tear,
The first – last – sole reward of so much love!

Sie erhob sich mit abgewandtem Gesicht. Eine Träne perlte ihr aus den schönen Augen.

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.