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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Selige Stunden

»Wir haben Geschäfte in der Stadt, lieber Ned!« sprach nach aufgehobenem Luncheon der Onkel, »und dürften wohl vor drei Uhr nicht zurück sein, hoffentlich aber wirst du dich nicht sehr langweilen?«

Der Neffe murmelte etwas zwischen den Zähnen, allein Alexandrine war eingetreten, und über ihrem Anblick war der ewig spottende Onkel vergessen. Sie hatte sich dem nachdenklich in der Fenstervertiefung stehenden Vater genähert und seine Hand ergriffen und geküßt. Wie er ihr das auf der Stirn gescheitelte Haar sanft streichelte, wurden die finsteren Züge doch in etwas heller, und wie sie so heller wurden, trat auch die Familienähnlichkeit, trotz der auffallenden Verschiedenheit der Gesichter, stark hervor. So finster, menschenfeindlich beinahe seine Züge, so hell sonnig und von Zärtlichkeit überströmend wieder die ihrigen, so hatten sie doch etwas gemeinschaftlich. Es war die Tiefe des Gemütes, die an beiden gleich stark hervortrat. Aber ihm schien diese Gemütstiefe – im Konflikte mit der bösen Welt in sich selbst zurückgedrängt und gepreßt – etwas zwiespältig Zerstörtes eingedrückt zu haben, während an ihr wieder die freundlicheren Berührungen derselben Welt, wie die Schauer der durch Sonnenstrahlen aufgehellten Aprilwolke, in lauter Regenbogenfarben widerschienen. Er mußte ihr soeben etwas Liebes gesagt haben, denn sie lächelte mit naiver Schalkhaftigkeit und lispelte:

»Wenn er sich unterhalten läßt, Vater! Weißt du, nicht gar zu langweilig ist!« sprach sie etwas lauter.

Hier schien der General aus seinen Träumen aufzuwachen. Er sah sie mit leuchtenden Augen an.

»Wo bist du, Ned, in Texas oder in Frankreich?« fragte wieder der spottende Onkel.

»Wahrscheinlich in beiden«, antwortete statt Neds die lachende Alexandrine, »im Paradiese ist er schwerlich, hat er es doch kaum eines Blickes gewürdigt!«

»Das kommt wahrscheinlich daher, Miß Alexandrine, weil er ein lieberes Paradies vor Augen hat.«

»Jetzt ist's Zeit, daß Sie gehen, Bankpräsidentchen! Wenn so personifizierte Hauptbücher wie Sie, lieber Geldmann, zärtlich werden, ist immer einige Gefahr. Kommen Sie, General, wir wollen Ihnen das Innere des Paradieses zeigen.«

Und graziös ihm zunickend, schwebte sie voran, und er, wie elektrisiert, schoß ihr nach.

Es war zwar nicht viel zu zeigen, denn die Cottage enthielt, nebst Drawing-room und Speisesaal, kaum ein Dutzend Zimmer und Kabinette, aber diese waren wirklich allerliebst.

Wie alle unsere Geldmänner, deren Handelsspekulationen über die vier oder gar fünf Weltteile reichen, hatte auch unser Bankpräsident dafür gesorgt, einige der Blüten und Früchte dieses Welthandels in seinem Paradiese sichtbar werden zu lassen. Es waren chinesische Spielereien und ostindische Tapeten, Dresdener und Sèvreslampen, englische Sessel und Sofas, türkische Ottomanen und österreichische Musikschränke da. So war der Salon, von dessen Decke eine Sèvreslampe herabhing, sehr reich an kostbaren englischen Sesseln und Sofas, Mosaiktischen und kunstreich ausgelegten Schränken, der Speisesaal wieder klassisch einfach nebst dem Wiener Musikschranke bloß mit Mittel- und Seitentischen möbliert, aber diese letzteren mit einem kostbar silbernen Tafelservice beladen. An den Speisesaal wieder stieß eine mit Jalousien geschlossene Galerie, die zum Konservatorium diente, in dem einige hundert sehr seltene Gewächse und Blumen im besten Geschmacke aufgestellt waren. Das Ganze endete in einem Kabinette, das selbst einen Geldmann zur Weltweisheit gestimmt haben könnte. Es war durch einen vorspringenden runden, turmartigen Erker gebildet und einfach, aber sehr niedlich mit einer Ottomane, einem Mosaiktischchen, einem sogenannten Sleepy-Hollow und einem Bücherschranke möbliert. Die Aussicht war entzückend, denn das Auge beherrschte die Ebene auf Meilen herum. Nordwärts hatte man das in Blumen und Blüten wie gebettete Natchez, westwärts hoben sich die grünen, zerrissenen Erdwälle und Parapets des Forts Rosalie in die Lüfte, weiter hinab sah man durch die zum Teil noch blätterlosen Bäume einen Teil des Mississippispiegels herüberglänzen.

Von diesem Fort lag eine halbvollendete Zeichnung auf dem Mosaiktischchen.

»Ist dieses Plätzchen nicht allerliebst?« fragte sie, eine der Gardinen aufziehend.

»Herrlich!« versetzte er.

»Gewiß lieblich! Sehen Sie nur, wie wunderlieblich Natchez von hier aus erscheint, und noch schöner das romantische Fort Rosalie! Es war ein sehr glücklicher Gedanke von Catharine, dieses Kabinett an ihrem Konservatorium anzubringen. Sie muß einen sehr reinen Geschmack besitzen. Wie sehne ich mich, sie wiederzusehen, sie soll sehr schön sein!«

Des Generals Blicke schweiften in die Ferne.

»Sie wird mit ihrer Mutter in einigen Tagen erwartet, und da Ihr Onkel darauf besteht, daß wir ihm unterdessen haushalten, so müssen wir uns wohl fügen«, setzte sie lächelnd hinzu, »obwohl ich mich sehr nach meiner lieben Kajüte sehne.«

»Sie ist ein Paradies!«

»Nein, das ist sie nicht«, lachte sie, »im Gegenteile; aber ich würde sie nicht so lieben, wenn sie anders wäre. Meine süßesten Kindesfreuden sind so innig mit allem da verwoben, um keinen Preis wollte ich sie anders haben.«

Jetzt hing sein Auge wieder in sprachlosem Entzücken auf ihr.

»Hier habe ich mir«, sprach sie wieder, »eine recht liebe Aufgabe gesetzt, das Fort Rosalie für meine Freundin Gabriele de Mont Brissac aufzunehmen; sie ist jedoch etwas schwer, diese Aufgabe.«

»Aber genial aufgefaßt«, rief er, das Blatt aufnehmend, »Standpunkt sowohl als Vor- und Hintergrund einzig. Eine herrliche Zeichnung – aber ein sehr melancholisches Sujet!«

»Sehr«, versetzte sie, »aber ich liebe das Melancholische.«

»Sie? Und sind doch immer heiter?«

»Immer heiter.«

»Und doch lieben Sie das Melancholische?«

»Ja, wenn es von einem Chateaubriand dargestellt wird. Sie wissen, Fort Rosalie ist der Schauplatz seiner ›Natchez‹.«

»Es ist viel Poetisches in diesem Romane, aber der Schauplatz ist es doch noch mehr und die einfache Geschichte noch weit mehr.«

»Kennen Sie sie?«

»Doktor Powell hat sie ausgemittelt, soviel sich nämlich aus den sparsamen Quellen ausmitteln ließ. Es ist das tragischste Schicksal, das je über ein Volk hereinbrach.«

»Oh, erzählen Sie doch, ich will sie als Text beilegen.«

»Tun Sie das nicht«, bat er sanft, »die Franzosen erscheinen in dieser Geschichtsskizze nichts weniger als vorteilhaft; der Zusammenstoß einer entmenschten Zivilisation mit unverdorbener Natur tritt in ihr schauderhaft hervor.«

»Dann darf ich freilich nicht, denn Gabriele glüht für die Ehre und den Ruhm ihrer Nation so wie ich für den der meinigen. Sind Sie ein guter Amerikaner?« fragte sie lebhaft.

»Ganz Amerikaner!« versetzte er feurig.

»Aber«, warf sie forschend ein, »ich höre, Sie wollen sich trennen von uns – der Union?«

»Kann sich trennen, was Natur und Blut und Erziehung vereinen?«

»Sie sagen recht. Ah, unsere Union – es ist doch nur eine Union!«

»Nur eine Union!«

Nach diesen Worten schauten sie sich voll Selbstgefühl an; sie hatten abermals eine Scheidewand niedergebrochen. Ihre Blicke hatten jetzt etwas heimisch vaterländisch Trauliches. Sie betrachteten einander, als wären sie seit Jahren vertraut.

»Jetzt«, sprach sie im anmutig geschäftigen Tone, »will ich nur ein kurzes Viertelstündchen meiner süßen Gabriele widmen, und Sie, nicht wahr, General, Sie lesen unterdessen oder studieren oder klassifizieren draußen Blumen?«

Ihre Worte klangen so lieblich, traulich, offen!

»Lieber lesen!« entgegnete er.

»Warum lieber?«

»Dann darf ich in Ihrer Nähe sein.«

»Schon wieder eine Schmeichelei!«

»Schmeichelei?« fragte er mit sanfter, vorwurfsvoller Stimme. »Schmeichelei nennen Sie das, was mich sechstausend Meilen herzog, nachzog? – Ah!« seufzte er, »nennen Sie es lieber Wahnsinn, denn meine Hoffnung – ist sie nicht Wahnsinn?«

Sie sann einen Augenblick nach.

»Wir wollen«, rief sie ausweichend, »jetzt fleißig sein. Meine süße Gabriele ahnt etwas von einer Überraschung, und Sie wissen, wenn eine Überraschung zu lange auf sich warten läßt, ist sie keine Überraschung mehr. Lesen Sie unterdessen Walter Scott oder Bulwer. Seine ›Alice‹ hat mich während der Überfahrt recht angesprochen.«

»Auch ich habe sie gelesen«, fiel er ein, »wie gefällt sie Ihnen?«

»Einige Charaktere sind sehr zart gedacht, aber andere scheinen mir wieder affektiert, englisch affektiert, was noch weniger gut läßt als französische Affektation. Dann prunkt er auch gar zuviel mit seinem gelehrten Wissen.«

»Nur sein ›Pelham‹ ist ganz gut, alle seine anderen Romane sind es nur halb«, fiel er wieder ein, »er prunkt, wie Sie sagen, gar zu sehr mit seinem Wissen, es übersehend, daß man bei einem Gentleman dieses Wissen voraussetzt. Er kommt mir beladen, bepackt mit lauter Gelehrsamkeit – erdrückt von ihr vor. Wie ganz anders Walter Scott, der unstreitig ebenso gelehrt, wenn nicht gelehrter war, der aber seine Gelehrsamkeit zu meistern verstand! Welcher seiner Romane gefällt Ihnen am besten?«

»Die Braut von Lammermoor.«

»Ja, das ist sein Meisterstück, darin hat er eine poetische Tiefe entwickelt, wie sie selbst in Shakespeare nicht stärker hervortritt. Jeder seiner Charaktere ist in diesem Romane ein Meisterstück, selbst die Leichenweiber. Welch eine schauderhafte Unterhaltung, die dieser Leichenweiber!«

»Schauderhaft!« rief sie.

Er nahm jetzt den Roman auf, während sie sich in den Sleepy-Hollow niederließ und die Reißfeder ergriff. Einige Minuten las er, aber dann schweiften seine Blicke wieder zu ihr hinüber, auch die ihrigen irrten vom Fort herüber auf die Ottomane. Zuletzt warf er den klassischen Roman ungestüm auf die Ottomane, trat auf den Zehenspitzen hinter ihren Sessel und schaute ihr über die Achsel in die Zeichnung. Jetzt war an kein Zeichnen mehr zu denken. Sie wandte graziös das Köpfchen, und dann begannen sie zu plaudern; sie von ihrer Kindheit, von ihrem teuren Vater, von dem erzählend ihr die Tränen in die Augen traten, und dann wurde sie wieder heiter und erzählte von Theresen, ihren Freundinnen in der Abtei. Und dann mußte er erzählen von seiner Kindheit, seinen Kriegsabenteuern. Und während er erzählte, horchte sie und horchte, und ihre Blicke ruhten bald ängstlich, wieder zärtlich, wieder hoffend, wieder vertrauend, ja stolz auf ihm.

Das Weib liebt es, dem kräftigen Manne zuzuhören, ihr zartes, schmiegsames Gemüt windet sich gern an seiner Kraft hinan, gleich der schwankenden Weinrebe, die sich am kräftigen Eichenstamme emporzieht. Sie horchte noch immer. Die Stunden waren ihnen wie Minuten verstrichen. Der Kapitän, der Onkel waren zurückgekehrt – eingetreten. Der General erzählte fort, denn sie hatten ihm gewinkt fortzufahren.

Endlich unterbrach ihn der Kapitän:

»Es ist dieser, Ihr Bob, ein gräßlicher Charakter, und es ist entsetzlich, wenn wir bedenken, daß unsere Zivilisation solche Charaktere erzeugen kann; aber doch ist es wieder wohltuend, die Ableitungskanäle zu sehen, die die Vorsehung unserem Volke eröffnet. Wirklich tröstet es mich wieder, wenn ich sehe, wie selbst ein so scheußliches Bruchstück unserer bürgerlichen Gesellschaft von der gütigen Vorsehung in eine noch unverkünstelte Natur und Zustände geleitet, geläutert und gebessert, segenbringend für die Menschheit werden kann.«

»Und ich finde, teurer Murky«, unterbrach ihn der Onkel, »daß unsere Gäste jeden Augenblick kommen können und daß wir alle zum Diner noch keine Toilette gemacht haben. Darum wollen wir nun Bob Bob sein lassen, was meinst du?«

Der Kapitän nickte stumm, und alle trennten sich, am Toilette zu machen.

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