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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Ein Morgen im Paradiese

Ein entzückender Morgen! Die Phantasie kann ihn nicht schöner träumen! Das lichtblaue Himmelsgezelt, den jungen Frühling verkündend, die Strahlen der blaßgoldenen Sonne, mild kosend die frischen Lüfte durchzitternd – die Atmosphäre wie erhebend unter dem Erguß dieser himmlischen Strahlen! Und dann die tiefen Schlagschatten, und daneben die herrlichen Lichtströme der tausend Blumen und Blüten – und die duftenden Orangegrotten und Zitronengebüsche – und im Hintergrunde die königliche, ewig grünende Magnolie und die zierliche Pride of ChinaPride of China: Pride of China, des Schattens und der Zierde wegen im Staate Mississippi gepflanzt, gedeiht so außerordentlich, daß eine einzige Beere, den Winter hindurch mit Erde bedeckt, im Sommer zu einem vier bis fünf Fuß hohen Baum aufschiebt, in vier bis fünf Jahren zum starken Baume wird, der seine Äste und Zweige über Häuser hinbreitet. – und weiter rechts hin die einzelnen Zinnen und Kuppeln des aristokratischen Natchez, und tiefer herab die zerrissenen grünen Wälle und Parapets des Forts Rosalie, und ringsherum eine Flora und Blüten und Düfte! Ein wahres Paradies, von einem der zartsinnigsten Gemüter gehegt und gepflegt – der Garten, als wäre er durch Regenbogenstrahlen gezogen, die wunderliebliche Cottage wie in einem Blumenkelche gebettet! Blumen und Blüten ranken die Galerie, die Mauer hinan, geleiten die Treppe, in den Saal, die Gemächer hinein!

Aus diesen rief die bekannte, aber nicht mehr kaustisch klingende Stimme des Onkels heraus: »Ich kann sie nirgends finden, sie müssen nach Natchez hineingegangen sein.«

Ein tiefer Seufzer antwortete von der Galerie zurück.

»Oh, sie werden wohl nicht verlorengegangen sein. Willst du nicht eintreten und ein Glas Rheinwein und Sodawasser nehmen?«

»Danke Euch, Onkel! Ich will lieber Euer Paradies besehen.«

»Dann will ich dein Wegweiser sein.«

Sie gingen – durch Anflüge von knospenden Chinabäumen und Lauben von Cape Jessamine und Laurea Mundi und Gehege der schottischen Rose und der nördlichen Flowerpotpflanze, und der zartblühenden Washitaweide und Teebäume und Gruppen von Lilacs und Papaws und Magnolien. Ein wunderliebliches Wäldchen von Orange- und Zitronenbäumchen schloß das reizende Labyrinth.

»Ein wahres Paradies, Onkel!« sprach der Neffe.

»Ist artig«, versetzte der Onkel, »Catharine hat Geschmack bewiesen; hättest es aber vor zwei Jahren sehen sollen!«

»Erst vor zwei Jahren habt Ihr es angelegt?«

»Angelegt ist es schon länger, nur in schlechtem Geschmack, auch war es vernachlässigt.«

Hier schlug, aus dem Orange- und Zitronenwäldchen springend, ein Windspiel an, worauf der Onkel rief: »Da sind sie!« Und jetzt hob sich plötzlich die Brust des jungen Mannes, und errötend und erblassend und zitternd und zagend begann es ihm um die Augen so trübe zu werden! Es schien sich alles um ihn herum zu drehen, er nicht zu sehen, nicht zu hören.

Zwei Personen waren aus dem Gebüsche getreten, ein ältlicher Mann und eine junge Dame. Der Mann mochte ein Fünfziger, vielleicht älter sein, denn die Haare waren stark ergraut, die Gesichtszüge noch stärker durchfurcht. Diese Gesichtszüge fielen peinlich auf. Die finster dunkeln, wie im Folterschmerze aufwärts und gegeneinander gezwängten Augen, die hufeisenartige tiefe Runzel über dem Nasenknorpel, die gekniffenen Lippen verliehen ihm etwas so fatal Zerrissenes, so daß man sich wirklich mit einem Gefühl von Pein von diesem wie gemarterten Gesichte abwandte. Ein grellerer und wieder lieblicherer Kontrast ließ sich wohl nicht denken als er und – sie! Als wäre sie soeben dem schönsten der Blumenkelche entstiegen, glänzte, blühte alles im höchsten Liebesreize an ihr, die Züge von regelmäßiger Schönheit, die Augen von tief reiner Bläue, die Gestalt von klassischem Ebenmaße. Ein wahrer Genuß war es, in dieses Gesicht zu schauen, denn beim ersten Blicke in diesen Spiegel sah man eine schöne, herrliche Seele. Es konnte nicht täuschen, dieses idealschöne Gesicht! Zwar schien es etwas kalt zu sein. Wirklich galt auch Alexandrine Murky für kalt; wenigen jungen Damen waren während ihrer kurzen Erscheinung in den Salons der Pariser beau monde so zahlreiche Huldigungen zuteil geworden – spurlos waren sie jedoch alle an ihr vorübergegangen; aber Kälte sprach doch nicht aus diesen tiefblauen, von langen seidenen Wimpern beschatteten Augen, eher inniges, tiefes, poetisches Gefühl. Ah, sie war eine jener seltenen Erscheinungen, die mit einem festen, ja energischen Sinne die zarteste Gemütlichkeit, mit einem heiteren, klaren Verstande jene zarte, schmiegsame Weiblichkeit paaren, die so unwiderstehlich anziehen, in Fesseln schlagen! Ein Blick, ein Lächeln, und ihr ganzes Wesen leuchtete im rosigsten Sonnenschein auf, eine Bewegung, und man hätte anbetend vor ihr niedersinken mögen!

Offenbar war sie aber jetzt überrascht; in dem ersten Momente zuckte, schrak sie beinahe zusammen, starrte ihn erbleichend wie einen vom Himmel Gefallenen an; allmählich aber erholte sie sich, ein zartes Rot trat an die Stelle der Scheu, wurde zur holdesten Überraschung. Sie sprach jedoch nicht, auch er nicht; denn auch er war erbleicht, seine Brust hob sich krampfhaft, die Lippen zuckten ihm; ihr Erblassen schien ihm in die Seele hineingeschnitten zu haben.

Der Onkel unterbrach endlich die einigermaßen peinliche Pause.

»Erlauben Sie, Miß Murky«, sprach er achtungsvoll, »Ihnen meinen Neffen, General Morse, aufzuführen!«

Jetzt schlug sie die Augen auf.

»Ich habe das Vergnügen, General Morse bereits –« und dann stockte sie so anmutig!

»Miß Murky war –«, stockte wieder der General.

Und jetzt wagte auch er, den Blick zu ihr zu erheben; abermals jedoch versagte ihm die Sprache, und statt zu reden, zupfte er an seiner Reitpeitsche.

Und so standen sie wohl zwei Minuten verblüfft, die Augen zur Erde geschlagen, wechselweise errötend, erblassend, bis der Kapitän und der Onkel seitwärts tretend sie allein ließen.

Da erst schienen sich die erstarrten Lippen zu lösen.

»Ich hatte nicht gehofft – erwartet«, verbesserte sie sich, »Sie hier am Mississippi zu sehen, General Morse!«

»Werden Sie meine Kühnheit verzeihen, teuerste Miß Murky, daß ich es wagte –«, stammelte er.

»Mister Duncan also ihr Onkel?« versetzte sie ausweichend, »nicht wahr, ein liebliches Plätzchen, ein wonniges, Sie sehen es zum ersten Male?«

»Es ist ein Paradies!« sprach er leise.

»Im Lande der Blüten und Blumen, wie Chateaubriand so schön sagt.«

»Ja, jetzt ist's das Land der Blüten und Blumen, jetzt, jetzt!« stammelte er.

»Ich habe der Gärten viele und schöne in Frankreich gesehen«, hob sie wieder nach einer kurzen Pause an, »aber keinen so wahrhaft genial – so heiter – so ganz im Einklange mit der Natur des Landes gleichsam hervorgezauberten.«

»Und doch sagt man, unsere Southrons haben keinen Sinn für Gartenkultur«, bemerkte er etwas kühner.

»Hier haben Sie aber den Gegenbeweis; wollen Sie ihn nicht näher sehen?«

»Aber Alexandrine!« mahnte der Vater herüber, »General Morse ist von der Kajüte heraufgekommen und also fünf Meilen geritten; vielleicht ist er ermüdet, zieht es vor, einige Erfrischungen zu nehmen.«

»Oh, was das betrifft, Kapitän Murky«, versetzte plötzlich lachend der General, »so sind wir in Texas gewohnt, größere Touren zu machen, ehe wir an Erfrischungen denken dürfen. Wenn Sie es erlauben, Kapitän Murky, wollen wir den Garten besehen.«

Und wie er so sprach, richtete er sich auch bereits zuversichtlicher auf. Die Einrede des Kapitäns war für ihn sehr à propos gekommen.

»Diese herrlichen Blumenparterres und Kränze«, hob sie wieder an, »und diese Orangenwäldchen, wieviel reizender, natürlicher als die künstlichen Alleen und Parterres selbst zu Versailles!«

»Hier erscheinen sie wie der Hand der Natur entsprossen«, fiel er ein; »in Versailles ist's Kunst, mühsam erzwungene Kunst, die überall hervortritt. Eine solche mühsame Kunst aber hat wieder etwas Peinliches. Mir kommen da die in Reihe und Glied aufgestellten Orangenpatriarchen wie eine Art vegetierender Grenadiere oder Leibgardisten vor, hier aber! Wie lieblich, üppig hier diese Laurea Mundi und unsere Flowerpotpflanze; im Norden und Frankreich verkümmern sie in Fayencetöpfen, hier schießen sie über zehn Fuß in die Höhe!«

»Und die Cape Jessamine«, fiel sie wieder ein, »wie herrlich, und die Althea!«

»Und der dunkelgrüne Lebensbaum!«

»Und«, rief sie vorschwebend und sich graziös herabneigend, »diese Amaryllis und die Purpur-Magnolia!«

»Und die arabische Jessamine«, fiel er, ihr zur Seite, ein, »und hier das Verbenum und die hehre Aloe!«

»Und da der breitblättrige Yarrah!«

Und nach diesem botanischen Erguß sahen sie sich so traulich an!

»Hier der seltene Guavabaum, von dem es nur einen im Staate geben soll, der Früchte bringt!« hob sie wieder an. »Oh, berühren Sie ihn«, bat er, »auch dieser wird Früchte bringen!«

»Glauben Sie?« fragte sie lächelnd, »ich nicht, meine Hand ist keine Feenhand!«

»Jawohl ist sie es: ich fühle ihren Zauber, fühle ihn!« seufzte er.

»Ah, siehe da, General Morse kann auch schmeicheln. Haben Sie das in Texas oder in Paris gelernt?«

»Gelernt? Miß Murky!« sprach er im Tone des sanftesten Vorwurfes.

»Kommt, Kinder!« rief der Onkel herüber, »komm, Alexandrine!« der Vater. »Setze doch den Hut auf!«

»Den Hut, Papa!« lächelte mit unnachahmlicher Grazie, ein Tuch über das Köpfchen werfend, Alexandrine.

Der General schaute sie entzückt an.

»Du siehst wie unsere alte Josepha aus!« meinte der Papa.

»Und ich sage nichts«, flüsterte ihr der General zu, »sonst heiße ich abermals Schmeichler!«

»Dafür sollen Sie eine schottische Rose haben!« erwiderte sie mit holdem Lächeln. »Das haben wir in unserem Lande vor dem belle France voraus, Rosen zu Ende Februars!«

»Müssen sie nicht im Paradiese blühen, in der Nähe der Engel?«

»Ich nehme sie wieder zurück!« drohte sie.

Der General haschte aber nach ihr und barg sie im Busen.

Und jetzt waren sie einander schon um vieles nähergerückt; schon hatten, wie sie durch Blumenbeete und Orangengrotten, Lilacs und die Pride of China wandelten, ihre Blicke etwas Sicheres, Bewußtes, Heiteres, Seliges, zwar die seinigen weniger als die ihrigen. Er ging noch immer wie träumend, seinen eigenen Augen nicht trauend; denn nach dieser Stunde hatte er seit zwei Monaten gezittert, zwei Monate gehofft und gefürchtet, sie hatte ihn wechselweise mit seligen Vorahnungen und düsterer Verzweiflung erfüllt, denn fiel sie unglücklich aus, dann war sein Leben ohne Hoffnung, ohne Reiz, ein blankes graues Blatt, auf das sich nichts mehr schreiben ließ. Und ihr erster Blick, ihr Erbleichen drang ihm furchtbar in die Seele, machte ihm das Blut erstarren, in den Adern stocken; dann aber das Erröten, das Lächeln, und wie ihr Auge so seelenvoll auf ihm ruhte, gleichsam in dem seinigen ratend, lesend, was ihn wohl sechstausend Meilen hergebracht! Dieser Blick, oh, er hatte wieder selige Hoffnung gegeben, jawohl, selige Hoffnung! Er schwamm jetzt in Seligkeit, wußte nicht, ob er wache oder träume, ob er in Texas, Frankreich oder am Mississippi war. Die Nähe des kaustischen, spöttischen Onkels, des finsteren Vaters hielten ihn allein zurück, er wäre sonst anbetend vor ihr auf die Knie niedergefallen.

Die beiden waren jetzt herangetreten, ihn in die Cottage zum Luncheon einzuladen. Er verwünschte Cottage und Luncheon.

»Ich will aber kein Luncheon!« murmelte er trotzig.

»Oh, gehen Sie, gehen Sie, General!« lachte sie, »es wird Ihnen gut tun. Papa zudem liebt das Luncheon!«

»Aber ich wollte lieber bleiben!«

»Dann müssen Sie allein bleiben, denn auch ich will – gehen.« Jetzt sprang er freudig vor.

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