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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Aber es lagen ihrer mehr denn vierzig da, eine ganze Flotte von Dampfern!« seufzte er wieder im trostlosen Tone. »Welches barg den köstlichen Schatz? Von vielen tönten die Glocken zur Abfahrt. Ich springe auf das erste, stürze die Treppe in die Kajüte hinab, sehe die Tür des Damensalons offen – o Schmerz! Sie war nicht da. Wieder renne ich hinaus, springe vom Schiffsgeländer weg auf das nächste.«

»Hättest da leicht einen Fehlsprung tun können« meinte mißbilligend der Uncle, »las erst gestern, wie ein Gentleman durch einen solchen Sprung in die Ewigkeit sprang; fiel in den Mississippi.«

»Wie ich in die Kajüte dieses Dampfers einstürze, läutet die Schiffsglocke zum zweiten und letzten Male – die Tür der Damenkajüte ist aber geschlossen. Das läßt mich vermuten, daß sie den köstlichen Schatz berge. Während ich, zu fragen, ungeduldig nach der Stewardeß renne, gerät der Dampfer in Bewegung, schwingt herum. Die Tür geht auf, ach! mein Himmel war nicht da.«

»Ja, den wirst du freilich nicht auf unsern Mississippidampfern finden!« bemerkte wieder trocken der Uncle.

»Er ward mir zur Hölle, zur wahren Hölle«, fuhr Ned auf, »aber eines tröstete mich, das Dampfschiff, das sie trug, ging so wie das meinige stromaufwärts. Wenn nur das meinige nicht hinten blieb, ich sie nicht verlor! Die Angst, die mich jetzt befiel, diese zu beschreiben! Ich fürchtete wahnsinnig zu werden. Endlich wettete ich hundert Dollar mit dem Kapitän, daß er hinter den sechs Dampfern, die mit uns abfuhren, zurückbleiben würde. Er nahm zwei aus, mit den übrigen vier ging er sie ein.«

»Sag mir doch, wie heißt dieser pretiöse Kapitän? Wollen ihm das Handwerk bald legen!« fiel hier der Uncle ein.

»Ah, er hielt sich wacker, sehr wacker, der Brave! Einzig zwei der sechs kamen uns vor, aber wir behielten sie doch im Auge, und sie fuhren am folgenden Tage keine halbe Stunde vor uns im Hafen von Natchez ein. Wie wir einfuhren, erscheint auch, wie ein Stern am heiteren Himmel, sie – sie, die mein alles ist und bleiben wird. Sie verließ soeben den Dampfer, schwebte Unter-Natchez zu. Unter-Natchez, dieser Ort der Greuel, erschien mir in dem Augenblicke ein Himmel. Oh, was hätte ich darum gegeben, da zu sein!«

»Ned! Ned!« schaltete der Onkel ein, »bist trotz deiner Generalschaft ein großer Narr!«

Ned fuhr, das Kompliment überhörend, fort:

»Aber eine lange, furchtbar lange Viertelstunde verging, ehe es mir gegönnt war, den Boden zu betreten. Endlich, endlich! Noch war sie zu sehen, aber bereits oben auf der Höhe des Bluffs.

Ich rannte, ich flog. Ehe ich die Windungen der Anhöhe hinanrenne, ist sie verschwunden. Alles, was ich sehe, ist ein Wagen, der um die Ecke herum durch die Stadt rollt.«

»Weiter, weiter, Ned!« gähnte der Uncle, »ist Zeit zum Schlafengehen, vier Uhr!«

»Ah, Uncle! Ihr habt nicht geliebt!« seufzte Ned.

»Laß mich zufrieden mit deinem ›nicht geliebt haben‹, verrückt war ich nicht so wie du! Man möchte aus der Haut fahren. Das gehört by Jove in den Kalender! Doch weiter, wie kamst du hieher?«

»Wie ich hieher kam? Wie ich hieher kam? Weiß selbst nicht recht, wie ich hieher kam!« versetzte der Neffe. »Ja, richtig, wie ich den Wagen fortrollen sehe, springe ich dem nächsten Gasthofe zu, rufe nach dem Wirte.«

»Paterson? War bei mir«, fiel der Uncle ein, »brachte mir die saubere Neuigkeit, schüttelte den Kopf. Und wohl mochte er; hält dich für einen Verrückten, Abenteurer oder gar Sporting-Gentleman, der Reißaus genommen.«

»Sporting-Gentleman! Was ist das?«

»Ein Spieler von Profession und Räuber und Mörder aus Liebhaberei oder bei Gelegenheit. Hatten vor ein paar Jahren in Walnuthill ein ganzes Nest dieser Gentry, bis wir ein halbes Dutzend hängten und so Kehraus machten. Doch weiter, weiter! Was hattest, wolltest du mit Paterson?«

»Ein Pferd, ein Pferd! Mein Königreich, meinen Himmel für ein Pferd!«

»Lästre nicht, junger Mann!« fiel streng der Onkel ein.

»Ein Pferd wollte ich!« wiederholte dieser, »und er schaut mich an, schüttelt den Kopf. Ich reiße meine Brieftasche heraus, halte ihm einige Hundertdollarnoten vor die Nase. Er schaut mich noch kopfschüttelnder an, frägt nach meinem Namen, ich nenne mich.«

»War, wie gesagt, bei mir, denn kennen uns von Baltimore her. Wunderte mich nicht wenig, wie er mir die Geschichte erzählt und daß der Verrückte oder sonst etwas – sich für Oberst Morse von Texas ausgebe. War das auch eigentlich die Ursache, warum ich herabkam. Dachte mir wohl, daß da etwas Apartes im Spiel sein müsse, beschrieb dich als so ungestüm, drohend!«

»Wer wird nicht ungestüm sein«, fiel heftig der Neffe ein, »wenn der Himmel auf dem Wurfe steht? Ich hätte den Publikaner erwürgen mögen, wie er kopfschüttelnd, grinsend vor mir stand, mich von allen Seiten beschaute. Ich frage, ob er nicht einen Wagen gesehen. Ja! sagt er, fährt soeben die Südstraße zum St. Catharine hinab.

Endlich ist das Pferd gesattelt, ich springe darauf, jage die Südstraße hinab. Eine halbe Meile vor mir sehe ich richtig den Wagen. Ich ihm auf Leben und Tod nach. Er fährt aber rasend schnell. Ein paar Meilen hatte ich zu jagen, ehe ich ihn erreiche. Wie ich ihn endlich erreiche, finde ich mich umringt von mehreren hundert Damen und Gentlemen zu Pferde und in Wagen. Ich war auf Eurer Rennbahn, inmitten Eures Wettrennens.«

»Der St.-Catharine-Rennbahn, wußtest du das nicht? Ist die erste Rennbahn am Mississippi, unsere Wettrennen die ersten im Süden.«

»Ich sah es, aber auch, daß der Wagen sie nicht enthielt. Die Damen, die ausgestiegen, waren mir fremd.«

»Und wie kamst du hieher in Kapitän Murkys Kajüte?«

»Weiß es selbst nicht recht, weiß nur, daß ich in der Eile – der Verwirrung, nach Kapitän Murky fragte, so erfuhr, daß seine Pflanzung in der Nähe – kaum drei Meilen von der Rennbahn abliege, daß mehrere Gentlemen sich da das Rendezvous gegeben, zum Diner geladen hatten. Wurde versichert, daß ich gleichfalls sehr willkommen sein würde, ja man drang in mich – den Unbekannten – mitzukommen. So kam ich denn, halb widerstrebend, halb verlangend.«

»Wohl, wohl!« sprach nun um vieles milder der Onkel, »das sieht denn doch wieder so arg nicht aus, als ich befürchtete; ist zwar mehr als Tollheit dabei, wahre Liebesraserei, aber ist Liebesraserei von Amors Zeiten her blind, hast folglich ein Privilegium. Das wollen wir dir auch gerne ins Haben schreiben, nur mußt du auch wieder das Sollen nicht vergessen.«

»Das Sollen?«

»Das Sollen, Ned! Das, was du, ich will nicht sagen dem texasischen General... denn der wiegt bei uns, wie du leicht begreifen magst, nicht sehr schwer, etwas anderes wäre es, wenn du amerikanischer oder englischer General wärest – aber was du dir als Gentleman schuldig bist. Auf das dürfen wir nicht vergessen, Ned!« mahnte der Onkel. »Dein Liebesrausch war heftig, sehr heftig, aber solche heftige Räusche vergehen auch in der Regel wieder um so bälder.«

»Nie, nie!« seufzte Ned.

»Wollen sehen, Ned!« versetzte der Onkel, »wollen jetzt schlafen gehen. Kannst hier schlafen, obwohl ich es unter den Umständen lieber gesehen hätte, wenn du im Gasthofe geblieben wärest.«

»Ich fühle das Unzarte meines Hierbleibens«, versetzte Ned, »und darum –«

»Ohne Zweifel liegt etwas Unzartes darin«, meinte wieder der Onkel, »da es jedoch auf die Art und Weise kam, hat es wieder etwas, ich möchte sagen, Zartes. Nur mußt du beizeiten hinauf nach Natchez. Hier darf dich niemand finden; es sähe aus wie abgekartetes Spiel.«

»Ich begreife!« murmelte Ned.

»Du kannst ein paar Stunden ausschlafen, aber dann mußt du, wie gesagt, hinauf nach Natchez. Paterson will ich ein paar Worte sagen lassen. Heute dürfte ich wohl wenig Zeit mehr haben, aber morgen wollen wir weiter von der Sache reden. Läßt sich noch alles recht gut ausgleichen. Wirst sehen, wenn du ausgeschlafen, werden dir die Dinge ganz anders erscheinen.«

Ned schüttelte den Kopf.

»Weiß nicht, Onkel, kam hierher mit so seltsam bewegtem, freudigem Herzen, so voll Hoffnung, aber nun –«

»Wohl, und nun?« fragte der Onkel.

»Aber nun fühle ich so trostlos, so verzagt!« murmelte Ned. »Nur eines wünschte ich von ihren Lippen zu hören, und dann –«

»Und dann?«

»Dann Himmel oder Hölle, Seligkeit oder Verdammnis!«

»Sachte, sachte, Mann! Laß vor allem die ›sie‹ aus dem Spiele!« mahnte wieder der Uncle. »Leben hier nicht in Texas, wo sich Liebschaften über Nacht abmachen und zu Heiraten werden. Lassen sich nicht übers Knie brechen, derlei Affären, denn haben andere Leute auch noch ein Wörtchen dareinzureden, verstehst du? Handelt sich hier um eine Affäre von drei- bis viermalhunderttausend Dollars!«

»Wie meint Ihr das, Onkel?«

»Wie ich das meine? Sehr natürlich meine ich es. Sie bekommt zum wenigsten dreimalhunderttausend Dollar mit, ist sein einziges Kind!«

»Aber Governor Caß sagte mir, sie sei die Tochter eines unserer Kauffahrerkapitäne!« entgegnete beklommen Ned.

»Wohl, und so ist sie. Er war Kapitän, hat noch immer Anteil an einigen Schiffen, ist aber seit mehr denn zehn Jahren auch Pflanzer.«

»O Schmerz!« seufzte Ned.

»War arm, so wie ich, steht aber jetzt, Gott sei Dank, in seinen eigenen Schuhen so wie ich.«

»Schmerz! Schmerz!« seufzte Ned.

»Kann ihr, ohne sich zu entblößen«, fuhr, das ›Schmerz, Schmerz‹ überhörend, der Onkel fort, »dreimalhunderttausend Dollars mitgeben. Ist in jeder Hinsicht eine der brillantesten Partien, einer der glänzendsten Preise, der manchem Herzklopfen verursachen, manchen magnetisch anziehen – abstoßen wird. Zieht bereits von Paris an, ist ihr M-y von Paris, von New Orleans B-s herauf gefolgt. Oakley und Bentley werden auch nicht säumen, sich in die Schranken zu stellen; sind beide jung, reich, aus den ersten Familien. Welche Hoffnung hast du solchen Prätendenten gegenüber?«

»Die Hoffnung«, versetzte mit Würde der Neffe, »daß Miß Alexandrine wenigstens – den armen Texaser General nicht nach dem schnöden Maßstabe von dreihundert Sklaven und fünfhundert Baumwollballen messen wird.«

Die letzten Worte waren wieder sehr bitter gesprochen.

»Sei vernünftig, Ned!« mahnte der Uncle, »und nimm nicht als Beleidigung, wo keine gemeint ist. Ich bin dein Onkel und halte es für Pflicht, dir die Augen zu öffnen; willst du sie aber mit Gewalt verschließen, je nun, meinethalben; leben in einem freien Lande!«

Ned stierte den in den Wäldern Louisianas versinkenden Mond an.

»Sie ist Kapitän Murkys einziges Kind, seine Freude, sein Trost. Er hat keine Kosten gespart, ihr die glänzendste Erziehung zu geben, sie für die höchsten Kreise der Gesellschaft zu bilden. Kannst du nun wohl mit etwas wie gesundem Menschenverstande erwarten, daß er sie dir da unter deine Texas-Freibeuter mitgeben werde?«

»Uncle!« rief aufprallend Ned.

»Nimm nur die Dinge, wie sie sind«, mahnte wieder der Onkel, »täusche dich nicht, sieh nicht bloß mit eigenen, sondern auch fremden Augen, setze dich in die Lage des Vaters. Was würdest du als Vater sagen, wenn einer mit solchen Zumutungen käme? Sie nach Texas senden hieße ja gerade, die Perlen vor die Schweine werfen; er gibt sie dir gewiß nicht nach Texas mit, hier aber hast du kein Vermögen, denn dein Vater lebt noch – und hat fünf Kinder; von deinem Weibe aber wirst du dich doch nicht ernähren lassen wollen, dazu, hoffe ich, hast du zuviel Selbstgefühl?«

»Ich habe mir in Texas so viel erworben, daß ich unabhängig, ja glänzend leben kann!« versetzte der General.

»Ja, aber wird sie dir dahin folgen? Sie, die für die glänzenden Zirkel Washingtons, New Yorks oder Paris' gebildet ist, sie, die einen Baron M-y, einen unserer reichsten Louisianasöhne, jede Stunde wählen kann?«

Der General stöhnte.

»Nimm mir's nicht übel, Ned!« fuhr dringlicher der Onkel fort, »aber ich finde in deiner Liebe und noch mehr dem Ungestüm, dem du dich überlassen, etwas wahrhaft unliebsam Undelikates. Weil du dir in Texas gefällst, soll ein zartes, im Luxus, in allen Bequemlichkeiten des Lebens auferzogenes Geschöpf, das du zweimal gesehen, dir ohne weiteres dahin in die Wildnis folgen!«

»Onkel!« stöhnte Ned, »um Gottes willen, Onkel! Ihr zerreißt mir das Herz!«

»Das will ich nicht, nur die Augen öffnen, dich zum Bewußtsein dessen bringen, was du dir, dem Gegenstande deiner Liebe schuldig bist.«

»Uncle!« würgte mit hohler Stimme Ned heraus, »Ihr habt recht, von diesem Gesichtspunkte aus sah ich nicht; jetzt sehe ich, Ihr habt recht!«

Und so sagend erfaßte er mit beiden Händen so krampfhaft die Säule der Galerie.

»Wohl, freut mich, wenn du zur Besinnung kommst, einsiehst, was du dir und ihr schuldig bist. Tröste dich aber, Liebe hat noch kein Herz, außer in Romanen, gebrochen. Gibt noch andere ebenso schöne, reiche Mädchen. Eleanor, sollte es nicht sagen, aber sie ist ein braves, wackeres Mädchen; und haben uns, dein Vater und ich, darauf versessen, ein Paar aus euch zu machen. Waret schon vor zehn Jahren einander bestimmt, war ja immer dein kleines Weib. Und sie hat dich, weiß es, gerne, würde dir nach Texas folgen, wenn du ja absolut wieder dahin willst.«

Der Neffe preßte die Säule der Galerie krampfhaft, gab aber keine Antwort.

»Wenn du aber, wie wir hoffen, des ewigen Fechtens und Revolutionierens müde und gesonnen bist, solid zu werden, bekommt sie ein paarmal hunderttausend Dollars, so daß du mit deiner Praxis als Jurist standesgemäß leben kannst. Wird hier zum Beispiel viel Geld von Juristen gewonnen, bringt es ein guter Jurist in fünf bis zehn Jahren zum Pflanzer. Hast darum lauter junge Juristen, selbst unsere obersten Richter, Kanzler sind lauter junge Leute, aber sobald sie ein fünfzig-, sechzigtausend Dollarchen gesammelt, werden sie Pflanzer, so unsere Mediziner, Prediger.«

Der junge Mann gab noch immer keine Antwort.

»Wollen das aber morgen oder übermorgen weiter besprechen«, fuhr der Onkel fort, »gehst jetzt auf ein vier, fünf Stunden zu Bette und dann hinauf nach Natchez. Darf dich Murky hier nicht treffen, Alexandrine schon gar nicht, sähe das, weißt du wohl, sehr queer aus. Will's ihm aber sagen, daß du hier warst.

Ziehen nächstens herab, die Alexandrine und Señorita Theresia«, hob er wieder an, »und sowie sie gezogen, ziehst du zu mir; morgen. – Nächste Woche erwarte ich Eleanor zurück.«

»Morgen«, versetzte plötzlich sich aufrichtend Ned, »bin ich in New Orleans, nächste Woche auf meinem Wege nach Frankreich.«

»Du wolltest?« rief erschrocken der Onkel.

»Ja, Onkel!« sprach mit hohler, aber fester Stimme Ned, »Ihr habt mir die Augen geöffnet, ich sehe, fernere Schritte wären hier undelikat; denn nach Texas kann sie mir nicht folgen, von Texas aber zu lassen, wäre Charakterlosigkeit. Mein Entschluß ist gefaßt. Das Herz wird mir bluten, blutet bereits, wird wahrscheinlich verbluten, aber Ihr habt recht. Rücksichtslos, unzart darf, will ich nicht sein, nicht einmal scheinen. Oh! es war«, seufzte er, »ein köstlicher – köstlicher Rausch, Traum; aber – ah, Uncle! Ihr könnt das nicht fühlen, denn Ihr habt nie geliebt; doch danke ich Euch, daß Ihr mir die Augen geöffnet.

Herzlichen Dank«, fuhr er mit brechender Stimme fort, »herzlichen Dank, auch für Eure gütige Gesinnung, was Eleanor betrifft – die gute, liebe Eleanor! Sie wird glücklich sein, ich zweifle nicht. Innigen Dank, Onkel, aber ich kann nicht! Liebe läßt sich nicht wie Wechsel übertragen. Ah, Uncle, der Kopf wird mir so schwindlig! Ist's das lange Nachtschwärmen?« Wie er so sprach, taumelte er besinnungslos an das Geländer der Galerie an.

»Ned, Ned!« rief in großer Angst der Uncle. »Ned, um Himmels willen, Ned? Fasse dich, sei doch ein Mann! Es kann alles noch gut werden. Komm, ich will dich zu Bett bringen lassen, selbst bringen. Schlafe ein paar Stunden aus, und hast du ausgeschlafen, so glaube mir –«

»Keinen Augenblick länger hier!« fiel ihm Ned ein, »keinen Augenblick; mir ist bereits leichter. Lebt wohl, Uncle! Verzeiht, wenn ich Euch beleidigt. Wollt Ihr mir einen Gefallen tun, so laßt mein Pferd satteln.«

»Ned! Du wirst doch nicht?« rief der Onkel, »es wäre Wahnsinn!«

»Gott weiß, was es ist!« stöhnte Ned, »aber ich sage Euch, ich befürchte wahnsinnig zu werden; Gott behüte mich davor! Laßt mich aber – laßt mir mein Pferd satteln; wenn Ihr es nicht tut, gehe ich zu Fuße. Fare well, Onkel!«

»Ned!« schrie der Onkel außer sich.

Ned riß sich mit Gewalt vom Onkel los.

»Fare well, Onkel! Es muß geschieden sein!«

»Muß es?« fragte eine dritte Stimme, und zugleich trat ein Mann vor, der den jungen General scharf in die Augen faßte.

Dieser starrte ihn außer sich an.

»Ich bin Kapitän Murky«, sprach der Mann, »werdet Ihr auch meine Bitte zurückweisen? Ich bitte Euch, zu bleiben.«

»Kapitän Murky!« rief erschüttert der Neffe.

»Murky!« schrie der Onkel, »Murky! Ihr seid es? Um Himmels willen, was soll das? Wie kommt Ihr hieher?«

»Ah, Duncan! Es ist doch gut, daß mir in den Sinn kam, sogleich Vorbereitungen zu ihrem Empfange zu treffen!«

»Aber das alles ließe sich ja morgen tun! Murky, Murky! Was ficht Euch nur an?«

»Morgen wäre es zu spät, eine halbe Stunde später wäre es schon zu spät gewesen. Duncan – Duncan! seid Ihr denn immer noch so hart wie Eure Dollars?« Der Vorwurf schien dem Onkel schwer aufs Herz zu fallen; er sprang erschüttert auf Murky zu.

»Hart, sagt Ihr, Murky, hart? War ich's, Ned? Wohl, so will ich nun weicher sein, hörst du, Ned? Will weicher sein, denn Murky will es; aber bleibe, Ned, es wäre Wahnsinn!«

Ned stand, mit sich kämpfend. »Wahnsinn!« murmelte er, »Wahnsinn! Und ist's nicht Wahnsinn zu bleiben, wenn Bleiben –?«

»Der Wahnsinn, der zwei Monate währt«, versetzte mild der Kapitän, »gibt schöne Hoffnung fürs ganze Leben. Bleibt, General! Euer Wahnsinn ist ein edler!«

Der General gab keine Antwort, aber krampfhaft drückte er die Hand des Kapitäns.

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