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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Sehr Seltsam!

»Da gehen sie, die Sprudelköpfe!« brummte er ihnen nach, »feurig wie kochende Vulkane, zündbar wie achtzehnjährige Cadixer Señoritas, großmütig wie Eure Ritter von der Tafelrunde und stolz wie Luzifers; aber überhaupt und insbesondere die gloriosesten, nobelsten Bursche, die es geben kann. Soll mir nun John Bull in seinem ganzen alten England zwei Jungens aufweisen wie dieser Oakley und Bentley! Herrliche Jungens! Nur noch alle Vierteljahrhunderte einen Krieg von zwei bis drei Jahren, wie der von Anno zwölf, ihr Mütchen an John Bull zu kühlen, und sie wären die ersten Gentlemen der Welt! So aber tritt ihr Übermut denn doch ein wenig zu ungeregelt lästig bei jeder Gelegenheit hervor – der lange Frieden tut ihnen und uns nicht gut. Ah, dieser Oakley! Bin ordentlich verliebt in ihn; wollte, Alexandrine wäre es, oder in Bentley! Weiß selbst nicht, welchen von beiden ich lieber habe. Wäre mir der kleine Finger von Oakley oder Bentley lieber als der ganze M-y. Gar ein süßes, geschniegeltes Fischbeinmännchen, dieser M-y. Tänzelt um sie herum, hängt an ihr wie eine Klette.«

»Er ist des Todes, wenn er es wagt!« unterbrach ihn hier eine heftige Stimme.

»Was, zum Henker, haben wir denn da schon wieder? Ist denn heute gar keine Ruhe mehr! Immer nur Mord und Totschlag und Kugeln und Pistolen? Wer, im Namen des gesunden Menschenverstandes! Ned, bist du es? Um Himmels willen! Was soll es nur wieder? Wer tat dir etwas, daß er gleich des Todes sein soll?«

»Wer immer es wagt!« versetzte zornig Ned.

»Wer immer es wagt?« meinte verwundert der Onkel, »was wagt?«

»Seine Augen zu ihr zu erheben!«

»Zu ihr? Zu welcher ihr?« fragte mit einer wahren Schafsmiene der Onkel.

»Bitt Euch, Onkel, bitte Euch recht sehr, nicht in diesem Tone von einer Dame zu reden, von einer Dame. Sag Euch, zerreißt mir ordentlich die Ohren, dieser Mißton!«

»Mißton? zerreißt dir die Ohren?« unterbrach ihn der Onkel. »Willst du wohl so gut sein, Ned«, meinte er gähnend, »deine Rede etwas weniger pythonisch, orakulär einzurichten? Wen meinst du denn eigentlich mit deiner Dame, deinem Mißton?«

»Wen ich meine?« rief heftig Ned, »wen ich meine?« seufzte er verzückt, »wen meine ich, als die Herrliche, die Göttliche! Ah, Alexandrine!«

»Alexandrine!« rief der Uncle, »Alexandrine? Was von ihr? Wie kamst du auf sie? Was weißt du von ihr? Hast sie ja in deinem Leben nicht gesehen, kennst sie nicht einmal?«

»Ich sie nicht kennen?« rief der sehr unwillige Ned, »ich sie nicht kennen, die unvergleichlich Herrliche, in der mir erst Licht und Leben –!« frohlockte er schwärmerisch.

»Und so weiter!« unterbrach ihn spöttisch der Onkel. »Würde Tropen und Figuren lassen, wenn ich du wäre, in schlichtem Englisch oder Amerikanisch reden, denn es ist spät oder vielmehr früh und Zeit zum Schlafengehen. Du kennst sie also? Ah, sie war es denn, sie war es, der die Seufzer galten, die uns bei einem Haare einander auch in die Haare gebracht hätten? Und woher kennst du sie, wenn ich zu fragen so frei sein darf?«

»Ich habe die Ehre, Miß Alexandrine von Paris her zu kennen!« versetzte ehrerbietig der Neffe.

»Von Paris?« rief kopfschüttelnd der Onkel, »von Paris? So warst du also in Paris? Aber ich dachte, du hättest dich die ganze Zeit in Texas umhergetrieben? Habe deshalb auch nach Texas geschrieben und durch deinen Vater schreiben lassen. Hast du unsere Briefe nicht erhalten?«

»Nein, ich war die letzten sechs Monate von Hause abwesend, drei Monate in Aufträgen meines Landes und unserer Regierung zu Paris.«

»Von Hause abwesend, drei Monate in Aufträgen deines Landes in Paris?« spottete der Uncle. »Und war unter den Aufträgen deines pretiösen Landes und deiner pretiöseren Regierung auch der – ich weiß in der Tat nicht, wie ich es nennen soll?«

»Nennt es, wie Ihr wollt, Onkel!« fiel ihm ernst, beinahe streng der Neffe ein. »Nennt es, wie Ihr wollt, nur nennt nichts, was dem Bevollmächtigten seiner Regierung zu hören nicht geziemt. Spottet, soviel Ihr wollt, nur spottet nicht über eine Regierung und Männer, deren hohen Geist Ihr nicht kennt, nicht zu ermessen imstande seid. Überlaßt das Euren gepriesenen Sprudelköpfen, wie Ihr sie nennt, die ich aber mit Eurer Erlaubnis etwa mit Ausnahme Oakleys, Bentleys und einiger weniger Hohl- und Schafsköpfe nenne. Überlaßt es ihnen, über Taten und Männer zu spotten, die Achsel zu zucken, die über sie weit zu erhaben sind, als daß sie diese mit Baumwollen und Sklaven angefüllten Gehirnschädel zu würdigen fähig wären. Überlaßt es uns, uns und unsere Taten vor der Welt zu rechtfertigen.«

Der junge Mann war, trotz der Mühe, die er sich gab, gelassen zu bleiben, nicht wenig heftig geworden, nicht so der Onkel, der ganz ruhig erwiderte:

»Oh, das tue ich ja! Behüte mich der Himmel, eurer Texaser Ehre nahezutreten! Allen Respekt vor deinen Texaser großen Geistern, Helden! Aber wollen für einstweilen diese Helden und Geister beiseite lassen und zu Dingen übergehen, die uns näherliegen. Du hast meine Frage nicht beantwortet.«

»Ich muß Euch ersuchen, mir die Beantwortung dieser Frage zu erlassen; denn sie ist unzart!« bedeutete ihm der Neffe.

»Auf alle Fälle ist sie es, aber das ist nicht meine Schuld, finde sicherlich keine sehr große Zartheit darin – sich in Liebesverhältnisse mit der Tochter ohne Vorwissen des Vaters einzulassen!«

»Da haben wir wieder verschiedene Ansichten, Onkel!« versetzte ebenso spöttisch der Neffe. »Ich wieder sehe nichts Unzartes in einer Neigung, ja, wenn Ihr nichts dagegen habt, Liebe, wenn diese Neigung Liebe – aber laßt uns schweigen, Onkel! Ich sehe, daß wir von ganz entgegengesetzten Ansichten ausgehen. Wir Texaser sind weder Geldmänner noch Onkels – bloße Naturmenschen, aber menschliche Menschen.«

»Freut mich, das zu hören«, spottete wieder der Onkel, »freut mich sehr, zweifle auch nicht, daß ihr menschliche Menschen seid, Naturmenschen, liberale Menschen, ganz und gar nicht so engherzig wie wir hierzulande. Habt es bereits bewiesen. Ist aber nur fatal, mein lieber Texaser General, daß du jetzt in unserm Lande bist, wo wir leider so bornierte, unmenschliche Menschen, Geldmänner und Uncles – das heißt, ganz und gar nicht geneigt sind, unsere Töchter und Dollars so mir nichts, dir nichts wegkapern zu lassen. Sind so unmenschlich, auch ein Wörtchen dazu zu sagen.«

»Mister Duncan!« rief gereizt der Neffe.

»Laß uns, wenn's beliebt, weniger militärisch kategorisch imperativ in unserem Zweigespräche sein«, bedeutete ihm der Uncle, »denn du weißt, daß ich mich nicht schieße, hilft also dein tapferer Ton nichts. Und dann ist's spät, nahe an vier. Selbst der Mond will zu Bette, sieh nur.«

Er deutete bei diesen Worten auf den Mond, der sich stark den westlichen Wäldern Louisianas zuneigte.

»Ich habe«, hob er etwas ernster wieder an, »einige Ursache, zu fragen, einiges Recht und Interesse, verstehst du, da ich in Verhältnissen zu dem Vater der Erkiesten deines Herzens stehe, die ich nicht um zehn Söhne und zwanzig Neffen gestört wissen wollte. Es ist bei mir nicht bloß Delikatesse, es ist Pflicht, mußt du wissen, mein liebwerter General! Willst du daher so gefällig sein, mir zuerst zu sagen, wo und wann du Miß Alexandrine zuerst kennenlerntest?«

»Zu Paris im Salon unsers oder vielmehr eures Gesandten, des Generals C-ß, gerade vor acht Wochen drei Tagen.«

»Sehr pünktlich, in der Zeitrechnung wenigstens, das muß ich sagen!« spottete der Onkel. »Und saht ihr euch öfters?«

»Zweimal, das erstemal, als wir einander vom Minister-General aufgeführt wurden, und dann – dann – bei ihrem Abschiedsbesuche.«

»Und nicht öfter? Dann mußt du Zeit und Gelegenheit wahrlich als General wahrgenommen haben – als eine Art Cäsar: Veni, vidi, vici. Du siehst, habe mein Salem-Latein noch nicht ganz vergessen. Aber bei euch Soldaten ist ja love at first sight herkömmlich. Hoffe jedoch, die süßen Regungen werden nicht gegenseitig erwacht sein? Hoffe es um Alexandrinens willen; oder kamet ihr während dieses zweimaligen Zusammentreffens doch bereits auf das süße Thema? Wäre das ja schnell!«

»Euer herzloser Spott verdient eigentlich keine Antwort«, fiel ihm mit verrissenem Grimme der General ein, »aber ich will Euch antworten, weil, um es frei herauszusagen, ich mich viel zu sehr achte, als daß ich dem Schwestermanne meiner teuren Mutter seinen schnöden und gefühllosen Hohn zurückgeben könnte. Aber in der Tat, Mister Duncan, weiß ich nicht, was Euch berechtigt, in diesem Tone zu mir zu sprechen? Ich glaube, unsere Unterhaltung dürfte hier am besten abgebrochen werden.« Und so sagend, trat er kurz und stolz zurück; der Onkel hielt ihn jedoch.

»Will Euch sagen, General«, versetzte dieser schärfer, »will Euch sagen, was mich berechtigt, in diesem Tone zu Euch zu sprechen. Halte mich zu diesem Tone berechtigt, nicht deswegen, weil ich der Schwager Eures Vaters, sondern weil ich der Freund, der Partner, ja gleichsam der Bruder des Mannes bin, dessen Tochter in ihr väterliches Haus zu folgen, ich möchte sagen zu verfolgen, Ihr so kühn seid; weil ich diesem Mann, dem edelsten, dem treuesten, zartfühlendsten Freunde, den ich auf der weiten Welt besitze, um keinen Preis zu nahe treten ließe, nicht von meinem Vater, nicht von meinem Sohne zu nahe treten ließe, weil der bloße Schein einer Undelikatesse Undankbarkeit wäre. Undelikat aber würde es in hohem Grade sein, dein Liebesverhältnis zu seiner einzigen Tochter, mit der er wahrscheinlich ganz andere Absichten hat, zu begünstigen. Undelikat muß ich es nennen, General, sich in einem Hause betreten zu lassen, von dem Euch wahrer Zartsinn entfernt haben sollte. Undelikat nenne ich, so mit der Liebe gleichsam zur Türe, ins Haus hineinzufallen, diese Liebe durch Ausrufungen, Seufzer, Streit zu proklamieren. Das nenne ich undelikat, General, und es empört mich, einen Neffen zu finden, ihn in einem Hause installiert zu sehen, in dem er niemanden kennt; denn du kanntest niemanden, wußtest ja nicht einmal, daß ich in Natchez – mit dem Vater der Tochter in freundschaftlichen Beziehungen stehe!«

Des Generals Brust hob sich während der Vorwürfe des Uncles hörbar, die Zähne klapperten ihm.

»Uncle!« brach er endlich in dumpfer Verzweiflung aus. »Sag mir, wußtest du in der Tat nicht, daß ich mich in Natchez niedergelassen?«

»Ich hatte wohl gehört, daß Ihr Euch im Südwesten aufhaltet – aber wo, wußte ich nicht!« stammelte der Neffe.

»Und bist ihr doch gefolgt?«

»Ich würde ihr in die Hölle gefolgt sein.«

»Sehr schmeichelhaft für sie, nur nicht ganz so für uns. Sie hat dir also Hoffnung gegeben, denn sonst wäre ja dein Folgen Verfolgen?«

»Hoffnung!« murmelte der junge Mann, »Hoffnung!« seufzte er. »Ah, Uncle! Ihr habt nie geliebt; laßt uns schweigen!«

»Jawohl, Ned, hab ich geliebt«, versetzte hastig und plötzlich weich der Uncle, »jawohl hab ich geliebt, und eben weil ich geliebt habe, kommt mir dein Benehmen so gar unzart vor. Ließe sich viel über das Kapitel sagen, könnte dir dein Vater sagen. Weißt freilich nichts davon, bist seit zehn Jahren auf der Universität und Abenteuern gewesen – habe aber meine Judith treu, lange und zärtlich geliebt, schier um sie wie Jakob um seine Rahel dienen müssen. Wollte deine Familie, besonders dein Vater absolut nichts von der Mesalliance mit dem Yankee-Kommis, wie sie mich nannten, wissen. Mußten zuletzt noch nach Pennsylvanien hinüber, uns da trauen lassen, durfte sich dann volle sechs Jahre nicht im Hause ihrer Eltern blicken lassen, die arme Judith. Hat viel gelitten, der Tränen bittere vergossen. Erst als ich von Callao, wo mir und Murky der Glücksstern aufging, zurückkam, erst da sah man uns mit freundlicheren Augen an. Freilich wurden wir dann die besten Freunde, sind es noch, wünschen die Bande noch enger zu knüpfen, haben dir auch deshalb nach Texas nachgeschrieben, dachten, du würdest, des ewigen Herumziehens, Revolutionierens müde, dich nach einem ruhigen Herde umsehen wollen. Dachten, du und Eleanor – weißt ja, dein kleines Weibchen Eleanor – sollte es nicht sagen, ist meine Tochter, aber ein herziges Mädchen, die Eleanor!

Du hast also unsere Briefe mit ihrem Bilde nicht erhalten?«

»Bild? Ich verstehe Euch nicht!« rief wie träumend Ned.

»Wohl, wohl! Hoffe, werden uns noch verstehen!« meinte begütigend der Onkel. »Warst immer ein Brausewind, hoffe aber, wird dir Eleanor schon den Kopf zurechtsetzen!«

»Ich verstehe Euch in der Tat nicht, Onkel!« versetzte dringlicher der Neffe, »soviel ich aber verstehe, so muß ich – so schwer mir auch dieses fällt – nein, Onkel! Um keinen Preis wollte ich Euch auch nur einen Augenblick täuschen. Meinen herzlichen Dank für Eure gütigen Gesinnungen, aber –«

»Aber wenn du Alexandrine bloß zweimal sahst, wenn sie dir keine Hoffnung gab«, rief wieder ungeduldig der Onkel, »was willst du nur? Oder hat sie dir doch Hoffnung, Aufmunterung gegeben?«

»Er hat nicht geliebt!« murmelte Ned in sich hinein. »Was nennt er Aufmunterung, Hoffnung? Den seelenvollen Blick, der leuchtend, strahlend, zündend das himmlische Antlitz – Euch selbst verklärt – wechselseitig in den Himmel verzückt, mit namenloser Wonne durchzuckt – nennt er das Hoffnung, Aufmunterung? – Vielleicht ist's, vielleicht nicht! Seltsam, bis jetzt leuchtete es mir, glänzend, strahlend! Auf einmal aber ist mir's, als ob es schwände, das Ganze nichts als Täuschung wäre! Täuschung?« fragt' er sich, »Täuschung? Nein, es ist nicht Täuschung – ich habe sie empfunden, tief empfunden, die selige, köstliche Wonne! Nur hätte ich sie nicht aussprechen – durch Sprache nicht entheiligen sollen! Acht Wochen habe ich sie in mir getragen, diese Blüten, diese Frühlingsschauer, die meine Liebe befruchtet – aber aussprechen hätte ich sie nicht sollen!«

Und wie der Neffe so geistesabwesend in sich hineinmurmelte, lauschte der Uncle so ängstlich! Den Kopf vorgestreckt, hielt er das Ohr hin, um ja keines der Worte zu verlieren.

»Hoffnung!« murmelte wieder Ned, den Blick auf den Mond gerichtet, der jetzt die Spitzen der westlichen Wälder des jenseitigen Louisiana berührte, »Hoffnung! Vielleicht keine – aber – die Empfindung! Die sollen sie mir nicht rauben, ich will zehren daran, schwelgen – alle Tage meines Lebens – ich will, ich will! Ah, diese Empfindung! Trieb sie mich ihr nicht sechstausend Meilen nach, über Land und See nach? Fühlte ich, hörte ich, sah ich etwas anderes als sie? Wie harmlos war ich, ehe ich sie sah – wie ganz anders alles, seit ich sie sah! Frankreich, Paris, Texas selbst ist mir verhaßt, zum Ekel geworden! Wäre Texas – der Thron Frankreichs der Preis meines längeren Bleibens gewesen, ich hätte nicht bleiben können – ihr nach, nach Havre müssen!«

»Ned! Ned!« rief ängstlich der Onkel, »was soll das alles? Du sprichst wie ein Geistesabwesender – mit wem sprichst du! Was sagst du vom Throne Frankreichs? Havre?«

Ned fuhr wild auf. »Was ich sagte? Was ich sagte? Wer seid Ihr? – Bah, Uncle Dan, es läßt sich mit ihm nicht reden, er hat nie geliebt!«

»Und ich sage dir, ich habe«, fiel hitzig der Uncle ein, »aber vernünftiger und nicht wie ein Fieberkanker, Mondsüchtiger!«

»Oh, sehr vernünftig, sehr vernünftig!« lachte Ned bitter. »Verschont mich um Gottes willen mit Eurer vernünftigen Liebe!«

»Wohl, will dich verschonen; aber was sagtest du von Havre? Was ist's mit Havre? Etwas Neues von Havre? Baumwolle vielleicht aufgeschlagen?«

»Baumwolle aufgeschlagen?« rief Ned wild. »O Alexandrine! Und diese Baumwollseelen sind es, die über dein und mein Schicksal entscheiden sollen?«

»Du wirst mich noch böse machen, Ned!« grollte der Uncle, »laß die Baumwollseelen, kennst sie nicht, und sag, was es mit Havre ist!«

»Mit Havre? mit Havre? Mußte ich nicht nach Havre?« grollte wieder Ned.

»Und warum mußtest du nach Havre?«

»Warum ich nach Havre mußte?« fuhr ungeduldig Ned auf »Leuchtete mir nicht die Hoffnung, sie würde sich in einem New Yorker Packet einschiffen? Oh, sie ging in einem New Orleanser Segler, auf dem mir Passage verweigert wurde!« fügte er traurig hinzu.

»Natürlich!« meinte wieder der Onkel, »der ›Neptun‹ gehört ihrem Vater und mir, und der Kapitän war von uns angewiesen, keine Passagiere als sie, Señorita Theresia und ihr Gefolge aufzunehmen.«

»Und gehörte M-y auch zu ihrem Gefolge?« fragte bitter der Neffe. »Oh, hätte ich diesen M-y nur erwürgen können!«

»Danke schönstens!« spottete wieder der Uncle. »Steht sein Vater seit mehr als zehn Jahren mit uns in freundschaftlicher Verbindung, waren in Handelsverhältnissen, ehe er nach Paris übersiedelte. Doch weiter!«

»Weiter!« stockte der Neffe. »Weiter eilte ich auf den ›Poland‹, dessen Kapitän, dem wackeren Anthony, ich noch ein Plätzchen in seinem eigenen Staatszimmer abnötigte. War das ganze Schiff voll. Aber segelten noch an demselben Tage ab, wäre nicht zurückgeblieben, und wenn ich auf dem Verdecke hätte bleiben müssen. Ah, begünstigte der Himmel selbst unsere Fahrt, waren am zwanzigsten Tage in New York.«

»Sehr gute Fahrt das, aber weiter!« meinte der Onkel.

»Den Tag nach meiner Ankunft in New York segelte das New-Orleanser Packet ab, ich bestieg es – am achtzehnten darauf betrat ich die Levee von New Orleans.«

»Und da?« fragte der Uncle.

»Wie ich den Fuß auf das Land setze«, rief begeistert Ned, »war mir auf einmal so seltsam, so wohl und weh, ein so heiliger, frommer Schauer kam über mich!«

»Sehr begreiflich das in New Orleans. Ist ein so frommer heiliger Ort! Sehr begreiflich da die heiligen Schauer!«

»Ich fühlte ihre Nähe«, fuhr, den Spott überhörend, Ned fort, »es war mir, als ob ihr süßer Atem mir entgegenwehte. Und siehe da, wie ich berauscht um mich schaue, kommt sie mir entgegen, die Schönste im schönen Kranze!«

»Etwas weniger poetisch, wenn du so gut sein willst, Ned!« meinte wieder der Uncle.

»Sie kam auf den Fluß zu, in der Richtung, wo die Dampfschiffe liegen. Wohl fünfhundert Schritte von mir schwebte sie oberhalb vorbei, aber auf fünftausend hätte ich sie erkannt.«

»Gehören dazu gute Augen, zweifle, ob indianische das leisten würden.«

»Das Auge der Liebe sieht scharf« rief schwärmerisch Ned, »Ihr habt nie geliebt, Onkel! Genug, sie war es, sie ging mit mehreren Gentlemen und Damen auf eines der Dampfschiffe. Die Neger, die mit Koffern und Kisten vor- und nacheilten, ließen keinen Zweifel, sie reiste ab. Und es zog mich nun mit solcher unwiderstehlichen Gewalt ihr nach! Ich vergaß alles, Diener, Gepäck, Schiff – alles. Ich mußte ihr nach! Ich rannte die Levee hinan, der Stelle zu, wo sie verschwunden, über die Bretter, die zu den Dampfschiffen lagen.

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