Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Sealsfield >

Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

Allmählich traten die endlosen Massen der Hafenstadt, das verworrene Chaos der Segel, Taue und Schiffe, der Molo selbst in den Hintergrund, ein glänzend lichter Streifen begann zwischen ihnen und der Stadt sich aufzurollen, anfangs nicht größer als ein lichtblaues Silberband, rasch jedoch in die Länge und Breite wachsend; Gatte und Gattin verfolgten in namenlosem Entzücken sein schnelles Wachstum. Wie ihr trunken verklärter Blick an dem zum Seespiegel gewordenen Streifen hing, schien es ihnen, als wüchse er vom Himmel herab, als sende ihn dieser, begünstige ihre Rettung! Er begünstigte sie auch sichtbar. Immer mehr schwanden Stadt und Hafen, bereits waren die Masten der Schiffe nicht mehr sichtbar, nur die Wimpel flatterten noch wie Seevögel am entfernten Horizont. Der Schoner flog vor der stärker werdenden südwestlichen Brise seine zehn Knoten dahin.

O diese Empfindungen, diese Gefühle!

Im Rausche empfanden sie keines der irdischen Bedürfnisse, nicht Hunger, nicht Durst. Erst als die Stimme des Spaniers sich auf der Kajütentreppe hören ließ, kamen sie wieder zu sich.

Das Gabelfrühstück mochte ihm wohl sehr gut gemundet haben, denn er war ungemein redselig geworden. Noch auf der Treppe versicherte er lachend dem Kapitän, daß ihn der Ausflug freue und das Vergnügen, die Bekanntschaft eines Yankee-Amerikaners gemacht zu haben, ihm teuer bleiben werde, da er sie leicht mit ein paar Monat Arrest im Staatsgefängnisse, vielleicht noch schwerer büßen dürfte; dafür hoffe er jedoch, falls er einst im wechselnden Kriegsglück in eine ähnliche Lage geraten sollte, auch einen Yankee zu finden, ihm aus der Klemme zu helfen.

Frank und offen entgegnete ihm wieder der Kapitän. Wer ihn jetzt sah, diesen Kapitän, würde ihn nicht mehr erkannt haben. Die finster impassablen, ja feindseligen Züge waren heiter geworden, hatten eine zuversichtlich klare Fassung angenommen, das Bewußtsein, die Welt mit einer edlen Tat bereichert zu haben, hatte ihn offenbar in seinen eigenen Augen gehoben. Wie er jetzt Arm in Arm mit dem Spanier auf das Verdeck herauftrat, erschien er dem Ehepaar mehr denn schön – ein Held, ein Gott!

Der Schoner war gute zwanzig Meilen von Havanna, der Molo kaum mehr zu sehen. Es war Zeit zu scheiden, denn eingeholt zu werden durfte er nicht mehr befürchten; längeres Zurückhalten aber konnte dem Offizier und seinen Leuten gefahrbringend werden. Er eilte, ihn und die Soldaten ins Boot zu schaffen.

Ehe dieser den Schoner verließ, umarmte er nochmals den Kapitän. Eine Minute darauf flog das Boot dem Hafen zu.

Der Schoner aber eilte auf den Fittichen der Windsbraut der Heimat zu, in der er nach elf Tagen anlangte. Die Gatten stiegen im Hause des Kapitäns ab, dessen liebliche junge Gattin – er war seit sieben Jahren verheiratet – sie wie alte Freunde aufnahm.

Estoval – so hieß der Kolumbier nach seinem Passe – und seine Gattin nahmen die Einladung ihres Retters und Beschützers um so lieber an, als ihr Auftreten unter eigenem Namen für sie mit einiger Gefahr, für den Kapitän aber mit Unannehmlichkeiten verbunden sein konnte. Philadelphia, eine von ruhigen, ehrsamen Quäkern, Gelehrten und Handelsleuten bewohnte kreuzbrave, aber etwas engherziger spießbürgerliche Stadt, von jeher Revolten und Revolutionen abhold, war begreiflicherweise auch auf die Patrioten nie sehr gut zu sprechen gewesen, denn sie hatte durch die häufigen Wechsel des Kriegsglücks bedeutende Einbußen, und zwar gerade durch sie, erlitten. Nun sie auf allen Seiten unterlagen, kam auch die Verachtung hinzu, nicht zu erwähnen, daß die spanische Ambassade in der aristokratischen Clique der Stadt einen sehr starken Anhang hatte, der allerdings gefährlich werden konnte. Die Flüchtlinge hielten es daher geraten, sich still und inkognito um so mehr zu verhalten, als auch ihre Geldressourcen sehr beschränkt waren, der volle Beutel aufgespart werden mußte, um die Heimkehr möglich zu machen.

Diese erfolgte drei Monate darauf, wo ein Freund des Kapitäns es übernahm, die Familie nach Marguerite zu bringen, damals dem Vereinigungspunkte der Patrioten, von wo aus sie bekanntlich unter Bolivar abermals ihre Operationen gegen die Spanier, und zwar mit glücklicherem Erfolge, begannen.

Erst auf der Heimreise fiel es den beiden Gatten bei, daß sie ja von ihrem Retter nicht einmal nach ihrem eigentlichen Namen befragt worden waren. In der Tat hatte dieser nie gefragt, und da sie sich immer nur bei ihrem Taufnamen genannt hatten, so waren sie wirklich inkognito geschieden.

Dem Kapitän hatte unterdessen die gute Saat keine guten Früchte gebracht. Ja, wäre der Gerettete ein sogenannter Loyaler, gleichviel ob Brite, Franzose oder Spanier, gewesen, die guten Philadelphier würden in Ekstase ausgebrochen sein über die edle, entschlossene, ritterliche Tat: aber einen Rebellen, einen Patrioten dem Gesetze, der wohlverdienten Strafe zu entziehen und zugleich Schiff, Kargo und, was mehr, die Respektabilität des Hauses, wie man es nannte, so bloßzugeben, das konnte nicht verziehen werden, verdiente Ahndung. Die Firma war zum Teile quäkerisch, und quäkerisch ahndete sie auch. Zwar unternahm sie nichts öffentlich, aber sie sorgte um so mehr dafür, es nachzutragen, da auch die Konsignees in Havanna einige Unannehmlichkeiten von der Geschichte hatten. Der Kapitän wurde mit einem sehr zweideutigen Wohlverhaltenszeugnisse entlassen und so ein Schatten auf seinen Charakter geworfen, der ihm wohl für immer geblieben sein dürfte, wenn ihn nicht, wie gesagt, der Wechsel des Kriegsglücks wieder begünstigt hätte. Aber doch hatte er lange zu kämpfen, ehe er den üblen Eindruck vermischte.

Jahre waren unterdessen verstrichen. Kolumbia hatte seine Unabhängigkeit errungen, Bolivar seinen berühmten forcierten Marsch, der die Vereinigung der spanischen Streitkräfte verhindern sollte, unternommen; Hualero war von Caracas aus mit einem zweiten Heere nach Peru abgegangen. Aber während er sich in Panama ein- und das Kap Hoorn auf seinem Wege nach Lima umschiffte, hatte Sucre die Spanier bei Ayacucho angegriffen, geschlagen und gefangengenommen, so die Unabhängigkeit Perus und mit dieser die des ganzen spanischen Amerikas sichernd. So war denn kein Feind mehr vorhanden als der in der Festung Callao eingeschlossene. Diese Festung, bekanntlich vier Jahre zuvor von Martin und Cochrane blockiert und erobert, war durch Verräterei in die Hände der Spanier zurückgefallen, und General Hualero, nun mit seiner Armee im Hafen vor Lima angekommen, wurde sie zu belagern beordert.

Eben hatte er sie zu Lande eingeschlossen, als der Kapitän erschien, um ihr Lebensmittel und die einem Spanier so unentbehrlichen Zigarren zuzuführen. So brachte das Schicksal Schützling und Beschützer in wahrhaft gegenfüßlerischer Laune abermals zusammen, den armseligen Flüchtling als General en chef einer für Südamerika sehr bedeutenden Armee, den Yankee als einen rat-, schifflosen Kapitän. Aber weder der eine noch der andere verleugnete seinen Charakter, beide bewiesen sich gleich ehrenhaft. Der Patriot hatte im Stolze des über Tausende Gebietenden – nicht den Wohltäter vergessen, der Kapitän im Unglück – nicht den Mann. Noch immer stand er als Mann dem berühmten Heerführer gegenüber, und auch kein Zug, keine Gebärde, keine Bewegung verriet, daß er aus seiner Rolle oder vielmehr aus seiner Natur gefallen. Für mich aber war es einer der erquicklichsten Momente, die beiden so verschieden temperierten und doch in der Hauptsache so gleichgestimmten Charaktere zu beobachten. Sie genossen sich drei volle Wochen, nach Verlauf welcher sie schieden.

Daß nun die Klemme, in der wir mit Kargo und Schiff staken, einen sehr brillanten Ausgang nahm, brauche ich wohl kaum mehr zu sagen. Noch waren wir nicht drei Tage in Lima, als der Kapitän Schiff und Kargo mit Ausnahme des spanischen Eigentums zurückerhielt. Dieses ward natürlich konfisziert und von der Regierung in Beschlag genommen, aber der General en chef ersteigerte es und präsentierte die sämtlichen Zigarrenkisten dem Kapitän, während er zugleich eine Art Auktion veranstaltete, in der, wie Sie wohl denken mögen, diese köstlichen Glimmstengel auf eine brillante Weise losgeschlagen wurden.

Der Kapitän erntete reine dreißigtausend Dollar, die er in Gold mit nach Hause brachte. Die Brigg selbst mit dem losgegebenen Kargo wurde von der Regierung für ihre Flotte angekauft. Wir verließen nach drei Wochen Lima in einer ganz anderen Stimmung, als wir es betraten. Nicht, daß mein guter Kapitän auch nur um ein Jota lauter oder fröhlicher geworden wäre, selbst die noch immer reizende Gattin des Generals vermochte ihm kaum ein Lächeln abzugewinnen, aber man achtete, liebte nun diese Finsternis, diese gerunzelte Stirn, diese trüben Wolken; sie waren bloß die Schleier, die den heiteren Tag, den reinen Äther, den lauteren, probehaltigen Geist verhüllten. Wir hatten den reichen, köstlichen Kern hinter der rauhen Schale gefunden.«

Der Präsident hatte geendet.

Eine lange Pause trat ein.

»Und dieser Kapitän Ready? Sagt an, Präsident, dieser Kapitän Ready?« brach endlich Oberst Oakley aus.

»Ist ein Yankee!« versetzte ruhig der Präsident.

»Duncan! Ihr seid auch so ein halber Kishogue vor den irisch richterlichen Lords. Es ist Kap'tän Murky, ist er's nicht?« fiel General Burnslow ein.

»Vielleicht ist er's, Burnslow!« warf Duncan hin.

»Dann, Gentlemen!« rief der General mit Emphase, »dann schlage ich vor, unserm wackeren Kapitän als Merkmal unserer Achtung und Anerkennung –«

»Und?« schaltete spöttisch der Präsident ein.

»Macht mich nicht irre!« rief ärgerlich der General, »als Merkmal unserer Achtung und Anerkennung und unserer Würdigung seines ritterlich seemännischen Benehmens – ein öffentliches Diner zu votieren.«

»Mit vierundzwanzig Toasten und Schüsseln und halb so vielen Dutzend Bouteillen, nicht wahr?« meinte trocken der Bankpräsident, »protestiere im Namen meines Freundes dagegen. Würde sich wahrlich nicht zweimal bei Euch bedanken, wenn Ihr ihm da mit Euren Madeiras und Schildkrötenpasteten und Eurer Würdigung und Anerkennung als Postskript kämet. Verdürbe ihm nur Euer Senf sein Diner. Weiß sich und seine Tat schon selbst zu würdigen, zu fêtieren, sowie denn solche Taten auch sich schon von selbst genießen, fêtieren, fêtend getoastet aber allen ihren Hautgoût verlieren, ungenießbar werden.«

»Seid ja auf einmal ein außerordentlicher Freund stiller, zarter Genüsse geworden«, spottete der General.

»Hat aber recht, General Burnslow, vollkommen recht!« nahm der Supreme Judge das Wort. »Glaube nicht, daß hier ein öffentliches Diner à propos wäre. Mir wenigstens, wenn mir das Schicksal eine so herrliche Blüte in meinen trocken juridisch kriminalistischen Lebenskranz gewunden hätte, könnte nichts Ärgeres begegnen als eine solche Popularisierung oder vielmehr Theatralisierung.«

»Seid denn doch über die Maßen zartfühlend, ihr Yankees!« spottete wieder der General.

»Wie Ihr es nehmen wollt, General Burnslow!«entgegnete halb im Scherz, halb im Ernste der Supreme Judge. »Unser Yankeetum ist zwar ein trockener Boden, bringt aber doch so duftende Blüten, so herrliche Früchte hervor wie irgendeiner. Es ist in unserem Yankeetum ein stiller, tiefer Sinn, den ihr Southrons ein Brüten, Grübeln nennt, ein ewiges Auf-Dollars-Spekulieren, weil unsere Stirn gerunzelt erscheint. Und doch, wenn es zum Ausschlage kommt – sag Euch – will der chevaleresken Tat unseres teuren Murky nicht zu nahe treten, aber das getraue ich mir doch zu verbergen, daß es unter unseren Yankee-Kapitänen noch Hunderte gibt, die sich keinen Augenblick bedenken würden, an seiner Stelle das gleiche zu tun.«

»Ohne Zweifel!« rief es von mehreren Seiten.

»Allen Respekt vor der Yankee-Ritterlichkeit« lachten wieder andere.

»Seid doch so gut, laßt uns Southrons auch noch ein bißchen übrig!« spotteten wieder dritte.

»Nicht nur das«, meinte lachend der Präsident, »sondern wir Yankees beugen uns auch alle, nicht wahr, Judge? in tiefster Demut, anerkennen unser Zurückstehen, euer Übergewicht in diesem Punkte, und zwar so vollkommen, daß ich moralisch überzeugt bin, ein Southron im Falle unseres Kap'tän Murky und vor dem Molo zu Havanna würde nicht nur den Spanier mit seinen Musquetaires, sondern auch den Molo mit seinen hundert Kanonen, wenn nicht die Havanna selbst zum Kampfe herausgefordert haben.«

»Geht zum Henker!« riefen lachend die Southrons.

Der Präsident lachte herzlich mit.

»Seid und bleibt heißblütige, heißköpfige Southrons!« fuhr er in seiner kaustisch trockenen Manier fort, »seid und bleibt Southrons, die, wenn ihrer vierundzwanzig zusammenkommen, auch richtig ihre sechs Erdbeben, zwölf Gewitter, vierundzwanzig Blitze und sechsunddreißig Donnerschläge mitbringen.«

»Geht zum Teufel!« lachten wieder alle. »Gute Nacht! Wollen gehen, sonst bekommen wir noch ein Dutzend Pillen mehr mit auf den Weg.«

»Gute Nacht!« riefen sie alle.

»Gute Nacht!« rief ihnen lachend der Präsident nach, »und vergeßt nicht, daß ihr heute über acht Tage meine Gäste seid!«

 << Kapitel 42  Kapitel 44 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.