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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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›Ja, aber was wollten sie nur? Ich glaube, die Leute hat der Sonnenstich verrückt. Wo sind sie alle hin?‹

›Wahrscheinlich auf ihre Posten!‹ versetzte wieder mein unerschütterlicher Kapitän, den Schweiß von der Stirn wischend und sich zugleich anschickend, die Batterie eines Näheren zu besehen. Unsererseits hatte nämlich das Feuer gänzlich aufgehört; auch das feindliche hatte nachgelassen und ließ sich nur noch in langen Zwischenräumen hören. Wir warteten einige Minuten, bis es gänzlich schwieg, und begannen dann, durch die Batterie zu streifen. Sie bot, wie ihr euch leicht denken könnt, gerade keinen sehr erquicklichen Anblick dar, es gehörten starke Nerven dazu, hier Fassung zu behalten. Wir schritten über zerschossene Munitionskasten, in denen statt der Kugeln Hände, Füße, Rümpfe, zerschmetterte Hirnschädel lagen; auch die Erdwälle waren hie und da mit solchen grausigen Arabesken garniert. Es konnte einem übel werden. Und doch waren in der ganzen Batterie nicht über hundert gefallen; aber Zwölf- und Vierundzwanzigpfünder, mit Bomben und Haubitzen versetzt, machen grausig Werk, und die Batterie war auch nicht zum besten angelegt. Die Patrioten standen im Fortifikationswesen natürlich noch weiter als selbst im Artilleriedienste zurück, und das feindliche Feuer hatte deshalb bedeutenden Schaden getan. Mehr denn die Hälfte der Kanonen waren unbrauchbar geworden, einige zersprungen, anderen die Lafetten weggeschossen. Andererseits hatte unser Feuer der Festung, soviel sich jetzt abnehmen ließ, eben nicht sehr großen Schaden zugefügt; die Bastion war allerdings in Trümmern und bot eine Bresche dar, die ein tüchtiges Regiment, von einer gut bedienten Artillerie gehörig unterstützt, wohl in die Festung bringen konnte; aber daran schien man – obwohl mit den brauchbaren Kanonen noch immer etwas zu machen gewesen wäre – nicht mehr zu denken. Der größte Teil der Offiziere hatte, offenbar mit dem Resultate höchlich zufrieden, bereits die Batterie verlassen; die zurückgebliebenen waren bloß noch damit beschäftigt, die Toten und Verwundeten wegschaffen zu lassen, ohne sich weiter um Kanonen, Lafetten oder Batterie zu bekümmern. Selbst mir, dem nichts weniger als Kriegsmanne, kam dies denn doch ein bißchen sonderbar vor! So gewaltige Anstrengungen, so bedeutende Aufopferungen von Arbeit, Menschenleben, und gleich darauf eine Unbekümmertheit, ja Leichtsinn, der nichts weniger als klug oder militärisch ließ! Auch mein guter Kapitän schüttelte auf eine Weise den Kopf, die einige Unzufriedenheit – wenn nicht mit der Bravour unserer neuen Alliierten, diese konnte unmöglich größer sein – doch mit ihrer Kriegsklugheit verriet. Es war geradezu Leichtsinn, ja Indolenz, was hier zum Vorschein kam! Aber so sind sie nun schon einmal, diese Südamerikaner, im Kriege sowie im Frieden heißblütig, stürmisch, der verzweifeltsten, der unerhörtesten Kämpfe, Anstrengungen fähig! In ewigen Extremen überfliegen sie euch die Anden, ertragen Hunger und Durst, Hitze und Kälte, überwinden Gefahren, gegen die Napoleons Zug nach Italien bloßes Kinderspiel; überraschen den Feind, besiegen, vernichten ihn; aber legen sich dann, statt ihren Sieg zu verfolgen, ruhig zu ihrer Siesta und lassen sich vom ersten besten Nachzüglerhaufen wieder die Früchte ihres Sieges entreißen! Ein wahres Glück für sie, daß ihre Feinde, die Spanier, mit denselben liebenswürdigen Schwachheiten gesegnet waren. Wären ihre Gegner Amerikaner oder Briten gewesen, ihr Kampf dürfte wohl einen anderen Ausgang genommen haben!

Wir hatten die Batterie besichtigt und waren gerade auf dem Punkte, sie zu verlassen, um auch die übrigen zu sehen, als unsere Ordonnanz gerannt kam und uns die Weisung brachte, sogleich im Hauptquartier zu erscheinen.

Wir gingen also dem Hauptquartier zu.

Auf dem Wege dahin sahen wir die Eigentümlichkeiten der Patriotenkrieger noch etwas näher, denn da, wie ich oben bemerkt, ein großer Teil des Belagerungsheeres teils in den Villen, teils in den Gärten lagerte und biwakierte, hatten wir die schönste Gelegenheit, sie auf unserm Spaziergange gewissermaßen im Neglige zu sehen. Und schönere, kriegerischer aussehende Truppen versichere ich nie gesehen zu haben als diese Patrioten. Es waren nicht mehr die Marodeurs, die sich zu Lima umhertrieben; im Gegenteile, ausgesucht, trefflich und selbst reich uniformiert, boten sie Gruppen dar, die kein Maler schöner, pittoresker wünschen konnte. Diese dunkelbronzierten Salvator-Rosa-Gesichter, mit ihren schwarzen Bärten, ihren schwärzeren, glühenden Augen, diese lässigen und doch wieder so dezidierten, gleichsam a-tempo-Bewegungen, dieses chevalereske Auftreten haben keine anderen Truppen in dem Grade, selbst die Krieger der französischen Kaiserzeit nicht! Man muß sie biwakieren gesehen haben, es ist das Malerischste, was es geben kann! Der zerlumpteste Patriot, der kaum seine Blößen decken kann, wirft sich en héros zur Erde, wird wirklich pittoresk, wenn er sich lagert! Er hat eine so eigene Art, seine Lumpen zu drapieren! Nichts Gesuchtes, Künstliches, ein natürlich angeborener Takt! Ein Ruck, und der zerlumpte Mantel fällt mit einer Grazie um ihn, die einem anderen kein Königsmantel verleihen, kein Schauspieler bei uns erreichen könnte! Sie lieben aber auch das Liegen und verliegen wohl weit den größeren Teil ihres Lebens, als sie stehen oder sitzen. Könnten sie liegend arbeiten, ich glaube, sie würden auch etwas mehr arbeiten; aber da sie stehen oder sitzen müßten, taugen sie dazu nur wenig oder gar nicht. Das sahen wir in der Art und Weise, wie sie ihre Arbeiten trieben. Kaum einer putzte seine Waffen, aber mehrere mußten denn doch kochen, waschen; das taten sie, jedoch in einer Manier, die uns so queer erschien, daß wir, die Augen weit öffnend, stehenblieben. Während zum Beispiel die Hände kochten oder wuschen, schienen die übrigen Teile des Körpers, der Leib, die Füße, besonders aber der Kopf, weit erhaben über diese knechtischen Verrichtungen, nur widerspenstig gezwungen, sich zum Bleiben zu verstehen, mit einer Art Verachtung die Bewegungen der Hände zuzulassen. Sie waren wirklich drollig zu schauen, diese Patrioten, etwa wie ein britisch radikaler Lord Chamberlain, der seinem Souverän das Waschbecken oder Handtuch zu reichen bemüßigt, mit einer Art Hohn sich dazu versteht!

Sind kuriose Leute, diese Patrioten, aber ihr Wahlspruch lautet auch: Kriegen, Liegen und Lieben.

Wir kamen endlich vor einer noblen Villa an, die der davorstehende Wachtposten als Hauptquartier des Generals en chef des Belagerungsheeres bezeichnete, drängten uns durch Haufen von Ordonnanzen, Adjutanten, Stabs- und Oberoffizieren und wurden einer Art Mayordomo übergeben, der uns in ein Gemach zu ebener Erde führte, wo wir unsere Felleisen fanden, die uns allerdings sehr nötig waren; denn berußt, geschwärzt, blutig, zerrissen, sahen wir mehr Banditen als friedlich ruhigen Bürgern dieser unserer Vereinten Staaten ähnlich.

Der Hausoffizier mahnte uns, mit unserer Toilette zu eilen, da aufgetragen werden sollte, sobald Se. Exzellenz der Kommandierende aus den Batterien zurückkommen würden.

Wir eilten demnach und waren noch nicht ganz fertig, als der Hausmagnat abermals kam, uns vor Se. Exzellenz zu bringen.

Wir traten in einen Saal, in dem wir eine gedeckte Tafel und wohl an die sechzig Offiziere fanden, darunter auch diejenigen, mit denen wir bereits in der Batterie so stürmische Waffenbrüderschaft geschlossen. Ohne auch nur einen Augenblick auf unseren Empfang von Seite des Hausherrn – hier natürlich keine geringere Person als die Exzellenz – zu warten, sprangen sie mit einem ›buen venido, Capitanos‹, auf uns zu, umarmten uns abermals, warfen uns dann ihren Mitoffizieren zu, gerade als ob kein Hausherr oder General en chef vorhanden gewesen wäre. Das wäre nun bei uns als eine Unmanier erschienen, deren sich kein Bootsmann, viel weniger ein Korps Offiziere hätte zuschulden kommen lassen; hier fiel es jedoch nicht nur nicht auf, es erschien ganz in der Ordnung.

Diese Südamerikaner haben wieder eine Art und Weise, solche Dinge zu tun, die eben, weil sie, ohne berechnet zu sein, rein dem Sturme der Empfindungen entsprudelt, nicht nur nichts Unschickliches, Ungezogenes, im Gegenteile einen liebenswürdig feurig chevaleresken sans-façon-Anstrich hat und ihnen wieder sehr gut zu ihren Flammenaugen, ihren brünetten Olivengesichtern, ihren rabenschwarzen Bärten läßt. In der Regel jedoch ist der Südamerikaner nichts weniger als stürmisch oder mutwillig burschikos, im Gegenteile eher formell, solenn. Man sieht es ihrem Wesen, allen ihren Bewegungen ab, daß sie Abkömmlinge der gravitätisch stolzen Spanier, sich ihrer Abkunft von diesen Spaniern vollkommen bewußt sind; nicht der heutigen, von bigotten Pfaffen und Regenten debauchierten – nein der ritterlichen Spanier des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts, an deren Taten sie sich gerne spiegeln – und an die sie es lieben, ihre tatenreiche Epoche anzuknüpfen, wie alle jene Völker, die durch geistlichen oder weltlichen Despotismus oder beide zugleich aus einer geschichtlich hohen Vorzeit in eine traurig tiefe Gegenwart herabgesunken sind. Der Zeitpunkt aber, in den unsere Bekanntschaft mit ihnen fiel, war denn auch wohl geeignet, Gemüter, von Natur so empfänglich für das Große und Hohe, enthusiastisch zu stimmen!

Es war ein Zeitpunkt, wie er glücklichen Nationen in ihrem Leben nur einmal, unglücklichen nie erscheint, der Zeitpunkt der Befreiung von einem furchtbaren Körper und Geist gleich erdrückenden, gefangenhaltenden Joche! Dieser Zeitpunkt war aber dem ganzen spanischen Amerika wie ein Meteor gekommen. Der Kühnste hatte noch vier Monate vorher gezweifelt, der Tapferste verzweifelt. Wie durch ein Wunder war, wo Niederlage gewiß schien, ein glänzender Sieg erfochten worden, ein Sieg, der die Niederlage des Feindes auf allen Punkten so rasch, unaufhaltbar nach sich zog, daß buchstäblich das ganze spanische Südamerika in einem einzigen Siegesrausch aufjauchzte! Was für unser Land die Gefangennehmung Lord Cornwallis', das war für Südamerika die Schlacht von Ayacucho! Das ganze ungeheure Land von Panama bis an den Amazonenstrom erwachte durch diese zu neuem Leben, zu neuem Dasein! In der Tat, ein ganz neues Leben, Dasein, das man gesehen haben muß, um es zu begreifen! Öffentliche und Privatfeindschaften, Eifersucht und Streit waren wie in Lethes Strome begraben; brüderlich umfingen sich Millionen und abermals Millionen; reichten sich über die Anden, die Kordilleren die Hand, um den gemeinschaftlichen Feind vertreiben zu helfen; Kolumbia eilte Peru zu Hilfe, Buenos Aires den La-Plata-Staaten; überall die großartigsten Gesinnungen, die herrlichsten Taten! Wahrlich, ein großer Moment, ein herrlicher für den Menschenfreund, dem es vergönnt ist, eine solche Wiedergeburt und Auferstehung eines ganzen Volkes mitzufeiern! Es verschwindet in solchem Momente alles Niedrige, Gemeine so gänzlich, die edelsten, die hochherzigsten Gefühle treten so stark, gewaltig hervor, treiben, drängen alles Unwürdige so tief in den Hintergrund zurück! Der elendeste Sklave wird in solchen Momenten zum Helden!

Ich gestehe euch, mir erschienen die Patrioten an diesem Tage in einem Lichte, so glänzend, daß der Nimbus mich noch jetzt zu ihren Gunsten befangen hält.

Nie glaubte ich herrlichere Männer gesehen zu haben, und sie waren es auch in der Tat in diesen Tagen! Aus den ersten Familien des Landes – viele Sprossen geschichtlicher Häuser, hatten alle in blutigen Schlachten gefochten, sich Lorbeeren errungen, die ihnen um so schöner ließen, als das Bewußtsein, Großes geleistet zu haben, ihnen wieder eine unbeschreiblich zartsinnige Bescheidenheit verlieh.

Wohl zeigte sich damals der südamerikanische Charakter in seinem schönsten Lichte, und nie, weder früher noch später, hatte ich liebenswürdigere, ritterlichere und doch wieder bescheidenere, anmutigere Helden gesehen. Seit diesem Tage sind mir die Südamerikaner teuer, und ich verzweifle nicht an einer glänzenden Zukunft, so traurig auch die Gegenwart aussieht!

Die Tafel war, wie sie sich bei einem General en chef erwarten ließ, der eine Armee kommandierte, welche eine Hafenfestung belagerte. Die edelsten französischen und spanischen Weine flossen in Strömen, die ausgesuchtesten Gerichte waren im Überflusse vorhanden, aber obwohl wir den Champagner aus Biergläsern tranken, war doch nicht die geringste Spur von Trunkenheit zu bemerken.

In dieser Beziehung dürften wir von den Patrioten noch einiges zu lernen haben!

Der erste Toast, der ausgebracht wurde, galt: Bolivar!

Der zweite: Sucre!

Der dritte: der Schlacht von Ayacucho!

Der vierte: der Verbrüderung Kolumbias und Perus!

Der fünfte: Hualero!

Das war also unser Offizier von gestern, wie wir jetzt erst ausfanden, der General en chef des Belagerungsheeres.

Er stand auf, hob sein Glas und sprach nicht ohne heftige Bewegung:

›Señores! Amigos! Daß Sie Ihren Waffenbruder in Ihrer Mitte haben, daß er seine Dienste, sein Blut dem Vaterlande weihen darf, das verdanken Sie diesem unserm teuern alten Freunde und neuen Waffenbruder, den ich Ihrer Freundschaft und Bruderliebe als sehr würdig empfehle!‹

Wie er jetzt den Kapitän zu sich emporriß, ihm stürmisch um den Hals flog, wie dem eisernen, imperturbablen Seemanne die Tränen in die Augen traten, er mit zitternden Lippen bloß die zwei Worte zu stammeln vermochte: ›Amigo sempre!‹ – das mußte man gesehen haben.

Das ganze Offizierskorps umschlang die beiden.

Noch den folgenden Tag verblieben wir im Lager, am nächstfolgenden ritten wir nach Lima zurück, wo der Kapitän in die Wohnung seines Freundes, des Generals, ziehen mußte.

Von seiner Gattin, die ihrem Manne auch nach Lima gefolgt, sowie von dem General selbst vernahm ich denn den Ursprung der seltenen Freundschaft zwischen einem der ausgezeichnetsten Patriotenheerführer und meinem schweigsamen Brigg-Kapitän.

Es war der dunkle Fleck in seinem Seemanns-Charakter.

Ich wünschte, die Worte des edlen Ehepaares mit demselben Feuer, derselben edlen, glühend poetischen Sprache geben zu können, in der sie mir gegeben waren!«

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