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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Die Ruhe des Mannes war, um mich eines unserer Lieblingsausdrücke zu bedienen, in der Tat considerabel. Wohl an die dreißig Kugeln waren in die Mauer, hinter der uns unsere Tiere glücklicherweise abgeworfen, eingeschlagen, Steine kollerten auf allen Seiten herab – im Vorbeigehen sei es bemerkt, das Bruchstück war nicht mit Geld zu bezahlen, ohne dasselbe wären wir hier wohl all unserer Sorge und Verzweiflung wegen Kargo und Brigg ledig geworden – aber meinen guten Kapitän schien das alles nichts anzugehen. Er war nur ungeduldig über die Rauch- und Staubwolken, die aus den Batterien und den zusammengestürzten Häusern emporqualmten und uns in eine wahre ägyptische Finsternis versetzten, fragte wohl ein Dutzend der hin- und hereilenden Soldaten, keiner aber nahm sich die Zeit, ihn anzuhören, wenn sie auch hätten hören können.

Endlich hatten sich wenigstens die größten Staubwolken verzogen, auch die perplexe Ordonnanz sich einigermaßen orientiert, so deutete sie denn auf la batteria hin, der mich mein Freund auch ohne weiteres zuzog. Wir hatten noch keine zwanzig Schritte getan, als wir auch bereits auf eine Kanone stießen.

Alles war da, wie Sie sich leicht vorstellen mögen, lebendig. Die Batterie zählte dreißig Vierundzwanzig- und Sechsunddreißigpfünder, die mit einem Eifer, einem Mute bedient wurden, der meine Erwartungen von Patriotenbravour weit übertraf. In der Tat gab sich zu viel Bravour unter den Leutchen kund. Sie tanzten mehr um die Kanonen herum, als sie sich bewegten, und das mit einer Todesverachtung in Miene und Gebärden, die wie Trotz und Hohn aussahen. Sie hielten es nicht einmal der Mühe wert, die Kanonen von den Embouchuren während des Ladens zurückzuziehen, im Gegenteile, schoben diese noch immer hinaus und luden lachend die Spanier ein, doch besser zu treffen.

Es war, wir dürfen dies nicht vergessen, wenig über drei Monate nach dem glänzenden Siege von Ayacucho, einer der herrlichsten Waffentaten, die wohl je gefochten wurden und die denn begreiflicherweise auch die Truppen des Belagerungsheeres auf eine Weise elektrisierte, daß sie ordentlich dem Tode zutanzten, ja die Glücklichen zu beneiden schienen, die eine Kugel vor ihren Augen wegnahm.

So war von der Kanone, auf die wir zuerst stießen, bereits die Hälfte der Mannschaft weggeschossen; und wir waren kaum ein- und auf die Seite getreten – der Kapitän mir winkend, mich zu ducken –, als eine Kugel dem nächsten, der mir zur Seite stand, den Kopf mitnahm. Ich fühlte einen plötzlichen Luftstoß, der mich erstickt hätte, wäre ich glücklicherweise nicht seitwärts gestanden; zugleich schlug mir eine warme Masse ins Genick, Gesicht und auf den Kopf, die mich beinahe blind machte. Wie ich sie von mir wische, sehe ich den Mann kopflos zu meinen Füßen liegen. Das Grausen, das mich überfiel, könnt ihr euch unmöglich vorstellen! Es war zwar nicht das erstemal, daß ich ein Mitgeschöpf fallen gesehen, aber wohl das erstemal, daß mir sein Gehirn und Blut ins Gesicht spritzte. Mir wurde sterbensübel, die Knie schlotterten, das Blut schoß mir zum Herzen, der Kopf drehte sich mir im Kreisel, ich taumelte ohnmächtig an die Wand nieder.

Seltsam aber, der nächste, der fiel, brachte mich wieder zu mir. Er wirkte bei weitem nicht mehr so erschütternd auf mich ein; ein starkes Herzklopfen überfiel mich zwar auch bei diesem noch, einiger Schwindel, aber bereits um vieles schwächer – der dritte, der bei der nächsten Kanone weggeschossen wurde, noch schwächer, so daß mit jedem Falle meine Furcht ab-, mein passiver Mut zunahm, bis er endlich zu einer Art Zuversicht wuchs, der, seltsam genug, etwas wie Schadenfreude beigemischt war. Wirklich fühlte ich bei jedem Falle ein Etwas, das mir wie eine Anwandlung von Schadenfreude vorkam, eine Art fixer Idee, die zugleich in mir auftauchte, ein gewisser Fatalismus, der mir zuflüsterte, daß das Schicksal soundso viele als Opfer erkoren und daß mit jedem, der fiele, auch meine Sicherheit zunähme, ich bald ganz gesichert sein würde.

Der Mensch ist doch ein seltsames Geschöpf, ob von Natur gut oder böse, will ich nicht entscheiden, aber ich glaube, die beiden Prinzipe halten sich so ziemlich die Waage, wenn nicht das letztere überwiegt.

Wunderbar jedoch, wie schnell selbst der nichts weniger als geborene Eisenfresser – denn der war ich, wie gesagt, nie – mutig werden kann. Die erste Kugel, die den Nachbar trifft, raubt Sinne und Bewußtsein, aber die zweite schon nicht mehr in dem Grade, oft bringt sie uns wieder zu Sinnen. Die dritte macht gleichgültig und die vierte ermutigt, bis wir endlich eine Stunde darauf dem Tode so kühl in das Auge sehen, als ob wir dazu geboren wären, was wir denn auch in Tat und Wahrheit sind. Eine halbe Stunde nach meinem Eintappen in die Batterie arbeitete ich an der Seite meines Kapitäns, zwar gebückt und geduckt, aber doch so ruhig, daß ich das Pfeifen der mir über den Kopf wegfliegenden Kugeln kaum mehr beachtete.

Wie ich jedoch – ein so ruhig friedliebender Bürger, als je Hauptbuch führte – zu diesem Artilleriedienste gebracht wurde, muß ich euch doch noch eines Ausführlicheren berichten.

Mein guter Kapitän hatte mich nämlich kaum in die Ecke der Batterie geschoben, mir bedeutend, den Kopf geduckt zu halten, als er sich auch aufmachte, um in echter Yankeeweise das Terrain zu rekognoszieren, was er denn in so unvergleichlich kühl ruhiger Fashion tat, hier einen Ruck gebend, dort einen nehmend, gerade als ob er da zu Hause wäre. Es war etwas ganz Charakteristisches in diesem seltsamen neugierigen Herumschlendern, Spekulieren. Erst nachdem noch ein paar Artilleristen ins Gras gebissen, ging er determinierter zu Werke, nahm dem nächsten den Ladestock ab und befahl oder winkte vielmehr kurz gebietend einem anderen, die Kanone zurückschieben zu helfen. Die Leute gehorchten, ohne eine Miene zu verziehen. Das Stück wurde zurückgeschoben, von ihm geladen, wieder vorgeschoben, gerichtet und abgeschossen. So bestimmt dezidiert war seine Art und Weise, daß keiner ein Wort einzuwenden wagte; ohne daß er den Mund auftat, alle gehorchten. Hier hatte ich wirklich Gelegenheit, mit Händen zu greifen, was Zuversicht und Selbstbewußtsein zu bewirken imstande sind. Als wäre die Batterie seit Jahren unter seinem Befehle gestanden, trat der gute Mann auf; keiner schien auch nur den leisesten Zweifel in seine Autorität zu setzen. Auch die nächsten Kanonen fügten sich bald unter seine Befehle. Es lag wirklich etwas unabweisbar Unwiderstehliches in dieser seiner ruhigen Keckheit, Zuversicht, das offenbar die schwächeren Geister allesamt beugte. Er kam mir wie einer jener Hinterwäldler vor, die auch ganz sans façon sich auf anderer Leute Land niederlassen und da zu Hause machen, unbekümmert, ob es gefalle oder nicht.

Diese von meinem Freunde gespielte Kommandantenrolle war es nun auch eigentlich, die mich allmählich ermutigte, kräftigte und endlich trieb, gleichfalls tätig zu werden. Man kann denn gewissermaßen in einer solchen Lage nicht untätig bleiben, ja der bloße Entschluß schon verursacht, daß einem die Courage wächst, so daß ich endlich selbst das Herz faßte, eine der Patronen aus dem Kasten herauszulangen, mich dabei freilich vorsichtiglich duckend, aber allmählich doch mehr und mehr den Kopf erhebend, bis ich ihn denn endlich so hoch trug als einer.«

»Bravo!« riefen wieder alle.

»Seht ihr, so habe ich mir im letzten Patriotenkampfe gewissermaßen Lorbeeren erworben.

Etwa eine Stunde hatten wir wie Rosse gearbeitet« – fuhr er fort –, »als das Feuer allmählich schwächer zu werden schien. Die meisten Kanonen waren unbrauchbar geworden, bloß noch ein halbes Dutzend, und zwar die unter unserem Kapitän stehenden, spielten noch fort, dank seinem unerschütterlichen Phlegma, das nach jedem Schusse immer erst das Geschützstück abkühlen ließ, wozu sich die anderen in ihrem Eifer nur wenig oder gar nicht die Zeit nahmen. Überhaupt, muß ich bemerken, waren die Patrioten trotz ihres fünfzehnjährigen harten Kämpfens mit den Spaniern immer nur noch sehr mittelmäßige Artilleristen, so wie denn die Artillerie überhaupt während dieses verhängnisvollen Kampfes bei weitem nicht die Rolle gespielt, die ihr in den Kriegen zivilisierter Nationen sonst zugewiesen ist. Natürlich! Die Schlachten waren mehrenteils bloß durch die Infanterie oder Kavallerie geschlagen worden, und selbst in der von Ayacucho, die das Schicksal des ganzen spanischen Kontinentes entschied, waren auf beiden Seiten kaum ein halbes Dutzend leichter Geschütze im Feuer. Die Beschaffenheit des Landes, die ungeheuren Gebirge, Ströme, die Unfahrbarkeit selbst der Ebenen, der Pampas, ließen bei dem Mangel an Verbindungsstraßen und den häufig forcierten Märschen, die notwendig waren, den Feind durch einen unvorhergesehenen Schlag zu überraschen, die Anwendung dieser schwer zu transportierenden Zerstörungswaffe nur selten, und zwar viel seltener als in unserem Revolutionskampfe, zu. Auch bedingt bekanntlich der Artilleriedienst, soll er sich wirksam erweisen, einen Grad von mathematischem Wissen, den die Südamerikaner unter der elenden spanischen Regierung – die ihre ohnehin bornierten Geisteskräfte noch dazu mißbrauchte, ihre Völker ganz und gar zu verdummen – unmöglich erlangen konnten. Unterdessen verringert dieser Um- oder vielmehr Übelstand keineswegs das Verdienst der Patrioten noch benimmt er dem Revolutionskampfe selbst etwas von seiner ungeheuren Wichtigkeit; im Gegenteile: so wie unsere Revolution, ohne Zweifel, das wichtigste Ereignis des letztverflossenen Jahrhunderts, erst eigentlich die Massen der Nationen, die Mittelklassen, zum Bewußtsein ihrer Rechte, zur Mündigkeit brachte, ja die Hauptquelle ward, aus der die Französische sowie alle übrigen Revolutionen flossen und viele trotz aller Gegenbemühungen noch immer fließen müssen – so muß auch der spanische Freiheitskampf, obwohl bloßes Korollarium des unsrigen, doch noch sehr bedeutende Rückwirkungen sowohl auf das Mutterland als Europa überhaupt erzeugen, obwohl diese wieder bei weitem nicht von so universellem Einflusse sein dürften wie die unserer Revolution. Der spanisch-südamerikanische Charakter und Kontinent sind um vieles unzugänglicher, abgeschlossener, zurückstoßender; darum war auch in ihrem Revolutionskampfe von jenen Sympathien, die für uns in der ganzen zivilisierten Welt und selbst unter unsern Todfeinden, den Briten, erwachten, nur sehr wenig zu spüren; vorzüglich wohl auch deshalb, weil ihre Schilderhebung denn doch durch keine jener gloriosen Humanitätssonnen verherrlicht wurde, die wie unsere Washingtons, Franklins, Jeffersons, gleich groß als Menschen und Helden, Staatsmänner und Feldherren, Philosophen und Bürger, die Guten und Edlen aller Nationen elektrisierten und wohl elektrisieren werden, solange es Gute und Edle auf dieser Erde gibt!

Doch, revenons à nos moutons, kehren wir zu unserem Kapitän, der gerade geladen und gerichtet, um noch einmal abzufeuern, als – der Offizier von gestern, von mehreren Adjutanten und Stabsoffizieren begleitet, an uns herantrat. Er war öfters in der Batterie gewesen, hatte sich bei jeder Kanone aufgehalten, bei der einen ermuntert, der anderen getadelt, einer dritten selbst Hand angelegt, bei der unsrigen war er immer vergnügt die Hände reibend stehengeblieben. Auch jetzt tat er es, und wie er die Hände so reibend jeder Bewegung des Kapitäns aufmerksam und bewundernd folgte, sah ich wohl, daß er einer der Generale der Patriotenarmee sein müsse.

Der Kapitän schoß jetzt los, und wie der Rauch verflog, sah man die gegenüberliegende Bastion wanken und dann in den Festungsgraben sinken. Der Fall wurde durch ein freudiges Hurra begrüßt, zwanzig Offiziere sprangen auf einmal vor, der unsrige der erste.

Die Szene hättet ihr nun sehen sollen!

Dem Kapitän an den Hals fliegen, ihn im Sturme umarmen, ihn ebenso stürmisch und im Fluge dem nächsten der Offiziere in die Arme werfen, dieser einem dritten, einem vierten: das war das Werk eines Augenblicks. Wie ein Ball flog mein imperturbabler Kapitano und selbst ich durch ihre Hände, wie ein Lauffeuer gingen wir herum. Sie waren wie toll, närrisch geworden, geradezu liebetoll, rasend. Die Kugeln schlugen noch immer links und rechts in die Batterie ein, eine riß auch einen armen Teufel von Ordonnanz mitten entzwei, aber das genierte sie nicht, ihr Enthusiasmus wurde immer wilder. Es war etwas so Exotisches, so südlich Tropisches, wahrhaft Südamerikanisches in diesem Impromptu! Über uns die pfeifenden Kugeln, unter uns der blutschlüpfrige Boden, um uns Tote und Verwundete und Trümmer und Zerstörung aller Art, und wir aus den Armen eines Schwarzbartes in die eines anderen fliegend! Mir verging Sehen und Hören, nur das lebendige Gefühl blieb mir, daß wir in Südamerika, in einem Patriotenlager waren. Diese Patrioten lieben so entsetzlich, überströmen so augenblicklich! – sie kamen mir ordentlich furchtbar vor. Ich glaubte mich in irgendeinem Moslemlager, in einer der Tausendundeine-Nacht-Szenen, die ich während meiner Fahrt gelesen. Wie ich zur Besinnung kam, waren alle verschwunden. ›Kapitän, was war das? Ich begreife nicht!‹ redete ich den Freund an.

›Ah, haben die Bastion herabgeschossen! – haben, haben –‹, meinte mein Kapitän.

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