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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Callao 1825

Der Präsident begann:

»Es war im Märzmonat 1825, daß wir – mehrere Amerikaner und Briten, meistens Schiffskapitäne, vor dem französischen Kaffehause in Lima standen, in einer Unterhaltung begriffen, die für mich wenigstens – wahrlich eben nicht sehr viel Unterhaltendes hatte.

Wenn ich euch sage, daß gerade zu dieser Zeit Callao von den Patrioten zu Wasser und zu Lande blockiert und wir mit spanischen Gütern nach dieser Festung bestimmt waren, werdet ihr euch vorläufig eine Idee von der Kurzweiligkeit dieser unserer Unterhaltung bilden können.

Wir waren nämlich im November des Jahres 1824 von Hause, das heißt Baltimore, nach Havanna abgegangen, hatten da unsere Ladung gelöscht, dafür eine andere, teils auf eigene, teils auf Rechnung der dasigen Regierung eingenommen und Havanna gerade am ersten Dezember, also acht Tage vor der berühmten Schlacht von Ayacucho, verlassen, deren Fama uns nun auch regelmäßig auf dem Fuße folgte, so daß wir ihr während unserer Fahrt um den südamerikanischen Kontinent herum richtig immer nur einige Tage den Vorsprung abgewannen, bis wir, auf der Höhe von Callao angekommen, von ihr und ihren erschütternden Folgen erreicht wurden, als es umzulenken bereits zu spät war.

Wir konnten gar keinen Hehl daraus machen, daß wir nach Callao wollten; unsere Kargos, darunter Zigarren, zwanzigtausend Dollar am Werte, für die Festung bestimmt, sprachen zu laut; aber ich zweifle auch, daß, selbst wenn wir es gekonnt hätten, mein Kapitän vom Versuche, das Blockadegeschwader zu durchbrechen, abzubringen gewesen wäre. Er hatte das Wagestück vier Jahre früher, als die Flotte der Patrioten von Cochrane, berüchtigten Andenkens, kommandiert wurde, versucht, und es war ihm gelungen, was etwas sagen will, wenn man Cochrane kennt; und dann hatte er auch seine eigenen Yankee-Notionen – Notionen, die, wie ihr wisset, einmal in einem Yankeeschädel fixiert, absolut nicht mehr herauszubringen sind. Diese Notionen kalkulierten, den Fall Callaos auf alle Art und Weise, und es koste, was es wolle, aufzuhalten, ein Kalkulieren, das, so seltsam dieses auch klingen mag, nicht bloß meinem Kapitän, sondern auch übrigen Landsleuten gar gewaltig zusetzte. Wirklich schien ihnen der Fall dieser Festung mehr als selbst die Kondemnation ihrer Schiffe und Kargos am Herzen zu liegen. Aber diese an Republikanern – und was mehr sagen will, Amerikanern so seltsam erscheinende Sympathie zugunsten der Fortdauer einer despotischen Herrschaft wird wieder sehr begreiflich, wenn wir bedenken, daß mit dem Falle Callaos – des letzten festen Haltes Spaniens in Südamerika – der Kampf auf diesem Kontinente so gut als beendigt, unser Handel durch die Pazifikation nicht nur einen seiner einträglichsten, sondern auch interessantesten Zweige verlor. Ich sage interessantesten, denn es war gewiß bei vielen weniger der Gewinn – obwohl dieser einem Amerikaner nie gleichgültig ist – als vielmehr der Reiz der tausend mit diesem Handel verbundenen Gefahren und Abenteuer, die ihn unseren Bürgern und Seeleuten so teuer gemacht. Auch hatten wir ihn bisher ausschließend innegehabt, diesen gewinn- und abenteuerreichen Handel, zuerst, weil wir die nächsten, und dann, weil wir gerade im Besitze der Artikel waren, die die Patrioten sowohl als Spanier am meisten bedurften. Wie es von gescheiten Leuten zu erwarten stand, hatten wir diese Art Monopols auch auf eine Weise ausgebeutet, die eine Verlängerung des interessanten Status quo recht sehr wünschenswert erscheinen ließ. Wir hatten den Spaniern Mehl und Fleisch zugeführt, wenn die Spanier am hungrigsten und die Zufuhren mit größtem Risiko und folglich Gewinn verbunden waren, und wieder den Patrioten, wenn diese nichts mehr zu nagen hatten. Während der Blockade waren natürlich die Spanier des Sukkurses am meisten bedürftig, und es schien um so billiger, ihnen diesen zu bringen, als sie sehr gut bezahlten und die Ladungen noch vor dem Torschlusse an Mann zu bringen waren.

So war denn die Brigg Perseverance, Kapitän Ready, Superkargo meine werte Person, von den Patrioten – etwa vier bis fünf Meilen vor dem Eingange des Hafens lavierend oder vielmehr die Gelegenheit zum Einschlüpfen ablauernd – angehalten, aufgebracht und sogleich auf eine Weise behandelt worden, die uns mehr als einen Fingerzeig gab, daß wir aus dieser Falle wohl schwerlich entschlüpfen dürften. Unsere persönliche Habe ward uns zwar gelassen, wir aber sogleich ans Land und so weiter nach Lima gebracht worden. Von der Brigg sowohl als dem Kargo hatten wir, seit wir sie verlassen, nichts mehr gehört. In letzterem war ich einigermaßen stark interessiert, insofern darin mein ganzes Betriebskapital, die Früchte zehnjähriger Kontordienste, staken; auch der Kapitän war zu einem Fünfteile beteiligt, an der Brigg zur Hälfte.

Für einen angehenden Kaufmann aber ist es wahrlich keine sehr angenehme Empfindung, seine Hoffnungsbarke und mit dieser sein ganzes in langjährigem Dienste zusammengescharrtes, mühsam errafftes und so gleichsam in seine Existenz verwachsenes oder doch diese begründen sollendes Anfangskapital gleich beim ersten Auslaufen – es war meine erste Unternehmungsreise – scheitern und sich so auf der Sandbank zu sehen, um ihn herum eine Rotte Haifische, die nach ihm und seinem zweiten Selbst schnappen. In der Tat kamen mir die Patrioten damals so ziemlich wie diese häßlichen Vielfraße vor, und oft fühlte ich, als ob ich im Schlunde eines dieser Schnapphähne stäke. Ich haßte sie so herzlich, daß ich sie alle erwürgen, ihnen mit Lust hätte den Hals umdrehen können.

Nicht so wieder mein guter Kapitän. Er trug sein Schicksal mit leichter Achsel, schnitzelte, die Gleichmut selbst, an seinem Stocke oder Stöckchen, und wenn ein solches gerade nicht vorhanden, an Tischen, Bänken, Sofas oder was sich gerade vorfand, knirschte allenfalls, wenn die Rede auf die Brigg kam, mit den Zähnen, fuhr aber dann um so eifriger zu schneiden und zu schnitzeln fort. Er war überhaupt ein nichts weniger als redseliger Mann. Während unserer langen Seereise waren oft Wochen vergangen, während welcher er, die nötigsten Befehle ausgenommen, keine Silbe von sich hören gelassen. Auch sprach man ihn nicht gerne an, wenn man es vermeiden konnte. Die essigsauren Züge, die dunkeln, in einer trüben Wolke schwimmenden, wie trunkenen Augen, die fest zusammengekniffenen Lippen, die gerunzelte Stirn luden wenigstens nicht ein. Er hatte beim ersten Anblicke etwas so zurückstoßend Düsteres, als einem beinahe Bedenken einflößte, ihn anzureden. Bei dem ersten Laute jedoch, den man von ihm hörte, schwanden Bedenken und Scheu. Ein unbeschreiblicher Zauber lag in jedem seiner Worte, wie Musik klang es von seinen Lippen, und selbst wenn sich seine Stimme während eines heftigen Sturmes zum Gebrülle erhob, hatte sie doch noch Wohllaut. Es war, als ob sie beruhigend, schmeichelnd den Orkan besänftigen, einlullen wolle. Jedesmal wenn er sprach, nahmen seine düstern gekniffenen Züge diesen sanft wohlwollenden Ausdruck an; auch wenn er irgendeine Gefälligkeit erwies, dann wurde der Ausdruck dieser Züge so klar, heiter, mit sich und aller Welt zufrieden! Es lächelte ordentlich aus dem sonst so finstern Gesichte, man konnte dem Manne nicht mehr gram sein, fühlte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Darum liebten ihn aber auch alle, die ihn näher kannten, wie einen Bruder, und trotz Schweigsamkeit drängten sich alle in seine Gesellschaft. Oft beschwichtigte sein bloßer Eintritt die heftigsten Streitigkeiten. Rauh, wie natürlich Kapitäne zuweilen zu sein pflegen, weiß ich mich doch nie zu entsinnen, daß ihm einer je ein rauhes oder rohes Wort gesagt hätte. In der Tat hatte er keinen Feind unter seinen Mitkapitänen, wohl aber viele, die für ihn ihren letzten Dollar geopfert hätten.

Wir waren seit acht Jahren miteinander bekannt und insofern Freunde, als ein erster Kommis und ein Schiffskapitän, die in Diensten eines und desselben Hauses stehen, Freunde sein können. Immer hatte ich ihn während dieser Zeit als die Loyalität und Treue selbst gekannt; doch haftete von früher her etwas wie ein dunkler Fleck auf seinem Seemannscharakter. Er war nämlich von dem Philadelphier Hause, dem er früher als Kapitän gedient und das ihn sehr jung und in wenigen Jahren vom Schiffsjungen zum Kapitän befördert, plötzlich entlassen worden. Die Ursache seiner Ungnade war nicht genau bekannt geworden. Er sollte sich auf einer Rückfahrt von Havanna ein Vergehen zuschulden haben kommen lassen, das nicht bloß das Schiff, das er kommandierte, sondern auch die Konsignees sehr stark kompromittierte, ja ihm selbst den Zutritt nach Havanna verschloß. In der Tat durfte er sechs oder sieben Jahre nicht dahin.

So unbestimmt auch diese Anklagen, so brauche ich Ihnen doch kaum zu sagen, daß sie in Philadelphia hinreichend waren, ihm alle bedeutenden Häuser um so mehr zu verschließen, als er bei seinem zurückhaltenden Wesen sich wieder um keinen Preis herabließ, irgendeine Aufklärung zu geben. Längere Zeit blieben auch alle seine Versuche, eine neue Anstellung zu erlangen, fruchtlos; würden es auch, trotz seiner anerkannten Tüchtigkeit, wohl noch lange geblieben sein, wenn nicht der durch die unermüdlichen Anstrengungen Bolivars frisch angefachte Krieg dem südamerikanischen Handel auch einen frischen Aufschwung gegeben und so die in diesem Handel beteiligten Häuser gezwungen hätte, bei der Auswahl ihrer Kapitäne ein Auge zuzudrücken. So wurde er, obgleich nicht ohne einiges Widerstreben, von unserer Firma als Kapitän angestellt. Und wohl mochten wir uns zu dieser Anstellung Glück wünschen, denn wir verdankten ihr großenteils den Aufschwung, den unsere Geschäfte vor allen übrigen südamerikanischen Häusern Baltimores von dieser Stunde an nahmen. Seine früheren Prinzipale, als sie dies sahen, beeilten sich zwar, ihm wieder Vorschläge, und das sehr annehmbare, zu machen, aber er lehnte sie mit Unwillen ab. Auch war er nie dahin zu bringen, von dem Vorfalle oder Vergehen, der seinem Charakter als Kapitän einen so starken Flecken angehängt, auch nur eine Silbe zu erwähnen. Man bemerkte, wenn die Rede auf das erwähnte Haus kam, ein bitteres Hohnlächeln um seinen Mund spielen, zugleich aber wurde seine Miene so zurückschreckend finster, daß auch dem Neugierigsten die Lust zu weiteren Fragen verging.

Dieses dunkle Blatt in der Geschichte des Mannes, verbunden mit seiner Schweigsamkeit und seinem düstern, brütenden Wesen, verursachten mir, ich muß aufrichtig gestehen, während der Seereise oft seltsam unheimliche Gedanken.

Doch war er wieder das Muster eines Seemannes, ruhig, fest, entschieden, seine Matrosen mehr durch Winke als Worte leitend. Auf der Brigg herrschte die Stille einer Quäkerversammlung, selbst im höchsten Zorne entfuhren ihm keine Flüche oder Scheltworte; aber die zusammengekniffenen Lippen, die gerunzelte Stirn waren dann entsetzlich zu schauen! Der desperateste Matrose kroch wie ein Hund vor diesem Blicke weg. Jedoch hielten diese Gewitterwolken nie lange an, immer schwanden sie wieder in die gewöhnliche düstere Ruhe. Diese Ruhe habe ich selten an einem Manne so unerschütterlich gefunden. Während meiner achtjährigen Bekanntschaft hatte ich ihn auch kein einziges Mal von Leidenschaft hingerissen gesehen, die Gewitterwolke auf Stirn und Lippen ausgenommen, blieb er immer die personifizierte Gelassenheit, und selbst jetzt, wo sein ganzes mühsam erworbenes Haben auf dem Spiele stand, war auch nicht das leiseste Anzeichen von Ungeduld an ihm zu verspüren. Wahr ist's, er schnitt und schnitzelte zuweilen heftiger denn gewöhnlich, aber das ist ein Zeitvertreib, der, wie Sie wissen, national ist und in dem ihm meine übrigen Landsleute nichts nachgaben.

Wahrlich! Wir Amerikaner sind nicht die Leute, uns durch irgendeine Quandary – eine Teufelei den Kopf verrücken zu lassen, und wenn ihn ja einer verliert, so setzen ihn die anderen durch ihren imperturbablen Gleichmut gewiß wieder zurecht, vorausgesetzt, daß hinlänglich Dulcissimus twisted, Zigarren, Federmesser und eine Fülle von Stöcken, Bänken, Tischen oder sonstigem schneidbaren Materiale vorhanden. Ihr hättet nur sehen sollen, mit welcher Lust, welchem Eifer unsere Landsleute nicht nur Stöcke und Stöckchen zu Dutzenden, sondern auch Tische, Sessel, Sofalehnen, kurz, alle nur erreichbaren Möbel im Kaffeehause zur Verzweiflung des Wirtes beschnitten; je härter das Holz, desto eifriger ihre Federmesser. Auch hatte jeder fürsorglich sein Schleifsteinchen, einen Zoll lang und breit, an dem er das stumpf gewordene Federmesser wieder schärfte; während wieder die vier Briten immer und ewig entweder brummten, sich und die Patrioten in die Hölle verwünschten oder – besoffen. Widerwärtig rohere, brutalere und doch wieder knechtischer gesinnte Menschen als diese Briten waren mir selten vorgekommen. Nach ihrem Treiben hätte man glauben sollen, das ganze pretiöse alte England müsse zugrunde gehen, so ihren lumpigen Kargos auch nur ein Haar gekrümmt würde. Ich hatte hier Gelegenheit, Vergleichungen anzustellen, und wahrlich, sie fielen nicht zum Vorteile John Bulls aus! Pshaw! John Bull spottet über Bruder Jonathans Dollarsucht, und allerdings suchen wir die Dollars. Es ist ein starker Splitter in unseren Augen, dieses immerwährende Dollarsuchen; nur steht John Bull mit dem Balken in den seinigen der Spott schlecht an. Gewiß suchen wir die Dollars und sind auch eifrig bemüht, sie zu finden; aber wenn wir sie wieder verlieren, reißen wir uns deshalb doch nicht den Hals ab wie John Bull. Ich kenne wenigstens noch keinen respektablen Amerikaner, der sich wegen Dollarverlustes gehängt oder ertränkt hätte, wie es die Briten tagtäglich tun. Bei uns ist aber auch, John Bull mag dagegen sagen, was er will, der Mann noch etwas wert, apart von seinen Dollars, aber nicht bei ihm, wo er keinen Strohhalm mehr gilt als seine Guineen. Darum ist auch der echt englische Ausdruck, ›er ist soundsoviel wert‹, bei uns in den Seestädten steckengeblieben, im Lande hat er kein Glück gemacht. Gewiß hat der britische Charakter brillante Züge von Gerechtigkeit, Männlichkeit, Seelengröße und Stärke, aber auch häßliche, und darunter eine Gier nach Geld und Gut, die ihm diese Dinge nicht mehr als Mittel, nein, als höchste Lebenszwecke, ja als eine Art höherer Wesen betrachen läßt, die zu erlangen er auch das Desperateste nicht scheut. Der Brite dient des Goldes wegen Türken und Juden, Karlisten und Christinos, dem Himmel und der Hölle; wir nicht, wir nur – der Freiheit! Er würde euch das Goldstück erbarmunglos und mit eisernen Krallen aus den Eingeweiden herausreißen! Gott gnade dem armen Wichte, der pennylos das großmütige Großbritannien betritt! Bei uns finden Hunderttausende von europäischer Tyrannei Ausgestoßener noch immer einen Bissen Brotes! Sagt, was ihr wollt, im Charakter des Briten ist ein Zug von gefühlloser Härte, der noch immer an den norwegischen und normannischen Seeräuber mahnt; und so sehr er sich auch in den acht- oder neunhundert Jahren seines Auftretens auf der Weltbühne abpoliert, ganz verleugnet hat er sich nie, dieser Seeräubercharakter, wo er immer auftrat, sei es in Europa oder in Asien, in Ost- oder Westindien.«

»Bravo!« riefen alle.

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