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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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»Nehmt Ihr unsere Bürgschaft an?« fragten sie zaudernd.

»Stop, my men! – Sachte, sachte!« meinte wieder kühl der Bankpräsident, »seid edle Bursche, wahrhaft gloriose Bursche, echtes Virginier Kavalierblut, auch gute Bürgen, der eine dreimalhundert, der andere dreimalhundert und etwa fünfzigtausend wert – Dollars natürlich.«

»Wozu diese Klassifikation?« riefen wieder ungeduldig die beiden.

»Will euch gleich sagen, warum«, versetzte trocken der Präsident. »Seid Ehrenmänner, vollkommen respektable Bürgen, kann aber – eure Bürgschaft nicht annehmen.«

»Ihr könnt nicht? Ihr könnt nicht?« schrien sie nun wieder alle so entrüstet!

»Und warum könnt Ihr nicht?« überschrie sie zornig der General.

»Das ist reiner Despotismus!« hoben wieder die einen an.

»Furchtbare Tyrannei!« die andern.

»Entsetzliche Tyrannei! Unerträglich!« fielen sie alle im Chorus ein.

»Aber«, rief Oakley, »er muß – wir bezahlen ihm seine fünfundzwanzigtausend Dollars.«

»Und senden ihn dann nach Coventry«, lachte Bentley.

»Könnt nicht, könnt nicht«, versetzte der Bankpräsident, ganz gemütlich die tobenden Aufrührer überschauend, »könnt nicht«, meinte er sehr zufrieden, »ist sehr rar jetzt, bar Geld; haben bar Geld gegeben – Dollars. Seid nicht imstande sie aufzubringen, wenn wir unser Veto einlegen.«

»Ihr seid ein Despot!« schrie wieder Oakley.

»Ein Tyrann!« Bentley und der General.

»Ganz richtig«, versetzte lächelnd der Bankpräsident, »ein furchtbarer Tyrann! Wußtet ihr das nicht? Bin ein Tyrann, ein Unmensch, und ihr seid so human, liebenswürdig, glaubt gar nicht, wie liebenswürdig!«

»Unausstehlich!« riefen sie wieder, »glauben, er treibt Scherz mit uns.«

»Behüte es! Ohne Komplimente!« lachte wieder der Bankpräsident, »will euch nur sagen, kommt mir just die Laune.«

»Wollen nichts von Euren Launen hören!« rief wieder stolz Bentley.

»Kann nicht helfen, hab sie nun, diese Laune, weiß wohl, daß es eine üble Laune ist; aber laßt mich, nun nicht anders, meine Laune. Wißt ihr aber, daß das vorletzte Jahr über hundert Duelle, das letzte beinahe gleichviel vorgefallen?«

»Wohl, und was weiter? Was geht das Euch an?«

»Nichts weiter, als daß durch diese zweihundert Duelle – zweihundert Hoffnungen, Erwartungen, Existenzen, Freuden – von gerade zweihundert Vätern und Müttern, Geliebten geknickt, zweihundert Verzweiflungen, Trostlosigkeiten dafür eingekehrt.«

Er hielt inne. Alle schwiegen.

»Unsere ganze bürgerliche Gesellschaft aber vierhundert Jahre – in die Zeiten des einstmaligen Faustrechtes zurückgerückt worden.«

Wieder schwiegen sie.

»Gesetze halfen nichts, Prediger halfen nichts, die Tränen der Geliebten, der Mütter – halfen nichts. Nichts half.

Da taten wir uns, einige Tyrannen, Despoten, zusammen«, fuhr der Bankpräsident im Stakkato-Tone fort, »beschlossen, dem hochritterlichen Mississippitreiben Einhalt zu tun.

Sehr tyrannisch fingen wir unser Komplott an, bildeten nämlich einen despotischen Verein, der sich verbindlich machte, keinem mehr Geld zu kreditieren, der nicht sein Ehrenwort gäbe, der ritterlichen Unterhaltung, Duellieren genannt, für die Zeit hindurch zu entsagen, wo er uns schuldete.

War freilich sehr tyrannisch von uns«, fuhr im spielenden Tone der Präsident fort, »sehr tyrannisch, einen so edlen Zeitvertreib behindern zu wollen, aber ließen uns leider nicht in unserer Tyrannei beirren. Und hatte diese Tyrannei die entsetzliche Folge, daß dieses Jahr nicht mehr als fünfzig Duelle gefochten wurden, und zwar vierzig in den ersten sechs Monaten, zehn in den letzten.

Brauchten aber in diesen letzten sechs Monaten mehrere unserer chevalereskesten, hochherzigsten Gentlemen wie zum Beispiel unsere tapferen Obersten Cracker und Meadow – Geld und wieder Geld.

Kreditierten ihnen, aber unter der Bedingung und nach mündlich und schriftlich gegebenem Ehrenworte, binnen der Zeit, wo sie uns schuldeten, kein Duell, was immer die Veranlassung, anzunehmen oder zu befördern.

Bin nun leider Präsident dieses despotischen, hartherzigen, tyrannischen Vereins, Gentlemen!« schloß mit einem recht fatalen Lächeln der Mann, »und kann daher, so leid es mir tut, eurem generösen Drange nicht nachgeben.

Seid sehr brave, generöse Bursche!« hob er wieder an.

»Und Ihr ein sehr queerer Kauz!« fiel ihm lachend der General ein, seine Hand erfassend. »Hol Euch der Teufel, Präsidentchen!«

»Verdammt queer!« riefen die Lippen beißend Oakley und Bentley. »Hol Euch der Teufel, Präsidentchen!«

»Hol ihn der Henker!« riefen lachend alle, »er macht durch sein Geld mit uns, was er will.«

»Money is power – wißt ihr das nicht? Jefferson meinte: Knowledge is power – heutzutage ist's money!« meinte lachend das Präsidentchen.

»Aber jetzt laßt uns doch auch den sogenannten Burschen näher besichtigen«, raunte kopfschüttelnd das Präsidentchen dem General zu, »hätte uns da beinahe in eine Quandary mit unseren besten Freunden gebracht. Wollen ihm denn doch auch auf den Zahn fühlen. Auf alle Fälle ein queerer Bursche. Steht euch da, beschaut uns vierundzwanzig Mississippi-Gentlemen, die« – er blickte scharf und flüchtig über sie hin – »ihre sieben Millionen Dollarchen wiegen – gerade als ob wir neu geworbene Rekruten wären. Queeres Chevalierchen!«

»Sehr queer!« versicherte der General.

Und sehr queer war er zu schauen, unser Texaser Chevalierchen, bald mit der Reitgerte spielend, dann so verzückt lächelnd, seufzend, wieder mit weit aufgerissenen Augen dem kaustischen Geldmanne horchend.

»Dürfen wir so frei sein zu fragen, wen die sogenannte Kajüte unseres Freundes Murky zu besitzen das Glück hat?« fragte mit zweideutigem Lächeln das Präsidentchen.

»Glaube, habe es doch schon gesagt, mehr als einmal gesagt«, versetzte wie aus einem Traume erwachend das Chevalierchen, »nenne mich Oberst Morse von Texas.«

»Oberst Morse von Texas?« lächelte das Präsidentchen, »vermute, dann kennt Ihr einen gewissen Edward Morse, der auch so etwas in Texas sein soll?«

»Vermute«, versetzte wieder der Texaser, »da ich das Glück oder Unglück habe, es selbst zu sein.«

»Habt Ihr?« lachte der Geldmann, »dann habt Ihr ja auch ein Onkelchen – und was sagte das Onkelchen«, fragte er weiter, »als Ihr es zuletzt sahet?«

Der junge Mann schaute den Fragenden einen Augenblick erstaunt an. Die Frage war so queer!

»Sir!« stotterte er.

»Was sagte er, als Ihr ihn zuletzt sahet? Wo saht Ihr ihn zuletzt, das Unclechen?«

»Das Unclechen?« rief der junge Mann, den Alten anstarrend.

Dieser veränderte keine Miene.

»Was sagte er, als er Euch eine Note, glaube, es war eine Hundertdollarnote –«

»Eine Hundertdollarnote!« rief der junge Mann. – »Meiner Seele! Ihr –«

»Nun, ich?«

»Ihr seid Uncle Duncan, oder der –«

»Stop, Sir!« rief abwehrend Uncle Duncan, »was sagte er?«

»Er sagte, er sagte: Ned, take care of thy money; money is power, sagte er.«

»Ah, Ned!« rief jetzt der Uncle, »bist Ned, bist Ned. Gentlemen! ist Ned. Was meine Judith – wie die sich freuen wird! Willkommen, Ned!«

»Uncle Dan!« rief überrascht Ned.

»Uncle Dan! Uncle Daniel in der Löwengrube!« lachte dieser, »und du wußtest nicht, daß ich da bin?«

»Kein Wort, Unclechen!«

»Und kamst doch her?« fragte kopfschüttelnd das Unclechen.

Ned stockte verwirrt einen Augenblick, dann fiel er wie außer sich dem Onkel in die Arme. »Unclechen!«

»Stop, man!« schrie das Unclechen, »halt, Mann! da steckt etwas dahinter, bringt mir meine Tour in Unordnung. Bist unter den Texaser Freibeutern gewesen, sehe es wohl, hast da das Ungestüme gelernt.«

»Gentlemen!« wandte er sich an die zweifelhaft den Kopf Schüttelnden.

»Gentlemen! habe das Vergnügen, euch meines Schwagers – Supreme Judge Morses zu Washington Sohn – Oberst Morse aufzuführen.«

»Euren Neffen?« riefen sie verwundert.

Die Ankündigung schien den Sturm weniger stillen als eine neue Richtung geben zu wollen; denn es erhob sich ein zweifelhaftes Gemurmel, dem wieder ein stürmischer Wortwechsel folgte.

Oakleys Stimme ließ sich über alle hören.

»Ihr seid es Euch, uns, dem Gentleman schuldig, Abbitte zu tun, Cracker!«

»Die wir nicht zu leisten gedenken«, rief wieder Cracker, »der Zweifel in bezug auf Oberst Morse ist nicht gehoben.«

»Er ist's; Ihr habt es mit mir zu tun, wenn Ihr nicht Genugtuung gebt!« schrie wieder Oakley.

»Und mit mir!« Bentley.

»Hang ye!« schrie der Bankpräsident ärgerlich, »ist denn der Satan gar nicht zu bändigen? Geht er noch immer umher, brüllend wie ein Löwe, suchend zu verschlingen? Sage euch, wer noch ein Wort von Genugtuung hören läßt, muß es mit mir aufnehmen auf Lanze oder Pistolen, Kanonen oder Kartätschen.«

»Mit Euch auf Lanze oder Pistolen, Kanonen oder Kartätschen?« riefen lachend alle.

»By Jove! mit mir«, lachte der Bankpräsident, »oder glaubt ihr's nicht? Fürchtet euch nicht einmal vor mir? Sag euch, habe auch Pulver gerochen.«

»Ihr, Bankpräsidentchen?«

»Ei, habe, auf Ehre! Habe, kein Scherz, Irrtum oder Zweifel. Habe Pulver, ganze Tonnen Pulver gerochen. Kartaunen-, Kartätschen- und Kanonen-, Bomben- und Haubitzenhagel ausgehalten, selbst gefeuert.«

»Aber nicht scharf geladen?«

»Scharf geladen, Boys!« jubelte der Bankpräsident, »scharf geladen, so scharf, daß die Leute links und rechts wie Kornähren sanken.«

»Das müßt Ihr erzählen!«

»Muß ich? Muß ich? Wohl, wenn ich muß, so will ich; zuvor muß aber Friede und Eintracht sein. Cracker und Meadow! Die Hand zur Versöhnung gereicht!«

»Oberst Cracker! Oberst Meadow!« rief es von allen Seiten.

»Wir können unsere Zweifel nicht zurücknehmen«, versetzte Meadow, »dieser Gentleman kann nicht Oberst Morse aus Texas sein.«

»Was zum Teufel soll er denn sein?« rief der Bankpräsident.

»Er kann General, aber nicht Oberst sein. Es gibt keinen Oberst Morse.«

»Das ist wahr«, versetzte lächelnd der Texaser, »denn der Oberst Morse ist General geworden.«

»Seid Ihr's wirklich?« rief überrascht der General.

»Bah! seit einem halben Jahre, hoffe jedoch, es wird in meinem halben Inkognito keine Beleidigung liegen.«

»Aber Oberst Cracker und Meadow hatten recht, wenn sie dich für verdächtig hielten, Ned!« schrie der Präsident, »du warst verdächtig, bist es, der Abbitte zu leisten hat.«

»Die ich auch zu leisten willig bin«, versetzte lächelnd der General, die Hand den beiden entgegenstreckend.

»Kuriose Leute ihr, punctiliose Leute, meiner Seele!« rief wieder der Präsident, »seid ärger als die –«

»Nicht ärger als unser Bankpräsident!« riefen Cracker und Meadow.

»Meiner Seele nicht!« lachten alle.

»Ja, aber Eure Bomben und Kartätschen!« riefen wieder die einen.

»Und Kanonen und Kartaunen!« die andern.

»Die erlassen wir Euch nicht!« lachten alle.

»Wohl, so müssen wir uns denn fügen«, versetzte mitlachend der Präsident. »Phelim!« wandte er sich an diesen, »bist wieder einmal so benebelt, daß du gar nicht siehst, wie wir im Trockenen sitzen; vermute auch, hast den Auftrag deines Herrn ganz vergessen, ihn bei den Gentlemen zu entschuldigen.«

»Bei Jasus! nicht vergessen«, platzte der Irländer heraus, »nicht vergessen, bei St. Patrick! Ihnen gesagt, hinny, daß Kap'tän Murky im Paradiese.«

»Wohl, jetzt geh und sei ein guter Bursche und lasse die Punschbowle füllen. Wollen sie bis an den Rand voll haben und dann sagen, wie es kam, daß wir Pulver gerochen. Schickt sich gerade recht, die schönste Gelegenheit –«

»Bravo!« riefen alle.

»Ja, wollen euch sagen, wie es kam, daß der Kap'tän oder vielmehr ein Kap'tän und ich, Pulver gerochen, sobald Phelim das Nasse gebracht.«

Phelim und einige seiner schwarzen Helfershelfer brachten nun das Nasse; die Gläser wurden gefüllt, angestoßen.

Alle setzten sich in gespannt fröhlicher Erwartung.

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