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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Der Kapitän

Das Interregnum
oder
Money is Power

»Bei meiner Seele! ein Meisterstück irischer Schilderung!« brach endlich der Oberste Richter aus. »Nicht bald habe ich etwas gehört, das das wild Launige, desperat Humoröse des irischen Nationalcharakters, eine lustige Verzweiflung inmitten des härtesten Druckes so springfedrig drollig, tragikomisch gezeichnet hätte. Phelim, wo hast du die Geschichte her? Sie ist köstlich!«

»Die kapitalste Hanfbraut-Trauungsgeschichte, die ich je gehört, Phelim!«

»Kapital! Wirklich kapital!« fiel der General ein.

»Und dann so vollkommen das Gegenstück zu der des Texasers!« meinte Oberst Cracker.

»Cracker! Cracker!« mahnte Oakley, »Ihr springt mit dem Texaser auf eine Weise um, die, besorge ich, Euch ein Naserupfen zuziehen wird. Was hat er Euch nur getan?«

»Pooh! Getan? Wollte den sehen, der Cracker etwas tun würde! Ist mir verdächtig, sein Gesicht mir fatal.«

»Sein Gesicht fatal?« lachte Bentley kopfschüttelnd. »Es ist das edelste, heiterste, männlichste Gesicht, das Ihr sehen möget, ein wahres Apollogesicht!«

»Der Himmel segne Eure Augen!« lachte Cracker, »Phelims Gesicht ist mir zehnmal lieber.«

»Und seine Geschichte«, fiel Meadow ein, »zwanzigmal.«

»Jedenfalls hat er den Sieg davongetragen!« rief ein dritter.

»Er hat, er hat!« fielen mehrere ein.

»Auch im wichtigen Punkte der Moral«, bekräftigte ein kleines Männchen mit gehäbigem Bauche, dicken österreichischen Lippen und salbungsreichen Blicken, »auch im Punkte der Moral«, versicherte er eifrig. »Finde sie sehr exzeptionabel, die Moral des jungen Mannes, unmoralisch diese Texaser Tendenzen!«

»Und was sagt Ihr zu all den Geschichten, Direktor?« fragte, die unmoralischen Tendenzen überhörend, der General seinen Nebenmann, dessen schwimmende Augen kopfschüttelnd das Punschglas betrachteten.

»Hol der Henker Irland und der Teufel Texas! Das sag ich, General! Wird uns unsern Cottonmarkt ganz verderben, dieses Texas. Sag Euch, furchtbarer Cotton, dieser Texaser, ominöser Cotton – wahrer Sea-Islands!«

Und wie der Mann mit dem scharf spekulierenden, aber jetzt etwas schwimmenden Auge blinzelt und den Zeigefinger an die spitze Bostoner Handelsnase legt, werden alle auf einmal so aufmerksam. Offenbar wirkten die Worte.

»Bankdirektor!« riefen sie.

»Furchtbarer Cotton! ominöser!« wiederholte wie schaudernd der Bankdirektor. »Überbietet, sag ich, den Sea-Islands by a long chalk.«

»Bankdirektor!« riefen sie halb entsetzt.

»Und dann keinen Tarif! Denkt nur, keinen Tarif, Allianz mit Frankreich, nächstens mit England. – Schaut euch zu, wo ihr mit eurer Baumwolle bleibt; sag's euch, schaut euch zu!«

»Bankdirektor!« schrien sie nun ganz entsetzt.

»Hol der Henker das ganze Texas!« stöhnte der Bankdirektor.

»Keinen Tarif!« schrien die einen.

»Alianz mit Frankreich!« kreischten die andern.

»Unser Cottonmarkt beim Henker!« stöhnten die dritten.

»Hol der Henker das ganze Texas!« fielen sie im Chorus ein.

Zugleich schaute sich doch wieder einer um den anderen nach dem Texaser um. Er war aber seit einer halben Stunde verschwunden.

»Aber wo ist nur unser pretiöser Texaser?« rief, leichter Atem holend, Oberst Cracker.

»Gegangen, um seinem Bob die zweite Leichenpredigt zu halten!« versetzte lachend Meadow.

»Oder für ihn zu beten!« lachte wieder Cracker.

»Queerer Bursche auf alle Fälle!« hob wieder der vorige an.

»Sehr queer!« versicherte der kleine Mann, »scheint den Bobs sehr gewogen.«

»Fand das selbst einigermaßen queer!« bemerkte der General, ohne jedoch den kleinen Mann eines Blickes zu würdigen; er war nämlich bloß noch Anfänger mit kaum zwanzig Schwarzen, hatte erst seit kurzem die Kanzel mit der Pflanzers-Cabotte vertauscht. »Fand das auch sehr queer«, bemerkte er, einen Quid nehmend. »Sagt' es ihm auch – wißt Ihr, sagt' ich ihm, daß ich ganz und gar nichts gegen Eure Geschichte, was den Krieg und so weiter betrifft, einzuwenden habe, aber mit Eurem Bob laßt mich in Ruhe.«

»Nun, was das wieder betrifft«, lachte Oakley, »so habt Ihr, mit Erlaubnis zu sagen, das nicht gerade in so plain English gesagt, General! Auch zweifle ich, daß er es Euch so gutwillig hingenommen hätte, denn versichere Euch, scheint mir nicht der Mann, eine Derbheit geduldig in den Sack zu stecken. Ist auf alle Fälle ein Gentleman!«

»Gentleman! Gentleman!« spottete Cracker. »Weiß nicht, Oakley, was Ihr an dem Burschen so Genteeles findet, ist ein queerer Bursche, sage ich Euch.«

»Sehr queer!« versicherte trocken Oberst Bentley, »hat Euch tüchtige Querhiebe versetzt.«

»Dafür will ich ihn bei der Nase zupfen, was gilt die Wette, ich zupfe ihn bei der Nase?« schrie Cracker.

»Kapitaler Bursche, der Cracker!« schrien die einen.

»Hat Spunk! Gibt eine gloriose Frolic!« die anderen.

»Was gilt's?« schrie Cracker. »Tausend gegen hundert!«

»Angenommen, die Wette!« riefen wieder ein halbes Dutzend Stimmen. »Angenommen!«

»Keine Sottise, Gentlemen!« sprachen die Obersten Oakley und Bentley, »keine Sottise! Vergesset nicht, was ihr euch, was ihr einem fremden Gentleman schuldig seid!«

»Fremden Gentleman! Fremden Gentleman!« schrien wieder Cracker und Meadow. »Behaupte, er ist kein Gentleman. Kein Gentleman wird sich mit Leuten wie Bob abgeben.«

»Solche abominable, antisoziale, antimoralische Grundsätze hegen und proklamieren!« fiel die geistliche Kleinigkeit ein.

»Verrät auf alle Fälle eine schlechte Schule!« schrie ein dritter.

»Schlechtere Gesellschaft«, fiel ein vierter ein. »Wundere nur, wer ihn gebracht hat!«

»Wer hat ihn gebracht?« schrie Meadow.

»Wer?« überschrie ihn Cracker. Und alle schauten sich fragend an.

»Wer hat ihn auf- und eingeführt?« schrie abermals Meadow.

»Weiß nicht!« war die allgemeine Antwort.

»Das ist doch seltsam!« bemerkte mit einigem Kopfschütteln der General. »Weiß keiner, Gentlemen, wer ihn auf- und eingeführt? Er muß doch eingeführt worden sein?«

»Keiner weiß es!« kicherte Meadow.

»Wirklich seltsam!« bemerkte, den Kopf mehr und mehr schüttelnd, der General. »Fällt da mitten unter uns herein, nimmt das Wort, führt es den ganzen Abend hindurch auf eine Weise!«

»Eine recht impertinente Weise!« versicherte Cracker.

»Aber ihr habt ihn ja aufgefordert, Gentlemen, ihn dringend wiederholt aufgefordert!« rief Oakley dazwischen.

»Gewiß!« fielen mehrere bei.

»Aber keiner weiß, wer ihn gebracht hat?« bemerkte wieder der General.

»Vielleicht ist er bei Kap'tän Murky eingeführt?«

»So frage man Kap'tän Murky!« rief sehr positiv der General. »Konveniert uns ganz und gar nicht, in seinem Dings von Hause da mit Subjekten zusammenzutreffen, von denen man nicht weiß –«

»woher sie kommen«, fiel wieder Cracker ein.

»Oder wohin sie gehen«, fügte Meadow hinzu.

»Und die solch abominable, antisoziale, antimoralische Grundsätze zutage fördern!« seufzte salbungsvoll der kleine Prediger-Pflanzer.

»Gentlemen!« nahm Oakley das Wort, »ich bin der Meinung, daß ihr zu rasch vorgeht, daß ihr besser einem Komitee das Ganze zur Untersuchung überlaßt. Ich schlage ein Komitee vor. Vergeßt nicht, daß wir im Hause eines unserer geachtetsten, wackersten Nachbarn, Kap'tän Murkys, sind, daß ihr, die ihr seine Gastfreundschaft genießet, nicht das Recht habt –«

»Der Meinung bin ich auch, wir haben nicht das Recht, Gäste, die wir in seinem Hause vorfinden, nach Coventry zu senden«, bemerkte Bentley.

»Selbst dann nicht, Oberst Bentley«, schrie Cracker, »wenn mehr als Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß wir einen sogenannten Sporting-Gentleman unter uns haben?«

»Was meint Ihr damit?« riefen alle.

»Nichts weiter«, versetzte Cracker, »als daß der Mann, der sich hier für den Obersten Morse ausgibt, weder auf- noch eingeführt ist, daß er am St. Catharine zu uns stieß, auf eine Weise zu uns stieß, die wohl Verdacht erregen kann, daß er auf einem Pacer Parkers – in der größten Verwirrung kam, sich auf allen Seiten umschaute, bald vorwärts, bald rückwärts ritt, wie etwas suchend, offenbar in Angst.«

»Sehr verdächtig das!« versicherte der General. »Auf einem Mietpferde!« fügte er kopfschüttelnd hinzu.

»Sehr verdächtig!« fiel Meadow ein. »Der Mann kam mir gleich verdächtig vor und ganz wie einer, mit dem es nicht ganz richtig, denn er schloß sich im Pell Mell uns an; – ich weiß bestimmt, daß er Kap'tän Murky nicht aufgeführt worden.«

»Und ich sage es euch nochmals, er ist ein Gentleman; nur ein Gentleman, ein Mann von hoher Bildung kann sprechen, wie er spricht!« rief wieder Bentley.

»Pooh! ein Mann von Bildung!« spottete Cracker. »Unsere Sporting-Gentlemen sind auch Männer von Bildung. Findet auf jedem unsrer Dampfschiffe ein paar Gentlemen solcher Bildung. Gefällt mir der Gentleman nicht, der mit einem Bob sympathisieren kann.«

»Horribel das!« stöhnte der kleine Prediger-Pflanzer.

»Gefällt mir auch nicht«, versicherte mit portenteuser Stimme der General. »Gefällt mir auf alle Fälle nicht. Glaube, wir sind uns sowohl als unserem Freunde Murky schuldig, der Sache auf den Grund zu kommen.«

»Bin derselben Meinung!« fiel Oberst Cracker bei.

»Auch ich stimme bei!« schrie Meadow.

»Und ich gleichfalls!« krächzte der Prediger-Pflanzer. »Kam, wißt ihr, vorgestern von Louisville herab, sag euch, waren da auf unserem Dampfer vier Bursche, hättet sie vom ersten Buck und Beau Broadways nicht unterscheiden können, so artig, galant, zuvorkommend taten sie, wußten sie euch ihre Worte zu setzen. Wer waren sie? Sporting-Gentlemen!«

»Aber daß nur die Kapitäne der Dampfschiffe diese heillosen Wüstlinge zulassen!«

»Das zu verhüten ist unmöglich, General!« versicherte der Prediger-Pflanzer, »denn nie findet sich dieselbe Sporting-Gentry ein zweites Mal auf demselben Dampfschiffe ein – sie wechseln immer, was sie leicht können, da sie der Dampfschiffe drei- bis vierhundert auf dem Mississippi haben. Und viele der Kapitäne sind auch einverstanden mit ihnen.«

»Eine furchtbare Bande!« riefen alle.

»Gentlemen! Es muß ausgemittelt werden!« entschied in letzter Instanz und mit wahrhaft diktatorischer Würde der General.

»Es ist von höchster Wichtigkeit, daß ausgemittelt werde – wir sind es uns, wir sind es Kap'tän Murky schuldig, obwohl der gute Kap'tän Murky –«

»es mit dem gentlemanischen Kode eben nicht so genau zu nehmen scheint«, fügte er etwas weniger laut und mehr herablassend hinzu, »aber wo ist er?«

»Wo ist er?« riefen alle.

»Wo ist er?« schrien sie, als keine Antwort kam.

»Im Paradiese!« jubelte Phelim vom Ende des Saales herüber, »im Paradiese, hinnieshinnies: Hinnies – statt honnies – Zuckersüße! Honige!

»Was sagt der tolle Irländer?«

»Der tolle Irländer? Der tolle Irländer«, gellte Phelim, »sagt, daß Kap'tän Murky im Paradiese ist.«

»Phelim, bist du toll?«

»Sag euch, onnursonnurs: Your onnur – your honour – Euer Ehren! Wohlehren! und hinnies! ist im Paradiese, jedes Bein von seiner Mutter Sohn!«

»Im Paradiese!« rief entrüstet der General, »im Paradiese, und läßt uns hier allein mit dem toll benebelten Irländer, und ist im Paradiese?«

»Wer wird nicht ins Paradies, wenn es bloß fünf Meilen weit ist, hinnie?« grinste wieder der tolle Irländer.

»Gentlemen!« rief entschieden der General, »bin der Meinung, daß unseres Bleibens hier nicht länger, daß Selbstachtung gebiete. Finde es im höchsten Grade geringschätzig, beleidigend.«

»Unverzeihlich!« fielen die einen ein.

»Strafwürdig!« die anderen.

»Pshaw!« gähnte der Bankdirektor dazwischen, »was findet ihr unverzeihlich, strafwürdig: Daß er euch ein Diner gab, zu dem ihr euch selbst eingeladen – ein fürstliches Diner, Schildkrötenpasteten, Champagner, Lafitte und einen Madeira!«

»Kapitaler Madeira, 'pon my word!« meinte doch wieder der General, »kapitaler! Governor Kirkbys braun gesiegelter löst ihm nicht die Schuhriemen auf, sicher und gewiß nicht! Wißt Ihr, Bankdirektor, ob er ein fünf oder sechs Dutzende ablassen würde?«

»Keinen Korkstöpsel für Geld, General, aber zwanzig für Freunde. Ist nicht der Mann, abzulassen. Queerer Kauz, einsilbig, finster, sparsamer mit seinen Worten als seinem Madeira. Habe noch nicht hundert Worte von ihm gehört, wohl aber hundert Bouteillen bei ihm getrunken. Auch sein Lafitte –«

»Sehr queer!« versicherte der General.

»Seid ein Barbar, General, wenn Ihr den queer findet!« versetzte ärgerlich der Bankdirektor, »ein wahrer Barbar! Der beste Lafitte, den Ihr am Mississippi trinkt, kein besserer in la belle France, reell!« beteuerte er mit der Zunge schnalzend.

»Köstlich«, bekräftigte unwillkürlich nachschnalzend der General. »Aber sagt mir nur, wie steht es eigentlich mit ihm, ist er auch respektabel? Habe mich da ein vier- oder fünfmal bei ihm dinieren lassen, wollte aber doch nicht, wißt Ihr? Sieht gar so queer in seinem Dings hier aus; wahres Ungeheuer von Balken und Brettern, dieses Haus, wie ein alter Vierundsiebziger zusammengezimmert.«

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