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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Waren aber die Straßen, durch die er mußte, so voll Menschen, wie ihr alle Tage eures Lebens nicht geschaut; hatten ihn gar so gern, alle Menschen. War es aber damals die Mode, vor der Stadt gehangen zu werden, ganz und gar nicht wie heutzutage, wo die Leute es viel bequemer haben und geradezu vorm Fenster ihres Armensünderstübchens aufgehangen werden; aber wußte man halt in jener Zeit nichts von verfeinerten und humanen Gefühlen und die Galgen komfortabel und bequem zu stellen und einzurichten, sondern steckte die Leute in einen Karren, just wie euer Pächter die Mastschweine, die er zu Markte fährt, und ging es so fort, holterdipolterdi durch die ganze Stadt, dem Galgen zu, der immer eine gestreckte halbe Meile vom Tore weg lag.

Wohl, wie nun der Karren mit dem armen Kishogue um die Ecke der Kreuzstraße herumkommt, wo Wittib Hullagan ihre Pintenschenke hatte – ehe die schäbig räudigen Plärrer, die Methodisten, sie niedergerissen und dafür ein geistliches Versammlungshaus hinstellten – hole sie der Henker, die schäbigen, winselnden Hunde, die allen Zeitvertreib verderben, wo sie sich nur immer einnisten! – Ja, das darf ich auch nicht vergessen, wenn immer der Karren mit der ganzen Prozession an die Ecke zu kommen pflegte, was geschah anders, als die Prozession hielt an und heraus kam ein Fiedler, auf seiner Geige aufspielend und die Prozession anführend, und die Wittib Hullagan mit einem tüchtigen Kruge Würzwein oder Punsch zur Stärkung des armen Sünders und dem, was ihm bevorstand; denn ist so eine Spazierfahrt zum dreibeinigen Roß, wißt ihr, eben nicht die pläsierlichste, selbst wenn man für eine gerechte Sache stirbt, wie Uncle Meigs sagte, als er gehangen wurde, weil er den Akzisemann von Londonderry kaltgemacht.

Wohl denn, wißt ihr, hielten also richtig immer an der Wittib Hullagans Pintenschenke an, und das eine gute Weile, denn wollte man nicht dem in der Equipage die letzte Gottesgabe verkümmern durch allzugroße Eile, auch ihm eine gute Gelegenheit geben, ein Wort oder so mit trauten Freunden oder Freundinnen im Vorbeigehen zu schwätzen; zu geschweigen, daß es gar erbaulich und trostreich fürs Volk zu schauen, wie einer der Seinigen sich letzt und gebärdet und ein armes Sündergesicht schneidet.

Wohl, wie es nun schon zu gehen pflegt und der Böse zuweilen sein Spiel treibt, so war an diesem Samstag, wie der Karren mit dem Kishogue vor der Pintenschenke ankommt, kein Fiedler weder zu sehen noch zu hören. Kam euch aber aufgezogen, der Kishogue, so mutig und tapfer, als säße er in Mylord Leutnants Staatswagen, und gar nicht bleich und niedergeschlagen. Aber in der Sekunde, wo der Karren anhält, springt er auf wie ein Bock und brüllt euch wie ein Stier, brüllt er: ›Schickt mir den Tom Riley heraus; alsogleich schickt mir den Tom Riley heraus, daß er mir aufgeige und das Herz kräftige mit dem Stücke von den Buben von Mallow!‹

Denn war ein Mallowbursche, sicher und gewiß, und gar stolz auf seinen Geburtsort.

Wohl, wie es nun der Teufel schon haben will und er so nacheinander wohl ein dutzendmal aufbrüllt und wie rasend im Karren heraufspringt, war alles still, kein Tom Riley zu sehen, kein Tom Riley zu hören, und war die Ursache davon, daß er nicht da war, weil er toll und voll in einem Graben nicht weit von Blarneys lag.

War auf dem Heimwege von der Beicht, wißt ihr, und hatte aus lauter Freude, daß ihm der Pfaffe seinen Sündenpack abgenommen, sich etwas zugut getan und war darüber in den Graben gefallen und eingeschlafen, wißt ihr.

Und wie nun Kishogue hört, daß er sein Leibstück und Lied nicht haben kann, wird er euch doch so totenblaß und bleich, sah euch geradezu aus, als ob er schon am hölzernen Rosse hinge, und ging es ihm so zu Herzen, daß er absolut von gar nichts mehr hören, keinen Trost mehr annehmen wollte und geradezu nach dem Galgen verlangte, seiner Lebensqual mit einem Male ein Ende zu machen.

›Oh! bringt mich fort, bringt mich fort!‹ schreit und heult er. ›Will von nichts mehr wissen, will nichts mehr hören! Oh, bringt mich weg‹, schreit er in Verzweiflung, ›denn Tom Riley hat mich betrogen, hat versprochen, mir aufzufiedeln die Buben von Mallow, auf daß ich stürbe wie ein wackerer Bube von Mallow. Oh, bringt mich weg – weg – kann nicht sterben wie ein wackerer Mallowbube!‹

›O Herzensbübchen! Kishoeguechen! Perlchen! Schätzchen!‹ schreit wieder die Wittib Hullagan, ›o Schätzchen, Täubchen!‹ kreischt sie, ›nimm das Nasse gleichwohl, o nimm es und trink und letze dich und laß dir Zeit, Püppchen, Schätzchen! O Perlchen, Kishoguechen! Trink um der gloriosen Jungfrau Ursula und aller ihrer dreiunddreißigtausend Jungfrauen willen!‹

War euch nämlich eine gar fromme und gottesfürchtige Frau, die alte Wittib Hullagan, und in der katholischen Kirchengeschichte schier so gut wie der Pfaffe bewandert, auch mächtig empfindsam, so daß sie richtig immer mit dem armen Sünder zum Galgen ging und das Trinken umsonst hergab, und wäre er wildfremd gewesen. War es aber ein besonderer Freund, dann mußte sie immer zunächst dem Galgen sein und seine Abfahrt mit ansehen. Ach, war euch eine köstliche Frau, die alte Hullagan, und hättet sie hören sollen, wie sie jetzt schrie: ›Kishogue, mein Schätzchen, mein Perlchen! o nimm doch das Nasse!‹ – und wie sie ihm den vollen Krug zum Karren hinaufhielt.

Und war euch ein so rundbauchig gewaltiger Krug, voll des köstlichst gewürzten Weines und Branntweines, ein Lord hätte ihn trinken mögen!

Wollt ihn aber nicht anrühren, der arme Kishogue. ›Fort aus meinen Augen‹, schreit er, ›fort! Mein Herz ist betrübt bis in den Tod, denn Tom Riley hat mich betrogen, hat mir versprochen aufzufiedeln, auf daß ich fröhlich und tapfer stürbe wie ein wahrer Mallowbube – und kann nicht wie ein Mallowbube sterben!‹ heult er gar kläglich, ›und ist mein Herz betrübt, schier zum Brechen, und will sterben! Und sei verflucht der Tropfen, der über meine Zunge kommt, will keinen Johannistrunk, will sterben!‹

Und war's sicher und gewiß zum ersten Male in seinem Leben, daß Kishogue das Nasse zurückstieß und verfluchte, worüber sich alle Leute schier entsetzten, schüttelten auch die Köpfe darüber und sagten, daß es nun mit ihm gewiß Matthäi am letzten; soll so immer der Fall sein.

Wohl, fort rollt und poltert der Karren mit Kishogue – dem Galgen zu, und alle die Leute nach, aber still und verstimmt, wißt ihr, weil Kishogue gar so wild und verzweifelt tat und von nichts mehr hören wollte und nur antrieb, daß seinen Leiden ein Ende gemacht würde. Und kamen sie auch nur zu bald am Galgen an, wo, wißt ihr, sie eben nicht mehr viel Federlesens mit 'nem armen Teufel zu machen pflegen.

Aber winkt doch noch der Sheriff dem Hängemanne, seinem Gehilfen, und fragt den Kishogue, ob er nicht ein Wort oder so verlieren wollte zur Erbauung der Leute und ihrem Komfort und seinem eigenen.

Schüttelt aber Kishogue abermals den Kopf und heult: ›Fort, fort! Will nichts mehr sehen, nichts mehr hören, denn Tom Riley hat mich betrogen; habe gehofft, wie ein fröhlicher Bube von Mallow zu sterben, und ist mein Herz betrübt bis in den Tod!‹

Und so sagend und heulend ward er euch so ungeduldig nach der Hanfbraut!

War aber, die Wahrheit zu gestehen, gar nicht schön von ihm, daß er sich noch zu guter Letzt so unfreundlich zeigte, seine Freunde um die Galgenpredigt brachte. Hielten es auch viele für recht schäbig von ihm, denn hatten sich darauf gefreut, wißt ihr, weil er just der Bursche, seine Worte zu stellen trotz einem, und kapital dazu. Und die Pfennigsblättleindrucker und die Balladensänger und Verkäufer, die schon die Finger gespitzt und die Federn eingetunkt, die schimpften euch geradezu und laut, sagten es auch frei heraus, es sei gemein und schlecht von ihm, sie um ihren ehrlich verdienten Pfennig zu bringen.

Aber meinten es doch wieder im Grunde nicht so böse, denn wußten wohl, daß sein Herz betrübt von wegen des Streiches, den ihm Tom Riley gespielt, und sah er euch auch jetzt so bleich aus, wie sie die Siebensachen für ihn zurechtmachten. Waren seine letzten Worte: ›Schafft mich aus der Welt – alsogleich schafft mich aus der Welt, denn mein Herz ist betrübt, weil Tom Riley mich betrogen in meiner letzten und liebsten Hoffnung, als fröhlicher Bube von Mallow zu sterben!‹ Und kurz und gut, und eine lange Geschichte nicht länger zu machen, so legten sie denn die Dinge zurecht und taten ihm, wie er es haben wollte, und als sie ihm die Hanfbraut um den Hals gelegt, wartet er gar nicht lange, sondern stößt die Leiter, auf der er steht, selbst weg und schnellt sich hinüber in das jenseitige Land. – Und hörtet einen Knack, saht einen Hops, ein kurzes Baumeln, Zucken, und aus, Maus war's mit ihm – und er im Himmel, oder sonstwo.

War aber mit dem rechten Fuße vorwärtsgeschnellt, was, wie die Leute sagen, immer ein Zeichen ist, daß er in die ewige Glorie eingegangen. Und mag er wohl dahin eingegangen sein, denn war euch sicherlich ein gar fröhlich munterer Bursche, voll Teufelei, aber im Grunde herzensgut, wißt ihr, nur ein bißchen unbequem unseren alten Herren, und die, wißt ihr, wenn sie einen auf die Muck nehmen, er entgeht ihren Krallen nicht. Ist nun schon so einmal der Welt Lauf.

Wohl, wie er nun so hängt und die Leute ihn alle anschauen und betrachten, was für ein tüchtig gestreckter Leichnam er geworden ist, was geschieht? Was glaubt ihr wohl, daß geschieht?

Just wie alles aus, Maus mit ihm, läßt sich draußen außer dem Ringe ein Schrei hören, und ein Reiter auf einem weißen Pferde kommt herangesprengt, der, ihr würdet geschworen haben, die Lüfte spalten wollte, so flog er – gerade dem Galgen zu. Und wie er so an den Galgen zugeflogen kommt, sehen die Leute, daß das Roß schwarz ist, aber ganz weiß vor lauter Schaum. War geritten, daß Mann und Pferd keinen Atem mehr im Leibe hatten, auch kein Sterbenswörtchen hervorbringen konnten; so reißt denn der Mann statt aller Worte ein Papier aus seiner Rocktasche heraus und wirft es dem Sheriff zu.

Und wurde euch der Sheriff doch so blaß, als er einen Blick aufs Papier warf, totenblaß wurde er, konnte anfangs nicht reden, endlich aber schreit er: ›Haut ihn entzwei, haut ihn entzwei, sag ich, bei Jasus! haut ihn entzwei, augenblicklich!‹

Und hieben die Dragoner auch sogleich drein, und hätten ihn auch bei einem Haar entzweigehauen – den Reiter nämlich, wenn er sich nicht geduckt und vom Pferde gesprungen und hinter den Sheriff geflüchtet. Waren unsere echt irländischen Londonderry-Dragoner. Schreit aber der Sheriff wie toll: ›Nein, den Galgenmann, den Gehängten, den Strick haut entzwei, ihr verdammten Schlingel, die ihr seid, den sollt ihr entzweihauen und nicht den Pardonbringer!‹

Und hauten sie ihn nun entzwei, den Strick nämlich, war aber Senf nach dem Essen mit Kishogue, und alles vorbei mit ihm, und er bei dieser Zeit so mausetot und steif, hätte den besten Türpfosten abgeben können, war tot wie ein gesalzener Hering.

›O Unglück, Malefiz und Pestilenz!‹ schreit der Sheriff, ›auch Pest und Hungersnot!‹ schreit er und reißt sich die Haare aus der Perücke und die Perücke vom Kopfe, ›o Malefiz, Pestilenz! Wollte lieber Biersuppe kochen, als das erfahren haben, den armen Kishogue da zu hängen, wenn ein Pardon für ihn da ist. O Unglück, Pestilenz! auch Pest und Hungersnot über dich, Kishogue, der du so mit Extrapost gehangen werden wolltest!‹

›O Zeter, Mord und Totschlag! – Millionen Zeter, Mord und Totschlag!‹ schreit die Wittib Hullagan, ›o Kishogue! Unglückseliger Kishogue! Was hast du getan, Unglückseliger, der du meinen Punsch und Würzwein verschmäht, den Johannistrunk verflucht! O Jammer, Elend, Mord und Totschlag!‹ schreit sie, ›Millionen Mord und Totschlag! Hättest du nur einen Tropfen gekostet, nur einen Tropfen, hättest gewiß keinen Tropfen übriggelassen, wärest selbst übriggeblieben, am Leben geblieben! O unglückseliger Kishogue! Unglückseliger Bube!‹

›Unglückseliger Kishogue!‹ schrien nun die einen.

›Unglückseliger Kishogue, der du deinen Johannistrunk verflucht und zurückgelassen!‹ die anderen.

›Und ist der Fluch über dich gekommen!‹ die dritten.

›Weil du den Johannistrunk verschmäht und verflucht!‹ die vierten.

Und heulten und klagten sie alle, die Tausende, so jämmerlich! Zum Gotterbarmen heulten sie; denn war das erste Mal seit Menschengedenken, daß ein Ire den Johannistrunk oder irgendeinen Trunk verschmäht, und stand allen vor Augen die furchtbare Strafe, welche auf ein solches Verschmähen folgt.«

»Aber ist auch ein furchtbares Ding«, versicherte der Irländer, »die Gottesgabe zu verfluchen; aber ganz und gar sie zu verschmähen und zurückzulassen schier heidnisch und unchristlich ganz und gar! Und ist's das erstemal, letztemal, daß 's geschehen ist, und tut's keiner mehr.

Und ist seit dieser Zeit in Mallow und Londonderry und in Cork und in Munster und in ganz Irland der Fluch Kishogues, des verschmähten Johannistrunkes, ein grausamer Fluch, und hütet sich ein Irländer, ihm zu verfallen. Amen.«

Und wie nun der Ire geendet, greifen alle so unwillkürlich mechanisch, wie um den Fluch Kishogues abzuwehren, nach den mittlerweile gefüllten Punschgläsern! Es war aber auch in dem Bruchstücke etwas so eigentümlich irisch Wildes, die Phantasie heißblütiger Southrons Ergreifendes!

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