Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Sealsfield >

Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
Schließen

Navigation:

Der Fluch Kishogues
oder
Der verschmähte Johannistrunk

»Seht! 's war 'nmal ein gewaltig glorioser Bursche, Kishogue genannt, und einen mächtiger gloriosern Jungen gab es gar nicht in den sieben Pfarrgemeinden, was nur Trinken, Froliken, Balgen, Spielen oder Karessieren betraf, und dieses letztere schon gar, war euch geradezu der Hahn im Korbe aller schmucken muntern Dirnen weit und breit, auch ein wahrer Kampfhahn in der Fertigkeit, eine gute, heilsame Prügelsuppe einzubrocken auf Jahrmärkten oder Leichenwachten, der seinesgleichen weit und breit nicht hatte, mit einem Worte, die Blume und Zierde der irischen Burschenschaft ganz und gar.

Zwar hielten wieder die alten Gentlemen und Herren nicht ganz und gar soviel auf ihn, versteht ihr, die alten, gesetzten Herren; denn was wieder die jungen Squires betraf, bei Jasus! so hatten die den Narren doppelt an ihm gefressen, so daß sie ihn schier wie einen ihresgleichen ästimierten, und kein Wunder! Wußten wohl, daß Kishogue der Bursche war, irgendeinen Schabernack an- und eine Teufelei auszurichten, und war das just, was sie wollten; aber dann die Vernünftigen, Gesetzten, die Gewichtigen, wißt ihr, die den Beutel und das Regiment in der Grafschaft führten, die eigentlichen Herrschaften, versteht ihr, was man so eigentlich die Gentlemen nennt, die waren wieder mit seinem Hantieren nicht so ganz zufrieden und schüttelten oft die Köpfe, sagten auch öfters, sagten sie, daß, wenn Kishogue aus dem Lande, Haut und Haar und Knochen dazu, das Land um keinen Flederwisch schlimmer daran wäre, und die Hasen und Rebhühner und Rehe sich den Hals auch nicht abreißen, und die Forellen und Lachse sich die Augen auch nicht ausweinen würden. Aber konnten ihm bei alledem eigentlich nichts anhaben oder ihn in die Klemme bringen, denn war euch ein so gewichster Bursche, schlauer als euer dreimal gepürschter Fuchs schier nicht in die Falle zu bringen, schlief auch wie ein Wiesel mit offenen Augen.

Wohl! war das denn so lange die Art und Weise, in der er es trieb, und eine froliksame Weise für ihn war es, bei Jasus! und keiner glücklicher als Kishogue: denn war er nicht bloß glücklich wie viele bei Tage, sondern auch wie wenige bei Nacht. Bis endlich der Teufel es haben wollte und er in einer Nacht, wo er gerade recht glücklich gewesen – kehrte von Peter Flanegans, der, wißt ihr, den besten Potsheen und die schmuckste Tochter weit und breit hatte, heim –, in ein Mißverständnis hineintappte, und wie er in dieses Mißverständnis hineintappte, ist, bei Jasus! noch heutigentages nicht klar in Anbetracht, daß die Nacht stockfinster und er einen Sparren zuviel hatte. Aber ein Mißverständnis war es, und war das das Mißverständnis, wißt ihr, daß er meinte, es sei seine eigene Mähre, die eingebrochen in des Squire Wiesengrund, und daß, so meinend, er sie fing, die Mähre, in der Meinung, wißt ihr, es sei seine eigene. Aber war es nicht seine eigene, sondern des Squire Rotschimmel, den er für seine Mähre hielt; alles aus purem Mißverständnis, wißt ihr, und weil er glaubte, sie sei hinübergesprungen über den Wiesenzaun. Und da er das nicht haben wollte, trieb er sie in seinen eigenen Stall, und daß sie ihm ja nicht wieder hinüberspringen möchte, weiter nach Clanmarthen, wo er, um nicht wieder mit ihrem Entspringen geplagt zu sein, sie für ein Dutzend ganz funkelnagelneuer Goldfüchse versilberte. Und wie er das tun und in das ganze lange Mißverständnis hineinplumpen konnte, ist bis dato noch nicht recht klargeworden, maßen es zwar Nacht, aber denn doch auch wieder Tag gewesen; aber hatte er einen Tropfen zuviel, und ein Tropfen zuviel bringt oft, wißt ihr, böses Spiel.

Und es war ein böses Spiel, in das dieses Mißverständnis unseren Kishogue brachte, ein trauriges Spiel, um so trauriger, als er es nicht eher gewahr wurde, als bis es zu spät war und der Constable eintrat und ihm sagte, er sollte mit ihm gehen.

Schaut aber der Kishogue den Constable gar groß an und reißt die Augen weit auf, wie er ihn so sagen hört, daß er mit ihm gehen soll, und kratzt sich hinter den Ohren und wollte lange nicht mit der Sprache heraus, sagt aber endlich:

›Und warum soll ich mit Euch gehen?‹ sagt er.

›Oh!‹ – sagt der Constable – ›du weißt's nicht 'nmal? Haha! Du weißt's nicht 'nmal? Tust ja gar gewaltig unschuldig!‹

›Und warum sollt ich nicht unschuldig tun, der ich so unschuldig bin wie das neugetaufte Kind? Und wahr ist's auch noch. Und wohin wollt Ihr, daß ich mit Euch gehen soll, wenn ich so frei sein darf zu fragen?‹

Und schrie Kishogue die ersten Worte schier trotzig, aber bei den letzteren fiel ihm die Stimme gar kläglich, heulte schier.

Und sagt darauf der Constable ganz kurz: ›Zum Jack sollst du mit.‹

›Zum Jack soll ich?‹ heulte der Kishogue mehr und mehr.

›Und warum soll ich zum Jack?‹

›Just wegen dem Squire seinem Rotschimmel, den du ihm vor drei Tagen aus seiner Wiese gestohlen‹, sagt der Constable.

›Das ist das erste, was ich höre‹, sagt der Kishogue.

›Und bei meiner Treue! Es wird nicht das letzte sein, das du hörst‹, sagt der Constable.

›Aber, bei Jasus!‹ sagt der Kishogue, ›es ist doch nicht Mord oder Totschlag, weder Raub noch Plünderung für einen Mann, sein eigenes Stück Vieh heimzuführen?‹

›Nein‹, sagte der Constable, ›aber es ist Einbruch, eines anderen Roß aus seinem Gelände wegzukapern. Burglary, weißt du!‹

›Aber wenn ich nun sage, es war ein Mißverständnis.‹

›Bei St. Patrick!‹ sagt der Greifauf, ›wird dich teuer zu stehen kommen, das Mißverständnis!‹

›Herr Jasus!‹ schrie Kishogue, ›das ist eine trostlose Aussicht, aber es hilft nun 'nmal alles Flennen nicht, und so hol's der Teufel! Will mit Euch gehen.‹

Und wohl half alles Reden nicht, und hätte er ebensowohl den Mühlsteinen von Macmurdoch Jigs aufpfeifen können, würde sie ebensoleicht zum Tanzen als den Greifauf zur Vernunft gebracht haben, und war, bei St. Patrick! das Ende vom Liede, daß er zum Jack oder, was dasselbe sagen will, ins Loch mußte.

Und lag er sonach im Loche und in der Soße, wie Paddy Wards Spanferkel im Pfeffer und Essig, bis die Assisen kamen, was Kishogue gar nicht lieb war, denn war immer ein rühriger Bursche, dem 's Blut wie Quecksilber in den Adern tanzte und 's Herz am rechten Flecke saß; war auch viel zu stolz, dem Könige da Verbindlichkeiten schuldig sein zu wollen für Kost und Quartier und Transportunkosten nach wer weiß in welch queeres Land; zu geschweigen, daß für einen Jungen wie er, gewohnt, Tag und Nacht auf den Beinen zu sein und im Lande herumzujagen und zu froliken und zu karessieren, das Strecken und Recken auf dem hölzernen Sofa mit dem Strohkissen schon gar widerwärtig; obwohl, zur Ehre seiner Kameraden sei es gesagt, sie wieder ihr äußerstes taten, sich's aus Leibeskräften angelegen sein ließen, ihm sein Logement angenehm zu machen; denn war gar mächtig gewaltig beliebt im Lande, und kamen des Morgens, Mittags und Abends, so daß der Schließer alle Hände voll zu tun hatte mit Aus- und Einlassen und Auf- und Zuriegeln. Kamen und gingen in einem fort, wie Peggy Millagans Bettlaken.

Wohl kamen zuletzt auch die Assisen heran, und mit ihnen der Sheriff und die Richter und die Zeugen, alle auf das Heilige Buch geschworen, nichts als die Wahrheit zu sagen, reine, pure, lautere Wahrheit. Und war denn der arme Kishogue der allererste, der in die Pfanne kam von wegen des Squire seinem Rotschimmel, den er für seine Mähre genommen. Und sollte es schier eine zu heiße Pfanne für ihn werden, denn hatten sich hoch und teuer verschworen, einmal ein Exempel zu statuieren, und sagten ihm, wie er vor die Gerichtsschranken kam, er solle seine Hand aufheben. Und hob er unerschrocken seine Hand auch auf, und eine schönere, tüchtigere Hand gab's euch nicht, noch eine kräftigere Faust, eine wahre Staatsfaust, die auffallen und dreinschlagen konnte, trotz 'nem Schmiedehammer. Ganz unerschrocken hebt er sie auf, aber wie er sie so aufhebt, bemerkten die Leute, daß sie zitterte, und nahmen das für ein böses Zeichen, die Leute, das Zittern, sahen ihm auch alle an, daß ihm der Spaß nicht so ganz gefiel. Wem, der Teufel! sollte er auch gefallen?

Wohl, war euch ein Männlein da in einem schwarzen Rockelor und einer gepuderten Perücke und Brille, das hin und her schnellte und aufschnellte und seine Brille putzte und dann einen Pack Geschriebenes vor sich tat und daraus las und las, so daß ihr geschworen hättet, er würde alle Tage seines Lebens nicht fertig. Ging ihm vom Maule wie einer Klappermühle, und alles, was er las, ging über den armen Kishogue her, wie wir später hörten, aber damals nicht verstanden, was der schäbige kleine Wicht von Advokat alles über ihn las, und die Lügen, die er herausklapperte, worüber der arme Kishogue, der nicht die Hälfte davon getan, schier in Angst geriet und die Courage verlor, aber nach einer Weile wieder Mut faßte. Und wie der schäbige Knirps gar nicht aufhören will, so schreit er: ›Und, bei Jasus! alles, was das kleine Perückenmännlein da sagt, ist erstunken und erlogen, und wenn ich nur die Hälfte davon getan habe, so will ich – ‹

›Stille im Gerichtshofe!‹ schreit der Weibel.

Wollt ihn so zum Schweigen bringen.

›Bei Jasus! da ist keine Gerechtigkeit für einen armen Jungen!‹ schreit Kishogue, ›Zeter, Mord und Totschlag!‹ schreit er, ›soll eines Mannes Leben weggeschworen und –geplärrt und –gekrächzt werden auf diese Manier und Art und Weise, und darf er kein Wort dazu sagen?‹

›Halt's Maul!‹ schreit der Lordrichter.

Und mußte Kishogue richtig das Maul halten, bis das Perückenmännlein alles ausgelesen, und als er endlich alles ausgelesen, wirft er das Geschreibe alles auf den Tisch und fragt Kishogue:

›Schuldig oder nicht schuldig?‹

›Ich hab's nicht getan‹, schreit und heult Kishogue.

›Antworte, wie du geheißen wirst‹, sagt der Brillenmann, ›schuldig oder nicht schuldig?‹

›Aber es war ein Mißverständnis!‹ heult wieder Kishogue.

›Hol dich der Henker! Kannst du nicht Antwort geben, wie du geheißen wirst?‹ sagt der Lordrichter, ›schuldig oder nicht schuldig?‹

›Nicht schuldig!‹ sagt endlich Kishogue.

›Glaub dir's nicht!‹ sagt der Lordrichter.

›Weiß es wohl, daß Ihr's nicht glaubt‹, schreit Kishogue, ›seid ja dafür bezahlt, die Leute zu hängen, und ist Euer tägliches Brot, und je mehr Ihr hängt, desto größer Euer Lohn.‹

›Hast ein bewegliches Züngelchen, Bursche!‹ sagt der Lordrichter.

›Ah! bei Jasus!‹ sagt Kishogue, ›werdet es bald unbeweglich machen, mein Züngelchen, Ihr und der Galgenmann.‹

Und war, bei St. Patrick, nicht weit vom Ziele, der arme Kishogue; denn brachten ihn euch doch so in die Klemme, daß er nicht mehr schwitzte, sondern dampfte und zuletzt das Maul gar nicht mehr aufzutun wagte, einen solchen Schwarm von Zeugen ließen sie auf ihn los, und schworen die euch Stein und Bein auf ihn und sein Leben, so daß er zuletzt ordentlich konfus wurde und schier nicht mehr wußte, ob er noch am Leben oder schon am Galgen, so setzten sie ihm zu mit Fragen und Gegenfragen und Kreuzundquerfragen und Examinationen und Gegenexaminationen. Und, bei Jasus! waren die queersten Examinationen, die je gehört worden, und die Zeugen, sie schworen euch, hätten euch, bei meiner armen Seele! faustdicke Löcher in den funkelnagelneuesten Eisentopf hineingeschworen. Nicht, daß Kishogues Freunde und Kameraden nicht auch ihre Schuldigkeit getan – ei, standen wie Männer und schworen aus Leibeskräften und Stein und Bein, daß es eine wahre Freude zu hören, vermeinten auch, es dahin zu bringen, daß sie ein Alibi ausmachen könnten, wißt ihr, ein Alibi, was sagen will, daß Kishogue, wie das Mißverständnis vor sich gegangen in der Nacht, ein Dutzend Meilen oder ein paar weiter weg gewesen und nicht in des Squire und seines Rotschimmels Nachbarschaft. Aber wollte alles nichts helfen und Richter und Geschworene nichts davon hören, und wurde der arme Kishogue verurteilt, gehangen zu werden, und setzte der Lordrichter seine schwarze Kappe auf und sprach gar viele und schöne und erbauliche Worte und gab ihm gar heilsame Ermahnungen und gute Räte. Und war nur schade, daß der arme Kishogue die guten Räte und heilsamen Ermahnungen nicht früher erhalten, sondern erst, als es zu spät war. Und waren die letzten Worte des Richters:

›Der Herr sei deiner Seele gnädig! Amen.‹

›Dank Euch, Mylord!‹ sagte Kishogue, ›obwohl es selten ist, daß Glück und Segen nachkommt, wo Euer Gebet und Amen vorangegangen.‹

Und sicher und gewiß war der arme Kishogue verurteilt, den nächsten Samstag darauf ausgeführt und gehangen zu werden. Und den nächsten Samstag ward er auch ausgeführt, um gehangen zu werden.

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.