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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Die Prärie am Jacinto

Über den Madeiras und Sherries und Chambertins und Lafittes und den gewonnenen und verlorenen Wetten und Cottonpreisen und Sklavenpreisen und Banksystemen und Subtreasury-Systemen begannen denn doch allmählich die Köpfe heiß zu werden – noch immer aber herrschte ein heiter zuvorkommender, gentlemanischer Ton. Da ließ sich, gerade wie der bardolphsnasige Mayordomo eine frische Ladung Bouteillen aufstellte, vom untern Ende der Tafel herauf eine entschiedene Stimme hören:

»Wir wollen nicht.«

»Ihr wollt nicht?« donnerte es heftig, beinah rauh entgegen.

»Wir wollen nicht«, war die feste Antwort.

Die zwei Stimmen wirkten wie die erste Windbraut vor dem hereinbrechenden Sturme. Alle schauten in der Richtung, wo der Stoß herkam. Es war jedoch nichts zu sehen, die dichten Rauchwolken der Havannas verhüllten Streiter und Zecher.

»Wer ist der Mann?« wisperte es am obern Ende der Tafel.

»Darf ich so frei sein zu fragen, Gentlemen, um was es sich handelt?« fragte ein zweiter.

»Gewiß,« versetzte die entschiedene Stimme, »mein achtbarer Nachbar ist der Ansicht, Texas müsse sich dem Süden anschließen.«

»Das muß es auch«, fielen mehrere ein.

»Daß ich nicht wüßte«, entgegnete im ironischen Tone der Disunionist.

Die Kühnheit, in diesem Tone zu vierundzwanzig oder mehr Grandees, die zusammen leicht ein Heer von fünf- bis sechstausend rüstigen Negern ins Cottonfeld stellen konnten, zu sprechen, schien nicht geringes Befremden zu erregen; die Frage, wer ist der Mann, ließ sich, und zwar sehr mißbilligend, wiederholt vom oberen Ende der Tafel herab hören.

»Und warum soll es nicht?« fragte wieder eine Stimme.

»Ich gebe die Frage zurück, Sir! Warum soll es?«

»Es ist ein integrierender Teil Louisianas.«

»Um Vergebung! Seht den Bericht der Kommissäre bei Abschluß des Ankaufes Louisianas und der Zession Floridas an, und ihr werdet finden, daß Frankreich nie in den Sinn kam, den Rio del Norte anzusprechen, und daß Spanien, bloß um vor euch Ruhe zu haben, eure Ansprüche durch Florida befriedigte. Ihr seid in jeder Hinsicht vollkommen zufriedengestellt.«

»Er ist kein Bürger«, murmelten wieder die einen.

»Wer ist er?« die anderen.

»Ein kecker Bursche auf alle Fälle«, die dritten.

»Und wer«, schrie wieder die heftige Stimme, »und wer – wer hat Texas bevölkert? Wem hat es seine Unabhängigkeit zu verdanken als uns, den südlichen Staaten, seinen Nachbarn?«

»Ah, das ist eine andere Frage, Oberst Oakley, aber ich glaube, Nachbarschaft und Konvenienz entscheiden hier doch nicht allein.«

»Und was entscheidet, General Burnslow?« fielen nun ein Dutzend Stimmen ein, »wer soll entscheiden? Wer? Der Norden? Sollen wir uns vom Norden vorschreiben lassen?«

»Vom alten Weibe Adams?« schrien die einen.

»Oder dem langweiligen Webster?«

»Oder dem pedantisch schulmeisterlichen Everett?«

»Weder von dem einen noch dem andern, sondern vom südländischen Gerechtigkeitssinne, der da sagt: Wir haben kein Recht auf Texas!« sprach der General.

»Ihr seid auf einmal schrecklich gerecht, General Burnslow«, lachten mehrere.

»Trotz dem alten Adams«, fielen andere ein.

»Und ihr ungerecht«, replizierte der General.

»Trotz dem kleinen fliegenden Holländer«, fiel wieder lachend einer seiner Nachbarn ein.

Dieser letztere Hieb, unserer illustren Exzellenz im Weißen Hause dargebracht, fand so allgemeinen Anklang, daß Unionisten und Nicht-Unionisten in ein lautes Gelächter ausbrachen.

In einem viel gemäßigteren Tone rief wieder eine Stimme: »Aber was wollt ihr denn eigentlich mit Texas, Gentlemen? Euch euren Cottonmarkt ganz verderben? Oder glaubt ihr, nach Texas ebensoleicht wie nach JacksonJackson: Der Sitz der Regierung des Staates Mississippi. oder dem Indian PurchaseIndian Purchase: Der nördlich von Natchez gelegene, bekanntlich noch nicht lange den Indianern abgekaufte Teil des Staates Mississippi. hinauf zu siedeln? Ich für meinen Teil gäbe nicht viel darum, wenn das ganze Texas im Pfefferland wäre – verdirbt uns nur den Markt.«

»Wahr, wahr!« bekräftigten mehrere.

»Oder«, nahm ein anderer das Wort, »wollt ihr euch eine neue Rotte von Exilierten, Spielern, Mördern und heillosem Gesindel auf den Hals laden, nachdem ihr kaum mit der alten fertig geworden? Wieder neue Vixburgh-AuftritteVixburg-Auftritte: Anspielung auf die Lynch-Exekution, die vor einigen Jahren da stattfand. haben?«

»Hist, hist, Oberst Cracker!« mahnten mehrere.

Der Oberst hörte jedoch nicht.

»Käme uns das gerade recht – brauchten das Völkchen, ist ja nichts als Gesindel.«

»Hist, hist!« warnte es abermals, und dann ließ sich ein mißbilligendes Gemurmel hören, worauf eine etwas unheimliche Stille eintrat.

Diese Stille wurde auf einmal durch die sehr artig, aber auch sehr bestimmt und fest ausgesprochenen Worte unterbrochen:

»Oberst Cracker, wollt Ihr so gut sein, Eure Ausdrücke, die Ihr in Verbindung mit Texas zu bringen beliebt, zu qualifizieren?«

Jetzt wurde die ganze Gesellschaft sehr ernst, die Zigarren verschwanden, und beim Lichte der achtzehn Wachskerzen, die auf den silbernen Armleuchtern brannten, wurde ein junger Mann sichtbar, der langsam vor den letzten Sprecher getreten.

Der erste Anblick verriet den Gentleman. Nicht groß, nicht klein, hatten seine Formen jenes Gefällige, Gedrungene, das den Mann verrät, der seine Gemüts- sowohl als körperlichen Bewegungen vollkommen zu beherrschen weiß.

Unwillkürlich richtete sich der lässig im Fauteuil hingestreckte Oberst Cracker auf, den Sprecher vom Kopf zu den Füßen messend.

»Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?«

»Oberst Morse von Texas.«

»Oberst Morse von Texas?« riefen ein Dutzend Stimmen – »Oberst Morse von Texas?«

»Oberst Morse von Texas?« wiederholte, langsam sich erhebend, Oberst Cracker.

»Derselbe, der zuerst bei Fort Velasco?« rief der General.

»Und dann bei San Antonio?« Oberst Oakley.

»Und dann in der letzten Entscheidungsschlacht?«

»Derselbe«, versetzte der junge Mann.

»Ah, das ist etwas ganz anderes«, lachte nun Oberst Cracker. »Mit Vergnügen qualifiziere ich zu Euren Gunsten, Oberst Morse, Ihr seid ein Gentleman, ein geborner Gentleman.«

»Danke«, versetzte dieser trocken, »doch muß ich Euch bitten, Eure Güte auch auf die hundertundzwölf, die bei Fort Velasco, sowie auf die zweihundert, die in der Affäre von San Antonio, und auf die fünfhundert, die vor dem Fort Goliad, sowie auf die fünfhundertundfünfzig, die in der letzten Entscheidungsschlacht gefochten, auszudehnen, mit einem Worte, zu ihren Gunsten eine Ausnahme zu machen.«

»Auch das«, sprach, sich die Lippen beißend, der Oberst.

»Jetzt sind wir zufrieden«, versetzte lächelnd der texanische Oberst, »und als Gegenkompliment will ich Euch das Vergnügen gewähren, Euch zu gestehen, ja auf Ehre zu versichern, daß wir wirklich viel Gesindel in Texas haben.«

»Bravo, bravo, Oberst!« riefen alle.

»Gesindel in Hülle und Fülle«, versicherte der Oberst.

»Aber wißt Ihr, Oberst«, nahm lachend Oberst Oakley das Wort, »daß Ihr für einen Texaner da mehr zugebt, als meines Erachtens nötig ist, gar zu –«

»aufrichtig seid, wollt Ihr sagen, Oberst Oakley«, fiel der junge Mann ein, »und aufrichtig sage ich Euch, daß wir Gesindel in Hülle und Fülle haben, Abenteurer aller Art, Exilierte, Spieler, Mörder, und doch nicht zu viele.«

»Den Teufel auch!« lachten wieder alle.

»Nicht zu viele, versichere Euch auf Ehre! Und daß uns dieses Gesindel sehr gut zustatten kam, vielleicht besser zustatten kam, als uns Eure ruhigen, friedlichen, respektablen Bürger zustatten gekommen wären.«

»Alle Teufel!« lachten wieder alle.

»Eure Worte in Ehren, Oberst Morse«, sprach Oakley, »aber Ihr gefallt Euch, wenn nicht in Paradoxen, doch in Rätseln.«

»Wirklich in Rätseln«, fiel der General in einem Tone ein, der offenbar den Wunsch verriet, der Unterhaltung eine weniger pikante oder, was hier dasselbe war, gefährliche Wendung zu geben. »Aufrichtig gesagt«, fuhr er fort, »sollten wir auf unsern lieben Gastgeber ein bißchen ungehalten sein, daß er uns einen so werten Besuch nicht aufgeführt, aber unser Freund, Kapitän Murky, ist überhaupt so schweigsam.«

»Ich kam, als Ihr bereits bei der Tafel saßet, General, und dies –«

»entschuldigt hinlänglich«, fiel der General ein. »Aber wie kamt Ihr, der Sohn einer unserer besten Maryland-Familien, nach Texas? Ich hörte etwas von einem Morse, aber erst vor kurzer Zeit wurde mir die Gewißheit. – Wie kamt Ihr nach Texas? Sollte doch glauben, der Sohn Judge Morses dürfte auch in den Staaten –«

»ein Plätzchen gefunden haben, um da seinen Herd aufzuschlagen, nicht wahr, General?«

»So sollte ich«, versetzte dieser.

»Ja, wie kamet Ihr nach Texas, Oberst?« riefen alle. Die Frage war, die Wahrheit zu gestehen, eine für Texas nicht sehr schmeichelhafte, aber sie war in einem so freundlich teilnehmenden Tone, so ganz ohne alle second thoughts gestellt, die Fragenden, Männer von so bedeutendem Gewichte – der Oberst, nachdem er den ihm von dem Mayordomo gestellten Sessel genommen, nippte mit einer Rundverbeugung an dem frisch gefüllten Glase:

»Wie ich nach Texas kam?« wiederholte er ernster.

»Ja, wie kamet Ihr nach Texas, Oberst?«

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