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Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken

Charles Sealsfield: Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Kajütenbuch
authorCharles Sealsfield
year1989
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32863-7
titleDas Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken
pages5-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1843
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Wharton redete mich an, fragte, ob ich den wilden Präriemann suche. Ich sprang auf ihn zu, forderte ihn auf, mir zu sagen wo er sei. Er schüttelte den Kopf. Er wisse nicht, was aus ihm geworden, noch wohin er gekommen. Nur so viel könnte er mir versichern, daß ihn nicht bald jemand so außer alle Fassung gebracht.

Dasselbe bestätigten die Männer, die Wharton umgaben. Sie waren in der Weinrebengrotte etwa fünfzig Schritte hinter Fannings Leuten gestanden, als – gerade wie die Infanterie von der Furt in die Prärie hinaufgerückt – ein Mann von Norden her auf einem Mustang getrottet kam, etwa zweihundert Schritte oberhalb am Prärierande hielt, abstieg, den Mustang an die Weinranken band und dann, seine Rifle im Arme, hastig dem Prärierande entlang auf den Feind zuschritt. An Whartons Abteilung herangekommen, befahl ihm dieser zu halten, Rede zu stehen, wer er sei, woher er komme, wohin er wolle. Die Antwort des Mannes war: Wer er sei, gehe den Frager nichts an, noch woher er komme. Wohin er gehe, werde er sehen. Er gehe gegen den Feind.

Dann solle er sich anschließen, schrie ihm Wharton zu. Dieses Ansinnen wies der Mann trotzig zurück: Er wolle für sich und seine Rechnung fechten.

Das dürfe er nicht, rief ihm wieder Wharton zu.

Er wolle sehen, wer es ihm verbieten würde. Und mit diesen Worten ging er. Eine Minute darauf schoß er bereits den ersten Artilleristen nieder.

Natürlich ließ man ihn nun auf seine Rechnung fechten. Was weiter – nach seinem Falle aus ihm geworden, das wußte keiner zu sagen. Zuletzt wollte einer den Bärenjäger um ihn gesehen haben.

Zum Bärenjäger eilte ich sonach.

Der Aufschluß, den ich von ihm erhielt, lautete folgendermaßen: Kalkulierend – um mich seiner Worte zu bedienen –, daß die Rifle des wilden Präriemannes wohl eine so kapitale Rifle, als je Bären kaltgemacht, leicht in unrechte Hände fallen dürfte, habe er es für seine Bürgerpflicht gehalten, einer solchen Gefahr vorzubeugen und die Rifle in seine Verwahrung zu nehmen; weswegen er sich an den toten Präriemann angemacht, obwohl ihn das Frontispiece desselben nichts weniger als einladend gedünkt. Aber wie er sich so an ihn angemacht, willens, die Rifle seinen Händen zu entwinden, habe er für seine Bemühung einen Ruck erhalten, der ihn bei einem Haare neben den wilden Toten hingestreckt hätte, worüber er schier perplex geworden und geschaut, und wie er so geschaut, habe er gesehen, daß der wilde Mann an seinem Hirschfellwamse herumkrabble, auch dieses auftat, wo sich dann eine Wunde an der Brust zeigte. Die Wunde sei aber weder tief noch gefährlich gewesen, und obwohl die Kugel den Mann niedergeworfen und betäubt, sei sie doch nicht in die Brust eingedrungen, vielmehr an das Brustbein angeprallt, so daß er sie selbst herausgezogen. Darauf habe der Präriemann seine Rifle erfaßt, sich, gestützt auf diese, erhoben, und ohne weder ›thank ye‹ noch ›damn ye‹ zu sagen, seinen Weg der Weinrebengrotte zu genommen, da seinen Mustang den Prärierand heraufgezogen, diesen bestiegen, worauf er dann langsam in nördlicher Richtung fortgeritten.

Das sei alles, was er von dem Manne wisse, und wolle er auch nichts mehr von ihm wissen noch sehen, denn was er gesehen, sei wahrlich nicht geeignet, ihm Lust zur Erneuerung der Bekanntschaft einzuflößen. Sei das ein Gesicht, das einen wahrlich nicht auf kirchengängerische Gedanken bringe, ein wahres Brudermördergesicht, nicht menschlich anzuschauen, und das ihm vorgekommen, als ob der Mann, dem es gehörte, wenigstens ein dutzendmal vom Galgen gefallen.

Während der Mann so sprach, hatte sich ein unsäglich widerwärtiges Gefühl, ein wahres Grausen meiner bemächtigt. Von meiner katholischen Amme hatte ich in meiner Kindheit ein Märchen gehört: Ein zwölffacher Mörder, der zwölfmal in den verschiedenen Grafschaften Irlands geköpft, gehängt, gevierteilt worden – in der Mitternachtsstunde aber nach der Hinrichtung wieder von einem bösen Zauberer, der in der Gestalt einer ungeheuren schwarzen Katze die zerrissenen und getrennten Körperteile zusammensetzte, wieder belebt wurde, mußte endlich im dreizehnten Mal mit einem von St. Patrick geweihten Schwerte gerichtet, über das begreiflicherweise der arge Zauberer keine Gewalt mehr hatte, so daß er nur noch die vom Schwerte nicht berührten Gliedmaßen zusammenfügen konnte, die denn auch noch immer in einem gewissen Teile Irlands ihr Wesen zur Mitternachtsstunde trieben. Das Bild dieses zwölffachen Mörders, werden Sie es glauben, stand jetzt nicht nur in seiner ganzen grausigen Gestalt vor mir, es hatte auch, so absurd Ihnen dieses klingen mag, ganz und gar die Züge Bobs angenommen.

Der Mensch ist ein wahres Rätsel, und noch heute ist mir unbegreiflich, was damals mit mir vorging. So wie nach den Auftritten in der Prärie am Jacinto, fühlte ich mich auch jetzt wieder so stark angegriffen: die Wirkung der Phantasie auf den Körper äußerte sich so heftig, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang, das Bewußtsein schwand, ich in einem fieberähnlichen Zustande am Rande der Prärie hinsank.

Fanning, der erschrocken zu meinem Beistande herbeieilte, gelang es endlich nicht ohne Mühe, mich zur Besinnung zu bringen.

Mit ihm kam ein Mann, den der Sergeant, den wir mit dem kleinen Pikett in der Mission Espado zurückgelassen, gesandt hatte, um Erkundigungen über den Stand der Dinge einzuziehen, uns zugleich zu benachrichtigen, daß General Austin mit unserer kleinen Armee im Anzuge sei. Auch er hatte den wilden Präriemann gesehen; das erstemal, als er auf dem Kirchturme postiert die Bewegungen des Feindes beobachtete. Da sah er einen Reiter, von Conzepcion kommend, etwa zweihundert Schritte von der Mission vorbeijagen, der es ganz toll auf seinem Mustang trieb, mit Händen und Füßen, der Rifle, dem Bowie-Knife focht und sich wie ein Rasender gebärdete. Er ritt gerade auf die obere Furt zu. Etwa eine Stunde nachher sah er ihn das zweitemal langsam in nördlicher Richtung fortreiten und kaum imstande, sich im Sattel zu erhalten. Nach seiner Meinung mußte er von der Mission Conzepcion gekommen und dahin wieder zurückgekehrt sein.

Ohne Verzug ließ ich mir eines der erbeuteten Dragonerpferde bringen, bestieg es und jagte der Mission Conzepcion zu.

Von den da befindlichen alten Mexikanern hörte ich nun die seltsame Märe, daß der Herege Inglese y Americano, der seit Jahren Jäger der Mission gewesen, nie ein Wort mit irgendjemandem gesprochen, selbst nicht mit den frommen Padres, die öfters – ihn in den Schoß der alleinseligmachenden Religion zurückzuführen – von der Hauptstadt herübergekommen wären, daß dieser Herege nach einem mehrwöchigen Krankenlager vor etwa drei Stunden plötzlich erstanden, seinen Mustang gesattelt, seine Rifle um die Schulter geworfen und in der Richtung, die wir genommen, fortgeritten – aber nicht wiedergekehrt sei.

Ihrer Beschreibung nach blieb nicht der mindeste Zweifel übrig, daß Bob und der Herege Americano eine und dieselbe Person waren.

Aber wie kam er hierher – wie ward er gerettet? Denn wenigstens waren zwölf bis fünfzehn Minuten verstrichen, ehe der Alkalde ihn vom Lasso geschnitten haben konnte. Er hatte ihn also doch gerettet, ihn vielleicht selbst in die Mission gesandt? Aber derselbe Alkalde hatte ja Johnny vorzüglich deshalb richten lassen, weil er zu Padre José geflüchtet? – Und Bob? War er katholisch geworden? Wie kam es, daß er gegen seine Glaubensgenossen focht? Wenn nicht, warum ließ man ihn so lange in der Mission? Alles Rätsel, die mir den Kopf so verwirrten, daß er sich mir wie im Kreisel herumzudrehen – ich verrückt zu werden zu befürchten begann. In einem unbeschreiblichen Taumel kehrte ich zu den Meinigen zurück.

Erst als ich mich an der Seite Fannings befand, schwanden Irrlichter und Nebel. Fanning, als ich ihm das Gehörte mitgeteilt, dachte einen Augenblick nach, und dann schien ihm Licht aufzugehen. Ich schüttelte zwar den Kopf, aber er bewies mir aus mehreren Umständen die Richtigkeit seiner Vermutung, die mir zwar nicht ganz so klar einleuchten wollte, aber doch das Gute hatte, daß sie einen Halt darbot, an den meine Gedanken sich gewissermaßen lehnen, so wieder in ein vernünftiges Geleise zurückkehren konnten.

Worin diese Vermutung bestand, kann ich jetzt nicht sagen, aber sie erwies sich als richtig. Das Seltsamste jedoch ist und bleibt der Umstand, daß mit dem Fingerzeige, den mir der unbefangene Freund gab, alle die phantastischen, die grausigen Bilder auch mit einem Male schwanden, Bob mir wieder wie jeder andere erschien. Das Chaos von wüsten, wilden Phantasiebildern war gewichen. Es begann zu tagen.

Die Stimmung, in der ich unsere Leute fand, die Szenen, die sich meinen Augen darboten, vollendeten meine Genesung.

Es bringt ein Sieg immer ganz eigentümliche Wirkungen an den Siegern hervor. Der Umschwung der Empfindungen ist so gewaltsam, daß ich nun wohl begreifen kann, wie Verwundete, die bereits die Todesnacht umfangen, sich nochmals auf- und ins Leben zurückraffen, um inmitten ihrer Todesqualen noch ein letztes Mal aufzujauchzen. Es ist in der Tat ein berauschendes Gefühl, das wie ein stark berauschendes Getränk auf den Ungewohnten wirkt. Auf unsere Leute wenigstens wirkte es so – beinahe kannte ich sie nicht mehr.

Ein ungeheures Selbstbewußtsein hatte sich eines guten Teiles derselben bemächtigt, sie sprachen jetzt in einem hohen Tone, wie man es mit den Bustamentes, den Santa Annas und so weiter halten müsse; ihr Wesen, ihre Sprache hatten etwas Protegierendes, Hochtrabendes angenommen, eine beinahe spanische Grandezza, die ihnen zu ihren Hirschfellwämsern, ihren Zwillichjacken und –röcken drollig genug ließ! Sie debattierten von Mexiko, als wenn sie bereits vor den Toren seiner Hauptstadt, die Bustamentes, Santa Annas mit den Schlüsseln derselben vor ihnen ständen. Andere, und gerade wieder die am mutigsten, hitzigsten gefochten, boten wieder ein ganz entgegengesetztes Schauspiel dar. Bei ihnen hatte die Reaktion der Gefühle gerade die umgekehrte Richtung angenommen. Sie waren ganz Demut, Menschenliebe, ja Zerknirschung, eine beinahe lächerliche Wehmut war an die Stelle der Erbitterung, der Wut, des Blutdurstes getreten, die sich auf eine nicht minder auffallende Weise äußerte. Wie arme Sünder betrachteten sie die gefallenen Mexikaner mit gefalteten Händen, betrübt, das Ebenbild Gottes zerstört zu haben. Dieselben Leute, die eine Stunde zuvor wie Tiger auf ihre Beute losgesprungen, standen jetzt und starrten die gefallenen Infanteristen und Dragoner mit Blicken an, so wehmütig und zerknirscht! Hätten sie die Feinde in diesem Augenblick ins Leben zurückrufen können, ich bin überzeugt, sie würden es getan, sie wie Brüder begrüßt haben.

Diese seltsamen Sprünge, so mag ich sie wohl nennen, mögen Ihnen absurd und gesetzter vernünftiger Bürger unwürdig erscheinen, aber sie waren wieder ganz natürlich nach einem Sukzesse, wie der es war, den sie soeben errungen. Sie dürfen nämlich nie vergessen, daß wir noch Neulinge im Waffenhandwerke, noch nie einen Kampf im offenen Felde bestanden hatten, denn unsere früheren Unternehmungen waren, wie gesagt, mit Ausnahme des Gefechtes von Nacogdoches mehr Überfälle gewesen. Erst an diesem Tage hatten wir uns von Angesicht zu Angesicht mit dem Feinde gemessen, und so unbedeutend Ihnen der Sieg erscheinen mag, uns war er denn natürlich im höchsten Grade wichtig. Wir hatten es in diesem Zusammentreffen mit Linientruppen der mexikanischen Regierung aufgenommen, namentlich eines ihrer berühmtesten Bataillone, das von Morales, beinahe ganz aufgerieben – ein Glücksfall, der denn allerdings geeignet war, nüchternen Farmers, die bisher höchstens mit Bären, Wölfen und Kuguaren angebunden, die Köpfe um so mehr zu verrücken, als es denn doch einiger Unterschied ist, ein paar Bären und wieder ein paar mexikanische Bataillone, selbst wenn ihr Pulver nichts taugt, niederzuwerfen. Noch ein Umstand trug bei, das Selbstgefühl der Unsrigen möglichst in die Höhe zu schrauben. Unser Verlust betrug nicht mehr als einen Mann, und der war durch seine Schuld geblieben. Er hatte sich wie toll mitten in die Feinde, als diese bereits ausgerissen, gestürzt, so eine Kugel in den Unterleib erhalten, an der er eine halbe Stunde darauf verschied.

Sie sehen« – fuhr lächelnd der Oberst fort –, »daß unsere Texaser, weit entfernt, geborene Eisenfresser gleich vom Anfange her gewesen zu sein, im Gegenteile reichlich mit allen den törichten und wieder menschlichen Gefühlen, Erwartungen, Hoffnungen gesegnet waren; aber nur dieses Mal; später zeigte sich auch keine Spur mehr von solchen sentimentalen Gemütserhebungen, Regungen. Jetzt bin ich überzeugt, werden Sie unter unsern Farmern und Pflanzern Tausende finden, die ebenso kühl den besten europäischen Bataillonen ins Auge schauen, als sie ungerührt über ihre Leichen schreiten würden. Es ist diese Gemütshärte wohl zuletzt die einzige Beute, die der Krieger aus seinen Schlachten mit nach Hause bringt, die wir aber damals noch nicht gewonnen, denn wie Sie gesehen, benahm sich Bruder Jonathan – um mich eines sehr gelinden Ausdruckes zu bedienen – einigermaßen queer.

Auch der General en chef – derselbe treffliche Stephan F. Austin, der als Repräsentant zu Mexiko im Kerker geschmachtet, bewies seine Zufriedenheit mit der glücklichen Eröffnung des Feldzuges auf eine Weise, die vielleicht Oberst Cracker« – er wandte sich mit einem feinen Lächeln an diesen – »unpassend gefunden haben dürfte. Er schüttelte nämlich allen den wackeren Bären-, Wolfs- und Kuguarjägern die Hände, trank mit ihnen, stieß auf ihre Gesundheit an. Sehr queer, diese etikettewidrige Herablassung! Finden Sie das nicht, Oberst Cracker?

Wir mußten uns jedoch«, fuhr der Erzähler wieder ernster fort, »manches gefallen lassen, unser kleines Heer, das während unserer Trennung mit dreihundert frischen Ankömmlingen verstärkt worden, fröhlich und wohlgemut zu erhalten.

Gerade statteten wir dem Kommandierenden Generale Tagesbericht ab, als ein mexikanischer Priester mit mehreren Wagen und einer weißen Fahne kam, die Verabfolgung der Toten zu erbitten.

Es wurde ihm ohne Widerrede bewilligt.

Was wir von dem schlauen Padre herausbrachten, bewog uns aber, noch denselben Abend gegen die Hauptstadt vorzurücken. Es zeigte sich einige Hoffnung, sie im ersten panischen Schrecken in unsere Gewalt zu bekommen. Zwar war dies nicht der Fall; wir fanden die Tore verrammelt, den Feind auf seiner Hut, aber doch hatte ihn unser Sukzeß so sehr eingeschüchtert, daß er uns ohne den mindesten Widerstand eine feste Position nehmen ließ.

Wir nahmen diese an den sogenannten Mühlen, etwa einen Kanonenschuß von der großen feindlichen Redoute, von wo aus wir auch die übrigen Ausgänge der Stadt besetzten. Vor Mitternacht hatten wir sie von allen Seiten eingeschlossen.«

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